Wenn ich einmal alt bin ...

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Was machen Sie im Alter? Sagen wir so zirka ab Mitte Sechzig aufwärts. Die es schon sind, können real darüber schreiben. Diejenigen, denen es noch bevorsteht, könnten sich aus guten Gründen Gedanken darüber machen. Wie will man leben? Denn je öfter man intensiv an die eigenen Wünsche denkt, umso mehr streben sie nach Leben und wollen Realität werden.

Mich interessiert, wie die „Alten“, die hier den „Freitag“ lesen, jetzt schon leben! Washaben sie tatsächlich verändert, das grundsätzlich anders ist als früher? Wurden Träume verwirklicht? Oder blieb der Traum ein Traum, weil dann doch Kraft oder Motivation oder Geld fehlten, als man zeitlich endlich konnte!

Mich interessiert aber auch, wie sich die noch-nicht- „Alten“ sich im Jetzt bereits diese eigene Zukunft einmal vorstellen. Ich poste meine derzeitigen Vorstellungen hier ebenfalls.

Versuch einer kleinen Serie unter dem Motto:

„Wenn ich einmal alt bin …“

Wenn ich einmal alt bin - … dann werde ich unser Haus lebendig „bestücken“.

Jeweils zwei Künstler aus zwei völlig unterschiedlichen Sparten werden für je drei Wochen während der vier Jahreszeiten eingeladen, eine intensive Zeit hier bei mir zu verbringen. Ein neues Umfeld für einen neuen Schaffensimpuls und einen lebendigen Austausch. Man darf mitarbeiten oder sein eigenes Ding machen. Die Freiheit steht als Überschrift. Der große Garten bietet je nach Jahreszeit wunderbare Köstlichkeiten. Nahe der Streuobstwiesen am Rande eines Dorfes darf der Genuss zur sinnlichen Freude auch für den Gaumen werden. Von einem gluckernden, gurgelnden Bach bewohnt, schenktder Boden zahme und wilde Erdbeeren, Blaubeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren, Travertiner Trauben, Brombeeren, Pflaumen, Rhabarber, Äpfel, Birnen, Kiwis, Pfirsiche, Kirschen süß und rot. Salate aller Art, Gurken, Zucchini ein reichhaltiger Kräutergarten, Holunderblüten, Nüsse – alles jeweils zu seiner Zeit – auch locken ebenso wie Aprikosen oder die süßen winterharten Shiva Kakis aus Fernost und vieles mehr, das man essen, lieben, genießen kann. Es will jedoch auch gehegt und gepflegt sein. Die Künstler mögen es besingen, malen oder einfach nur in den Mund stecken. Sie mögen es auch behacken und beharken, bewässern und beschwören, wenn sie nicht gerade dem Zauber der eigenen Kunst erliegen, die Vorrang hat. Hin und wieder besucht uns ein Eisvogel, Dauergäste sind wilde und zahme Tauben, Rotkehlchen, Spatzen, Amseln, Bienen, zwei Eichhörnchen, Iltisse - tja und auch die Maulwürfe und Nacktschnecken, die mich herausfordern.

So klein der Bach ist, er ist gesund. Die Quelle nur wenige Kilometer oberhalb. Wasserasseln und Bachflohkrebse, Insektenlarven eine sich hin und wieder zeigende kleine Schlange (vermutlich eine Ringelnatter). Sommers kommt das Bier in den Bach. Am Etikett zeigen sich die Bachbesucher in voller Pracht. Sie werden sorgfältig abgewaschen und dürfen sich in ihre Nischen verkriechen. Prost! Ein kühles Blondes aus dem Bach ist köstlich bei über dreißig Grad! Kreuzottern, Echsen und Rudel von Wildsäuen und Rotwild sind 15 Fußminuten Kilometer weiter anzutreffen. Wer reiten möchte: bitteschön, Ställe sind nebenan! Und gleich zwei weitere Reiterhöfe in der Nähe.

Im Herbst toben hin und wieder heftige Winde durch die mächtigen Fichten, die ihre neugierigen Zweige weit über 20 m hoch in den Himmel strecken und unten das geschlagene Holz für die beiden Kamine beschirmen. Drei Jahre Trockenzeit verordnen wir uns selbst der Umwelt zuliebe. Sieben bis zehn Festmeter für die Öfen sind jährlich zu schlagen. Dies im Dezember oder Januar, wenn auf das selbst gemachte Sauerkraut zurückgegriffen wird, das Wildbret, den selbst gebrannten Hochprozentigen, mal mit Nüssen, mal mit Holunderblüten oder Beeren und das frische Brot. Wollen die Gäste gerne selbst mal ran: Wohlan! Man kann seine Muskeln beim Axtschwingen testen, die Apfelpresse bedienen und auch der Traktor erfordert eine gewisse Geschicklichkeit auf den Waldwegen.

Sonne und Ruhe. Oder Wind und Getöse. Oder Schnee und Vollmond. Oder Regen mit Bogen. Jede Jahreszeit ist schön. Jeder Tag, jede Nacht, wenn man die Schönheit nur sucht.Kein Durchgangsverkehr. Nebenan der Dorfteich. Nicht einmal Gardinen braucht es.

Später einmal werde ich so leben wollen. Es soll ein Impulsgarten werden. Alles soll Takten mit der Natur. Wechselnde Besucher, die ihr Schönstes bringen – ihre eigene Authentizität – natürlich auf der Basis sozialer Reife. Schnittstellen undfruchtbare Überschneidungsknoten wird es geben. Für kurze Zeit den Atem eines anderen Lebens atmen. Instinkte neu beleben, Antriebe verstärken und abends hin und wieder todmüde ins Bett fallen. Muskelkater vielleicht bei Ungeübten, satt angereicherte Sauerstofflungen. Körperstellen spüren, die man vergessen hatte oder Hirnareale, die auch noch ganz anderes als das Gewohnte denken wollen. Satt an allem. Erfrischt und mit neuen Geistesblitzen durchtränkt. Der Platz ist da, die eigene Kunst darf sich entwickeln, selbst wenn sie ruht oder sich mit neuen Schwingen erhebt. Und immer wieder zurück zur Natur eines natürlichen Alltags, wo das Holz gespalten, die Erde umgegraben sein will. Die Tomaten wollen begossen, der Feldsalat ausgesät, das Essen bedankt, der Tag gelobt, die Nacht gesegnet und die Träume von den Sternen durchwebt werden.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nashira

Ich sprenge Lichtlöcher in meinen Dunkelraum, bewege mich zwischen den Stühlen und verschatte mir das Tageslicht, um schärfer sehen zu lernen.
Nashira

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