Buchenwald (2): Linker Antifaschismus zunehmend diskreditiert

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Am 17. April begeht das Internationale Komitee Buchenwald, Dora und Kommandos in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald den 66. Jahrestag der Befreiung. Aus diesem Anlass folgendes:

Seit dem Zusammenbruch der DDR hat sich die Erinnerungskultur in der Gedenkstätte Buchenwald verändert. Bereits der Stiftungszweck der "Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora" gibt darüber Auskunft. Seine derzeitige Fassung, beschlossen am 17. März 2003 im Thüringischen Landtag, weist aus, dass Gedenkstätten bereits in der DDR politisch instrumentalisiert wurden. Folglich sei "die Geschichte der politischen Instrumentalisierung der Gedenkstätten zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik darzustellen" (www.buchenwald.de/index.php?p=stiftungszweck). Nach dem die Stiftung dies nun eine Zeit lang gemacht hat, ist es nötig die politische Instrumentalisierung dieser Gedenkstätte zu Zeiten der Bundesrepublik Deutschland aufzuzeigen.

Erfreulicherweise gibt ein Zeitungsartikel von Antje Lauschner vom 5. Juni 2010 in der Südthüringer Zeitung interessante Einblicke in die heutige Gedenkstättendeutung (www.stz-online.de/nachrichten/thueringen/seite3thueringenstz/art2448,1142869). Die dort zitierten Äußerungen des Stiftungsdirektors Prof. Dr. Volkhard Knigge, des Vorsitzenden des Häftlingsbeirats des Speziallagers Nr. 2 Günther Rudolph, sowie die im Artikel vorgestellten Tatsachen lassen sich leicht durch die Darstellungen im Internetauftritt der Gedenkstättenstiftung präzisieren (www.buchenwald.de/media_de/index.html). Anlass des Zeitungsartikels war die Gedenkveranstaltung der Stiftung mit ehemaligen Häftlingen des sowjetischen Speziallager Nr. 2, welches nachrangig aber mit Nachdruck durch die Stiftung zum Ort der Trauer für die Opfer dort begangener Verbrechen entwickelt wird.

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"Die Sowjets machten nach dem Krieg mit ihren Gegnern kurzen Prozess" schließt Lauschner aus Knigges Erkenntnis, dass es bei der Internierung mutmaßlicher Faschisten im sowjetischen Speziallager Nr. 2 "keine gerichtliche Einzelfallprüfung" gab (Lauschner paraphrasiert Knigge). Die faschistische KZ-Geschichte gibt ein Beispiel für das, was man sich unter kurzem Prozess gemeinhin vorstellt. 21. Dezember 1938: "Der Sozialdemokrat Peter Forster wird auf dem Appellplatz am Galgen hingerichtet" (Stiftung). Aber "[e]s gab keine Ausschreitungen der Russen oder Misshandlungen," korrigiert im Zeitungsartikel der Vorsitzende des Häftlingsbeirats des Speziallagers Günther Rudolph das Bild. Lauschners Kurzschluss liegt allerdings nahe, wenn Aussagen über mangelnde Rechtsstaatlichkeit der sowjetischen Besatzungsmacht an einem Ort gemacht werden, der unweigerlich mit tausenden kurzen Prozessen (der berühmteste an Ernst Thälmann) in Verbindung gebracht wird.

"Der Aufbau des Lagers durch das Nazi-Regime und die darauf folgende Übernahme durch die Sowjetmacht mache eine Einordnung Buchenwalds sehr kompliziert," lässt sich der Herr Professor von ddp paraphrasieren (vgl. www.nealine.de/news/Soziales/Geschichte/gedenkstaette-buchenwald-erinnert-an-sowjetisches-speziallager-nr.2-2381574933-BLD-Online.jpg-1937847863.html u. a.) "Wir wollen die Erinnerung wach halten und das Bewusstsein schärfen, dass sich Unrecht nicht durch Unrecht aus der Welt schaffen lässt" sagt Knigge dort. Allerdings wäre es doch eine Verharmlosung des Stalinismus, wenn nun seine Verbrechen ausgerechnet als Antwort auf den Faschismus gewertet würden, wie es Knigge an dieser Stelle tut. Zugleich ist es eine Verharmlosung des Faschismus, wenn gerade die Entnazifizierung, der das Speziallager primär diente, als nur schwer von faschistischen Verbrechen zu unterscheidendes Verbrechen dargestellt würde. Bei goethe.de (www.goethe.de/ins/ru/lp/ges/eri/de6784090.htm) ist von Knigge freundlicherweise zu lesen: "Wie Täter erzeugt werden, ist eine Kernfrage. So lernt man Gegenhandeln." Danke gleichfalls.

