In-di-gene - Ungleichheit erneuert (1)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zwischen den professionellen Ästheten und zertifizierten Kulturwissenschaftlern, welche im Willy-Brandt-Haus die gegenwärtige Ausstellung der Fotografin Dana Gluckstein besuchen, treten einige wenige Besucher durch die einfache Frage in Erscheinung: "Wissen Sie was 'Indigene' sind?" Und manchmal fragen sie nach:"Gibt's das Wort schon lange? An mir ist das völlig vorübergegangen?".

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Ironie im Gästebuch: "Wunderschöne Bilder, sie würden über mein Bett passen" (Swangle, 18.02.2011). Ich denke an das Mädchen aus Namibia auf dem einen Foto, deren Entwicklung andeutende Brüste das Motto und den Titel einer "nonprofit organisation" der Fotografin versinnbildlichen: "tribes in transition" (besuche auch: www.tribesintransition.com/).

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"Nice" hat jemand ins Gästebuch geschrieben. Ein Fotograf findet die Bilder einfach nur schön (siehe auch: www.photokunst.com/photographer_detail.php?artist_id=21).

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Einer lässt im Gästebuch von Leni Riefenstahl grüßen.

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Ich hatte mehrere Tage lang Gelegenheit das Verhalten der Besucherinnen (zahlenmäßig überlegen) und Besucher in der Ausstellung "Dignity - Die Würde des Menschen" zu beobachten. Anlässlich des 50. Jubiläums der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) brachte die Künstlerin und Völkerrechtsaktivistin Dana Gluckstein ein Buch mit Texten und Fotos heraus, dessen Erlös zum Teil AI zufließen soll. Der "Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses" e. V. ist Kunstsammler und kultureller Ausstatter des Hauses, welches die Bundeszentrale der SPD beherbergt. Er präsentiert und kuratiert regelmäßig Ausstellungen - tendenziell mit politischer Dimension und angesehen beim Fachpublikum. So auch in diesem Fall.

Ich halte diese Ausstellung für rassistisch und wenn ich im Gästebuch schmökere, scheine ich nicht der Einzige zu sein, der das so sieht.

Aber die Mehrzahl der Besucherinnen und Besucher, deren Kleidung auf ein gehobenes Einkommen ebenso wie auf einen gehobenen Geschmack deutet, sind nach der Besichtigung der Ausstellung voll des Lobes über die wunderbaren Bilder. Mich irritiert das. Für mich ist Rassismus eine Strategie der Privilegierten, ihre Privilegien zu legitimieren. In dieser Ausstellung geschieht das auf eine in der Kunst durchaus besondere, in der Politik allerdings längst erprobte Weise. Die Ausstellung und ihr Ort finden auf eigentümliche Art zueinander. Darum möchte ich meine Sicht der Dinge zur Debatte stellen.

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Woher kommen die unterschiedlichen Beurteilungen der Ausstellung? Einer rechtfertigte mir gegenüber die Ausstellung so: Das Kunstwerk konstituiere sich erst unter dem Blick des Betrachters. Zum rassistischen Kunstwerk gehören mindestens zwei, des Bild und der Rassist. Sein furiose Gegenangriff: Wäre ich nicht so ein Rassist, der "Eingeborene" denkt, wenn er "Indigene" ließt, würde ich die Fotos auch nicht rassistisch lesen. Der Ästhet hingegen, der "Indigene" liest und sich dabei denkt, dass er über den Rassismus erhaben ist, kommt folgerichtig auch nicht auf die Idee, dass die Ausstellung rassistisch sein könnte. Aber lässt die Ausstellung dem Betrachter wirklich die Wahl die Bilder nicht rassistisch zu lesen?

Dazu ein Gedankenexperiment: Angenommen die Fotos wären Schnappschüsse, welche die Abgebildeten, die keine Verbindung zu unserer Gesellschaft haben, bei guter Laune und unter Aufbietung spaßig-theatralischer Kreativität selbst erstellt hätten. Dann könnten doch weder rassistische Motivationen noch eine dem Herrschaftsblick der weißen Frau Gluckstein oder sonst eines weißen Mannes geschuldete Bildtraditionen unterstellt werden.

Zugegeben: Im jeweiligen Freundeskreis in dem die Fotos entstanden wären, könnte kein Rassismus vermutet werden. Diese Bilder hätten die gleiche Beschaffenheit wie die von Dana Gluckstein. Rassismus wäre demnach keine Eigenschaft der Bilder - weder der Schnappschüsse noch der Kunstfotos, sondern läge im Auge des Betrachters.

