Ohnmacht am Großen

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Die Gefälligkeitsdebatten um größere und kleinere Wunscherfüllungen, Vorteile oder Geschenke lässt mich auch darauf schauen, wie es denn bisher war: Seit Menschengedenken gibt der eine dem anderen etwas und erhofft sich dabei einen Ausgleich oder Vorteil. Der Ausgleich ist das Mindeste, auch wenn hier ein wenig Zeit vergehen kann bis er stattfindet. Die Welt soll im Lot bleiben. Der erhoffte Vorteil, dass man durch kleine Zuwendungen letztlich aber dann größere irgendwann erhält, ist für viele das Hauptmotiv, das gern hinter verschleierter Freundlichkeit – manchmal sogar als Freundschaft behauptet – versteckt wird. Fazit: Es war schon immer so – und es ist auch überall in der Welt so. In vielen Staaten schlimmer als bei uns.

Interessant ist, seit wann wir uns kollektiv darüber so aufregen können, seit wann wir diese Kraft und Lust haben – zumal auf einer Ebene, die letztlich von den Beträgen her oftmals lächerlich ist (was nicht das Tun sanktioniert!). Die politischen Gefälligkeiten an Banken, Hoteliers, Weltkonzerne, marode Staaten, die in die Milliarden gehen, nehmen wir tief durchatmend hin. Da können wir eh nichts machen, das ist eine Nummer zu groß. Ist der Zeitpunkt unserer Aufregung eben doch nicht zufällig, sondern korrespondiert mit all den Billionen-Diskussionen, die vielleicht irgendwann mal zu zahlen sind? Schaffen wir uns greifbare Opfer, weil das Ungreifbare sonst unerträglich wird?

Bitte kein Missverständnis: Ich bin nicht für diese Dauerbestecherei, die im Lobbyismus schon immer gang und gäbe ist! – Ich wundere mich nur über den Kraftaufwand, den wir in die „Kleinigkeiten“ stecken und mutmaße, dass es ein (unbewusster/halbbewusster) psychologischer Ersatz für unsere schiere Ohnmacht ist, weil wir gegen den dauerhaften Großbetrug weder gesetzlich, regierungsamtlich aber erst recht nicht moralisch ankommen.

Moral braucht Namen um seelisch auch fassbar zu werden. Üben wir deshalb am Kleinen?

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Geschrieben von

Nashira

Ich sprenge Lichtlöcher in meinen Dunkelraum, bewege mich zwischen den Stühlen und verschatte mir das Tageslicht, um schärfer sehen zu lernen.
Nashira

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