Primawandel

Der Klimawandel als Chance für eine gerechtere Welt.
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Wenn ich darüber nachdenke in was für einer Welt ich leben möchte, dann ist es vor allem eine gerechte. Eine, in der Einkommen und Vermögen global gerecht verteilt sind, in der jeder Mensch Zugang zu Grundnahrungsmitteln hat. In der alle Formen von Geschlecht, Sexualität, Herkunft und Kultur toleriert, in der die Grenzen der Natur respektiert und keine Lebewesen unter grausamsten Bedingungen gehalten, gequält und getötet werden. Eine, in der eine plurale Ökonomie dem Wohl der Weltbevölkerung dient, anstelle einer globalisierten Ökonomie, die Untertan eines schrumpfenden Prozents der Weltbevölkerung ist und brutaler Herrscher über den Rest.

Meine Vorstellung einer guten (oder einer besseren) Welt verlangt das scheinbar Unmögliche: Ein alternatives Wirtschaftssystem, eins, das regionaler, sozialer und ökologischer, das nicht menschenverachtend, unehrlich, intransparent umwelt- und gesundheitsschädlich ist. Ich fordere eine Alternative für ein als alternativlos geltendes Konzept, eine Alternative, die etwas anderem dient, als einem inhaltslosen Wachstumsparadigma, dessen Erfüllung immer höhere Kosten und Risiken birgt.

Viele würden diese Forderungen wahrscheinlich als links bezeichnen. Gerade der globalisierungskritische Wunsch nach einer Veränderung des Wirtschaftssystems, welche keine weitere Deregulierung des bald gänzlich freien Weltmarktes zur Folge haben soll, wird in der Regel als linke Utopie abgetan;Befürworter des Kapitalismus verweisen auf den „enormen Zuwachs an materiellem Wohlstand“ und auf die weltweiten Fehlversuche sozialistischer Planwirtschaften, welche den Kapitalismus seit den frühen 1990er Jahren als diescheinbar einzig praktikable Wirtschaftsordnung etabliert haben.

Ich möchte diese Forderungen und deren Wertgrundlage nicht als links bezeichnen und auch sonst keiner politischen Strömung zuordnen. Die Stigmatisierung von Werten in politische Richtungen vereinfacht und tarnt diese unter der Haube einer dazugehörigen Ideologie, welche vielleicht grundlegend andere Ziele und Prinzipien verfolgt. In meinen Ohren klingt so eine Stigmatisierung außerdem immer ein wenig wie eine Verharmlosung. So, als wären da wieder die altbekannten Forderungen der sozialistischen Linken, die dem modernen Menschen seinen hart erarbeiteten Wohlstand klauen wollen.

Doch eine Verharmlosung gründet immer auch auf Etwas: Sie gründet auf Angst, denn Dinge, die nicht gefährlich sind können gar nicht verharmlost werden. Dies bedeutet, dass Menschen, die die Forderungen nach Verteilungsgerechtigkeit und Achtung von Lebewesen und Umwelt stigmatisieren und verniedlichen, sie entweder nicht verstanden oder ein Riesen-Ego haben. Oder sie haben Angst. Angst auf Etwas verzichten zu müssen, Angst um ihre Privilegien. Sie fürchten um ein System, dass momentan ihren Wohlstand garantiert. Den Wohlstand, den die Entwicklungsländer seit jeher auf ihrem Rücken tragen und unter dessen Last sie wohl in absehbarer Zeit zusammenbrechen werden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine beträchtliche Anzahl Menschen gibt, die den Kapitalismus als vorherrschende Wirtschaftsordnung in Frage stellen. Weil sie sich tagtäglich für den Wohlstand der Industriestaaten abarbeiten, weil sie nach etwas Unerreichbarem streben, weil der Kapitalismus die Weltbevölkerung entmündigt hat und weil die zusehends radikalere Ausbeutung der Natur uns und unsere Kinder sehr bald zur Krisenintervention zwingen wird (falls dann noch interveniert werden kann).

