Kräftemessen, gar eine neue Radikalität?

Alternative Gesellschaft Sie haben sich eine Stimme gegeben, weil eine Einzelstimme stark genug in ihrer Stille war. Nun belächelt man sie...
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Man beschimpft sie. Manche drohen, andere ziehen sie durch den Kakao und wissen sie natürlich voll manipuliert. Und vor allem beschuldigt man sie als Opfer neuer Hirnwäscher: Die jungen Menschen, die den Protest entdeckt haben.

Und schnell bekamen sie auch prominente Unterstützung. War zuerst nur der Protest da, gesellten sich bald auch die starken Argumente prominenter Wissenschaftler an die Seite, damit sich der nun endlich hoffnungsvoll aufkeimende Protest nicht wieder ins Nichts verflüchtigt… wie so oft.

Nicht wenige reiben sich die Augen. Eine Kanzlerin, die allzu wenig bisher tat, aber die Sache gut findet? Da spätestens setzt bei vielen das kritische Denken ein. Plötzlich Zuspruch von vielen Seiten, der abstrus wirkt angesichts gegenwärtiger und vergangener Fakten- und Beschlusslage.

Noch ist offen, wie lange der Atem sein wird. Offen auch deshalb, weil die Uneinigkeit innerhalb von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik mit scheinbar mächtigen Argumenten, die sich alle als Fakten behaupten, mal untermauert, mal unterhöhlt wird. Es zeigt einmal wieder, wir leben auf dem gleichen Planeten in verschiedenen Welten, mit verschiedenen Wirklichkeiten, verschiedenen Einschätzungen.

Wer immer noch keine Angst hat, ist nach der Anschauung vieler entweder dumm oder ignorant. Egoistisch sowieso, weil Egoismus und Angst sich in bestimmten Konstellationen einfach nicht leiden können. Angst oder Sorge stören jeden Genuss.

Wer Angst hat, so nach anderer Anschauung, ist manipuliert, hirngewaschen, nicht auf dem neuesten Stand der Technik, vor allem nicht der zukünftigen Technik, auf dem man ebenfalls zu sein hat (höre Lindner) und ein unverbesserlicher Spinner aus irgendeiner Ökofraktion.

Kommt es zum echten Kräftemessen?

Sind Jugendliche, die nach Ansicht vieler von nichts eine Ahnung haben, sehr wohl aber eine Vision von der eigenen Zukunft, zäh genug, der Ignoranz der teils Beifall klatschenden Politik so lange zu widerstehen, bis das weiche Wasser den politischen Stein bricht?

Ist es – mit vielen anderen Protestwellen in anderen Ländern zum Teil auch zu anderen Themen – der Anfang eines radikalen Wandels, der nun wirklich einmal von unten, aus dem Volk heraus geboren wird?

Wie lange schauen die Mächtigen, demokratisch legitimiert oder auch nicht, zu?

Ab wann wird es für sie ungemütlich, ab wann wird es für wen gefährlich?

Das Wort "radikal" macht vielen Menschen Unbehagen, manchen sogar Angst. (hier gemeint: von radix - an die Wurzel gehend!) Man will‘s gemütlich. Das Leben ist ja schon für viele hart genug. Für andere aber bereits zu hart. Dabei ist eine gewisse Radikalität oftmals eine unverzichtbareNot-Wendigkeit, wenn man an die Wurzel eines Übels will. Sie ist nicht zu verwechseln mit fundamentalistisch, extrem oder dogmatisch! Auch muss Radikalität nicht zwangsläufig in Gewalt ausarten, wie viele meinen. Zugleich ist vieles Gewalt, das im Gewand der Legimität fröhlich durch unser aller Leben spaziert. Verpasst man die Wurzelbehandlung, verfault der bereits angegriffene Zahn (z.B. der äußerst knapp werdenden Handlungs-Zeit) unter Umständen unter völlig unnötigen Schmerzen, weil man nicht früh genug handelte.

Von „früh“ kann schon keine Rede mehr sein. Von „rechtzeitig“? Selbst das braucht schon eine gute Portion Hoffnung auf: Mut und Zuversicht. Vielleicht ist aber genau diese jungen Menschen noch tiefer ins Blut geschrieben, als all jenen, die es sich derzeit noch halbwegs gemütlich eingerichtet haben und ein drohendes Desaster nur noch eine kurze Zeit ihres Lebens erleben?

Es braucht den Mut, die Zukunft eines friedlichen Zusammenlebens völlig neu denken zu lernen. Alternativen entwickeln, die klein, lokal, aber stark verwurzelt überall wachsen. Keine Majorisierung durch Parteien, sondern eine Durchdringung von Geist, von Weisheit, wie Leben anders als bisher geführt werden kann. Das braucht die Klugheit, das Wissen und die Erfahrung der Alten, ebenso wie eine Abkehr vom derzeitigen Lebensstil für alle. Könner und Wissende, Weise und Helfende gibt es in jedem Dorf, an jedem Ort. Wenn wir einen Wandel wollen, muss er in der Wirklichkeit wachsen dürfen. Je authentischer, nachhaltiger und zäher er sich zeigt, umso kräftiger werden die Früchte ausfallen.

Und was ist mit den Gesetzen? Gesetze sind menschengemacht. Menschen können sich irren. Zustände verändern sich laufend. Also können und müssen sich auch Gesetze verändern bzw. die Urteile über ein Übertreten, wenn es denn richtig ist. Wann ist es richtig? Wenn es dem Ganzen dient, dem Überleben.

Nicht, dass die Jugend, die sich derzeit (noch) freitags Gehör verschafft, das alles schon alleine bewerkstelligen könnte und auch alles schon wüsste. Aber es wäre jetzt (!) eine gute Öffnung, mit ihnen darüber vertieft zu reden, wie man andere Modelle der Zukunft mit welchen Mitteln entwickeln könnte. Gibt es diese Ansätze, die weit über die CO2Emissionsdebatte hinausgeht und ganz neue Lebensmodelle mit einschließt?

Nie war mehr Offenheit bei so vielen jungen Menschen da. Wird sie als Chance verpasst?

Statt Engagement und Interesse zu beschimpfen, sollte man die Jugend das kritische Wahrnehmen lernen.Sie sollen beobachten, genau hinschauen und die Finger in die Wunden legen. Aber sie sollten dabei auch selbst authentisch sein!

Man sollte sie darin schulen, selbstständig zu denken, mutig zu handeln und kluge Entwürfe für die Zukunft mitzugestalten. Junge Menschen sehnen sich nach Werterfüllung. Werterfüllung, wie vielfältig sie ja auch vorkommen kann, ist das Salz des Lebens schlechthin. Dafür aber braucht es eine Lebenswerte Zukunft, die nun auch kritische junge Menschen braucht, die aus eigener Kraft etwas "Neues" entwickeln. Hoffentlich machen sie es besser als ihre Vorgänger.

Und die negativen Eintragungen für Fehlzeiten im Führungszeugnis? Es könnte eine Zeit kommen, wo das Fehlen dieses Eintrages sich nicht besonders gut macht, weil der Eintrag auch als Zeichen gedeutet werden könnte, dass jemand in jungen Jahren schon über seinen eigenen Tellerrand hinauszusehen vermochte und sich fürs Gemeinwohl einsetzte!

17:33 13.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nashira

Ich sprenge Lichtlöcher in meinen Dunkelraum, bewege mich zwischen den Stühlen und verschatte mir das Tageslicht, um schärfer sehen zu lernen.
Nashira

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