Paralogie - Ausstellungsrezension

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Die gegenwärtige Ausstellung "Bilder aus dem Osten" von Fotos über den Wende-Zeitraum im Willy-Brandt-Haus (Berlin) ist eine Herausforderung für Besucherrinnen und Besucher - Empfohlen für Köpfe mit Augen! - noch bis zum 17. Mai.

Vanitas kommt nicht ohne Eitelkeit aus. Vanitas ist paralogisch: Wenn wir behaupten, alles sei von beschränkter Bedeutung, weil hinfällig, ist das kaum der Rede wert. Denn es ist nicht wichtig, dieses zu behaupten. Aber tun wir es doch, so ist es eitel - nicht im klassischen Sinn der Sinnlosigkeit, sondern im heutigen der Unbescheidenheit.

Seit langem servieren uns Künstler einige ihrer Werke im lakonischen Ton bescheidener Selbstherabwürdigung - als Spiel, als nur zufällig wahres Abbild, als Falle in die wir tappen, um uns berühren zu lassen und als Chance sich nicht zu entblöden, wenn wir dieses Werk zu loben. Vanitas, die relativierende Hinfälligkeit verleiht absolute Bedeutung - Paralogie.

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Der Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses, der die Parteizentrale der SPD mit Kultur verpflegt, präsentiert Bilder voll Vanitas, in denen Vanitas nicht vorkommt. Kein klassisches Form-Inhalt-Problem, sondern eins der Wirklichkeit. Darum sei diese Ausstellung ausdrücklich empfohlen. Im Vorwahlkampf zur nächsten Bundestagswahl präsentiert sich die Partei in ihrem Heim populär. Man darf fragen, wie viel Einfluss der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands - eine Paralogie - dafür geltend gemacht hat. Zu sehen ist eine Ausstellung, welche die Haltung der SPD zur Wirklichkeit besser nicht ausdrücken konnte, die aber auch aufdeckt, dass diese Partei eine Existenznotwendigkeit hat.

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Ein Mann steht auf der Ladefläche eines LKW und hat einen Zentnersack Kohlen auf dem Buckel. Eindeutig gehört er der Klasse der Schwertsarbeiter an. Ich sehe einen Kohlenlieferanten, wie er mir überall begegnete, solange ich in Ofenwohnungen lebte - in Ost und West vor und nach der Wende.Diesen Job machen unter kapitalistischen Bedingungen Freiwillige. Dennoch will mir scheinen, das Gutaussehende oder Höhergebildete andere Karrieren betreiben. Das Bild ist in warmen Farben gezeichnet. Das Porträt trägt keine Botschaft. Der Ausdruck: Ich tue einfach meine Pflicht und es könnte richtig sein und ist anstrengend. Kurz: Ich arbeite!

Was führte dazu, solche Arbeit beinahe abzuschaffen? Der günstigere Weltmarktpreis für Gas und Öl im Vergleich mit dem der Kohle, die dieser Dresdner an Ofenhaushalte lieferte. Nicht das politische System des Ostens, erlaubt solche Situationen, sondern die Weltmarktpreise. Das Bild zeigt Vanitas, einen Mann der deformiert ist, einen Elenden, der sein Tagewerk mit etwas verbringt, das uns heute bereits als Vergangenheit vorkommt, während es noch immer Realität ist. Das Bild zeigt die Wirklichkeit, an einem Ort und zu einer Zeit, die von verfallenen Dingen gekennzeichnet ist. Aber das Portrait zeigt einen, der zum Wohl und nicht zum Wehe beiträgt. Das Bild ist romantisch und unser naiver Blick auf dieses historische Dokument verstärkt den Aspekt der Idylle, aber es ist frei von einer negativen Beurteilung. Allein unsere historische und lebensweltliche Distanz zum Dargestellten erlaubt die Projektion von Vanitas.

In allen Bildern dieser Ausstellung ist diese Vergänglichkeit angesprochen. Aber sie ist in ihnen kein Ausdrucksmittel der Kunst, da sie lediglich den Alltag treu wiedergibt. Die Abbildung von Hingefallenem dokumentiert noch keine Hinfälligkeit als Weltprinzip.