Zu dieser Anzahl Menschen müssten zumindest die 99 Prozent der Weltbevölkerung zählen, die unter der herrschenden Wirtschaftsordnung leiden, während der eine privilegierte Prozent, welcher durch das steigende Bevölkerungswachstum immer kleiner wird, wahrscheinlich noch immer alle guten und unverzichtbaren Seiten des freien Marktes auswendig aufsagen kann (offenbar beträgt der Anteil dieser 99 Prozent am globalen Vermögen nämlich genauso viel wie der Anteil des übrigen Prozents).An dieser Stelle würden jetzt sicher einige (Kapitalismus-)Optimisten einwerfen, dass der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, stetig sinkt und heute nur noch 10 Prozent beträgt. Doch warum überhaupt irgendjemand in einer Welt, in der es derart obszönen Reichtum gibt, in extremer Armut leben muss, fragen sie sich nicht.

Wegen dieser gegenwärtigen Zustände möchte ich die Forderung nach einem gerechtigkeitsfördernden Wirtschaftssystem nicht politisch stigmatisieren, sondern vielmehr als positiven Wandel bezeichnen: Weil sie der Mehrheit dient und einem verschwindend geringen Teil der Weltbevölkerung den Irrsinn austreibt.

Und hier liegt der Kern des Problems: Es gibt keine aussagekräftigen, keine positiven Argumente, die für diesen Wandel sprechen. Jemandem auf Basis von normativen Werten und Gerechtigkeitsvorstellungen eine moralische Gehirnwäsche verpassen zu wollen zählt (leider) nicht zu den Vorhaben, die allgemeine Anerkennung in der internationalen Gemeinschaft finden. Im kapitalistischen System überzeugt man schon lange niemanden mehr mit Gerechtigkeit und Moral, deren Verständnis so weit auseinander reicht, wie die globale Einkommensverteilung: Von null bis 40 Milliarden. Es gibt einfach keine Argumente, die nicht wert-gebunden sind. Bis jetzt.

Der Klimawandel leidet unter medialer Paradoxie: So brisant, so akut er ist, desto weniger wird über ihn berichtet. Doch anstatt über die Ursachen für die sich jedes Jahr überbietenden Temperaturrekorde zu berichten, wird sich hauptsächlich auf die positiven Seiten der Erderwärmung beschränkt. Die Tagesschau berichtete im Februar noch fröhlich über einen milden Winter, dank dessen die Wirtschaft ausnahmsweise mal wieder steigende Börsenwerte verzeichnen konnte.

Die Klimaforschung zeichnet leider ein anderes, besorgniserregendes Bild: Sollten sich die Treibhausgasemissionen der Weltwirtschaft innerhalb der nächsten 14 Jahre nichtstabilisiert haben und anschließend sinken, wird das 2°-Ziel, welches im Abkommen der jüngsten Klimakonferenz in Paris vereinbart wurde, verfehlt.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des International Panel on Climate Change der Vereinten Nationen machen sehr deutlich, dass eine solche Erderwärmung von mehr als 2° Celsius bis 2100 katastrophale Folgen für Umwelt und Lebewesen mit sich brächte. Dazu zählen zum Beispiel der immense Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen von Gletschern und Landeismassen (was wiederum für die Bewohner von Inselstaaten und Küstenregionen den Verlust ihrer Lebensgrundlage bedeutet), die Versauerung der Ozeane (was den Tod unzähliger Meereslebewesen und damit den Verlust der Nahrungsgrundlage vieler anderer zur Folge hat) und die starke Zunahme von Extremwetterereignissen, wie Dürren oder Überschwemmungen.

Doch ich will mich nicht zu sehr in Zahlen und Fakten verheddern, wenn die einzig wichtige Information doch so kurz und knapp wiedergegeben werden kann: Der Klimawandel wird katastrophale Auswirkungen haben und wir alle, die unser 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, werden es miterleben. Und all die, die sich der Problematik bewusst sind, werden sich genauer überlegen müssen, ob es noch verantwortungsvoll ist, in diese, unsere Welt ein Kind zu setzen. Spätestens an dieser Stelle entfaltet der Klimawandel sein volles Potenzial.