Weiter bei Antje Lauschner: "Vom Sommer 1945 bis Februar 1950 wurden im KZ-Gelände auf dem Ettersberg bei Weimar mehr als 28 000 Menschen gefangen gehalten." Am Jahresende 1943 ist "[d]ie Lagerstärke ist auf 37319 Gefangene angewachsen. Unter ihnen sind 14500 Russen, 7500 Polen, 4700 Franzosen und 4800 Deutsche und Österreicher. Fast die Hälfte von ihnen befindet sich in Außenlagern. 3516 Häftlinge sterben 1943 im Buchenwalder Lagerkomplex" (Stiftung). Nun gut, im Speziallager sind mehr gestorben, allerdings nicht in Jahresfrist wie im KZ. Lauschner über das 10-jährige Speziallager: "über 7100 von ihnen starben an Hunger und Krankheiten."

"Der typisch Internierte bis 1946 war über 50 Jahre, NS-belastet, wenn auch auf unterem Niveau" (Knigge in Lauschner). Und der typische KZ-Gefangene? Es gab ihn nicht. Er hatte unterschiedliche Gründe für seinen Aufenthalt. Sehen wir von den gemeinen Verbrechern und den Angehörigen diskriminierter Personengruppen ab, bleiben die Gegner des Faschismus. Noch wagen es nur wenige, diese den faschistischen Opfern des sowjetischen Speziallagers gleichzustellen. - Außer eben die stalinistischen Täter selbst. Aber auch die gab es im KZ Buchenwald. Über sie auf der Stiftungsseite? September 1941: "Im Schießstand der Deutschen Ausrüstungswerke neben dem Lager erschießt die SS die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Lager eintreffen. Später entsteht in einem ehemaligen SS-Pferdestall westlich des Lagers eine Erschießungsanlage. Vom SS-Kommando 99 werden in den folgenden zwei Jahren dort schätzungsweise 8000 sowjetische Kriegsgefangene durch Genickschuß ermordet." Dieses auch in Erinnerung an die Wendung "kurzer Prozess" und an die Zahl der Opfer des sowjetischen Sonderlagers.

Bei Lauschner: "Später kamen immer mehr willkürlich Verhaftete dazu, etwa nach Denunziationen. 'Darunter waren 15- bis 16-Jährige, die kaum in das NS-Regime verstrickt waren.' Sie verdeutlichten die stalinistische Willkür und prägten das 'heutige Gedächtnis' über das Speziallager" (Zitate: Knigge). Willkür ist immer schlimm. Dennoch gibt es Willkür und Willkür. Zwei Beispiele aus dem KZ: 27. September 1939: "Am Appellplatz wird ein Sonderlager errichtet. Zu seinen ersten Insassen gehören 110 Polen, die von der SS in einen Drahtverhau eingepfercht werden, wo sie binnen weniger Wochen verhungern und erfrieren." Mitte Juni 1938: "Mehr als tausend Juden werden im Schafstall und im Rohbau der Häftlingsküche ohne Betten, Bänke und Tische untergebracht. Die SS richtet sich neben dem Stacheldrahtzaun einen Zoo ein."

Lauschner mit Zitaten von Günther Rudolph: "Dazu kamen Hunger, Kälte und Krankheiten. 'In Mühlberg sind in dem Hungerwinter 1946/47 allein in einer Nacht 50 Menschen gestorben.' Buchenwald sei besser organisiert gewesen. Aber auch dort galt: 'Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.'" Dem gegenüber eine KZ-Bilanz aus dem März 1944: "Eine Erhebung ergibt, daß 81 Prozent der Häftlinge des Hauptlagers, das heißt 18990 von 21500 Menschen, chronisch unterernährt sind, und jeder Zehnte unter offener Tuberkulose leidet." Zum Hungerwinter: Der hatte seine Ursachen unter anderem in der massenhaften Verwendung und Vernichtung von Arbeitskraft als Soldaten und in der Kriegswirtschaft. Eric Hobsbawm gibt in "Zeitalter der Extreme" an, dass in allen beteiligten Ländern etwa 20% der Arbeitskraft zum Kriegsdienst eingezogen wurden (S. 66). "In der Sowjetunion wurden 25 Prozent der Vorkriegskapitalausstattung während des Zweiten Weltkriegs zerstört" (S.71).

