Kühe, Autos, das Klima und der Kommunismus

Klimawandel "Revolutionär Öko" aber ohne Kompass?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

In seiner Kritik an den Grünen lässt Michael Jäger wenig Zweifel, worum es ihm geht: "Früher sollten die Kommunisten den Kapitalismus überwinden", heißt es schon im Untertitel, "heute könnten die Grünen den Job machen" – denn sie, so die Quintessenz Jägers im letzten Satz, "besetzen das Feld, auf dem es heute gilt, den Kapitalismus anzugreifen". Einmal mehr also ein Plädoyer für mehr Radikalität in der Klimapolitik und das Stellen der "Systemfrage". Die gedruckte Fassung des Texts ("Revolutionär Öko", derFreitag Nr.17, 25. April 2019, S. 3 [1]) ist eigentlich nur die Kurzfassung eines dreiteiligen Blogbeitrags, die bereits Mitte April in der Freitag-Community erschien. [2,3,4] Aus meiner Sicht ist der Text ein (weiteres) erschreckendes Beispiel für eine Form von Klimajournalismus, die vor allem die "richtige" antikapitalistische Grundhaltung bemüht aber offensichtlich keinerlei Interesse für Daten, Zahlen und Zusammenhänge aufbringt. Die zentrale Botschaft, der "antiökologische Charakter" des Kapitalismus sei "unvereinbar mit ökologischen Gleichgewichten" [2] verliert so jegliche Glaubwürdigkeit.

Darf's ein bisschen wärmer sein?

"Wenn alles so weitergeht wie bisher, und das tut es ... könnten es [die globale Erwärmung bis 2100] sechs bis sieben Grad werden", heißt es in der gedruckten Fassung, im Blog ist lediglich von sechs Grad die Rede. Dies entspricht schlicht nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Jägers Quelle ist ein Text von Oliver Stengel aus dem Jahr 2011[5], welcher wiederum den 4. Sachstandsbericht des IPCC (2007) zitiert (ebd., S.40). Dass bereits 2013 der aktualisierte 5. Sachstandsbericht erschien, scheint unbekannt. Dort wird von einer Temperaturerhöhung bis zu 4,8° C ausgegangen. Selbst das berüchtigte "RCP8.5-Szenario" – ein Worst-Case-Szenario, das die meisten Klimawissenschaftler mit dem Klimakollaps gleichsetzen – kommt "bloß" auf rund fünf Grad, gleiches gilt für das berüchtigte "Hothouse-Earth-Paper", das im vergangenem Jahr viel Aufmerksamkeit erhielt.[6] Werden die im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zugesagten Emissionsreduktionen eingehalten, müssen wir laut dem aktuellen "Emission Gap Report" der UNO nach heutigem Wissenstand mit 3,2 Grad Erwärmung bis zum Jahr 2100 rechnen.[7, S. 19] Noch einmal: Der "GAU" sind nach heutigem Stand fünf Grad Erwärmung, das politisch wahrscheinlichste Ergebnis sind etwas über drei Grad.[8] Weit entfernt vom 2 Grad-Ziel, aber auch weit entfernt von sechs Grad. – Und wo kommen eigentlich die seltsamen "bis sieben Grad" her, die sich in der Druckfassung von Jägers Text zusätzlich eingeschlichen haben? Falls es für diesen Wert irgendeine Quelle gibt, wäre ich interessiert, sie zu erfahren, recherchieren ließ er sich nicht.

Von Kühen, Autos ...

Geradezu erschütternd ist der Umgang mit den Daten zur Viehwirtschaft: Erstens ändern sich die Bezugsgrößen des Autors ständig: Mal ist vom "Autoverkehr" die Rede (Druckfassung), mal vom "weltweiten Verkehr" (Blog), mal ist vom Methanausstoß der "1,5 Milliarden Rinder" die Rede (Druck), mal von den "weltweiten Viehbeständen" (Blog) – als ob diese Größen alle identisch wären. Zudem: Jäger möchte "den Fleischkonsum" geißeln, aber wer von allen Nutztieren (Rindern?) schreibt, spricht über alle damit verbundenen Produkte oder Dienstleistungen: Fast alle Milchprodukte also, mindestens, gegebenenfalls auch Eier, Leder, Wolle, Zugkraft usw. – eben alle tierischen Produkte außer Wild.

