In-di-gene - Ungleichheit erneuert (2)

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"Wissen Sie, was 'Indigene' bedeutet? Ich habe das noch nie gehört." Eine ältere Frau (eher proletarischer Kleidungsstil) ist interessiert, nicht affektiert, sondern wahrhaftig. "Ich bin kein Lateiner, aber 'In-di-gene' klinkt, als würde das ein Fremdwort für 'Eingeborene' sein," antworte ich und ergänze: "Das darf man heute natürlich nicht mehr sagen." Manchmal warte ich mit der Ergänzung ein wenig, weil dann manche, die das Gespräch mithören, erstarren, kurz nachdenken und dann schweigen.

"Wieso darf man das heute nicht sagen. Das sind doch Eingeborene, wenn die dort seit Generationen leben," hakt die ältere Frau nach.

Ich frage, ob sie an meiner persönlichen Meinung interessiert ist, und behaupte: "Es gibt Leute,die glauben, dass das Wort 'Eingeborene' ein rassistischer Begriff ist. Sie denken, wenn sie das Fremdwort verwenden, beweisen sie damit, dass sie es nicht rassistisch meinen. Aber wenn jemand das Fremdwort nicht verwendet oder nicht kennt, dann haben sie den Verdacht, es könnte rassistisch gemeint sein."

"So ein Quatsch, wissen Sie, mein Vater, der hat immer versucht gegen die Nazis zu kämpfen und hat bestimmt nichts gegen Ausländer oder Menschen mit anderer Hautfarbe. Er war auch kein Rassist, aber er hat zum Beispiel zu Schwarzen immer 'Neger' gesagt," erwidert die Frau.

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Dennoch zeigt sich in der Bezugnahme vom Individualismus auf die Menschenwürde im thematischen Kontext die okzidentale Perspektive der Ausstellung (Dignity - Die Würde des Menschen, Dana Gluckstein). Es sind nämlich westliche Bürger, die sich nicht durch ihre produktive Arbeit, sondern im Spiel mit Rollen und Symbolen individualisieren. Dana Gluckstein "löst das" Ideal der Menschenwürde "in das" menschliche Verhältnis von Sein und Bedürfnis, von persönlichen Präferenzen "auf" (vgl. Marx' 6.These über Feuerbach). Darin liegt ein nicht zu unterschätzendes Verdienst. Denn sie entmystifiziert Menschenwürde. Ihre Fotos handeln von Individuen, die ihr Sein im Spiel bestimmen und die alle sekundären Anzeichen für eine authentische, subjektiv bedarfsgerechte Individualität zur Geltung bringen, außer das Lächeln, die Freude bzw. eine andere Gefühlsregung als primäres Anzeichen für Authentizität selbst. "Aber" weder das Sein, das Bedürfnis noch das Verhältnis zwischen beidem "ist" ein "dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In" ihrer "Wirklichkeit" sind sie "das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" (ebd.). Am Sein und am Bedürfnis arbeitet nicht nur das Individuum, sondern eine ganze Gesellschaft. Diese Arbeit kritisch mitzugestalten bedeutet die konkrete Würde des Menschen mitzugestalten.

Gluckstein, die "auf eine Kritik dieses wirklichen" Verhältnisses von Sein und Bedürfnis "nicht eingeht, ist daher gezwungen:

1. Von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und" eine Art Ehrwürdigkeit "für sich zu fixieren und ein abstrakt-isoliert-menschliches Individuum vorauszusetzen" (ebd.).

2. Die Menschenwürde als Verhältnis von Sein und Bedürfnis "kann daher nur als [...] innere, stumme" und gattungsbestimmende Eigenschaft, "die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefasst werden" (ebd.). Diese wird in den Bildern durch Schmuck und demonstrative Erhabenheit sowie in der Ausstellung durch Interpretationshilfen wie Titel, Texte und Film gewissermaßen entkleidet, ausgearbeitet und ausgestellt.

Gluckstein "sieht daher nicht, dass" die Ehrwürdigkeit "selbst ein gesellschaftliches Produkt ist, und dass das abstrakte Individuum, das" sie ausstellt und als Publikum anspricht, "einer bestimmten Gesellschaftsform angehört" (vgl. Marx' 7. These über Feuerbach).