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"So war die DDR nicht!" sagt eine Frau. Eine andere aus dem anderen Teil Deutschlands echauffiert sich über diese Ewiggestrige. Beide irren: so war die DDR - der Osten überhaupt, aber es war nicht wesentlich für die DDR oder den Osten oder die Lebensweise im real existierenden Sozialismus. Um die abgebildeten Szenen dem Sozialismus als wesentlich zuzuschreiben, genügt nicht das positive Dokument, sondern der Nachweis, dass solche Szenenim Westen nicht möglich sind. Dem allerdings spottet die Wirklichkeit, besieht man die Entwicklung nach der Wende. Gerade dies dokumentiert diese Ausstellung mit einem Großteil ihrer Bilder.

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Dennoch ist eine gewisse herabwürdigende Tendenz gegen das, was die Ostfrau mit ihrer Bemerkung zu verteidigen suchte, kaum von der Hand zu weisen. Aber warum? Das Programm ebenso wie die Bilder der Ausstellung belegen eine andere, äußerst interessante These über den Wechsel der politischen Systeme: "Die politische Szene rotierte [... während der Wende - N.] unvergleichlich schneller als die Szenen des täglichen Lebens. Die Systeme wechselten, die herrschenden Parteien und ihre Führer wechselten, Kriege und Revolutionen kamen und gingen, doch der Mensch lebte, wie er immer gelebt hat." So steht es im Faltblatt und im Begleittext zu Ausstellung.

Dieser Gedanke wird in zwei Richtungen verarbeitet: Nicht der sozialistische Alltag persistiert im neuen alten System des kapitalistisch gewordenen Ostens. Nein, es sind beispielsweise die Klanstrukturen in den gezeigten Roma-Gruppen oder feudale Verhältnisse sowie technische Rückständigkeit in den ländlichen Gebieten, die sich über die Zeit des Sozialismus, womöglich durch ihn konserviert, retten konnten und heute wieder durchbrechen.

Doch war es tatsächlich die sozialökologische Nische des Sozialismus in dem diese Gesellschaftsordnungen überdauern konnten? Gibt es solche Verhältnisse nicht auch in der kapitalistischen Freiheit? "Das Mittelalter beginnt am Ende der Straße," behauptet die Pressemitteilung zur Ausstellung pathetisch. Ein falscher Satz, den uns die ansonsten mit der Pressemitteilung wortgleiche Einladungskarte erspart.

Dem Anspruch nach, hat die Ausstellung keinen Antikommunismus und keine Delegitimierung der östlichen Sozialismusversuche im Sinn. Dem Anspruch nach kann diese Ausstellung den real existierenden Sozialismus auch nicht delegitimieren, denn sie zeigt Elend, welches den Sozialismus nicht kausal zugeschrieben werden kann. Und wollte man dem Sozialismus vorwerfen, dass er unfähig war, dieses Elend zu überwinden, so trifft diese praktische Frage die konkrete Ausführung aber nicht den Sozialismus in seinem Anspruch. Interessant ist, das dies sowohl die Bilder als auch die Bild-Kommentare bestätigen:

Ein Dorf in Albanien erst 1968 unter der "Diktatur" elektrifiziert, ist heute wieder ohne Strom, denn der letzte Diktatormachte das Licht aus, als er gegangen ist. Das ist Anerkennung der Diktatur, gewollt oder nicht! Dennoch liegen die beiden Frauen nicht falsch in der Annahme, dass dem Osten, wie er vor der Wende war, in dieser Ausstellung zu Recht oder zu Unrecht Kritik zuteil wird. Die Botschaft ist eine andere, als das Material mit sich bringt. Wer das aushalten kann, sollte sich diese Ausstellung als Sammlung von Dokumenten nicht entgehen lassen.

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"'In Diktaturen gehören Armut und Mangel zu den Instrumenten der Macht. Ideologien auf dem Papier reichen zur Beherrschung nicht aus. Da wo sie umgesetzt werden, sind sie die Umgebung, in der gelebt wird. Sie sind das Land. Die Armut im Land ist Bestandteil und Folge der Ideologie. Die Regime sind davon nicht betroffen, sie haben versteckt im armen Land ihre reiche Stadt.' Herta Müller," steht kursiv an der Wand neben dem Titel der Ausstellung.

