Voll aus dem Ruder gelaufen!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vermutlich passiert es öfter: Man postet ein Thema, das nicht in die Gänge kommt, weil zur falschen Zeit die richtigen Leser am anderen Ort sind. Aber dann kommt im besagten Blog ein neuer Impuls und spontan wird ein neues Thema geboren. So passierte es mit meinem Blog zum Thema „Wachstum – tatsächlich eine alternativlose Formel?“. Das Thema dort nahm seine Richtung zum Phänomen „Zeit“, wofür an dieser Stelle ein neues Blog entsteht. Wer Lust hat,Zeit weiterhin allein alsreine Messeinheitzu betrachten, die letztlich nicht mehr ist als Werkzeug zur Termineinhaltung, Tagesmanagement usw. kann spätestens hiermit lesen aufhören!

Was kann Zeit sonst noch? Oder was können wir selbst tun, wie siesie nutzen, ohne sie lediglich nur zu schrumpfen oder zu dehnen, um bloßes Zeitkapital aus ihr zu schlagen? Gibt es Menschen, die mit Zeit sinnvoll umgehen, was nicht nur eine Behutsamkeit von Terminplanungen meint mit ausreichenden Ruhephasen. Das wäre erst ein zarter Anfang. Menschen, die aufgrund ihres Zeit-Verhältnisses gesünder, glücklicher, zufriedener, harmonischer leben? Nicht die Kategorie von „Lebenskünstlern“ ist dabei gemeint, die vortrefflich zeit-locker mit allem umgeht, aber dies auf Kosten anderer, die ihre Existenz sichern.Gemeint sind Menschen, die das Zeitliche ihres eigenen Seins individuell qualifizieren gelernt haben. Jenen Glücklichen, denen „keine Stunde schlägt“ obschon sie jedoch wie wir alle in die Bedingungen von Hatz, Terminen, Verpflichtungen und Sorgen eingebunden sind.

Was ist Zeit? Zeit ist z.B. die Entfernung von A nach B im Raum oder auch die Bewegung im Raum. Sie ist Messgröße für die Dauer oder denAblauf eines Ereignisses. Sie ist uns weiter als VierteDimension im Zusammenhang der Relativitätstheorie bekannt. Wir kennen auch Zeitzonen auf unserem Planeten und Zeitrhythmen. Soweit die allgemein anerkannte und verkürzte Grunddefinition, wie wir Zeit verstehen. Wenn man tiefer in die Mysterien einsteigt, müsste man die Kausalität oder Akausalität mit hinzunehmen, die unser Zeitmodell neu hinterfragen lässt. Natürlich kann man auch die sechs Zeitpfeile der klassischen Systeme mit untersuchen und die evtl. auch noch zur Sprache kommen. Die Tatsache, dass fast alle alten Kulturen ein anderes Verständnis wie auch ein andere Verhältnis von und zur Zeit hatten, wären weitere Überlegungen, die zum Blog gehören, aber nicht im ersten Beitrag alle abgehandelt werden können. Auch wäre spitzfindigzu hinterfragen, warum Zeit existiert, was das überhaupt soll und sogar, ob sie überhaupt existiert oder eben tatsächlich nur an den Raum und unsere Lebensbedingungen gebunden bleibt. Wenn man das bejahen würde, dann würde sich wiederum die Frage nach dem Leben und Sein anders stellen. Es könnte ein langer Blog werden – aber letztlich spielt die Zeit hierbei keine Rolle, weil sie eh die Hauptrolle inne hat.


