NilsBerliner
04.12.2016 | 10:09 7

Die Wurzel der Wut

Neoliberalismus Von der Arroganz der Linken & Liberalen und den berechtigten Sorgen "der Menschen"

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied NilsBerliner

Die Wurzel der Wut

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Seit dem Aufstieg der Populist*innen in der Welt und dem Aufstieg eines vermutlich neuen Faschismus, wird die Ursache für dieses Versagen der Demokratie gern bei der Arroganz der Linken und Liberalen gesucht. Diese Diagnose scheint zu einem Teil berechtigt zu sein.

Natürlich darf nicht von einem Elfenbeinturm herab übermoralisiert werden. Ich selbst verwendete in diesemArtikel noch einen solchen universalen Moralbegriff, den ich heute nicht mehr so benutzen würde. Selbstverständlich ist Moral nicht universell, sie wird individuell, beziehungsweise gesellschaftlich diskutiert und normiert.

Unsere Werte: ein Erbe unserer Geschichte

Leider wird bei dieser Diskussion über Arroganz häufig nicht beachtet, dass sich unsere Gesellschaft aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts heraus, selbst unveränderbare Regeln, beziehungsweise unantastbare Grundsätze der Moral, gegeben hat. Regeln, die in ihrer Unantastbarkeit definiert wurden und über die heute auch nicht mehr diskutiert werden und hinter die nicht mehr zurückgetreten werden darf. Schränkt das die Pluralität der Meinungen ein? Zum Teil, denn es gibt präventive Maßnahmen, die einer erneuten Abschaffung der Demokratie mit demokratischen Mitteln vorbeugen sollen. Nachdem unsere demokratische Ordnung in Deutschland, die Umgestaltung in eine Diktatur, den Ausbruch eines Weltkriegs, mehrere Genozide, Massenvernichtungen und letztendlich sogar den Holocaust legitimierte, einigte sich unsere Gesellschaft auf die Form einer wehrhaften Demokratie.

So hat sich unsere Mehrheitsgesellschaft aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts heraus, Regeln gegeben, hinter denen (aus unsere historischen Verantwortung heraus) jede heute stattfindende ethische Diskussion ansetzen muss. Es mag nun arrogant erscheinen, Diskussionen mit Menschen, die einen Standpunkt vor dieser Selbstbeschränkung vertreten, abzulehnen. Ich halte es dennoch für unabdingbar für eine Diskussion, die auf eine gesellschaftliche Verbesserung hin orientiert ist, sich auf diesen gemeinsamen Stand der Diskussion zu einigen, von dem aus individuell konservative, liberale, libertäre oder progressive Ideologien und Meinungen ansetzen können. In Deutschland betrifft dieser Stand eindeutig die Kernaussagen des Grundgesetzes: die Einhaltung der Menschenrechte und die Definition der Staatsbürgerrechte, die Unantastbarkeit der Menschenwürde, der Schutz vor Diskriminierung, die Freiheit der Wissenschaft und der Kunst, das Recht auf freie Meinungsäußerung und der Sozialstaat sind einige dieser wichtigen Punkte. Menschen, mit denen ich mich auf diese Punkte nicht einigen kann, sind eindeutig nicht Teil dieser Gesellschaft und mit Diesen scheint eine zukunfts- und gemeinwohlorientierte Diskussion auch sinnlos. Nicht, weil unsere Argumente von einem objektiven Standpunkt aus besser wären, sondern weil wir eindeutig nicht dieselbe Sprache sprechen und unsere Argumente von einem unausweichlichen Relativismus befallen wären.

Probleme ansprechen: zwischen Hass und Elfenbeinturm

Wir dürfen zwar unter keinen Umständen den Hass der "Bürger*innen" übernehmen, die die Abschaffung dieser fundamentalen Werte verlangen. Das dürfen wir definitiv nicht! Immer wieder wird behauptet, wir würden die Menschen nur wahrnehmen, wenn wir den Hass und die Ablehnung übernehmen oder respektieren. Was wir dringend tun müssen, um diese Menschen wahr und ernst zu nehmen, ist die Ursachen dieser neuen faschistoiden Strömungen untersuchen, die diesen Hass auslöst.

Schon bevor die ersten faschistischen Strömungen an die Macht gebracht wurden, hat Antonio Gramsci das Problem erörtert. Eine seiner Theorien besagt zusammengefasst, dass der Faschismus ein Mittel ist, um zu erreichen, dass ein Großteil der Bevölkerung gegen seine eigenen Interessen wählt.

