Weg mit den Paralympics

Heuchelei Die Paralympics basieren auf einem falschen Verständnis von Mensch und Sport und sollten - zusammen mit allen Olympischen Spielen - abgeschafft werden.
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Die momentan in London abgehaltenen Paralympics sind eine heuchlerische Veranstaltung, die kaum etwas für die tatsächliche Überwindung gesellschaftlicher Ausgrenzung beitragen kann. Sie kann es nicht, weil ihr immer noch die unzulässige Kategorie von "Gesund" und "Krank" bzw. "Behindert" zu Grunde liegt. Zeitlich wohl getrennt werden die Wettkämpfe der normalen, gesunden, nicht-behinderten SportlerInnen und der denjenigen, dennen man diese Attribute verweigert, abgehalten. In der zweiten Kategorie finden sich dann Personen, die einen Arm. ein Bein, keine Arme, keine Beine, keine Unterschenkel, nur ein Unterschenkel, kein Augenlicht, schwaches Augenlicht, Zerebralparesen, geringe Körpergröße oder auch so genannte geistige Behinderungen aufweisen. Das einizige, wodurch dieses Sammelsurium von körperlichen und geistigen Merkmalen als eine Kategorie gerechtfertigt werden kann, ist die herrschende Normativität eines gesunden, mit allen vier Gliedmaßen versehenen, verbal kommunizierenden, sehenden Menschen und die einzige Möglichkeit die Ausgrenzung aller anderen Menschen zu verhindern, ist diese Normativität aufzugeben, zu erkennen, dass es diesen normalen Menschen nicht gibt und Gesundheit nur eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die in ihrer Definition nahezu beliebig veränderbar ist.

Heuchlerisch sind die Paralympics zudem noch, da die Leistungen der teilnehmenden SportlerInnen vermeintlich höher bewertet werden, als die der regulären Olympiade. Es sei ja eine ganz große Leistung. mit nur einem Arm trotzdem so schnell schwimmen zu können. Aber worin unterscheiden sich denn die Leistungen von SportlerInnen beider Kategorien? Beide trainieren täglich acht und mehr Stunden, beide weisen ein extrem hohes Maß an Disziplin, Selbstüberwindung und Schmerzbereitschaft auf, beide erlernen Techniken und Benutzen bestimmte Instrumente und Hilfsmittel um ihre jeweils optimalen Leistungen zu erzielen. In ihrer Profession als SportlerInnen gibt es keinen Unterschied zwischen angeblich behindert und angeblich nicht-behindert. Die Heuchelei beginnt da, wo man die Leistungen der ersten Gruppe bewundert, durch ihre Einschränkungen höher bewertet oder zumindest die Gleichrangigkeit der Leistungen einfordert, bei der konkreten materiellen Anerkennung, der Bezahlung, den Preisgeldern und Sponsoring und der geistigen Anerkennung, der Medienpräsenz und dem Stardom aber weiterhin massive Ungleichbehandlung zulässt.

Genauso wie es keine Gründe für eine Aufteilung von Männer und Frauen Wettkämpfen gibt, gibt es auch keine für eine Aufteilung in "gesund" und "nicht-gesund". Wenn die Olympiade ihre eigene Ideologie ernstnehmen würde, müssten alle SportlerInnen gemeinsam wettkämpfen. Wenn das nicht passiert, weil dann "ja doch immer nur der gesunde Mann gewinnen würde", dann wird deutlich, dass die Werte der Olympiade keinesfalls die Werte des Sportes sind, sondern die Verwertungs- und Leistungslogik des Kapitalismus. Die Olympiade braucht den Sport, aber Selbstüberwindung, Schweiß, Teamgeist, Grenzerfahrung, Disziplin und Spiel braucht keine Olympiade und schon gar keine Para-Olympiade.

16:33 09.09.2012
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Geschrieben von

Nanook

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