Europa zwischen Abgrenzung und Gemeinschaft

Zugehörigkeit Wie die Sehnsucht nach Gemeinschaft Europa zusammenwachsen und auseinanderdriften lässt
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Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ Dieses von Wilhelm von Humboldt stammende Zitat trifft auch auf Europa zu. Wir alle kennen die Vergangenheit Europas – doch das genügt nicht: Wir müssen die Vergangenheit nicht nur kennen, wir müssen sie ebenso verstehen.

Die meisten Betrachtungen Europas erzählen dessen Geschichte als eine Wechselwirkung von konkreten Ereignissen wie dem Prager Frühling und grundlegenden Strömungen wie der Zeit des Kalten Krieges; als ein Zusammenspiel von ungeplanten Ereignissen wie dem Fall der Berliner Mauer und jahrelang ausgearbeiteten Visionen wie dem Vertrag von Maastricht; als eine Kombination von Sachzwängen wie der Annexion der Krim und freien Entscheidungen wie dem Brexit.

Begründet werden die Geschehnisse beispielsweise politikwissenschaftlich, ökonomisch oder soziologisch. So interessant diese, mitunter bis ins Detail ausgearbeiteten, Erklärungen sind, so sehr lassen sie den Blick für das große Ganze vermissen: Was macht Europa in seinen Grundfesten aus? Was sind die zugrundeliegenden Prinzipien, die Europa antreiben und seine Zukunft bestimmen?

Das menschliche Streben

Alle weiteren Überlegungen beruhen auf einer einfachen Annahme: Menschen streben nach sozialer Zugehörigkeit. Diese Annahme klingt banal – aber gerade das verdeutlicht ihre Selbstverständlichkeit: Sie spiegelt sich in so vielen Lebensbereichen und in so vielen menschlichen Handlungen. Egal ob es um politische Entscheidungen, um kulturellen Austausch oder auch nur um ein Selfie geht: es geht immer ebenso um die Gemeinschaft. Wie elementar die Gemeinschaft für Menschen ist, zeigt sich darin, dass für ein glückliches Leben nicht die Höhe des Einkommens, der Arbeitsplatz oder die Gesundheit am wichtigsten ist – es ist die Qualität der Beziehungen zu anderen Menschen.

Soziale Zugehörigkeit kann erreicht werden, indem Menschen Partnerschaften eingehen oder indem sie Gruppen bilden. Eine Gruppe entsteht, wenn Menschen miteinander agieren. Sie entwickeln einen sozialen Konsens, der nur für die Gruppe gültig ist. Das können bestimmte Verhaltensweisen ebenso sein wie gemeinsame Überzeugungen und Handlungen. Die Menschen ordnen sich der Gruppe immer mehr zu, der soziale Konsens wird zunehmend ausgeprägter und es entsteht ein immer intensiveres, verbindendes Wir-Gefühl zwischen den Gruppenmitgliedern: Die Menschen fühlen sich einander zugehörig.

Gleichzeitig findet damit noch etwas Zweites statt: Je stärker eine Gruppe zusammenwächst und ein Wir-Gefühl entwickelt, umso stärker grenzt sie sich von anderen Menschen und Gruppen ab. Erst die Unterscheidung und die Abgrenzung von Anderen ermöglicht die Schaffung eines “Wir“. Dieses “Wir“ ist umso deutlicher ausgeprägt, je mehr sich die Gruppenmitglieder anderen Gruppenmitgliedern ähneln und je mehr sie sich von anderen Menschen – tatsächlich oder auch nur gefühlt – unterscheiden.

Dies bedeutet, jedes Streben nach sozialer Zugehörigkeit führt zwar einerseits zu einer engeren Verbindung mit anderen Menschen, gleichzeitig aber auch zu einer Abgrenzung von anderen Menschen.

Verstärkt wird die Abgrenzung durch einen weiteren Effekt: Je mehr sich eine Gruppe von anderen Menschen abgrenzt, umso mehr steigt das Selbstwertgefühl der Mitglieder. Sich von anderen Menschen abzugrenzen, fühlt sich also gut an. Für die Abgrenzung bedarf es nicht mal objektiver Gründe; willkürliche Unterscheidungsmerkmale wie die Haarfarbe oder auch nur die Position innerhalb eines Raums reichen bereits aus.

Die Europäische Union als Konsequenz des menschlichen Strebens

Der Zusammenschluss von Menschen zu einer Gruppe führt zu einem zweiten, erwähnenswerten Effekt: zu Zusammenarbeit. In einer Gruppe nehmen Menschen automatisch verschiedene Positionen ein und es entsteht eine Aufgabenteilung. Nicht nur, da sich so jeder auf seine Vorlieben und Stärken fokussieren kann, sondern auch, weil sich die Zusammenarbeit zur Erfüllung vieler anderer Ziele – wie Nahrung und Sicherheit – als vorteilhaft erwiesen hat: Spezialisierte Menschen können Aufgaben besser ausführen und umfangreiche Aufgaben, die für einen einzelnen Menschen nicht durchführbar wären, können von mehreren zusammen ausgeführt werden. Da sich die Zusammenarbeit als sehr erfolgreich erwiesen hat, wurde sie immer ausgeprägter.