Wie aber, wenn diese Gruppen nun mit der modernen westlichen Welt, in der es Rassismus und eine Bildtradition des Herrschaftsblicks gibt, in Kontakt kämen? Angenommen ein fremder Besucher würde um die Bilder für eine Ausstellung über das Leben dieser Gruppen bitten. Wäre es zu verantworten diese Schnappschüsse dafür zu nutzen? Es ginge hier um die Verantwortung, welche eine Kuratorin oder ein Kurator hätte. Ich würden das oben-ohne-Foto meiner 12jährigen Tochter nicht zur Verfügung stellen. Und wenn ich nichts über die ausstellende Gesellschaft wüsste, dann wäre ich froh, wenn mich jemand davor warnen und meine Tochter davor schützen würde! Ich meine diese Fotos, welche nicht durch einen rassistischen Blick entstanden wären, könnten doch durch eine Veröffentlichung unter einer bestimmten Überschrift und im Kontext anderer Bilder und Texte leicht Gegenstände einer rassistischen Ausstellung werden. Es geht also nicht um die Kritik des einzelnen Bilds, sondern ihrer Präsentation in einer Ausstellung für ein bestimmtes Publikum.

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Das Thema der Ausstellung ist Menschenwürde. Die Namenlosen, nur nach ihrer gesellschaftlichen Funktion benannten Objekte der Fotografien, nicht Subjekte, wie unter anderem im Gästebuch moniert wird, tun nichts, was ihnen Würde verleihen könnte (16.02.2011). Deshalb will ich, wenn es um die Menschen geht, die den Fotos zugrundeliegen, von Modellen reden und nur dann von Indigenen oder Eingeborenen, wenn von den von Modellen dargestellten, im Bild vorhandenen Figuren die Rede ist. Ob die Modelle selbst an einem bestimmten Ort der Erde als Eingeborene gelten können, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Die Modelle der Dana Gluckstein sind mit allerhand exotischem Klimbim behängt, einige tragen nackte Haut zur schau. Darin ist m. E. keine Entwürdigung der Modelle zu sehen, weil sie sich auf den Bildern grundsätzlich nicht lächerlich machen. Als Kontrast dazu wären die Kandidaten-Darsteller im Dschungelcamp im Fernsehen geeignet. Den Modellen die Würde durch die Fotografie nicht zu nehmen, was von vielen Gästen ausdrücklich gelobt wird, ist allerdings noch kein Hinweis auf Würde im Bild. Es gibt Modelle, die sich als solche ihren Lebensunterhalt verdienen. Diese werden dann offenbar bei der Tätigkeit, die ihnen definitiv Würde verleiht, fotografiert. Sind die Darstellungen auf den Fotos nicht entwürdigend, könnte man meinen, die Würde des Modells scheine durch die Figur im Bild durch. Allerdings wäre dies ein Fehlschluss, weil auch ein entwürdigtes Modell eine würdevolle Figur im Bild machen kann. Selbst wenn Ducksteins Modelle ihre Tätigkeit bezahlt bekommen haben sollten, kann ein aufgeklärter Betrachter nicht die Würde des Modells in der nicht lächerlichen Figur sehen. D. h. entweder thematisiert das Bild Würde mit seinen Figuren und anderen Bildelementen oder es handelt nicht von Würde. Die ausgestellten Bilder haben inhaltlich nichts mit Würde zu tun.

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Dennoch sehen viele Betrachterinnen und Betrachter hinter den Figuren der Bilder Personen mit Würde: "Eine beeindruckende Ausstellung. Menschen in ihrer ganzen Würde darzustellen, danke Dana Gluckstein" (anonym im Gästebuch 24. 02. 2011). Warum ist das so?

Würde beziehen wir seit jeher aus unseren selbst verantworteten Tätigkeiten. Im Unterschied zu früheren Zeiten oder zu Gesellschaften mit großer Not, ist die Würde verleihende Tätigkeit nicht mehr die materielle Arbeit, die dem unmittelbaren Überleben dient, sondern oft auch Freizeittätigkeit. Ein Beispiel: Wenn ein älterer Langzeitarbeitsloser ohne realistische Chance auf einen Job sich keine falschen Illusionen macht und seine Zeit genussvoll mit Sport, Kultur oder Ehrenamt zu nutzen weiß, würden wir ihm Würde zuerkennen. Von einem depressiven Alkoholiker, der zuhause darauf wartet, dass sich seine Situation verbessert, der noch dazu den Anspruch auf Hilfe bei der Jobsuche formuliert, ohne den Erfolg überhaupt noch für möglich zu halten, würde man sagen, dass er seine Würde mit seiner Entlassung verloren hat. Denn in so einem Zustand bestimmt er nicht selbst, was er tun will und wer er ist. Ohne mit Zufriedenheit selbstzweckhafte Tätigkeiten zu verfolgen, verliert der Mensch seine eigene Selbstzweckhaftigkeit - seine Würde. Hingegen der arbeitslose Sportler, Kulturinteressierte und Engagierte bestimmt durch seine selbst gewählten Betätigungen auch seine Individualität selbst. Stimmen Individualität - wer man durch sein Tun ist - und die Tätigkeiten, an denen man Freude hat, überein, wird der Mensch für natürlich bzw. authentisch gehalten. Er oder sie fühlt sich wohl in seiner Haut, auch unter Widrigkeiten und das kann man sehen.