Verkehrte Welt. Im großen Gang der Geschichte ist Armut die Folge der Enteignung der Armen im Zuge der Bereicherung durch die Reichen. Freilich, wo sich ein Regime aufschwingt, politisch zu herrschen, ohne den eigenen Reichtum zu betreiben, kann Armut und Mangel nur als ein bloßes Machtinstrument erscheinen! Aber wo ist das der Fall? Im allgemeinen und längeren Lauf der Dinge stürzen Regierungen, welche das Volk verelenden - sogar in Rumänien, welches Müllers Erfahrungshorizont bilden mag. Gesellschaften und Regierungen werden stabilisiert, indem sie beispielsweise durch die Bretton-Woods-Institutionen in die Lage versetzt werden, ihr Volk mit bezahlbarem Essen zu versorgen. Gesellschaften und ihre Regierungen werden destabilisiert, indem die gleichen Institutionen das Volk auf Diät setzen.

Das Müllerzitat setzt uns eine Brille auf, welche die spannende historische Perspektive, die in dieser Ausstellung eingenommen und durch die Exponate durchgehalten wird, verschleiert.

Es ist dieses Rumänien, welches - wie ein Kommentar aufklärt - seine Auslandsschulden auf nahe Null zurückführte. Und es ist das Elend, welches das damit im Zusammenhang stehende Foto zeigt. Das Bild erzwingt ein Urteil über den rumänischen Staatshaushalt seiner Zeit. Die SPD fordert den Schuldenschnitt für Griechenland, um solches Elend zu verhindern. Aber sie unterstützt im Bundestag Rettungsschirme, welche die Profitpresse auf Kosten der Elenden am Laufen halten.

Hier hilft Müller differenzieren: Anders als im heutigen Griechenland war es nicht der Schuldendienst an das Ausland, nicht die Korruption, der Größenwahn und die Gier des Herrschers - alles Armutsgründe, welche aus der kommunistischen Ideologie nicht direkt ableitbar sind -, sondern die Armut als Machtmittel, die für das Elend verantwortlich sei. Ob das eine Elend dem anderen vorzuziehen sei, kann angesichts dieser kontrafaktischen Erklärung getrost offen bleiben.

Entscheidend ist aber nicht, dass Müller falsch analysiert, sondern dass sie ablenkt. Sie attribuiert das Elend der sozialistischen Diktatur, wo diese überhaupt nicht am Werk ist. Genau dagegen wenden sich die Bilddokumente. Genau das macht die Ausstellung wertvoll: das Aufzeigen der Begrenztheit des sozialistischen Wirkens in seinen Realisierungsversuchen.

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Setzen wir die Müller-Brille ab und betrachten Bild und Kommentar im Kontext der anderen Rumänienbilder. Es sind die großen Linien der Alltagsgeschichte. Der Elende zahlt die Zeche desjenigen, der bestimmen kann, was mit dem Arbeitsprodukt des Elenden gemacht wird. Der Elende verjagt seinen Ausbeuter und bleibt Elend, weil nun jemand anderes über sein Produkt bestimmt. Die Fahnen am Rathaus wechseln ebenso wie die Uniformen der Antreiber und Aufseher. Der Blick auf den Alltag zwingt zur Frage, was es eigentlich bedeutet soll, wenn die Arbeiter von ihrem Produkt, welches auch Produktionsmittel einschließt, Besitz ergreifen. Wir müssen anerkennen, dass diese Frage theoretisch und praktisch unbeantwortet geblieben ist.

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"Das Mittelalter beginnt am Ende der Straße." Aber dieses Mittelalter entstand nicht im Sozialismus. Bild und Text dokumentieren, dass die Wende für die Roma ein Rückschlag war. Dennoch empfinden die beiden Besucherinnen, zustimmend oder ablehnend, eine antisozialistische Tendenz. Nicht nur die Müller-Brille unterstützt diese Interpretation: Der Kommentar unter dem Dresdner Kohlenhändler legt nahe, dass diesen Beruf vor allem ehemalige Strafgefangene ergriffen. Kann man diesen Kommentar sachlich neutral lesen oder schleicht sich ein Geruch von Unrechtsstaat ein, zumal überall von Diktaturen zu lesen ist? Stellen wir die Gegenfragen: Wer tut heute solche Arbeit? Und welche beruflichen Perspektiven haben ehemalige Häftlinge in der außeröstlichen Welt?