Sofern durch den Titel der Ausstellung ein Bezug der Bilder zur Menschenwürde nahegelegt wird, kann man wohlwollend den Anspruch der Künstlerin erkennen, keinen religiösen mystifizierten Würde-Begriff, sondern einen vom Menschen ausgehenden anzusetzen. Dabei verfällt sie allerdings in die Verallgemeinerung der Ehrwürdigkeit einer gehoben Bürgerschicht, die letztlich ihre Würde in ihrem natürlichen öffentlichen Auftritt lebt.

Nun haben die Bilder selbst Würde nicht unmittelbar zum Thema, und Authentizität wird bewusst abgebrochen. Wenn Gäste der Ausstellung dennoch geneigt sind, in die Bilder Würde zu projizieren, dann dadurch, dass sie einerseits Würde und Natürlichkeit nicht auseinanderhalten und andererseits in den Bildern eine Authentizität ohne Lächeln finden. Das fehlende Lächeln erscheint ihnen dann als Fehler, der nicht hindert von der Individualität mittels Natürlichkeit auf eine allgemeine gattungsimmanente Würde zu schließen.

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So konsequent die Bilder und ihre Auswahl von Individualität (allenfalls von Ehrwürdigkeit), die jeder hat, und nicht von Authentizität oder gar realer Menschenwürde, die nur einige haben, handeln, so inkonsequent ist die in begleitenden Texten nahe gelegte Deutung. Nicht von ungefähr wird Würde und Authentizität von manchen Besucherinnen und Besuchern in die Bilder hineingedichtet. Da der Schluss von Individualität auf Würde nicht möglich ist, aber garantieren würde, dass jedem Menschen Würde zukäme, zugleich Authentizität als Ausweis von Ehrwürdigkeit des Bürgers dem Publikum im Willy-Brandt-Haus geläufig ist, muss man kritisieren, dass dieses Ausstellung auch elitär ist.

Denn dieser Schluss ist nur über das gehobene Bürgertum zulässig und zuverlässig. Nur dort kann mit größerer Sicherheit davon ausgegangen werden, dass der erscheinenden Authentizität Würde zugrundeliegt. Authentizität ist nämlich längst zur Dienstpflicht in vielen Berufen geworden. Lohnabhängige Authentizitäts-Darsteller wie Schauspielerinnen, Kellnerinnen u. a. Künstlerinnen sowie ihre männlichen Kollegen können sie perfekt imitieren. Bereits die verbreitete dem Talkshow-Geschäft zugrundeliegende Annahme, in der authentischen Filmfigur offenbare sich ein authentischer Schauspieler, der etwas mitzuteilen habe, ist oft ein Irrtum. Unverständnis der Öffentlichkeit begleitet gelegentlich dessen Verfall in Drogensucht oder die scheinbar unvorhersehbare Selbsttötung des Stars.

Der springende Punkt ist, dass die in die Bildern projizierte Authentizität bereits im westlich kapitalistischen Kontext und erst recht im Zusammenhang mit ärmeren oder nicht kapitalistischen Gesellschaften nicht geeignet ist auf Würde zu verweisen. Dana Glucksteins Bilder handeln nicht von Würde, sondern von der Ehrwürdigkeit des Individuums.

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Dana Gluckstein wendet mit der Ehrwürdigkeit des Individuums einen statischen unpraktischen Würde-Begriff an. Wenn ich die von einigen verkannte Tatsache lobe, dass sie den Würde-Begriff entmystifiziert, so muss ich kritisieren, dass sie sich auf eine starre unpraktische Würde festlegt, welche die konkreten Lebenssituationen der Indigene zumindest nicht dadurch verbessert, indem sie hilft die Vorstellung von Menschenwürde in der unterdrückenden, ausbeutenden Gesellschaft zu verändern. Die Verlautbarung von AI selbst, die als Begleittext der Ausstellung wie auch als Beitrag im Buch vorliegt, stellt einen praktischen Würde-Begriff dagegen: "Mehr als 370 Millionen Indigene leben auf der Erde und fast überall gehören sie in ihren Gesellschaften zu denen, die am Rand leben. Sie können nicht frei über ihre Entwicklung bestimmen. Dies - und nicht ihre Tradition, ihre mögliche besondere Naturverbundenheit oder etwaige vorbildhafte Nachhaltigkeitsstrategien - macht es für eine Menschenrechtsorganisation notwendig, sich ihnen zuzuwenden"(AI, S,135).