Wie unter anderem das WSI in seiner Langzeitstudie darstellt, ist anzunehmen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderdriftet und die soziale Durchlässigkeit, also die Aufstiegschancen der Armen und Ärmsten stätig sinkt. Daraus folgt, dass immer mehr Kapital und damit Macht, bei immer weniger und den immer gleichen Menschen(gruppen) liegt. Alters- und Kinderarmut, soziale Ausgrenzung und neofeudalistische Zustände sind die Folge. Eine zunehmende top-down Verbreitung des Glaubens an eine aktivierende Sozialpolitik, die davon ausgeht, dass nicht gesellschaftliche Zusammenhänge, sondern individuelles Versagen der Auslöser von Armut sind, taten ihr Übriges. Sie taten ihr Übriges, um eine Angst vor sozialem Abstieg zu verbreiten. Es folgte, dass sich die Angst davor etablierte, in einer Gesellschaft zu verlieren, die sich in erster Linie durch Kapital und wirtschaftlichen Erfolg definiert. Etablierte Werte einzig und allein im Interesse der Arbeitgeber*innen und der bestehenden wirtschaftlich und sozial Stärkeren.

Aus der großen Ungleichheit und der sich daraus ergebenen Ungerechtigkeit, die die Mehrheit der Gesellschaft betrifft oder sich im Falle eines angenommenen Versagens betroffen wähnt, müsste sich eigentlich das Interesse für eine gerechte Umverteilung (von oben nach unten) ausbreiten. Selbst wenn es dieses Bewusstsein für Gerechtigkeit (wie wir es zum Beispiel in John Rawls' Theory of Justice finden) nicht bestünde, müssten wir annehmen, dass die Mehrheit, die weniger besitzt als eine Minderheit, schon aus rein egoistischen Motiven an einer Umverteilung von oben nach unten interessiert wäre.

Als Mittel, um diese Wahrnehmung der eigenen Interessen zu verhindern, sieht Antonio Gramsci den Faschismus. Die Ursache für die eigene Armut oder für die Gefahr der eigenen Armut wird von denen, die viel zu viel haben abgelenkt und auf einfache Feindbilder und Sündenböcke heruntergebrochen. Einfach gesagt: Es wird nicht die Person als schuldig identifiziert, die nichts vom viel zu großen Kuchen abgeben will, sondern die Person, die hungernd noch zum Kuchen hinzukommt. Abgelenkt wird diese Angst dann auf die Benachteiligten der Gesellschaft: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus, Antiziganismus und Antisemitismus sind die Folge.
Diese Diskriminierungen müssen übrigens in keiner Weise geplant oder bewusst gefällt sein. Wer Menschen in Armut sieht, sich selbst allerdings seinen Besitz als 'verdient' unterstellt, muss zwangsläufig die Schuldigen für das Elend der Mehrheit woanders suchen, denn niemand übt gern Selbstkritik.

Die Menschen, die diesen Ideen folgen, sind natürlich nicht als dumm oder minderwertig zu betrachten. Stigmatisierungen sind Teil unserer Kulturen (und vielleicht sogar unserer Biologie), seitdem es Machtstrukturen gibt. Sie haben sich so weit in unser Alltagsleben eingebrannt, dass es mit einem gehörigen Aufwand verbunden ist, diese aufzudecken und zu durchschauen. Dass es bis heute noch nicht gelungen ist, ein hinreichendes Bewusstsein für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu etablieren, ist ein dividuelles Versagen unserer Gesellschaften. Sie werden immer wieder in Filmen, Theaterstücken, Musik, Musikvideos, Büchern, Museen, im Fernsehprogramm, in Zeitungen und Computerspielen reproduziert.

Neoliberalismus: der Kern der neuen (alternativen) Rechten

Brandaktuell scheint diese Erkenntnis zu sein, wenn man sich die Programme der aktuellen faschistoiden Parteien anschaut. Es scheint uns nun kein Zufall mehr zu sein, dass alle diese Parteien neben Sexismus, Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus und/oder Klassismus auch oder vielleicht sogar in erster Linie eine neoliberale Wirtschaftspolitik einfordern. Immer werden diese Parteien vor allem von bestehenden wirtschaftlichen Eliten gegründet und unterstützt. In Deutschland wird dies besonders durch die starken aristokratischen Strukturen in den betreffenden Organisationen deutlich. Alle diese Parteien der sogenannten "Neuen Rechten" zeichnen sich durch ihre starke Zugehörigkeit zum Establishment aus (auch wenn dies abgestritten wird), die Veränderungen, wenn nur im Sinne von Restaurationen im Programm haben.

