Mehr als eine Demo: der Good Food March

EU Agrarreform Radeln für die Bauern: Der Good Food March mobilisierte Menschen in vielen europäischen Ländern. Unter anderem auch mich.
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Anfang September 2012: Auf den ersten Blick könnte man uns für eine Schulklasse halten: etwa 30 Leute auf Fahrrädern, irgendwo auf einer Baden Württembergischen Landstraße zwischen Trochtelfingen und Rosenfeld. Sind wir aber nicht. Auch wenn Wolfgang schon die Lehrerrolle übernommen hat. Wir sind der „Good food March“, wir radeln gegen die bisherige EU-Agrarpolitik. Da Radeln aber irgendwie so eine friedliche Angelegenheit ist, vielleicht doch eher für eine bessere, sozialere, nachhaltigere Landwirtschaft. Für die Bauern, und zwar die kleinen, diejenigen, die diesen Namen auch noch verdienen.

Wolfgang, einer der Radeldemonstranten , ist des Kartenlesens offenbar einigermaßen kundig. Mit einem lauten Stimmorgan gesegnet, sind klare Kommandos sein Stil. So führt er uns alle sicher zur nächsten Übernachtungsstation: Die Fischermühle, auf der sich u.a. eine Art Forschungsstation für Imkerei befindet.


Ein EU-Kommissar mit Visionen

Es betrifft jeden und doch wissen es viele EU Bürger gar nicht: Eine große Agrarreform steht uns ins Haus. Das bedeutet, derzeit wird die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union nach 2013 festgelegt.

Das heißt, in Brüssel hat man dieser Tage die Chance, die Ernährungs- und Agrarpolitik Europas, mit der Idee einer ökologischen, fairen und für alle Beteiligten gesunden Landwirtschaft zu gestalten.

Doch dazu ist ein grundsätzliches Umdenken nötig und die Bereitschaft für spürbare Veränderungen.

Diese Bereitschaft ist bei EU-Agrarkommissar Dacian Cioclos durchaus vorhanden, ebenso wie die richtige Idee, die übrigens irgendein Schlaumeier „Greening“ getauft hat. Doch weht ihm auch viel Wind entgegen. Eine echte Agrarreform zustande zu bringen, ist eine Herkulesaufgabe.

"Unsere Agrarflächen sind nicht nur Produktionsflächen, sondern Lebensraum für die Menschen", sagt Ciolos. Deshalb müsse alles daran gesetzt werden, dass sie erhalten bleiben. "Und zwar in guter Qualität". Um dies zu erreichen, sieht Ciolos Subventionszahlungen in Zukunft als Belohnungssystem für Umweltschutzleistungen an.

Es gibt viele Landwirte, nicht nur unter den Biobauern, die mit ihm einer Meinung sind. Allerdings auch viele, die lieber nichts am grundsätzlichen Verteilungssystem der Subventionen geändert haben wollen. Agrarlobbyismus nennt man das wohl, was der Bauernverband macht, wenn er sich für das einsetzt, was großen landwirtschaftlichen Betrieben und der Agrarindustrie nutzt: Direktzahlung nach Fläche, ohne dass Umwelt- oder Tierschutzauflagen erfüllt werden müssen, die über die bisherigen Standards hinausgehen.

Bei dreihundert Euro Direktzahlungen pro Hektar, die mit wenig Personal, dafür mit großen Maschinen und Pestizideinsatz bewirtschaftet werden, kann da einiges zusammenkommen. Viel Profit für einzelne. Das Ergebnis für die Umwelt dagegen: Monokulturen, Artenschwund, ausgeräumte Landschaft.

"Das muss sich ändern", sagt Regine Holloh, eine der Organisatoren des Good food Marches. Ihr liegt der Erhalt der (klein)bäuerlichen Landwirtschaft am Herzen. Sie selbst ist auf einem konventionellen Milchviehbetrieb aufgewachsen, hat ökologische Landwirtschaft studiert und arbeitet nun für die Kampagne „Meine Landwirtschaft“, die die gemeinsame europäische Protestaktion unter dem Motto „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ mitinitiiert hat.