Lauschner zitiert Stiftungsdirektor Knigge über das sowjetische Speziallager: "Es war ein menschenverachtendes Lagersystem, aber kein Tötungssystem wie in Auschwitz." Das ist der springende Punkt der neuen Buchenwald-Interpretation. Weil es dem Professor kompliziert erscheint, dass sowjetische Speziallager direkt dem KZ Buchenwald gegenüber zu stellen, macht er hier einen folgenschweren Fehler. Er grenzt es von dem Vernichtungslager Auschwitz ab. Naheliegender wäre es angesichts der Koinzidenz der beiden Lager in Buchenwald das sowjetische Speziallager mit dem Arbeitslager Buchenwald zu vergleichen.

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Klarer würde, was so kompliziert erscheint.

Gemeinsamkeiten: Mit beiden Lagern begegneten die jeweils Herrschenden ihren praktisch tätigen Gegnern. Darum ist ein Vergleich geboten, während Auschwitz primär dem rassistischen Völkermord diente und folglich mit dem sowjetischen Speziallager kaum Gemeinsamkeiten hat.

Unterschiede: Im KZ Buchenwald galt das Motto: "Vernichtung durch Arbeit." Im Speziallager litten die Gefangenen an Depression mangels Arbeit und von systematischem Mord kann trotz des Hungers nicht die Rede sein (www.buchenwald.de/media_de/index.html). In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass das faschistische Lagersystem (wie der Kapitalismus im Hunger- und Kriegssystem auf Weltmaßstab noch immer) das Leben des Einzelnen von dessen Produktivität für eine ausbeutende Klasse abhängig machte, während sich die sozialistische Bewegung genau gegen diese Praxis wandte und wendet.

Indem gerade diese Dimension der Geschichte verschwiegen wird, dient das Ersetzen eines direkten Vergleichs des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 mit dem KZ Buchenwald durch den Vergleich mit dem Vernichtungslager Auschwitz der Diskreditierung der sozialistischen Bewegung.

Bei Goethe.de gibt Knigge zu Protokoll: "In der DDR gab es eine staatlich dirigierte, in ihren Inhalten festgelegte, affirmative Erinnerungskultur, die die demokratisch nicht legitimierte DDR ersatzweise als das antifaschistische Deutschland legitimieren sollte." Dies ist leider nur ein Teil der Wahrheit. Denn die DDR war unter anderem auch die Fortführung einer konsequent und aktiven antifaschistischen Bewegung durch genau diejenigen Personen, die den Kampf mit den Faschisten führten. Von diesem Kampf berichtet eher Buchenwald und weniger Auschwitz. Der Antifaschismus des DDR-Staates ist ein Fakt und keine Propagandalüge.

Knigge kontrastiert auf Goethe.de die ost- mit der westdeutschen Gedenkkultur: "Der westdeutsche Weg war ein Weg innergesellschaftlicher Widerstände, Konflikte und Debatten aus denen schließlich ab den 1970er-/1980er-Jahren ein breiterer innergesellschaftlicher Lernprozess wurde. Ein öffentliches Gedächtnis an die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszubilden, ist nicht zuletzt ein Ergebnis zivilgesellschaftlicher Intervention." So sehr das für die bundesrepublikanische Zivilgesellschaft spricht, verweist es doch auf einen nicht zu vergessenen Unterschied zwischen beiden deutschen Staaten: Die BRD wurde gerade nicht von aktiven Antifaschisten aufgebaut. Vielmehr gab es staatlichen Widerstand gegen die Auseinandersetzung mit der Schuld der neuen alten Repräsentanten. Dieser Widerstand führte dazu, den deutschen sozialistischen Antifaschismus weitgehend auszublenden. Offenbar ist diese Geschichte der politischen Instrumentalisierung von Buchenwald noch nicht zu Ende geschrieben.

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Unmissverständlich: Auschwitz ist das bisher schlimmste Verbrechen der Menschheit. Allerdings ist die Einengung des Faschismus auf dieses Verbrechen gefährlich. Denn sie lässt gerade diejenigen unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Kollektivschuld verschwinden, die tatsächlich und tatkräftig und von Anfang an, dem Faschismus die Stirn boten. Ihre Schuld ist allenfalls ihre Erfolglosigkeit. Ihrer Geschichten kann am 17. April in Buchenwald erinnert werden. Nur noch wenige von ihnen stehen dem Interessierten als Gesprächspartner zur Verfügung.

Buchenwald (1): Linker und naiver Antifaschismus - www.freitag.de/community/blogs/nafets/buchenwald-1-linker-und-naiver-antifaschismus

02:15 06.04.2011
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Geschrieben von

Nafets

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