Wir müssen diese Sorgen der Bürger*innen ohne Arroganz wahrnehmen, jedoch müssen wir sie auch richtig interpretieren. Nichts wird besser, wenn wir den einfachen Lösungen der neurechten Parteien nachlaufen und die nur zu kurz gedachte Wut aufgreifen. Nach unten zu treten, löst keine tiefer gehenden politischen Probleme, sondern löst sie, wenn überhaupt nur kurzfristig und verlagert die Probleme auf andere und nachkommende Generationen.

Wer den Steuerhinterzieher seines Fußballvereins liebt und den Syrer hasst, löst keine Probleme, sondern reproduziert sie ausschließlich.

Die faschistoiden Ideen und den Hass zu kopieren bietet keine Lösung, eigene Lösungen müssen her und dafür bietet unsere liberale Geschichte und unsere Verfassung gute Ansätze. Die bereits angesprochene Theory of Justice, eines der wichtigsten Dokumente für die liberale Denkrichtung, bietet einige Überlegungen. Nach ihr sind Ungleichheiten nur dann gerecht, wenn sie dazu dienen, „die Position der am schlechtesten Gestellten zu maximieren“. Also nur, wenn Ungleichheit als Anreiz dient, um die in der schlechtesten Position besser zu stellen, ist sie auch gerecht. Es ist bezeichnend, dass die Demokratie und unsere Vorstellung der Gewaltenteilung in dem Moment versagt, in dem wir Abstand von den Grundsätzen unseres Sozialstaates nehmen. Ursachen hierfür sehe ich in der Etablierung einer aktivierenden Sozialpolitik, der Harz 4 Reform und die Vernachlässigung des Ausbaus einer progressiveren Steuerpolitik im kurz gedachten Interesse von Minderheiten, beziehungsweise verschuldet durch die Arroganz über die eigene Leistung dieser Minderheiten.

Drei Erkenntnisse:

Nach dieser Ausführung bleiben mir drei Erkenntnisse:

  1. "Die Sorge" der Menschen ist die Angst vor Armut, sozialer Ausgrenzung und Machtverlust.
  2. Ohne gerechte Umverteilung wird der Faschismus aus den Köpfen: der Rassismus, der Sexismus, der Antiziganismus, der Antisemitismus und der Klassismus nicht verschwinden. Denn: die die Macht über andere haben, werden immer versuchen die Wut dieser auf andere Sündenböcke umzulenken.
  3. Mit Umverteilung allein, ist dem Faschismus, der sich über viele Generationen in unser Hirn brannte nicht beizukommen. Viel zu häufig fallen mir bei mir selbst Strukturen auf, in denen ich in Strukturen einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit denke. Nur ein aktives Erkennen, Benennen, Bekämpfen und die Bereitschaft zu einer offenen Kritik, sowie zur Selbstkritik, wird den Faschismus oder faschistoide Strukturen auch aus unseren Köpfen entfernen.

Aus meinem Blog: www.nilsberliner.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (7)

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Ehemaliger Nutzer 04.12.2016 | 12:02

Diese Moral, sie ist nichts weiter als der Ausdruck einer allgemeinen Sättigung von Gier, entsprechend den herrschenden Bedarfstrieben!

Dort wo die Triebe, noch nicht von der Gülle manigfaltiger Bedarfstrigger einer Ökonomie des Wahnsinns in nie enden wollende Pfade der Maßlosigkeit in die Engramme eingepflügt, gerieren sie eine soziale Kompetenz, die keiner universellen Moralpredigten bedürfen.

In der "modernen" Gesellschaft hingegen, wurde aus dem Trieb, ein anerzogenes Samelsurium von seltsam, ja widerlich anmutenden Bedürfnissen, die uns zu einer destruktiven Masse transformieren!

Die wenigsten Menschen in den westlichen Konsumhorden können sich diesem Wahn entziehen!

Der Millionär hat keinerlei Moral was seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung betrifft - (es gibt natürlich unter Millionen einige Dutzend Ausnahmen....).

Der gewöhnliche Massenkonsument hat keinerlei Moral was seine globale Verantwortung betrifft

Die in Armut lebenden Konsumbettler, sie stehen nicht weit entfernt von jenen Milliarden Elenden, die keine Verantwortung mehr zu tragen vermögen, da sie als marginalisiertes Leben schlicht nicht mehr sind, als eine lästige Horde, derer man sich doch am liebsten über Nacht entledigte.