„Irgendwie ein rührender Gedanke“

Ich bin am Rande der schwäbischen Alb zu der Gruppe gestoßen, Vier Tage habe ich mir vorgenommen mitzufahren, wenn meine Kräfte mich nicht vorher verlassen, denn es wird immerhin ein Stück durch den Schwarzwald gehen. Einige der Demonstranten und natürlich das Organisationsteam sind von Anfang bis Ende dabei. Das heißt vom Startpunkt München am 25. August bis zur Ankunft in Brüssel am 19. September.

Viele nette und interessante Menschen lerne ich in der kurzen Zeit kennen. Mich interessiert, was sie alle motiviert, sich für die kleinbäuerliche Landwirtschaft einzusetzen. Überraschend wenige sind dabei, die selbst in irgendeiner Form landwirtschaftsnah leben oder arbeiten. Ich scheine hier eher die Ausnahme zu sein.

"Vor allem kritische Verbraucher engagieren sich hier", bestätigt Iris, die für die Öffentlichkeitsarbeit des Good Food Marches zuständig ist, meinen Eindruck. „Die Landwirte engagieren sich eher vor Ort bei unseren Veranstaltungen und Aktionen, hier ist das Interesse seitens der Bauern sehr groß“

Nun gut, wenn man wirklich einen Hof zu bewirtschaften hat, kann man sich eben nicht so leicht einfach mal frei nehmen, um mit dem Drahtesel nach Brüssel zu fahren. Agrarpolitik ist aber ja auch keine Angelegenheit der Bauern, sondern der Gesellschaft, und einige dieser Gesellschaft sind bereit, die Botschaft der Kleinbauern über Berg und Tal bis nach Brüssel zu tragen. Ein schöner, fast rührender Gedanke, kommt es mir in den Sinn. Und nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern wie z.B. Frankreich, Belgien, Rumänien oder Österreich wurde radelnd protestiert und allerlei Veranstaltungen zum Thema „good food farming“ auf die Beine gestellt.

Berührend ist auch die Fotoaktion, die begleitend zum Demomarsch organisiert wurde. 1000ende Europäer und Europäerinnen schickten Fotos von sich. Alle halten ein Plakat in die Kamera, auf das sie ihre Botschaft oder ihre wichtigste Forderung geschrieben haben. Am 19. September wurden die ersten 1000 dieser Fotos in Fotobüchern an Dacian Cioclos übergeben.

Zeltplätze in warmen Gewächshäusern

An meiner ersten Übernachtungsstation, der Fischermühle, erwarten uns nicht nur komfortable Zeltplätze in wärmenden Gewächshäusern, sondern auch heiße Duschen. Das Beste aber ist das Essen, das wie an jeder Station von Wam Kat und seinen Helfern gekocht wird. Diesmal besonders lecker, da großzügig und vielfältig von einem örtlichen Biomarkt Waren gespendet wurden. Wam Kat ist ein alter Hase im Demo-Kochgeschäft. Er bekocht nicht nur die aktiven Good Food March Teilnehmer während der ganzen Tour bis nach Brüssel, sondern auch alle Interessierten, die zu den Aktionen und Veranstaltungen, die auf der Route stattfinden, kommen. In München waren das über 1000, in Ulm immerhin zirka 100. Bei seinen Kochaktionen „Teller statt Tonne“ will Wam Kat vor allem demonstrieren, wie gut auch das ungenormte Gemüse schmeckt, das normalerweise vor dem Verkauf aussortiert und weggeschmissen wird.

Auf der Fischermühle ist eine Podiumsdiskussion für den nächsten Tag angeräumt: Lokalpolitiker, Bauernverbandsvertreter, sogar eine echte EU Abgeordnete aus Brüssel hat den Weg hierher gefunden. Interessierte aus der Umgebung reisen an und bekommen Führungen. Ein großes Thema hier: die Imkerei und die Bienen, denen die Artenvielfalt an Blüten fehlt, wegen den Monokulturen und dem intensiv genutzten Grünland. Alles sehr interessant. Blöd nur, dass mir schon alle Glieder schmerzen und ich zudem etwas ermattet bin vom vielen guten Essen. Alle hier wollen uns, den tapferen Radlern etwas Gutes tun, was zu einer leichten Überverpflegung mit besten Biolebensmitteln führt. Nun ja, passt ja alles gut zusammen, schließlich steht ja auch „Good food“ auf unseren T-Shirts drauf. Und wir müssen uns auch ausruhen und stärken, immerhin sollen wir am nächsten Tag wieder auf die Straße. Da bleibt wenig Energie für anstrengende Streitgespräche.