Kurz zu unserer Zeitwahrnehmung und unserem Zeitgefühl: Dies hängt u. a. mit unserem Zentralen Nervensystem ebenso zusammen wie mit den individuellen Gefühlen im Zusammenhang mit einem Ereignis (Glück, Angst, Ekstase usw.). Jeder Körper eines Menschen reagiert anders (von blitzschnell bis erstarrt) und erlebt auch bei gleichen Ereignissen unterschiedliche Emotionen. Wir befinden uns dann in einer subjektiv erlebten Zeit, die schön oder grausam sein kann. Eventuell auch beides zur gleichen Zeit. Interessant sind dabei aber hier nicht allein die Gefühle, sondern die Tatsache, dass man durch die Gefühle eben ein anderes Zeitempfinden erhält. Minuten oder Stunden können quälend langsam vergehen oder wie im Fluge. Für die Lebensqualität macht es einen enormen Unterschied. Damit auch für die Potenz, die innerhalb einer Lebensqualität ermöglicht wird. Vergeht Zeit subjektiv empfunden quälend langsam, so wird dies in aller Regel einhergehen mit einer verminderten Leistung(sbereitschaft). Vergeht Zeit wie im Fluge, ist es in der Regel so, dass der Mensch sich in einem schöpferischen Prozess befindet. Völlig egal, ob er an einem Kunstwerk bastelt, beim Bügeln schöne Musik hört oder sich anschickt, Einstein zu erweitern. In beiden Fällen, wo Zeit langsamer oder schneller als „normal gemessen“ abläuft, ist der Mensch in aller Regel „nicht ganz bei sich“ (ist er es je?). Im positiven Falle (z.b. bei schöpferischen Tätigkeiten) ist er oftmals so mit der Sache verquickt, dass er sich „ganz vergisst“… natürlich vergisst er auch die Zeit, den Ablauf, die Dauer. Er wird quasi zur Sache selbst. Vergeht Zeit aber quälend, sind Angst, Sorgen, Bedrohung usw. im Spiel. Hier wird die destruktive Seite subjektiver Zeit erlebt. Diese beiden kleinen Beispiele, die jeder kennt, zeigen, dass wir alle wie betäubt unter einem Zeitdiktat leben, lieben und leiden aber in aller Regel kaum bewusst ihre innewohnende Qualität erfassen, geschweige denn schon dirigieren und leiten. Das Sprichwort „Die Zeit heilt Wunden“ stimmt. Das erleben wir alle, wenn wir uns an alte Schmerzprozesse erinnern, die uns nichts mehr anhaben können. Aber es war eben nicht der starre Ablauf von Zeit, der uns gnädig ins Vergessen oder nachträgliche Verharmlosen katapultierte, sondern das, was innerhalb der Zeit letztlich geschah: Verarbeitung, Veränderung. Zeit steht insofern elementar für Veränderung. Das aber realisieren wir im Zeitablauf des Alltags ebenfalls nicht bewusst, sondern nehmen es taub hin. Die Heilung, die stattfand, hinterfragen wir nicht groß, sondern sind bestenfalls dankbar dafür, dass sie eintrat. Versteht man aber die Zeit (und die damit einhergehenden Veränderungen) von Grund auf tiefer, so können solche Heilungsprozesse schneller geschehen. So hat man Zeit auf eine ganz andere Weise gewonnen, nämlich der Qualität nach! Man ist einfach weniger lang problematisch mit einer alten Sache belastet und hat seine Kräfte für Sinnvolles zur Verfügung.

Jeder hat seine einzigartige und unverwechselbare Zeitqualität. Sich darüber zu verständigen ist ähnlich schwierig, wie die Liebe oder die Freiheit zu erklären. Es lässt sich nicht in Begriffsdefinitionen einfangen, sondern man kann sich gemeinsam maximal nur annähern. Insofern ist ein solcher Blog über die Zeit auch nicht nur allein kognitiv zu lesen, sondern unbedingt auch intuitiv. Die Mischung macht es am Ende, ob man gemeinsam weiter kommt und sich der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit von Zeit ein wenig mehr angenähert hat, als sie nur stoisch ungenutzt ablaufen zu lassen.