Nein, da gibt es keine Moral, was da oben so theoretisch formuliert wird, es entspricht nicht der Realität!

Dort wo Macht ist, herrscht sie unerbittlich zu Gunsten jener, die sich clever und hemmungslos alles aneigenen, was diese modernen Giertribe des hedonistisch, materialistischen Wahns so gebären - dort wo Ohmacht wütet, wütet der Neid, der Hass und die Gier, selbst doch bitte morgen auch ins Nest der irren Großkonsumenten schlüpfen zu dürfen.

Wir leben in Zeiten von absoluter Absurdität jeglicher menschlicher Moralvorstellungen, so wie wir sie uns erträumten oder formulierten.

Das Gesetz gilt nur für jene die es sich nicht leisten können, es zu ignorieren!

Kaum ein Mensch wäre bereit, endlich einen Schritt zurück zu treten, sich zu besinnen und in sich ernsthaft das soziale, mitfühlende und nicht destuktiv, sondern symbiotisch handelnde Wesen zu suchen und dies auch real zu leben!

Wie lebst z.B. Du?

Welche Ansprüche stellst Du an Dein materielles Leben?

Woher glaubst Du, kommen die Mittel, die Dir diese Dinge anbieten, woher nimmst Du die Mittel, bzw. erhälst Du die Kaufkraft, Dir diese Mittel zu erstehen?

Der arme Schwule in einem Slum wird erschlagen!

Die arme Frau wird von Angestellten der reichen Chefin vergewaltigt!

Das arme Kind wird von Freunden des kultivierten Philantrophen zu Tode geschunden!

Die Welt der Menschen ist eine Mördergrube, in der die Lakaien der Reichen die Ärmsten fressen, hoffend nicht selber gefressen zu werden! Da gilt keine Moral, es ist schlicht letztlich das primitive Gesetzt das den Stärkeren über den Schwachen erhebt!

Einzig, dort wo die Horde satt und bequem ihren Dienst verrichtet, dort scheint die Moral lebendig, doch wer mir dort nur ein stimmiges Beispiel nennt, in dem die Allgemeinheit sich nicht gegen schwächere Gruppen wendet, um für sich einen schändlichen Vorteil zu erhaschen, dem höre ich nur zu gerne zu! Ich kenne kein Beispiel!

sch123 04.12.2016 | 17:33

Guter Text. Keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse, aber klar und differenziert diskutiert. Insbesondere ist die Ehrlichkeit des Autors zu loben, dass er die Ansätze zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auch in seinen Gedanken findet. Es ist ein tief verankertes psychologisches Muster: die Angst vor dem Fremden/der anderen Gruppe und die resultierenden Muster wie Ablehnung, Abwertung, Feindseligkeit etc...

Es kann also vorkommen, dass wir gedanklich in solche Muster verfallen. Diese Affekte zu erkennen und selbstkritisch zu hinterfragen, und freilich sich ihnen nicht hinzugeben ist dann die Frage des Anstands.

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Ehemaliger Nutzer 07.12.2016 | 21:59

"Leider wird bei dieser Diskussion über Arroganz häufig nicht beachtet, dass sich unsere Gesellschaft aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts heraus, selbst unveränderbare Regeln, beziehungsweise unantastbare Grundsätze der Moral, gegeben hat. Regeln, die in ihrer Unantastbarkeit definiert wurden und über die heute auch nicht mehr diskutiert werden und hinter die nicht mehr zurückgetreten werden darf."

Leider ist diese Behauptung durch nichts belegt. Mehr noch: Die behaupteten Grundsätze der Moral sind nie unveränderlich gewesen. Sie werden laufend überprüft und variiert, ob es um sexuelle Normalität, Sprachtabus und Bewertungen alltäglichen Verhaltens geht.

Als Gegenposition zu der Behauptung, die heutigen Grundsätze und Regeln seien unantastbar, man dürfe über sie nicht mehr diskutieren - allein diese Forderung ist absurd -, scheint mir absehbar, dass gesellschaftliche Regeln weiter modifiziert werden, und zwar nicht in eine Richtung. Es schient mir wahrscheinlicher, dass es Pendelbewegungen zurück gibt.

