Buchenwald (3): Gesten, Geschichten, Begegnungen

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Am 17. April findet um 13.30 Uhr in der Gedenkstätte Buchenwald die Gedenkveranstaltung des Internationalen Komitees Buchenwald, Dora und Kommandos (IKBD) statt. Es lohnt sich dort genau hinzuhören.

Viele der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald werden sich bedanken. Einige unter ihnen waren als Häftlinge Kinder. Sie haben den deutschen Faschismus überlebt, weil es engagierten Häftlingen gelang, die SS von der Nützlichkeit dieser Kinder zu überzeugen, statt sie unverzüglich zu töten. Sie haben überlebt, weil die Selbstverwaltung der Häftlinge organisierte, dass die spärlichen Essensrationen mit den Kindern geteilt wurden. Denn der deutsche Faschismus war ein System, dass die Menschen in nützliche, unnütze und schädliche einteilte, um so zu bestimmen, welche Menschen bis zu ihrem Tod durch Erschöpfung wie viel kosten dürfen. Kinder durften nichts kosten. - Ein noch immer übliches Kalkül im Weltmaßstab.

Die meisten der noch verbliebenen Zeugen dieses humanitären Aktes danken in ihren Reden denen, die an ihrer Rettung Anteil hatten. - Den Trägern des roten Winkels auf ihrer Häftlingskleidung, der sie als politische Gegner des Faschismus markierte.

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Am gleichen Tag werden die letzten lebenden Zeugen des Konzentrationslagers Buchenwald und Mittelbau Dora eine Geschichte erzählen. Diese Geschichte werden wohl die wenigsten aus dem persönlichen Erlebnis berichten. Aber solange einige der Kinder von Buchenwald noch leben, wird diese Geschichte noch nicht in Zweifel gezogen werden, jedenfalls nicht am Jahrestag der Befreiung von Buchenwald, am historischen Ort. Doch die Beleidigung der letzten Überlebenden steht im Raum: Die Gedenkstätte vermischt die Vorgänge im faschistischen Konzentrationslager mit denen im anschließend von der sowjetischen Besatzungsmacht auf dem Gelände eingerichteten Speziallager für faschistische Täter. Der Faschismus wird so relativiert, die erbittertesten Kämpfer gegen den Faschismus werden damit entehrt. - Die Sowjetarmee und die Rotwinkel.

Die Geschichte: Die Roten hatten durch Lavieren und Befehlsverweigerung, zuletzt durch offenen Widerstand die Tötung und die "Evakuierung" von Menschen auf die Todesmärsche in den letzten Kriegstagen verhindert. Durch die Offensive gegen die Nachhut der fliehenden SS haben sie das Lager vor einem möglichen Blutbad gesichert.

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Wenn wir Glück haben, werden uns an diesem Jahrestag der Befreiung noch ein paar von denen, die den Schwur von Buchenwald gesprochen haben, einen Weg in die Zukunft empfehlen. Bald müssen wir ihn alleine finden. Die Zukunft heißt nicht verhindern, dass sich dieses wiederholt, sondern: die Täter vor dem Völkerrecht verantwortlich machen und an einer friedlichen und freien Welt bauen. Wenn bald keiner der Zeugen mehr lebt und die Pietät sinkt, wird es ohne Widerspruch heißen, das Deutsche Volk hat versucht, die Juden zu vernichten. Und wenn wir uns dann an die Geschichte erinnern, dass es Deutsche gab, die in blutigen Kämpfen mit kriminellen Antisemiten um die Kapo-Posten im Konzentrationslager Buchenwald durchsetzten, dass den Juden im Lager ihre Essensration nicht durch andere Häftlinge geraubt wurde, dass Deutsche im Verein mit anderen den Todesmarsch Tausender verhinderten und tausend todgeweihte Kinder retteten, wird es uns dann wie linkes Wunschdenken erscheinen?

Es wird bald ein Vergessen und Leugnen dieser Geschichten stark werden, denn diejenigen, die auch in Zukunft eine Gesellschaft wollen, die zwischen Nützlichen und Unnützen trennt und darum Millionen von Hungertoten in Kauf nimmt, versuchen die Erinnerung an eine große menschliche Tradition zu ersticken. - Die Tradition der Rotwinkel, die nicht in der Nation, sondern der Klasse die erste Analysekategorie der Gesellschaft sieht.

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Die Gegenthese zum aufgeklärten Engagement gegen Faschismus und nachfolgende Katastrophen ist die These von der Kollektivschuld der Deutschen. Die Widerlegung dieser völkischen These besteht im Dank und in den Geschichten der Zeugen Buchenwalds, welche uns an diesem Wochenende hoffentlich noch ergreifen können.

(Buchenwald (1): Linker und naiver Antifaschismus - www.freitag.de/community/blogs/nafets/buchenwald-1-linker-und-naiver-antifaschismus)

(Buchenwald (2): Linker Antifaschismus zunehmend diskreditiert. - www.freitag.de/community/blogs/nafets/buchenwald-2-linker-antifaschismus-zunehmend-diskreditiert)

23:40 08.04.2011
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Geschrieben von

Nafets

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