Jägers Zahlen sind überdies teils veraltet, teils haarsträubend falsch: Nein, der Methanausstoß der Rinder (weltweiten Viehbestände) trägt NICHT "mehr zum Treibhauseffekt bei als der Autoverkehr (weltweite Verkehr)". Der falsche Vergleich geht auf einen methodischen Fehler in einer berühmten Studie der FAO ("Livestock's Long Shadow", 2006[9]) zurück, die Stengel zitiert und Jäger übernimmt. Die FAO hatte seinerzeit die direkten Emissionen des globalen Transportsektors (inklusive Flug, Schifffahrt, etc.) mit den gesamten – direkten wie indirekten – "Lebenszyklusemissionen" der globalen Viehwirtschaft verglichen (der Anteil der Rinder an diesen Emissionen beträgt rund 62% [10]). Nur sind diese Zahlen – direkte Emissionen und Gesamtemissionen – eben nicht vergleichbar. Die FAO hatte den Fehler bereits 2010 (!) eingeräumt [11] und der Leitautor der Studie, Henning Steinfeld, hat die Behauptung zurückgezogen. [12] Da Daten zu den Gesamtemissionen des globalen Transportwesens leider noch immer fehlen, lassen sich nur die direkten Emissionen vergleichen: 14% aller menschengemachten Emissionen entstammen dem Verbrennen fossiler Treibstoffe im Transportsektor (davon knapp drei Viertel, also gut 10 %, dem Straßenverkehr). Die direkten Emissionen der Viehwirtschaft gibt Steinfeld in einem aktuellen Artikel (2018) mit rund 5 % aller Emissionen an. [12] – Das sind knapp die Hälfte der direkten Auto-Emissionen von und nur ein Drittel der direkten Emissionen des gesamten weltweiten Verkehrs! (Inzwischen hat die FAO aktualisierte Zahlen veröffentlicht. [10] Demzufolge dürften die direkten Emissionen der Viehwirtschaft tatsächlich höher sein als 5 % der Gesamtemissionen – an den Größenordnungen ändert sich freilich wenig.) Der Vergleich der Emissionen aus Viehhaltung und Verkehr ist aber noch aus einem anderen Grund zweifelhaft: Emissionen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Menge, sondern auch in ihrer ethischen Qualität: Ohne Autos könnten wir Menschen zur Not leben - ohne Nahrung nicht.

... und veganen Verschwörungstheoretikern

Nein, der Beitrag der Viehhaltung zur Erderwärmung liegt NICHT "zwischen 19 und 51 %" [4] aller Emissionen. Die 19 % stammen abermals von Stengel und sind dort vermutlich ein Typo: Stengel zitiert abermals "Livestock's Long Shadow" doch die dort genannte (und weltweit zitierte) Zahl ist 18 %. [9, S. 271]. Die Zahl ist überdies veraltet: Bereits 2013 brachte die FAO eine aktualisierte Fassung ihres Berichts heraus – und passte den Wert nach unten auf 14,5 % an. [13] (Anders als die oben genannten 5 % direkte Emissionen sind dies die gesamten "Lebenszyklusemissionen" der Viehwirtschaft.) Auf der Website der FAO finden sich auch noch neuere, mit überarbeiteten Modellen angefertigte Berechnungen: Laut aktueller Schätzung liegt der Anteil der Viehhaltung bei rund 15,6 %. [14]

Erst recht eine Peinlichkeit ist das obere Ende der von Jäger genannten Bandbreite: Drei Jahre nach dem Erscheinen von Livestock's Long Shadow veröffentlichte das Worldwatch Institute im Jahr 2009 ohne peer-review-Verfahren ein Papier, das auf die FAO-Zahlen aufbaute und anhand eigener Berechnungen zu dem erstaunlichen Ergebnis kam, der Beitrag der globalen Viehhaltung zur Erderwärmung läge bei "mindestens" 51 %. [15] Leider steckt das Papier voller methodischer und statistischer Fehler, und auch das ist seit langem bekannt: Unter anderem gewichteten die beiden Autoren – zwei Weltbankberater ohne einschlägigen wissenschaftlichen Hintergrund – Methan aus der Viehzucht als dreimal "kraftvolleres" Treibhausgas als Methan aus anderen Quellen. Außerdem ließen sie das CO2 aus der Atmung der Tiere in ihre Kalkulation einfließen – ein Vorgehen, das in der seriösen Klimawissenschaft völlig unüblich ist, denn dieses CO2 gelangt eben nicht zusätzlich in die Atmosphäre, sondern wurde von den Futterpflanzen zuvor der Atmosphäre entzogen und ist daher Teil eines Kreislaufs. Entsprechend wurde das Papier allgemein zurückgewiesen [16]: "Die Wissenschaft hinter dieser Behauptung ist umfassend widerlegt" urteilt etwa das "Food Climate Research Network" 2017 [17, S. 28] Selbst vegan lebende Anti-Fleisch Aktivisten wie Dany Chivers empfehlen ihren Mitstreitern: "Benutzt nicht die 51 %. Bitte. Ihr stellt uns alle in ein schlechtes Licht." [18] Gleiches gilt für den ehemaligen Vorsitzenden der UK Vegan Society, Stephen Walsh, der in einer sehr ausführlichen Kritik [19] das Papier als "sehr schlechte Forschung" bezeichnete. Trotzdem wird die völlig irreführende Zahl auf diversen Veganen-Blogs und von Tierrechtsorganisationen wie PETA (und eben leider auch im Freitag) nach wie vor verbreitet. [20, 21].