Reinhold Schramm 09.12.2016 | 07:51

Wann werden diese (privaten) sozioökonomischen Eigentums- und Vermögensverhältnisse in Deutschland ernsthaft diskutiert:

»In Deutschland leben derzeit 123 Milliardäre – fast drei mal so viele wie im Nachbarland Frankreich: Dort sind es gerade einmal 46. Mehr Milliardäre als in Deutschland leben nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, China und Großbritannien. Das geht aus einer Statistik des Londoner Datendienstleisters Wealth-X hervor.«

Wann kommt es hier zu einer nachhaltigen Enteignung dieser persönlich leistungslosen Ausbeutungs-, Raub- und Privatvermögen und deren Überführung in Gemeineigentum?

Richard Zietz 10.12.2016 | 13:44

Die Analyse mag aus der hohen Überblicks-Warte herab sicher ihre Richtigkeit haben. Auf den Klassenhass (nach dem Motto »Eure Armut kotzt uns an«), der auf die Unterschicht derzeit herabprasselt sowie die Ausgrenzung und den rechten Generalverdacht, dem alle außerhalb der Eliten und politisch Korrekten derzeit ausgesetzt sind, liefert er allerdings keine praktikable Antwort.

Ist erlebte Verachtung ein Moment, dass sich politisch materialisieren kann? Sicher – erst mal fühlen sich Verachtung, Herablassung, Ausgrenzung Sch**** an. Doch man sollte nicht vorschnell Schlüsse ziehen. Auch beim SPD-Wahlkämpfer oder der CDU-Kandidatin – also dem herkömmlichen Politikern des Typs, den wir jahrzehntelang kennen – ist von Verachtung der Unterklassen auszugehen. Der Politiker weiß es, die Unterklassen wissen es – und trotzdem wählten sie Systemparteien (meistens: die SPD). Why? Neben der ein oder anderen sozialen Wohltat (die im alten Jahrtausend noch drin war) war die Wahl des SPD-Politikers für Angehörige der unteren Schichten vor allem eins: erträglich. Man wußte zwar um die Verachtung – und die gute Miene, die man bei Abgabe der Wahlstimme zu derselben machte. Da sie jedoch nur höchst selten offen geäußert wurde, konnten beide Seiten letztendlich ihr Gesicht wahren.

Aktuell ist die Situation eine vollkommen andere. Die einzige Partei, die derzeit nach diesem Erfolgsrezept verfährt, ist die AfD. Bei den anderen ist »Klassismus« zwischenzeitlich in einem Ausmaß »en vogue«, dass man sich unwillkürlich an die Praktiken der Nazis erinnert sieht. Auch hier könnte man natürlich sagen: »Na und? Das schenkt sich nichts. Die wählen ja sowieso alle AfD.« Auf der zweckrationalen Ebene mag diese Einschätzung vielleicht eine gewisse Richtigkeit haben. Allerdings trägt sie nicht dem Moment Rechnung, dass große Teile der Unterschichten, Prekären, sozial in Bedrängnis Stehenden nicht AfD wählen, zum Teil sogar dem eigenen (politisch eher links sich verortenden) Milieu nahestehen. Frage hier ist: Wie wird die Wahlentscheidung in dieser Teilmenge ausfallen – wenn die, die sie wählen sollen, ihre Verachtung derart offen zelebrieren? Und die einzigen, die diese Verachtung nicht zelebrieren, die sind, die sie explizit nicht wählen sollen?

Mit einem Satz: Respekt ist das Zauberwort. Ein Aspekt, den Sie bei Ihrem nächsten Artikel zum Thema mit berücksichtigen sollten. Auf dass er noch besser werde ;-).

denkzone8 10.12.2016 | 14:03

ver-achtung ist doch das primäre-oder?

achtung wird erworben.

das vor-urteil ist das gegebene,das urteil verlangt

mehr infos,abwägung.

hass aufs jammernde volk(eure armut kotzt mich an)

ist die einstellung der vermögenden

(wissenden,wirtschaftlich-erfolgreichen)

gegen die un-vermögenden(un-wissend-ungeschickten loser).

die früher auch den sündigen,schlecht-prädestinierten

zugerechnet wurden von denen,

die in der gnade des herrgotts waren.

und wer am rand des prekariats, richtig von der rolle war,

denen galt der verdacht auf korrumpierbare agenten-schaft.

-->lumpenproletariat,sozialer boden-satz,ab-schaum.

ein horror-phantom,

das m.e. nie so wirk-mächtig war wie die abstiegs-bedrohten.