Ohne die Zusammenarbeit wäre die Menschheitsgeschichte in ihrer heutigen Form nicht möglich: Erst die immer umfangreichere Zusammenarbeit ermöglichte es uns Menschen, große Kulturen aufzubauen, unglaubliche Mengen an Wissen anzusammeln und technische Prozesse zu entwickeln, die ein einzelner Mensch nicht mehr verstehen kann.

Mit zunehmender Zusammenarbeit haben sich immer größere Strukturen herausgebildet: Waren es in der Steinzeit Stämme von typischerweise bis zu 150 Personen, entstanden zunehmend größere Gruppierungen, die im 20. Jahrhundert, insbesondere in Europa, Nationen bildeten. Aber auch dies war noch nicht das Ende. Die beiden Weltkriege machten deutlich, dass eine weitere Vergrößerung der Gruppe sowohl wirtschaftlich als auch militärisch und politisch vorteilhaft war: es entstanden Zusammenschlüsse wie die Europäische Union und die Vereinten Nationen.

Heutzutage findet die Zusammenarbeit in nahezu allen Bereichen des Lebens und auf einem äußerst differenzierten Level statt. Es gibt kaum ein Produkt mehr, dessen Produktion nicht auf mehreren Kontinenten verteilt stattfindet; kaum einen Wissenschaftler, der seine gesamte Disziplin versteht; kaum eine nationale politische Entscheidung, die nicht Auswirkungen auf andere Staaten hat. Die Abhängigkeiten und Wechselwirkungen nehmen immer mehr zu. Durch diese zunehmende Komplexität wird es jedoch immer schwerer, Sachverhalte zu verstehen und gute Entscheidungen zu treffen.

Die Ambivalenz des menschlichen Strebens

Die Zusammenarbeit von Menschen beruht unmittelbar auf der sozialen Zugehörigkeit – dies bedeutet jedoch nicht, dass die Zusammenarbeit die soziale Zugehörigkeit unterstützt – zu abstrakt und zu vielfältig sind die Zusammenhänge, als dass hieraus automatisch ein sozialer Konsens oder gar ein Wir-Gefühl entsteht. Teilweise führt die Zusammenarbeit sogar zum gegenteiligen Effekt; beispielsweise, wenn man nur noch ein Mitarbeiter einer großen Abteilung eines riesigen Konzerns ist. Ebenso gibt es jedoch Zusammenschlüsse, bei denen ein neues Wir-Gefühl entsteht: So fühlen sich beispielsweise 70 % aller Bürger der Europäischen Union auch als solche. Ob eine vertiefte Zusammenarbeit die soziale Zugehörigkeit stärkt, hängt also von der genauen Ausgestaltung ab.

Unabhängig davon gibt es jedoch zwei Tendenzen, die sich bei verstärkter Zusammenarbeit in jedem Fall negativ auswirken: Zum einen erschwert eine zunehmende Größe der Gruppe die Identifikation mit dieser, da es schwerer wird, einen gemeinsamen sozialen Konsens und ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Zum anderen führt die durch die Zusammenarbeit entstehende zunehmende Komplexität zu Überforderung: Menschen tun sich zunehmend schwerer, komplexe Sachverhalte, wie die Europäische Union, zu verstehen und werden daher unsicher. Ihr Wunsch nach Abgrenzung nimmt zu: So werden Dinge wieder einfacher und verständlich und darüber hinaus wird durch die Abgrenzung das eigene Selbstwertgefühl gestärkt. Das prominenteste Beispiel hierfür ist der Brexit, der ein autonomes Großbritannien mit einer eindeutigen und identitätsstiftenden Kultur herbeiführen soll. Aus dem gleichen Grund gewinnen populistische Strömungen immer mehr an Zuwachs: Neben vermeintlich einfachen Lösungen bieten die Gemeinschaften ein starkes Wir-Gefühl, welches auf Abgrenzung beruht. Sie versprechen – und sie geben! – den Menschen eine soziale Zugehörigkeit.

Die beiden Prinzipien – der Wunsch der Menschen nach sozialer Zugehörigkeit und die Zusammenarbeit in Gruppen – führen also zu einer Ambivalenz: Wenngleich die zunehmende Zusammenarbeit aus der sozialen Zugehörigkeit entsteht, belastet sie diese teilweise auch.

Dieser Konflikt lässt sich durchgängig in der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts erkennen: Die Gründung der Europäischen Union ist einerseits auf wirtschaftliche Vorteile zurückzuführen, andererseits auf den Wunsch nach einer Gruppenbildung gegen einen äußeren Feind: die Sowjetunion. Ohne diese wären die Abgrenzungen untereinander zu stark gewesen und es wäre kein gemeinsames Wir-Gefühl entstanden. Gleichermaßen wird der Wunsch nach Abgrenzung offen: Hierunter fällt die Ablehnung der Verfassung der Europäischen Union ebenso wie die aktuellen “Unabhängigkeitsbestrebungen“ Großbritanniens, Ungarns, Österreichs und neuerdings Italiens.