Besonders pikant sind die 51 % auch deshalb, weil die Zahl 2014 als eine der Kernthesen des Pseudo-Dokumentarfilms "Cowspiracy" eine Renaissance erlebte. – Wie der Titel bereits andeutet, versucht der unter radikalen Veganern beliebte Film, eine Verschwörung der Fleischindustrie zu belegen, welche die vermeintliche "Wahrheit" verschleiert, dass Kühe schlimmer seien als fossile Brennstoffe. Auf diese Weise wird unter anderem systematisch Aktivismus gegen die Fossilindustrie diskreditiert: So tauchte "Cowspiracy"-Regisseur Kip Anderson zum Beispiel bei Anti-Öl Protesten Rande des Pariser Klimagipfels auf – die 51 % samt Quelle stolz auf sein T-Shirt gedruckt. [18, dort auch Foto von Kip Anderson bei den Protesten in Paris] Die Union of Concerned Scientists kritisiert sowohl den Film als auch die 51 %-Behauptung scharf und rückt sie in die Nähe von Desinformationskampagnen der Fossilindustrie und der Wissenschaftsfeindlichkeit von Klimaleugnern: "Die 51 %-Behauptung ist Schlüssel zur Verschwörungstheorie des Films ... Trotz der Aktivitäten von Aktivisten wie den Machern von Cowspiracy oder der Fossilindustrie herrscht ... ein breiter Konsens, dass die globale Erwärmung ... in erster Linie auf das Verbrennen fossiler Energieträger zurückzuführen ist. ... Filme wie Cowspiracy sind nicht nur deshalb unglaubwürdig, weil sie die wissenschaftlichen Fakten verdrehen, sondern auch wegen der Dinge, die wir glauben sollen: Dass die Fossilindustrie nicht der Hauptgrund für die globale Erwärmung sei ... und dass Tausende von Wissenschaftlern die Wahrheit über das wichtigste Umweltproblem verschleiern." [22]

Der Wert der Tiere für den Menschen

"Wissen wir nicht, dass immer noch etwa 25.000 Menschen pro Tag den Hungertod sterben?", fragt Jäger nach seinen Ausführungen. Doch, das wissen wir, aber weiß er es selbst? In einer Welt, in der für viele Menschen Nahrungsmittel noch immer knapp sind, ist fast nichts tödlicher als eine falsch informierte, ideologiegetriebene Agrarpolitik. Offensichtliches Desinteresse für Details und komplexe Zusammenhänge tötet: Laut FAO leben global rund 767 Millionen Menschen in extremer Armut, die Hälfte davon sind Hirten, Kleinbauern oder Arbeiter, deren Nahrungs- und Lebensgrundlage von ihrem Vieh abhängt. "Der falsche Vergleich [mit den Verkehrs-Emissionen] und die negative Presse über Viehzucht", so fürchten etwa Anne Mottet und Henning Steinfeld, "kann Entwicklungspolitik und Investitionen beeinflussen und die unsichere Nahrungsmittelversorgung dieser Menschen weiter verschlechtern." [12] Gerade in Entwicklungsländern leisten tierische Nahrungsmittel einen wichtigen Beitrag etwa zum Kampf gegen immer noch verbreitete Wachstumsstörungen bei Kindern.[23] Und in einem Bericht aus dem Jahr 2017 betont die FAO: "Wegen der Fähigkeit der Tiere, sich an schwierige Bedingungen anzupassen und Klimaschocks zu widerstehen, sind Hunderte Millionen gefährdeter Menschen im sich wandelnden Klima von ihrem Vieh abhängig."[24, S.3]

Die Vorstellung "das Futter der Tiere" entzöge "vielen Menschen im Süden die Getreidenahrung" (so Jäger) erscheint im Lichte neuerer Forschung zumindest "unterkomplex": Rund 57 % der für Tierfutter genutzten Landfläche ist für den Anbau von Nahrungsmitteln schlicht nicht geeignet, so eine aktuelle Studie (2017) zur "Teller oder Futter"-Debatte.[25] Ein weiteres Ergebnis der Studie: Rund 30 % des Tierfutters bestehen aus Resten und Nebenprodukten der Lebensmittelherstellung für Menschen – ohne Tiere würde diese Biomasse schlicht verkommen. (Und die Menge dieser Biomasse wird mit zunehmender Nahrungsmittelproduktion für die wachsende Weltbevölkerung in Zukunft weiter steigen.) Diese Reste zu nutzen, ist gerade für Kleinbauern in Entwicklungsländern eine wichtige Möglichkeit, den Ertrag ihrer Flächen zu steigern und ihr Einkommen zu verbessern. Für die Bewältigung der Herausforderung, im Jahr 2050 rund 9,6 Milliarden Menschen zu ernähren, spielen tierische Produkte daher eine zentrale Rolle, so die Autoren.

01:17 09.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 2