Auf den Bildern ist davon nichts zu sehen. Kein Kampf, keine Arbeit, Entwicklung nur bei den Brüsten des Mädchens aus Namibia, sonst Ethno-Lumumba (Stephan Köhler, Gästebuch, 13. 02. 2011) wie ihn die Esoterikmesse nicht besser präsentieren könnte. "Dignity" wird allenfalls im weiteren Kontext der Ausstellung suggeriert, indem Texte auf den Entzug der Lebensgrundlagen und andere Entwürdigungen hinweisen. Das vorgaukeln von Würde im Bild kann allerdings nur bei einem Publikum funktionieren, dass nicht in der Lage ist zwischen Individualität und Würde zu unterscheiden.

Diametral entgegengesetzt zu zum Würde-Problem, welches AI thematisiert, postuliert Gluckstein in ihren Texten eine Würde des Rückständigen und des vermeintlich Natürlichen. Hierin ist eine zweite und von der Bildästhetik unabhängige Strategie zu sehen, Würde in die Bilder zu projizieren. Diese Würde ist eine mystische und vollkommen unaufgeklärte und steht im extremen Gegensatz zu ihrer Ästhetik und zum Anspruch von AI.

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Dana Gluckstein ist eine volitionale Antirassistin.

Sie unterlässt es in den Begleittexten nicht zu betonten, dass auch Sie als Angehörige der jüdischen "Stammesgemeinde" Geschichten aus den Konzentrationslagern gehört habe (S. 232). Sie führt sicher keine Apartheid gegen Indigene im Schilde: "Ich wünsche mir von ganzem Herzen, 'Dignity' möge als kritischer Aufruf dienen, endlich zu handeln und alle indigenen Völker zu unterstützen," schreibt Gluckstein im Ausstellungskatalog (S. 133). Sie ist gegen die Enteignung und Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung durch die "Übergriffe des Kapitalismus" engagiert (S. 132). Eine Kritik der Ausstellung kann folglich nur konstruktiv angelegt sein. Ihre Texte naturalisieren die Eingeborenen und ihre Bilder naturalisieren die Würde und darin ist ein fragwürdiger konservativer Zug enthalten. Beispielsweise kritisiert ein Besucher im Gästebuch die Idealisierung und die Kritiklosigkeit an den Indigenen hinsichtlich brutaler Kulte wie etwa die Frauenbeschneidung. Gluckstein arbeitet augenscheinlich an der Konservierung von etwas Naturvölkischem. Dies ist politisch höchst problematisch, denn einerseits wird die selbstbestimmte Entwicklungsperspektive, die AI fordert, vernachlässigt, zum anderen konserviert es auch eine rassistische Wahrnehmung dieser Menschen. Diese Wahrnehmung ist in zweierlei Hinsichten sehr handlungswirksam:

1. Dem Anspruch nach befinden sich die indigenen Gruppen, die in dieser Ausstellung zum Thema gemacht werden, in verschieden Auseinandersetzungen möglicherweise auch in militanten. Ist die Wahrnehmung auf ihre Natürlichkeit fokussiert, kann es sein dass dieser Kampf illegitim erscheint, sobald er über die Grenzen des ihnen zustehenden Naturreservates hinausgreift und womöglich sogar ökonomische Entwicklungsziele ins Auge fasst. Immerhin würde die westliche Naturvölkerromantik verletzt, so dass die Freiheitskämpfer mit anderen Parteien oder gar mit Terroristen gleichgesetzt werden ("Die sind ja auch nicht besser!").

2. Die Festlegung von Menschen und ihren Gruppen auf Natürlichkeit und Naturverbundenheit macht sie zu Opfern einer entwürdigenden Kostenkalkulation. Sie besitzen ihre Lebensgrundlagen nicht als Eigentum, sondern sind darin als Lebewesen enthalten. Eine Rohstoffe verwertende Gesellschaft, die sich der Natur als deren Beherrscher gegenüber gestellt sieht, muss sich dauernd überlegen, ob sie sich die Erhaltung gerade dieses oder jenes Landstriches mitsamt den eingeborenen Völkern leisten kann. Indigene werden somit nicht Bürger der Staaten, die sich mit ihnen den Lebensraum teilen, sondern zum Inventar und zur Manövriermasse, zum Kostenfaktor ähnlich Langzeitarbeitslosen hierzulande.