Dieser Konflikt prägt Europa grundlegend: Es besteht ein beständiges Wechselspiel zwischen als Gemeinschaft zusammenzuwachsen und sich voneinander abzugrenzen. Prinzipiell scheint die gemeinschaftsstiftende Komponente zu überwiegen – gerade die letzten Jahre machen aber deutlich, dass dies nur bis zu einem Maß zu gelten scheint und dass dies nicht für immer so sein muss.

Zukunftsszenarien für Europa

Was bedeuten nun dieser Konflikt zwischen Gruppenidentifikation und Abgrenzung sowie die langfristig immer umfangreiche Zusammenarbeit für Europa? Es lassen sich drei Szenarien entwerfen, wie sich Europa - und insbesondere die Europäische Union - grundsätzlich entwickeln wird.

Im ersten Szenario verstärken sich die aktuellen Tendenzen: Populistische Gruppierungen, zuerst in Ungarn, Österreich, Großbritannien und Italien, dann auch in anderen Ländern, erschaffen ein Nationalgefühl und grenzen sich immer mehr von einer europäischen Identität ab. Die Europäische Union wird als Feindbild verwendet, verkommt zur Bedeutungslosigkeit und zerfällt letzten Endes.

Im zweiten Szenario erkennt die Europäische Union die Sehnsucht ihrer Bürger nach einer starken sozialen Zugehörigkeit und weiß diese zu nutzen: Sie entwickelt eine eigene Identität, die dieser Sehnsucht genügt. Da ein gemeinsamer sozialer Konsens durch die erstarkenden nationalen Bewegungen schwierig herzustellen ist, nutzt die Europäische Union stattdessen äußere Akteure, um Feindbilder zu erschaffen. Hierfür gibt es reichlich Auswahl: die "rücksichtslos agierenden und Europa im Stich lassenden" Vereinigten Staaten von Amerika, das "streitsüchtige" Russland, das die Welt wirtschaftlich "ausbeutende" China oder die "Menschenmassen" aus Afrika.

Im dritten Szenario erkennt die Europäische Union ebenfalls die Sehnsucht der Bürger nach einer Gemeinschaft und versucht, eine solche zu entwickeln. Im Gegensatz zum vorherigen Szenario baut sie die eigene Identität jedoch nicht auf äußeren Feinden auf, sondern füllt sie mit eigenen Inhalten. Als Fundament dienen die Menschenwürde und, daraus abgeleitet, Demokratie, Freiheit und Solidarität. Darüber hinaus besinnt sich die Europäische Union auf ihre umfangreiche Kultur- und Geistesgeschichte. Da sie weiß, dass diese nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Diversität entstand, versucht sie nicht, eine alles vereinende, sondern eine bewusst pluralistische Identität zu erschaffen: Sie erkennt ihre regionalen Unterschiede und ihre unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen nicht nur an, sondern fördert diese. In der Konsequenz blühen diese auf, profitieren voneinander und es entsteht eine neue kulturelle und geistige Vielfalt. Darüber hinaus nähert sich die Europäische Union ihren Bürgern an: Sie entledigt sich ihres hochkomplexen politischen und bürokratischen Systems und vereinfacht sich, so dass sie für Bürger verständlich und leicht zugänglich ist.

Die dritte Option ist die schwierigste – für die Erste genügt es, weiterhin nichts zu tun und für die Zweite kann zumindest auf äußere Feindbilder zurückgegriffen werden. Für die Dritte muss die Europäische Union hingegen eine starke eigene Identität aufbauen, was insbesondere aktuell auf viele Widerstände stößt. Dafür ist diese Identität, wenn sie existiert, die stabilste: Sie beruht nicht auf etwas Äußerem, sondern auf etwas Eigenem und sie funktioniert nicht durch die Verbreitung von Angst, sondern über innere Erfüllung. Darüber hinaus wird die dritte Option der Tendenz der zunehmenden Zusammenarbeit gerecht, während die Abkehr zu Nationalstaaten einen Rückschritt darstellen würden. Und nicht zuletzt, wohl aber am wichtigsten: Die dritte Option bietet die Chance, die von Europa entwickelten Werte – die Menschenwürde, die Freiheit, die Demokratie und die Unterstützung der Menschen in ihrer Entfaltung – vollständig umzusetzen und eine Gemeinschaft zu erschaffen, die diese Werte in einem Maße erfüllt, wie es bisher noch nie der Fall war.

Es ließe sich einwenden, man könnte bei dem Versuch, die dritte Option einzuführen, scheitern. Dies mag sein – aber, wenn man weiter wie bisher nichts tut, wird die europäische Idee auf jeden Fall scheitern. Egal wie man es dreht und wendet, die Einführung einer humanistischen und den Menschen Zugehörigkeit gebenden Identität lohnt sich!

20:06 26.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Narragoniam

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