Wikileaks' vulgäre Vorstellung von Transparenz

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Die State-Logs-Affäre von Wikileaks sei nun in die Phase eines Infowars getreten, lesen wir: EveryDNS deaktiviert die Hauptdomain wikileaks.org nach massiven DDoS-Angriffen, Amazon kündigt Wikileaks die bislang genutzten Web Services wegen "Vertragsverletzung". Und John Perry Barlow von der Electronic Frontier Foundation ruft auf Twitter zu den Waffen: "The first serious infowar is now engaged. The field of battle is WikiLeaks. You are the troops."

Auf den ersten Blick scheint alles klar: David Julian Assange kämpft gegen Goliath USA. Jetzt sind wir als Netizens gefragt.

Sind wir das? Nein. Julian Assange kämpft einen eigenen Infowar, der von niemandem legitimiert wurde. Diese Herangehensweise entspricht nach allem, was man von ihm lesen kann, auch nicht seinem Weltbild. Für ihn legitimiert sich Wikileaks selbst – durch den Nutzen seiner Veröffentlichungen.

Nutzen uns die State Logs? Auch nein. Wie US-amerikanische Politiker über andere Denken, ist keine politische Frage. Das ist Polit-Klatsch.

Die Dokumente zum Afghanistan- und zum Irak-Krieg waren sinnvoll: Sie dokumentierten Rechtsbrüche, von denen zu wissen im Interesse einer demokratischen Öffentlichkeit ist. Das lässt sich von den State Logs allenfalls hinsichtlich der Bespitzelungsversuche von UN-Mitarbeitern behaupten. Der Rest ist gut orchestrierte Wikileaks-PR in eigener Sache.

Assanges Vorstellung von Transparenz entpuppt sich in den Interviews, die er gegeben hat, als eine vulgäre Vorstellung. Transparenz ist schon, wenn zuvor verschlossene Dokumente einsehbar sind. Mehr nicht.

Eine grundsätzlich politik-theoretische Begründung fehlt. Dabei gäbe es sie: Man könnte z.B. rätetheoretisch argumentieren, dass alle Amtsinhaber/Delegierten sämtliche Arbeitsvorgänge transparent machen müssen, an ein imperatives Mandat gebunden sind. Die Veröffentlichung der State Logs könnte dann Teil einer grundsätzlichen Kritik an der repräsentativen, nationalstaatlich verfassten Demokratie sein.

Assange hat derartiges nicht im Sinn. Im Forbes-Interview am Montag erklärte er: "WikiLeaks is designed to make capitalism more free and ethical." Er bezeichnet sich selbst als Markt-Libertären. Und so spielt er das Wikileaks-Spiel denn auch exakt nach den Spielregeln der neoliberalen Medienwelt. Skandale (Prinz "Peinlich" Andrew) generieren Aufmerksamkeit, Masse suggeriert Bedeutung (250.000 Dokumente!). Mit jedem Scoop muss die Dosis erhöht werden.

Dass ihm John Perry Barlow zur Seite springt, sollte auch niemanden überraschen. Seine "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" von 1995 hatte nur wenig Emanzipatorisches, sondern entsprang vor allem der kalifornischen Ideologie.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Idee einer Whistleblower-Plattform im Netz gegen staatliche und ökonomische Macht (und deren Missbrauch) ist zeitgemäß, notwendig und sinnvoll.

Aber eben nicht als One-Man-Infowar, nicht als Gegen-Macht. Wikileaks sollte seine Operation für einige Zeit einstellen, überdenken, dezentralisieren, d.h. regional anbinden und in irgendeiner Form zu legitimieren versuchen. So wie jetzt wird es zur Farce.

Die war wohl schon in der Entstehung angelegt. Ich empfehle jedem, die Kritik von John Young von Cryptome.org von Januar 2007 zu lesen. Young schrieb, kurz bevor er wutentbrannt aus dem Wikileaks-Projekt ausstieg, dessen US-Anmelder er sein sollte:

"BTW, the biggest crooks brag overmuch of how ethical their operations are. Avoid ethical promises, period, they've been used too often to fleece victims. Demonstrate sustained ethical behavior, don't preach/peddle it."

Und kam am Ende zu dem Schluss: "Wikileaks is a fraud." (7.1.2007, am Ende des Threads)

Dafür sollte sich keineR von uns als "Truppen" missbrauchen lassen.

16:22 03.12.2010
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Geschrieben von

nbo

Journalist, Technikbeobachter, Lomunaut, Recht-auf-Stadt-Aktivist.
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