Gegenwärtig versuchen Kräfte in Deutschland und dies teilweise auch innerhalb der SPD, den Nachweis zu erbringen, dass Empfänger von Transferleistungen aufgrund ihres Erbgutes nicht zur Gesellschaft derer gehören, die über die ökonomische und soziale Entwicklung des Landes selbst bestimmen. Sie werden zum Kostenfaktor herabgesetzt. Im Unterschied zum Rassismus in Glucksteins Naturalisierung wird dabei versucht, die genetische Andersartigkeit zu beweisen, um die Entsolidarisierung zu legitimieren. Gluckstein hingegen möchte Gruppen, deren genetische Sonderstellung allgemein vorausgesetzt wird, als der Solidargemeinschaft zukommende Mitglieder zeigen. Dabei versäumt sie es, deren gemeinsame Zukunft mit zu entwickeln und betont statt dessen den andersartigen Naturbezug dieser Völker. Was letztlich von ihrer Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft überzeugen soll ist, "dass indigene Völker über für unseren Planeten essentielle, lebenswichtige Erfahrungen und Weisheit verfügen und, wenn die Welt nicht dringend handelt, ein Großteil davon in den nächsten Jahren verschwinden wird" (Gluckstein in der Terminankündigung und einem Begleittext).

Wenn Sarrazin eine rassistische Nutzen-Kosten-Rechnung einführt, wo sie bisher verpönt, weil entwürdigend, war, betont Gluckstein den Wert von Gruppen, der in einer bereits existierenden rassistischen Nutzen-Kosten-Rechnung ihrer Meinung nach bisher unterbewertet wurde. Wenn sich auch die Ziele unterscheiden, so besteht die gemeinsame Basis beider in der Nutzen-Kosten-Rechnung. Sie treffen sich in dem Haus, in dem es Politiker das erste mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wagten, große Teile der deutschen Bevölkerung einer Bilanzierung preiszugeben, um sie als Kostenfaktoren handhabbar zu machen.

Diese Begleittexte wirken auch als Interpretationshilfen für die Gäste der Ausstellung. Eine Besucherin (eher bürgerlich gekleidet) meinte, die Würde der Porträtierten sei in ihren Augen zu erkennen. In der Diskussion mit mir vertrat sie gegen mich die These, es gäbe eine intrinsische Würde der Menschen, die man sehen kann. Die Dame sah den Figuren eine würdige Feierlichkeit in das Gesicht gezeichnet. Sie hatte den Begleittext gelesen und mutmaßte, es sei dass Wissen der Indigene, welches ihnen die Würde verlieh. Ich entgegnete, dass dann wahrscheinlich fast jeder heruntergekommene Schauspieler dieses indigene Wissen mit Hilfe von Make Up und Gesichtsakrobatik für eine Fotografie simulieren könnte.

Keins der Fotos zeigt irgend etwas von dem so wertvollen und rettenswerten indigenen Wissen. Natur und ihre Nutzung kommt nicht vor. Statt dessen zeigen die Figuren eine Mischung aus westlichen Naturvölkerklischees und westlichen Individualitätssymbolismus. Doch die Dame gab sich nicht geschlagen und wies darauf hin, dass gerade in der Bescheidenheit und im traditionellen Schmuck die Weisheit und Würde dieser Menschen bestünde. Vom Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu ist in der Ausstellung zu lesen, die Bilder verkörperten die Weisheit des afrikanischen Interdependenzprinzips, Ubuntu (vgl. auch Buch S. 8). Woran er das erkannt haben will, weiß ich nicht. Die Bilder kappen jedenfalls jede Beziehung. Aber es mögen in der Synopse der Ausstellung solche salbungsvollen Worte sein, die den Betrachter Weisheit und Würde in die Porträts fantasieren lassen.

Besagte Dame stellte nun einen pikanten Vergleich an: Würde man ein Foto von einem Hartz-IV-Empfänger in Berlin-Hellersdorf machen, müsste man doch einen Unterschied zu diesen Fotos feststellen: auf der einen Seite die Schönheit und der sehende Blick der Indigenen, auf der anderen Seite der leere Blick des depressiven Hellersdorfers; auf der einen Seite der Blick von Menschen, die ihren Platz in der Natur kennen und akzeptieren, auf der anderen der blasse Hellersdorfer, dem dieses Wissen fehlt. Ich entgegne, dass sich diese Unterschiede leicht durch ein geeignetes Casting (anders als es in der gegenwärtigen medialen Öffentlichkeit praktiziert wird), durch Festbekleidung, Schminke und die Verwendung von Schwarz-Weiß-Fotos ausgleiche ließen.

Aber natürlich, denke ich, Rassismus ist eine flexible Strategie. Aber wofür? Angenommen es ginge darum, die Nutzen-Kosten-Rechnung über Gruppen von Menschen plausibel zu machen. Dann kann es sinnvoll sein, eine Gruppe von Entwurzelten, die ihren Platz nicht bescheiden einnehmen, mit dem Hinweis auf Naturvölker zu diskreditieren, die sich in das Ubuntu-Universum bescheiden einflechten. Als Naturvölker fungieren letztlich die Indigenen im Bild.