Bilder vom Bürgerkrieg in Jugoslawien: Neutral die Analyse, dass im Zerfallsprozess windige Politiker windige Identitäten konstruieren. Die konkreten Situationen dokumentieren allerdings nur die serbische Aggression. Sensible Betrachter können angesichts solcher Gemeinplätze leicht in eine Verteidigungshaltung geraten.

Russland sei einmal ein Agrarexportland gewesen. Nach Jahren sozialistischer Wirtschaft ist es Nahrungsmittelimporteur. Hier ist die antikommunistische Tendenz unbestreitbar: Unterschlagen wird, dass sich Agrarexport und Hunger der Bevölkerung nicht ausschließen. Vergessen sind auch die Widrigkeiten mit denen die sowjetische Gesellschaft zu kämpfen hatte und, dass im Vergleich zur gegenwärtigen wie vorherigen Situation ein relativ hoher Wohlstand erreicht wurde.

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Das Grundprinzip der Ausstellung ist die Paralogie: Das Mittelalters am Ende der Straße auf der einen Seite wird auf der anderen Seite mit Herta Müller zum Machtmittel der Diktatoren umgedeutet. Die Bilder zeigen Industrialisierung auf unterschiedlichem Niveau. Die Kommentare, nennen das Rückständige menschlich, das Großindustrielle ausbeuterisch.

Das Bild mit den im Schatten stehenden verfallenen Bauernhäusern und der besonnten Zementfabrik, die den Mörtel für modernen Großsiedlungen liefert, könnte der Propaganda dienen, die den Aufschwung betonen will. Aber das Texturteil ist ablehnend. Der Köhler hingegen, der rußverschmiert mit seiner gesamten Familie wie seit Jahrhunderten drei Tage die Glut bewachen muss, um Mörtel herzustellen- er verdunkelt den Himmel mit Rauch, der ein "menschliches Antlitz" hat. Die Texte nennen Elend, was ein unhintergehbarer Augenblick prallen Lebens ist. Sie nennen Ausbeutung, wo Arbeit gezeigt wird. Der Titel "Bilder aus dem Osten" weist Bildern, die ein globales Thema haben, einen begrenzten Raum zu.

Baku: verwaiste Erdölindustrie, steigt der Weltmarktpreis, wird die Förderung wieder aufgenommen. Das ist nicht Osten, das ist die gegenwärtige Welt. Einige Male werden Agrarnationen ausgewiesen, die heute verarmt sind. Agrarländer sind arme Länder - überall und spätestens seit dem Imperialismus. - Kein Osten, keine Wende bezeichnen das Bezeichnete.

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Ein Bild zeigt eine verfallene Straßenszene, der Kommentar spricht dagegen von Improvisation. Die Paralogie hat sich verkleidet. Das Bild, wie alle Bilder etwas romantisch gefärbt, scheint Vanitas aufzuzeigen, aber es dokumentiert nur tatsächlich vorhandene Gegenstände. Es ist romantisch nur wegen der Vanitas-Projektion durch den Betrachter. Der vorgefundene Verfall macht sich selbst zur Stütze einer Deutung, die in keiner Weise begründbar ist. Keins der im Bild vorkommenden Dinge, keine der Figuren bereichert das Bild, um ein Statement über die Hinfälligkeit der Welt abzugeben. Die Bewohner des Ortes improvisieren in ihrem Alltag. Auch der Fotograf sieht das so. Hätte er einen anderen Ort fotografiert, würde nie jemand vermuten, dass Hinfälligkeit für den Fotografen von Bedeutung sein könnte.

Der Titel "Osten" ist offenbar auch darum paralogisch, weil das dargestellte die globale Peripherie zeigt. Dieser Osten ist ländlicher Raum - überall. In den Stadtbildern hingegen bezeichnet Osten die soziale Peripherie, die Ausgegrenzten und Übriggeblieben: Der rumänische Diktator ist tot, die Kinder, welche seine Familienpolitik zu verantworten hatte, leben. Leben - Benzol schnüffelnd.