Wenn wir von Zeitqualität sprechen, meinen wir damit, dass uns Qualitäten im Leben und eben im Zeitkontext fühlbar begegnen. Sie drücken sich in Gefühlen und Körperreaktionen aus – oder auch in Finanztransaktionen oder der Gartenernte. Häufig also auch in Handlungen, wenn der Impuls der Qualität stark genug war. Zeitqualität ist die Wiege neuer Ideen. Sie wird zum Geburtsakt des Schöpferischen, das sich nun im Raum entfalten darf.Es gibt dabei positive und negative Qualitäten, die erlebt werden. Von einer Qualität kann man aber erst dann sprechen, wenn eine Nachhaltigkeit empfunden wird. Denn letztlich hat natürlich jede Sekunde ihre eigene Qualität. Nur das bekommen wir in aller Regel nicht so genau mit wir sind derzeit noch zu abgelenkt, zu beschäftigt, zu grob dafür. Derzeit scheint es den meisten Menschen so, als ob die erfahrene Zeitqualität doch zu einem recht großen Teil auch auf Glück oder Pech beruht – unter Beachtung vorheriger Maßnahmen, mit denen man ein Ereignis ansteuerte oder auch beeinflusste. Einige wenige Wissensgebiete haben sich dem Zeitphänomen durchaus schon gewidmet. Dazu später Beispiele. Das alles ist jedoch noch rudimentär und lange nicht interdisziplinär. Hier greift mal etwas oder dort ein richtiger Ansatz – aber derzeit eben noch nach dem Gießkannenprinzip. Was es braucht ist eine wissenschaftliche Fragestellung, die in der Lage ist, Zeit offen zu betrachten und sie dabei auch komplett und neu infrage zu stellen. Man kann dies auch privat und als Laie tun und sich der Zeit/Zeitlosigkeit meditativ nähern. Das Hirn in gewissen Arealen dabei ein wenig zurückzufahren könnte hilfreich fürs Weiterkommen sein. Denn natürlich hat die Sache mit der Zeit elementar mit unserem Bewusstsein zu tun! Wenn es um die eigenen Erfahrungen geht, ist man frei, auch ohne wissenschaftliches Korsett sich ins leibhaftige Experiment zu schmeißen. Voraussetzung: Man traut sich selbst und seinen Erfahrungen, ist/wird nicht übergeschnappt bei scheinbar merkwürdigen, aber dennoch ausschließlich ganz natürlichen Dingen, die lediglich ungewohnt sind! Dann kann man auch selbst loslegen. Die Wissenschaft jedoch flankierend an der Seite zu haben, brächte enorme Vorteile, weil sie uns im Laufe der nächsten Generationen interdisziplinäre Geheimnisse und Zusammenhänge erklären könnte, die unsere eigenen Experimente dann vielleicht noch viel sinnvoller machen. Es mag auch sein, dass es schon viel mehr über all diese Dinge gibt, die uns oder mir lediglich noch nicht bekannt sind.

Die gesuchte Formel für den optimalen Zeitpunkt könnte in etwa lauten: Wann ist warum etwas gut oder schlecht? Wann ist warum etwas mit wem und was zu koppeln, damit ein nachhaltig positives Ereignis/Erlebnis usw. daraus entsteht. Wer nun sagt: Die Zeit selbst kann keine Qualitäten haben, denn der Mensch ist es, der sie ihr ja erst gibt, hat Recht. Aber er hat insofern heute nur bedingt recht, als wir eben einfach zu wenig über die nicht genutzten Qualitäten wissen, die mit dem Faktor Zeitablauf und Zeitqualität plus unserer eigenen Zutat korrespondieren. Abläufe und Ereignisse finden nicht nur in der Natur, unserem Körper, unserem Wirtschaftsleben statt, sondern auch im Rechtsleben, in der Physik, der Biologie, der Mathematik, der Politik. Es gibt kaum Bereich des Lebens, wo Zeit(in gewisser Weise) keine Rolle spielt… außer in Meditation, Gebet, Stille oder Versenkung. Macht man es richtig, glätten sich während solcher scheinbar Zeit enthobenen Zustände nach und nach die erlebten Zeitfalten wie in eine ewige Fläche. Die Empfindung von verklumpter Zeit geht zurück, es löst sich alles auf. Für eine kurze Zeit. Ist man in diesen Dingen begabt oder bewandert, kann dieser Zustand eine gewisse Dauerhaftigkeit bekommen und das Leben neu bestimmen. Daraus ergeben sich andere Prioritätensetzungen, wo Zeit eben nicht nur intelligent gemanagt wird, sondern man ein gesteigertes Empfinden dafür bekommt, wie man im Jetzt (für manche die einzige Form von Zeit/Nichtzeit) den individuell optimalen Standpunkt findet. Da ist das Zentrum, der Kraftpunkt, der Kern. Das ist in keiner Schule zu lernen, sondern nur im und am Leben selbst durch eigenes Erüben von Kraftmomenten, die natürlich eine gesteigerte Wahrnehmung brauchen. Jene Art von Wahrnehmung, wie sie fast jedem gesunden Menschen auch auf natürliche Weise zugänglich ist, wenn er sich nur darum ernsthaft bemüht. Es braucht kein Zauberbrimbramborium und keine übersinnlichen Anlagen. Die sinnlichen reichen vollkommen aus. Die jedoch sind zu verfeinern.