Ich sage der Dame, dass im Kontext dieser Ausstellung alle Porträtieren potentiell in existenzielle Kämpfe verwickelt sind, sie gerade vertrieben werden, ihre Umwelt vergiftet wird und sie in jedem Fall im Begriff sind ihre bisherige Lebensgrundlage zu verlieren. Letzteres haben sie mit dem Hellersdorfer Langzeitarbeitslosen aus ihrem Beispiel gemein. Was passiert mit einem beträchtlichen Teil der Menschen, die ihre Lebensgrundlage und damit ihre Selbstbestimmung verlieren? Aus den nordamerikanischen Indianerreservaten weiß man, dass die Gefahr von Alkoholismus und Demoralisierung mit all den unwürdigen Folgen, verhältnismäßig hoch ist.

Wenn die Menschen auf den Fotos noch Würde haben, dann weil sie Waffen besitzen und sich gut organisieren können, spitze ich das Bild zu. Aber die Fotos zeigen sie nicht im Kampf oder beider Beratung.

Dana Gluckstein möchte etwas gegen den Rassismus tun. Aber sie setzt dort an, wo sie nicht gewinnen kann, nämlich beim Konsens der Ausbeuter: Eine Gesellschaftsform muss sich lohnen. Lebensweisen, die nur kosten werden politisch delegitimiert und in Reservaten oder Arbeitslosenverwaltungen marginalisiert. Auch diesbezüglich passen Ausstellung und Ort gut zusammen. Als Volkspartei setzt auch die SPD auf den Konsens der Unterdrücker an. Der Bürger soll sein Leben gewinnbringend für die Eigentümer der Produktionsmittel einsetzen. Alle Lebensweisen, die vor allem für die Reichen mit Kosten verbunden sind, werden delegitimiert und in sozialökonomische Reservationen wie Hartz-IV eingehegt. Gegen die Abschaffung beispielsweise der Staatsbetriebe als Dienstleiter ohne Gewinnabsicht kann die SPD von ihren Standpunkt ebenso wenig argumentieren wie Gluckstein gegen die Inkriminierung des Kampfes der "Indigenen" um Anerkennung als Bürger ihrer Staaten. In der öffentlichen Meinung ist die Ausdehnung der Solidarität auf Andere - solche die als genetisch defizitär wahrgenommen werden oder die durch ihren besonderen Naturbezug ökonomisch nicht integrierbar sind - nur äußerst schwer durchsetzbar. Denn sie sind scheinbar bzw. innerhalb des dominanten Systems faktisch einzig und allein Kostenfaktoren. Die Marginalisierung von Gruppen in Reservaten, ob räumliche oder soziale durch Transferleistungen folgt der Logik der Kostenminimierung und kann nicht gestoppt werden, wenn das kapitalistische Kalkül Priorität vor der Parteinahme für diese Gruppen genießt.

Die Dame, welche Würde in den Fotos sah, zog sich auf einen letzten unbestreitbaren Punkt zurück. "Aber es ist doch wirklich gut, dass diese Menschen einmal so schön und sympathisch gezeigt werden, dass man sieht, dass es auch Menschen sind." Die Frau, die mich anfangs fragte, was "indigen" bedeute, schlug sich die Hand vor den Mund, als sie dies hörte.

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Leni Riefenstahl ist, glaube ich, keine volitionale Antirassistin.

Ihre Bilder sprechen die gleiche Sprache mit dem Unterschied, dass Riefenstahl die Konturen härter zeichnet und nicht im Schwarz-Weiß-Dualismus verharrt. Weil ihre Bilder genauso wenig von der Würde der Menschen erzählen wie Glucksteins, würde man ihre Bilder allerdings kaum unter dieser Überschrift präsentieren. Die Ausstellung "Dignity - Die Würde des Menschen" von Dana Gluckstein im Willy-Brandt-Haus interpretiert den alten rassistischen Blick der Herrschaft vor dem Themenhorizont der Würde neu. Es kommt aber darauf an, die Ungleichheit, welche den Grund für rassistische Legitimationsstrategien liefert, abzuschaffen (in Anwendung der 11. Feuerbach-These von Marx). Die Kunst könnte durch die kritische Reflexion dieser Abschaffung dazu beitragen.

23:08 21.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nafets

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