Dort, wo der Wohlstand und Reichtum der „entwickelten“ Länder (wie definieren wir eigentlich entwickelt? Zum Konsum erzogen? Verfechter einer alternativlosen Ideologie?) stets unangetastet und von vielem verschont geblieben ist, gefährdet der Klimawandel die Lebensgrundlage früher oder später genauso, wie überall anders auf der Welt. Tatsächlich scheint dies aber nicht die größte Gefahr zu sein, die vom Klimawandel ausgeht. Nun könnte man sich fragen, was denn wohl schlimmer sein mag, als die Bedrohung der eigenen Existenz und der aller anderen Lebewesen? Ein rational denkender Mensch würde hoffentlich antworten: „nichts“.

Im Verhalten der internationalen Staatengemeinschaft (dieses beugt sich natürlich den mächtigen Ländern) spiegelt sich aber vor allem eins wider: Der Kapitalismus scheint so wertvoll zu sein, dass man ihn um jeden Preis (und wenn es nun um die Existenz aller Lebewesen geht, ist es wirklich jeder Preis), retten muss. Die hoffnungsvolle Fokussierung auf eine Transformation der Wirtschaft in eine Green Economy gilt als die Lösung des Klima-Problems und möglicherweise kann eine solche Transformation sogar funktionieren. Doch erneut wird die wichtigste Frage nicht gestellt: Wieso würde irgendjemand (außerhalb des einen Prozents) den Kapitalismus retten wollen, wo er doch alle bereits aufgezählten Attribute aufweist? Er hat den Menschen mit seinen Versprechungen von Schönheit, Erfolg, Reichtum, Glück und der geheuchelten Kontrolle all dieser Dinge benebelt, um ihn jetzt zu unterdrücken und mit ihm alle anderen Lebewesen. Und all das, gesteuert aus den mittleren und oberen Führungsriegen und Marketingabteilungen vieler Unternehmen, wahrscheinlich häufig ohne es überhaupt zu bemerken.

Doch nur, weil die Verfechter des Systems die Augen vor einem möglichen Ende dessen verschließen (oder es gar nicht erst sehen), bedeutet dies nicht, dass es keine Chance auf Veränderung gibt. Sie wird nur noch nicht von der breiten Masse diskutiert, obwohl es ohne Zweifel eine breite Masse gäbe, die diese Veränderung diskutieren könnte.

Es ist an der Zeit, den Klimawandel nicht weiter in die Ökologie- oder Umwelt-Rubriken abzuschieben. Dafür ist er erstens zu bedrohlich und zweitens zu wertvoll. Der Klimawandel ist womöglich das stärkste Argument für einen gesellschaftlichen, politischen und allem voran wirtschaftlichen Wandel, dass eine Bewegung jemals vorzubringen hatte. Er hat die macht, die Weltwirtschftsordnung zu transformieren; die großen Akteure der Wirtschaft zur Kurskorrektur zu zwingen. Dafür müssen aber auch Menschen da sein, die diese Kurskorrektur einfordern, sonst manifestiert sich die verpasste Gelegenheit zur Etablierung gerechterer globaler Strukturen in einer Wirtschaftsordnung, die zwar grün aber noch immer ungerecht, unsozial und inhuman ist. Nur, dass wir dann wieder keine Argumente mehr haben.

Es scheint fast, als würde uns der Klimawandel uns Umdenken auffordern. Er erinnert daran, dass der Mensch nur ein Teil dieser vielfältigen, faszinierenden und atemberaubenden Welt ist und nicht ihr Herrscher. Er macht deutlich, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum eine Utopie ist und diese Erde auf der wir leben dürfen, selbst entscheidet, wann es ihr genug ist. Die Erde interessiert es nicht, ob sich das Klima verändert. Die einzigen, die es interessieren sollte, sind wir.

Jetzt fehlt nur noch die Bewegung zum Argument.

01:47 11.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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