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Vanitas: Thematisiert durch das Bild im Bild. Ein serbischer Kämpfer hält das Portrait von Milosevic in der Hand. Das Portrait als Propagandalüge, verweist auf die Fragwürdigkeit der Geschichte, die dieses Foto erzählt. Der Kommentar erzählt die Geschichte von Milosevic, der sich vor Den Haag zu verantworten habe. In der Tat eine fragwürdige Geschichte, da sie nicht enthält, dass die Live-Übertragung der Verhandlung aus propagandistischen Gründen abgebrochen wurde. Bleibt hier das kulturhistorische Niveau der Vanitas-Darstellung unterboten oder wird es erst erreicht, indem der Kommentar so tendenziös ist und legitim hinterfragt werden muss? Ist der Widerspruch der Ostdeutschen, das Ziel dieser Ausstellung?

Wohl kaum.

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Ebenso wie diese antikommunistische Tendenz zum Ausstellungsort gehört, gehört Herta Müller in diese Ausstellung. Die These, welche diese Ausstellung auf der Ebene der Exponate - Fotografien mit Kommentar – leitet, ist in Wahrheit keine historische, sondern eine geschichtslose. Die Ausstellung verweist nicht auf die verbesserungswürdigen, grob bis unmenschlich fehlerhaften sozialistischen Realisierungsversuche, wenngleich ich empfehle, sie so zu betrachten. Veranschaulicht wird vielmehr die Annahme, dass immer alles seinen Gang geht und daran auf längere Sicht auch keine sozialistische Diktatur etwas ändern kann.

Zu diesem Ergebnis muss man kommen, wenn man sich den im Ausstellungsraum gezeigten Film des Fotografen anschaut. Bisher waren die Bilddokumente, welche mit ihrer warmen Farbe ebenso wie die Textdokumente mit ihrer drastischen Sprache eine zwar subjektive Perspektive pflegten, immerhin auf objektive Gegenstände richtet. Nun tritt der Fotograf als psychologische Figur selbst auf.

Hans Madej stellt sich in seinem Dokumentarfilm "Das Paradies auf Erden" als Melancholiker vor. Der Film dokumentiert seine Begegnungen mit Menschen, die im Grenzgebiet von Polen und der Ukraine, einer Weltuntergangssekte angehören. Der Film könnte beinahe eine ethnologische Studie über das Aufkommen von christlich-urkommunistischen Erweckungsbewegungen im Zuge kapitalistischer Expansion und dem damit einhergehenden Ausrangieren von Menschen aus ihren bisherigen Produktionsverhältnissen sein.

Nach einer kurzen oberflächlichen Analyse der materiellen Bedingungen - Hungersnot nach dem ersten Weltkrieg - rekonstruiert er die Geschichte von Eliasz, welcher von vielen Menschen seinerzeit für einen Propheten gehalten wurde und im stalinistischen Gulag umkam. Madej führt den Zuschauer in die obskure Gedankenwelt seiner sehr alten Anhänger. Dabei scheint er im Sinnsucher-Tonfall gewillt zu sein, wichtiges von diesen Leuten zu lernen.

Ein Bauer namens Filipio erklärt ihre Verschlossenheit damit, dass man sich schon oft über sie lustig gemacht habe. Madej hingegen, scheint sich nicht von ihnen abgrenzen zu können. So das Vertrauen erwerbend, erfährt er von Filipio, wer die beiden Antichristen, deren Erscheinen das Ende der Welt ankündigt, sind: Aus 15 Streichhölzern kann man die Zahl 666 legen, welches die Zahl des Tieres der Apokalypse sei. Aus der gleichen Anzahl kann man aber auch

/\ E H I_I H

und

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legen. Q.E.D. Ich habe es probiert H I T L E R und M A D E J geht nicht, dafür passt aber auch E L I A S.

Eliasz verkündete "Gebt den armen Brot und den heimatlosen Boden". Die interessanten Fragen stellt der Film nicht. Wie konnte es geschehen, dasssich dieser Eliasz und der Sozialismus verfehlten? Welches sind die ökonomischen Grundlagen dieser Sekte, der Dorfgemeinschaft damals und heute?

Statt dessen behauptet Madej durch diese Arbeit begriffen zu haben, dass das Paradies Menschenleben rettet. Weiterhin habe er in einen Spiegel gesehen (Vanitas) und dabei die Hoffnung, die er nach dem Krieg verloren hatte, wiedergefunden.

