"Stuttgart 20" oder die Frage nach dem Fortschritt

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In den Protesten gegen technische Großprojekte steckt mehr Klugheit, als Industrie und Politik lieb ist. Vor allem steckt in ihnen viel von den Gedanken Ernst Friedrich Schumachers.

Seit Wochen beschäftigt der Protest gegen "Stuttgart 21" die Republik. Die Befürworter des Projekts haben ihn anfangs ignoriert, das ging dann aber irgendwann nicht mehr, also bekamen die Demonstranten eins auf die Mütze, aber noch immer ist keine Ruhe. Da ist es konsequent, dass man nun die Legitimität des Protestes selbst in Frage stellt: zum einen, weil hier eine Entscheidung demokratisch gewählter Organe nicht akzeptiert werde, zum anderen, weil eine notwendige Modernisierung verhindert werden solle.

Am eloquentesten hat sich hier kürzlich in der FAZ der ehemalige Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Thomas Löffelholz, in die Bresche geworfen. Der gemeine Stuttgarter Bürger könne kaum "Sachgerechtes" zu dem komplexen Bauvorhaben beitragen. Ergo: "Hier müssen – auch in einer Demokratie - die Bahn, das Eisenbahn-Bundesamt und die Verkehrsminister samt den Fachleuten entscheiden." Wenn immer die Anlieger das letzte Wort hätten, gäbe es keinen Fortschritt mehr.

Zum Verdruss der Bürger über den Zustand einer Demokratie, in der Investoreninteressen zunehmend das Allgemeinwohl verkörpern, ist andernorts viel geschrieben worden. Empfehlen kann ich hierzu Colin Crouchs Buch "Postdemokratie".

Mich beschäftigt eher die Frage, ob "Demokratie von unten" tatsächlich per se gegen technischen Fortschritt ist.

Löffelholz und andere haben auf den ersten Blick einen Punkt, wenn sie sagen, dass kaum ein größeres Infrastrukturprojekt ohne massiven Widerstand bleibt. Ob Windparks, Atommüll-Endlager, neue Stromtrassen, CO2-Einlagerung – überall scheint das St.-Florians-Prinzip zu gelten: "Bitte nicht in meiner Nachbarschaft." In Hamburg gibt es gar eine Bürgerinitiative gegen den Bau einer Straßenbahn, die ja eigentlich als ökologisch ziemlich korrektes Nahverkehrsmittel gilt.

Aber ist wirklich immer das St.-Florians-Prinzip am Werk?

Ich habe da meine Zweifel. Viele rebellierende Bürger sind alles andere als borniert und uninformiert. Dass etwa in den Reihen der Stuttgart-21-Gegner kein ausreichender Sachverstand vorhanden sei, ist billige Propaganda.

Wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass sich der Widerstand vor allem gegen technische Großprojekte regt. Gegen Projekte, die den Entwicklungspfad des 20. Jahrhunderts fortschreiben, der für Zentralisierung, Kontrollsysteme und wirtschaftliche Machtzusammenballung steht.

Die neuen Nord-Süd-Stromtrassen sollen Offshore-Windstrom von der Nordsee oder Solarstrom aus Nordafrika ins Kernland transportieren. Beides sind Varianten erneuerbarer Energien, die angesichts der Investitionsvolumen nur vom Big Business bewältigt werden können. Der kürzlich – viel zu früh – verstorbene Hermann Scheer hat zurecht sowohl Offshore-Windparks als auch das Desertec-Projekt kritisch betrachtet, weil er nicht nur Technologien an sich betrachtete, sondern immer auch den wirtschaftlichen Kontext, in dem sie umgesetzt werden.

Auch die CO2-Einlagerung ist nur ein Reparaturvorhaben einer fossilen Energiepolitik, die nicht zukunftsfähig ist. Der Widerstand gegen die Bauvorhaben der Atomkraft war aus demselben Grund immer schon rational. Denn meines Erachtens ging es zuletzt darum, für alle Zeiten ein Endlager zu verhindern, sondern erst einmal darum, die Entwicklung in einem frühen Stadium zu stoppen - natürlich wird man um ein Endlager nicht drumherum kommen.

Der deutsch-britische Ökonom Ernst Friedrich Schumacher hat in seinem Bestseller "Small is beautiful" die Frage gestellt, die viele Proteste umtreibt: "Was leistet die Technologie, und was sollte sie leisten? Können wir eine Technologie entwickeln, die uns tatsächlich bei der Lösung unserer Probleme hilft – eine Technologie mit menschlichen Zügen?"

Die Antwort war für Schumacher eine "mittlere Technologie" (intermediate technology): dezentral, ökologisch, sparsam mit Ressourcen und vor allem im Dienste des Menschen. Schumacher schrieb dies 1973.

Danach gab es zwei größere technische Neuerungen, die zumindest teilweise seine Kriterien erfüllen: die Solarenergie und das Internet. Interessanterweise hat sich gegen keine der beiden je massiver Widerstand geregt. Das dürfte auch daran liegen, dass sie eine verteilte Struktur haben. Ihre Apparate sind nicht von einer Größe, die die Menschen überwältigen würde. Und sie werden beide nicht von zentralen Instanzen kontrolliert.

Mehr noch: Sie werden auch von den Deutschen begeistert genutzt, obwohl die doch angeblich so technikfeindlich seien. Auch diese Behauptung ist Unsinn. Der Stuttgarter Techniksoziologe Michael Zwick betonte kürzlich auf einer Veranstaltung, dass empirische Studien immer wieder zeigten, dass die Deutschen ein überaus positives Verhältnis zur Technik haben – positiver als in den meisten anderen Industrieländern.

Vielleicht betrachten die Deutschen Technik doch häufig differenzierter, als manchen Interessengruppen aus Politik und Industrie lieb ist. Am Ende des Tages geht es nicht nur um die konkreten technischen Vorhaben und simplen Eigeninteressen, sondern auch ganz wesentlich um ihren Kontext. "Stuttgart 21" ist für viele Bürger in seinen Ausmaßen eher ein Kind der Technokratie des 20. Jahrhunderts. "Stuttgart 20" wäre wohl passender gewesen, hätte aber nicht nach Fortschritt geklungen. Um den geht es aber – gerade auch den Gegnern.

Dieser Text wurde auch im Blog von Technology Review veröffentlicht.

11:39 24.10.2010
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Geschrieben von

nbo

Journalist, Technikbeobachter, Lomunaut, Recht-auf-Stadt-Aktivist.
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