SchokoTaler

Finanzplatz Die Angst der Deutschen vor der neuen Währung - gestern, im Supermarkt, hat sie mich umstellt: Vor, neben, hinter mir in jedem Einkaufswagen prangten ...

Die Angst der Deutschen vor der neuen Währung - gestern, im Supermarkt, hat sie mich umstellt: Vor, neben, hinter mir in jedem Einkaufswagen prangten riesige Gläser, die mit goldenen Plastikdeckeln "1-Deutsche Mark, 1948-2001" eine enorme Menge brauner Masse unter Verschluss halten, genau 1,95583 Kilogramm. Umrechnungskurs zum unendlichen Auskosten. "Die Mark geht, der Euro kommt - Nutella bleibt" beruhigt uns ein Plakat.

Die Familien mit ihren Monstergläsern sehen aus, als sei das ihr letzter Trost. Als hätten sie all ihre "Schlafmünzen" in den glücksversprechenden Schokoschmaus investiert. Ich stelle mir vor, wie sie zu Hause ihre letzte, süße, zähfließende Mark in Hüftpolstern anlegen, wochen-, monatelang. Wie sie, rundweg traurig, erleben werden, dass der Euro noch da ist, und die Nutellacreme zur Neige geht ... "Möchten Sie nicht auch Danke DeeMark sagen?" Eine zarte blassblonde Verkäuferin streckt mir so eine Nutellahantel entgegen. "Nein, ich will nicht!", wage ich natürlich nicht zu sagen, nehme das Glas in den Arm und flüchte zur Kasse. Noch einmal die harte Währung in süßes Vergnügen wechseln, wer weiß, was kommt.

Geldwechselei kennt man ja schon. Nichts, so hatte mir einmal jemand aus dem Westen gesagt, habe in der DDR so mickrig gewirkt wie das Zahlungsmittel: die federleichten Münzen, die grauen Scheine. Spielgeld für Knackis. Als es dann aber im Juli 1990 achtlos weggeworfen über die Straßen flatterte, wäre ich beinah noch hinterhergelaufen. Zehn-, Fünfzig-, Hundertmarkscheine, die in der Sonne leuchteten: uneingelöste Schecks für´s karge Paradies der kleinen Dinge.

Nicht eine Banknote der hehren DM wird heute in den Wind geschrieben. Einstige Fahrkarten und Chips in die echte Warenwunderwelt schmeißt man nicht so einfach auf die Straße. Zwar wird die D-Mark plattgemacht, doch lässt sie sich recyceln. Und kein Fitzelchen geht uns verloren.

Eine bis ins letzte Detail ausgeklügelte Geldvernichtungs- und weiterverarbeitungsmaschinerie ist in Gange. Da werden etwa die Silbermünzen von "Decoinern" dermaßen tief gefurcht und plattgewalzt, dass kein noch so ausgeleierter Zigarettenautomat mehr auf sie hereinfallen würde. Gänzlich verunstaltet wandert die ehemals harte Mark in riesigen Kisten zur "Verwertungsgesellschaft bundeigener Güter" und wird dort, zusammen mit ausgedienten Panzerteilen, eingeschmolzen, - frei nach dem Motto: "Ich war eine Weißblechdose".

Den Scheinen steht kein besseres Schicksal bevor. Zunächst: schreddern. Kleingehäckselt, in Streifchen und Staub aufgelöst. Die "Kohle" ist bestens geeignet zum Kohlenanzünden oder als Rohmaterial für erinnerungsträchtiges Briefpapier. Sogar zur Herstellung von Edelgasen werden die einst so zahlungsmächtigen Scheine verwendet. Im "Sekundärverarbeitungszentrum Schwarze Pumpe" nämlich verwandeln sich die von zig Händen immer wieder betasteten, gefalteten und wieder glattgestreiften Wertpapiere aus Berlin und Brandenburg in Methanol. Vorzügliche Vorlage für Lacke, Farben und Harze.

Wir kennen die wundersame Begegnung mit einer neuer Währung, wir kennen auch das Umrechnen: Da mögen wir noch so viel aus einem 1,95583-Kilogramm-Glas löffeln, rechnen werden wir doch 2:1. Darin sind wir - seit 1990 - schon geübt.

Nicht so geübt im Halbieren ist der indische Restaurantchef bei mir um die Ecke. Er macht sich Sorgen. Wer wird Millionär zählt zu seinen Lieblingssendungen. Und nun raunt er, während er mir das Tandoori-Chicken serviert: "Nur noch halb so viel ... Wissen Sie, dass wir nur noch halb so viel Millionäre haben werden, wie jetzt ...". Ob etwa die Griechen künftig nur noch auf den dreihundertvierzigsten Teil ihrer millionenschweren Mitbürger werden stolz sein können, darüber mag er erst gar nicht nachdenken. Mit großen Augen starrt er mich an und ich nicke schnell, beruhigt über die unveränderte Tandoori-Portion. Schließlich habe ich sie satt, die ganze D-Mark-Abschiedsduselei. Der Euro ist schon o. k., aber diese Nutellabombe, die muss ich jetzt loswerden. Der erste Penner, der mich anraunzt: "Haste ma ne Mark", wird sein braunes Wunder erleben.

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