Individualität wird von Foto-Modellen vorgeführt. Und es ist eine gerühmte Kunst, wenn eine Figur natürlich erscheint. In unserer Gesellschaft ist die Freiheit für viele so groß, dass sie mit ihrer Individualität spielen können. Die groben Kategorien produktiver Arbeit (z. B. Monteurin, Mechanikerin, Sachbearbeiterin usw.) unserer Gesellschaft hingegen erlauben keine ausreichend individualisierende Differenzierung, weshalb es auch ein gewisses Bedürfnis gibt, mit der eigenen Individualität zu spielen, Typen zu komponieren und mit Stilbrüchen zu synthetisieren. Dies führt zu abseitigen Hobbys ebenso wie zu exklusivem Körperkult.

Gelingt das Kunststück mit der Individualität diejenige soziale Rolle zu wählen, die ein Handeln in Übereinstimmung mit den eigenen persönlichen Präferenzen (der eigenen Natur wie der Stoiker sagt) erlaubt, gewinnt die betreffende Person ein Lächeln und erscheint anderen als authentisch. Voraussetzung dafür ist allerdings die Freiheit und das Vermögen, solche den Präferenzen entsprechende Tätigkeiten ausüben zu können. Wer in unserer kapitalistischen Gesellschaft Würde hat, ist demnach auch authentisch. Wir sind es deshalb gewöhnt, vom natürlichen Auftreten auf die Würde der Person zurück zu schließen.

Dieser Rückschluss ist aus zwei Gründen problematisch. Erstens gibt es Gesellschaften mit weniger Freiheit im Spiel mit der Individualität und solche mit individuell besser differenzierenden produktiven Tätigkeiten, die folglich nicht die freie Suche nach einer mit den Bedürfnissen abgestimmten Individualität als Aufgabe des Subjektes kennen. Zweitens kann Natürlichkeit vorgetäuscht werden, so dass würdige Personen der heutigen westlichen Welt in der Regel authentisch erscheinen aber nicht jede authentische Erscheinung Würde hat.

Im Gästebuch: "Wunderschöne, authentische Bilder mit Hintergrund sowie Ästhetik" (anonym 25. 02. 2011). Obwohl die Bilder gekünstelt und verfremdet sind wie selten (Kompliment!) entsteht für manche ein Eindruck von Authentizität, weil die Figuren im Bild fast alles aufweisen, was uns als authentisch gilt:

1. hohe Individualität durch Auslöschung jeden Alltagskontextes,

2. verspielte Individualität durch Schmuck, ohne Bezug zur produktiven Arbeit, die uns als beliebig und abstrakt gilt,

3. staatsmännische Posen oder akrobatische Bewegungen, welche auf Stolz bzw. ein intrinsisches Interesse und großes Engagement an der dargestellten Individualität schließen lassen.

4. Totalperspektive, Blick von unten, erhöht die Figur und den Respekt vor dem in ihr postulierten Menschen.

Einzig das Lächeln oder eine andere Gefühlsregung, fehlt. Soll den Indigenen soviel Fremdheit gerade noch zugestanden werden? Ich glaube, Gluckstein will mit dem fehlenden Gefühl nicht die Andersartigkeit der Figuren konstruieren. Es ist vielmehr ihr Verdienst, dass sie damit der Interpretation widerspricht, es handle sich sich um Authentizität, Natürlichkeit oder gar Wildheit, in der die Würde der Indigene erkennbar wird. Es ist augenscheinlich nicht ihr Ziel, an den Indigenen die Würde des westlichen Bürgers aufzuzeigen, sonst würden die Figuren lächeln. Statt dessen, nimmt sie die westlichen Individualisierungsstrategien des Subjektes, um Würde als etwas zu kennzeichnen, das jedem einzelnen Menschen zukommt. Damit ist jeder Mensch nicht gleich würdig, sondern würdigbar - Überzeichnet als Ehrwürdigkeit. Die zitierte Betrachterin hat unrecht. Die Bilder sind artifiziell und keineswegs authentisch. Sie handeln von der respektvollen Aufnahme von Individuen.

23:01 21.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nafets

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