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Der letzte Satz des Filmes entschlüsselt die gesamte Ausstellung im Kontext mit ihrem Ort. "Der Hoffnung sind ein Ort und eine Zeit zugedacht. Wenn nicht, so muss man sieerschaffen. Immer wieder neu." Madej macht sich mit den Dorfbewohnern seines Films gemein. Ist es sein mit diesen geteilter Antikommunismus, der ihn zu solchem Unfug befähigt?

Nein, die Gemeinsamkeiten liegen tiefer: Es ist die Melancholie, welche nach einer Hoffnung suchen lässt, die sich nie erfüllt. Erfüllt sie sich doch, ist es der Untergang der Welt, mit den in ihr erworbenen Privilegien. Es ist diese Melancholie, welche in Willy Brandt, den Namenspatron des Ausstellungsortes, noch einen Sozialdemokraten sehen lässt, der hält, was dieser Titel verspricht. Die gleiche Melancholie erwählt denjenigen Sozialdemokraten als den eigentümlichen Vertreter seiner Art, der mit dem Radikalenerlass die bekämpfte, welche die Hoffnung auf Veränderung nicht um der Hoffnung Willen, sondern ihrer Erfüllung wegen betrieben. In gleicher Weise standen sich Lenin und Eliasz gegenüber.

Später bereute Brandt dieses Vorgehen, wirksam war der Erlass dennoch. Der Antikommunismus ist nicht Ursache, sondern die Folge des melancholischen Hoffnungsverständnisses. Der Melancholiker muss immer wieder neu an seiner jenseitigen Hoffnung bauen und verzweifeln. Weltveränderer bauen statt dessen auf und weiter, stehen auf den Schultern von Riesen und stürzen bisweilen tief.

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Es ist nur folgerichtig, dass sich die SPD im Vorwahlkampf paralogisch präsentiert. Ihre kleiner werdende Klientel fürchtet den sozialen Abstieg, für den die SPD unter Schröder das beschleunigte Verfahren einführte. Ihre im Vergleich zu den Opfern der sozialdemokratischen Kommissionspolitik privilegierte Situation versucht sie durch Abgrenzung nach unten zu verteidigen. Moralische Entlastung bringt dabei das soziale Engagement für die Deklassierten in der Weise, dass im Rahmen der vermeintlich unveränderlichen Welt, nichts wesentliches erreicht wird, sich aber der guten Wille erkennen lässt.

Die Paralogie, welche das Müller-Zitat in dieser Ausstellung absichert, gehört zum Haus, ebenso wie zu Madej, denn es gibt in seinen Bildern zwar keine Vanitas, da der abgebildete Verfall nur die Wirklichkeit wiedergibt. Aber das Arrangement der Bilder ist die Behauptung einer geschichtslosen Welt, die - eitel im klassischen Sinn - nur romantisch verklärt, nicht aber wesentlich verändert werden kann. Es ist der selbstbewusste Subjektivismus, welcher ebenso die Zeitdokumente unrichtig als Stimmungsbilder interpretiert, wie er in der Agenda 2010 die Rettung der Solidarität angesichts angeblich unveränderlicher Sachzwänge erkennt und nicht ihre Liquidierung.

Die Genossinnen und Genossen erleiden dabei schwere Seelenqualen, da sie ihr Wollen nur im Jenseits als Ideal verorten und ihr Tun als leidlich eitel erleben. Schweren Herzens senken sie die Sozialleistungen, verriestern die Rente an private Finanzdienstleister und nur mit größten Skrupeln ziehen sie in den Krieg.

Im Willy-Brandt-Hauses zählt der gute Wille mehr als die reale Verbesserung. Solange es noch ein Publikum gibt, dass sich moralisch über den die irdische Existenz thematisierenden Populisten, den Kommunisten, den "Diktatoren" und den "linksextremen" griechischen Parlamentariern stehend wähnt, wird dieses Haus mit seinen Einwohnern eine gewisse Existenzgrundlage haben. Die Ausstellung in ihrem Gesamtkonzept schmeichelt einem solches Publikum. Köpfen mit Augen, hingegen, trainiert sie den subjektiven Blick ab.

01:16 09.05.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nafets

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