Würden nun ausreichend viele Menschen dieses Konzept der Zeitqualität individuell umsetzen und in den Alltag integrieren, würde sich alles verändern. Unser Stress, der uns zwar als krankmachend längst bekannt ist, würde tatsächlich nicht mehr toleriert werden. Derzeit gibt es darüber nur verlogene Scheindiskussionen, ohne wirkliche Änderung, will man den Daten der Krankenkassen glauben. Zeit müsste (auf neue moderne wissenschaftlich gestützte Art) mit natürlicher Rhythmik gekoppelt werden. Dazu gehören u.a. Herzkreislauf, Sonne und Mond, Musik, die Jahreszeiten, der Takt, Ebbe und Flut und tausend weitere alltägliche Ereignisse, die wir einfach so „hinnehmen“, ohne ihnen ihr Geheimnis für eine Qualitätsnutzung zu entlocken. Kombiniert man aber z.B. Herztakt mit Musik (das gibt es schon!) werden völlig andere Botenstoffe in Gang gesetzt als statt man sich irgendein Gefetze hört. Unruhige Kinder, die so behandelt werden, könnten Ihnen einiges erzählen. Schaffen wir ein Zurück zum richtigen Takt, werden nach und nach viele Probleme und deren Finanzierungen gelöst. Es gilt für die ausgemergelte und vielfach vergiftete Landwirtschaft genauso wie für die Unruhe eines Kindes, die Beschallung von Pflanzen oder Wasser und tausend anderen Dingen. Es betrifft alles. Aber dafür gibt es einfach noch keine ausreichend gezielte wissenschaftliche Fragestellung und Forschung, jedoch überall kleine Anfänge. Fordern mehr und mehr Menschen solche intelligenten Forschungen, sprechen und schreiben öffentlich darüber, kann es (wie damals mit den ökologischen Themen!) zu einem Umdenken kommen. Dann gibt es auch Forschungsgelder und offene Politiker und Geldgeber. Solche Wünsche müssen laut, stark, oft, argumentiert und nach draußen getragen werden.

Hätten wir alle die Chance, von Kindesbeinen an durch bereits kluge geschulte Eltern die Geheimnisse der Rhythmik zu lernen, hätten wir viel mehr Erlebnisse von positiver Zeitqualität, die wiederum auf unsere Gesamtlebensqualität zurückschlägt – ebenso wie auf unsere Talente, Kräfte, Wünsche und Gesundheit. Eine win-win-Situation für alle. Die Sorge, dass mit intelligenter Nutzung von Zeitqualität unsere Probleme ruckzuck erledigt wären, erübrigt sich. Nicht nur, weil eine solche Forschung Generationen braucht, um sich zu verfeinern, sondern auch, dass wir gegen unsere eigenen Grundsätze und unser Wissen schrecklich gern und häufig verstoßen. Es bleibt noch genügend Raum für Irrtümer, Schwächen, Krankheiten, Dummheiten und sonstigen Unsinnigkeiten, mit denen wir die Dritte Dimension füllen, während die Vierte uns müde zulächelt.


Das Mächtigste auf der Welt ist eine Idee,
deren Zeit gekommen ist.

Victor Hugo (1802-85)

… und sei es die Idee, dass der alte Begriff der Zeit langsam ausgedient hat!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nashira

Ich sprenge Lichtlöcher in meinen Dunkelraum, bewege mich zwischen den Stühlen und verschatte mir das Tageslicht, um schärfer sehen zu lernen.
Nashira

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