Treffen mit Schwarzwaldbauern

Diskussionen, Gespräche und Interviews erwarten uns ohnehin noch zu Hauf. Die Lokalpresse ist meist schon da, wenn wir an den entsprechenden Stopps anhalten, Reporter irren teilweise stundenlang durch den Schwarzwald, weil sie uns auf unserer Route, die wir kurzfristig geändert haben, abpassen wollten. Getroffen hat man sich am Ende aber immer irgendwie.

Zum Beispiel im Naturfreundehaus in der Sommerecke, wo Siegfried Jäckle, Sprecher des Forums Pro Schwarzwaldbauern e.v. nicht nur die Presse, sondern auch die Schwarzwaldbauern eingeladen hat, mit uns über ihre Situation zu sprechen.

Auch hier wird schnell klar, das Thema ist vielfältig und komplex, und man findet schwerlich eine vernünftige Grundlage für eine Diskussion.

Was alle hier eint, ist aber der Wille, ihren kleinen Hof zumindest im Nebenerwerb zu erhalten. Über das „Wie“ gibt es allerdings die unterschiedlichsten Ansichten. Dacian Cioclos Fans scheint es eher wenige zu geben. Zwar sind einige gekommen, die schon längst gut bezahlte Naturschutzverträge für ihre Flächen haben und damit auch sehr zufrieden sind, doch viele Landwirte fühlen sich in ihrer Eigenschaft als Grundbesitzer und Tierhalter jetzt schon zu sehr bevormundet und haben Angst vor einer gänzlichen "Entmündigung" durch noch mehr EU Vorschriften, die an die Subventionen geknüpft werden und vor noch mehr Bürokratieaufwand.

„Oftmals ist es eher ein Kommunikationsproblem hier vor Ort", meint Jäckle. „Die Leute vom Amt, die die Gesetze aus Brüssel umsetzen sollen, haben oft kein Verständnis für die Lebensumstände von Bauernfamilien.“

Apropos Brüssel:

In Brüssel fand am 19. September das große Finale statt, um konkrete Forderungen direkt vor Ort zu formulieren: Mit einem internationalen Protestbrunch vor dem EU Parlament, großem Demozug mit Traktoren, Fahrrädern und allem was dazu gehört, Diskussionen, Ansprachen und Treffen mit Abgeordneten. Die Positionen und konkrete Forderungen zur Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft konnten in einer Ausschusssitzung im EU Parlament vorgebracht werden.

Der Good Food March war für mich, wie wohl auch für viele andere Teilnehmer, mehr als eine Demo. Er war auch eine kleine Bildungs- und Schlemmerreise durch unsere Kulturlandschaft. Und das vielfältige Engagement der teilnehmenden Menschen beweist die Vitalität einer neuen europäischen Bewegung für gutes Essen und ehrliche, ökologische und bäuerliche Landwirtschaft.

Eines vor allem zeigen die Debatten um die Gestaltung der bevorstehenden Agrarreform und Aktionen wie der Good Food March ganz deutlich: Es geht gar nicht um die ewige Diskussion „Bio oder nicht Bio“, oder gar um die Frage „ist Bio wirklich gesünder?“ Verantwortung gegenüber der Umwelt muss alle Bauern und jeden Verbraucher betreffen, denn die Land- und Forstwirtschaftliche Nutzfläche ist unser Lebensraum: Sie macht in Deutschland 82,8% der gesamten Landesfläche aus.

www.meine-landwirtschaft.de

13:25 25.09.2012
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Geschrieben von

Nanna Nadine

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