Volksuber

Disruption: VW plant in Hamburg den Test eines Fahrdienstes in Uber-Art. Taxiunternehmer würden ruiniert, Fahrer arbeitslos.
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Der VW Konzern hat eine Tochterfirma gegründet, so eine Art Volksuber. Und weil es um „Mobilität“ geht, lautet der Name folgerichtig MOIA, eine phonetische Synthese aus "Mo" und "ia" - Mobilität und dem Laut, den ein Esel macht. Warum auch immer.

Sie wollen so etwas wie Sammel-Taxi-Fahrten anbieten, zuerst für umsonst, dann zu einem Dumping-Preis und später - mal sehen.

Für eine 4-jährige „Testphase“ hat der VW-Konzern 300.000.000 € bereit gestellt, in Worten 300 Millionen Euro. Im Herbst gehts los. Erst 20, dann 100, dann sollen es 1.000 VW Busse sein, natürlich elektrisch. Nur für Hamburg.

Es geht so

Über eine App bestellt man eine Fahrt, bekommt eine „virtuelle Bushaltestelle“ angezeigt, zu der man hingeht, um dann in einen VW-Bus zu steigen und zwar idealerweise „just in time“. Dort sitzen ggf. schon andere Fahrgäste, man steigt wieder aus wenn die „virtuelle Bushaltestelle“ in der Nähe seines Ziels erreicht ist. Gegen einen Aufpreis kann man sich aber auch exklusiv von Tür zu Tür fahren lassen - ganz wie bei einem echten Taxi!

Cool, oder?

Wenn alles nach Plan läuft sind spätestens am Ende der 4-jährigen Testphase 75% der Taxifahrer arbeitslos und die Betriebe ruiniert. Niemand überlebt es, wenn sein Konkurrent das gleiche kostenlos anbietet.

Macht nichts, oder? Müssen die Taxifahrer halt MOIA fahren, oder? In VWs Antrag auf Genehmigung bei der Hansestadt Hamburg erfüllen Menschen als Fahrer jedoch nur einen vorläufigen Zweck, ähnlich wie die Affen in dem Experiment. Später sollen die VW-Busse autonom fahren. Autonomes Fahren ist schließlich immer noch die heiße Scheiße des Jahrtausends.

Gesetze

Natürlich läuft selten alles nach Plan und es gibt auch ein paar störende Gesetze.

Taxis dürfen keine Rabatte anbieten und keine Mondpreise aufrufen, sondern nur den Tarif. Busse müssen Bushaltestellen anfahren und den Fahrplan einhalten, Mietwagen dürfen nur als ganzes vermietet werden und nicht nur einzelne Sitzplätze. Und sie müssen zum Betriebssitz zurückkehren und dürfen nicht nebenbei Taxi spielen.

Ist klar, oder? Vielleicht nicht jede Nuance, aber jedes dieser Gebote sendet eine Idee von seinem Sinn mit. Man kennt das aus anderen Bereichen: Frühstückseier liefert das Huhn und nicht die Schildkröte, Sekt ist kein Champagner, Butter ist keine Margarine und Quäse ist aus Quark.

Welche Gesetze?

Verkehrsrecht, Wettbewerbsrecht, Mindestlohn, STVO, PBefG, BOKraft.
Welche Gesetze gelten jetzt für ein "innovatives Mobilitätskonzept"? Alle? Keine? Neue? Wie immer ist das eine Frage von wirtschaftlichen Interessen und die Politik ist zuständig für Ausgleich zu sorgen - aber dazu später.

Uber hat es mit der Brechstange gegen die Politik versucht und ist in Deutschland gescheitert. VW jedoch versucht es durch die Hintertür. Im Antrag zur Genehmigung ihres hamburger Vorhabens gibt sich VW/ Moia brav und verspricht sich an alle geltenden Gesetze und Vorschriften zu halten. Wie glaubhaft ein Versprechen des VW-Konzerns im Zusammenhang mit Gesetzen ist, lässt sich gerade ganz gut einschätzen, Stichwort: Dieselabgaswerte.

Gleichzeitig versuchen die Lobbyisten von VW jetzt schon im Vorwege, hinter den Kulissen, die wichtigsten gesetzlichen Hindernisse ausser Kraft zu setzen. Raffiniertester Trick bisher: Die Stadt erklärt dass Taxiverbände und Zentralen von VWs Versuch sie zu ruinieren "nicht betroffen" wären, weshalb sie - schwupps - vom Rechtsweg ausgeschlossen sind. Nur wer von etwas "betroffen" ist, darf auch dagegen klagen. Es müsste sich also ein einzelner Taxiunternehmer aufraffen, gegen VW anzutreten.

Und das sind nur die Sachen, von denen man weiß. Und natürlich hat VW genug Anwälte, aber vor allem politische Kontakte um aus geltendem Recht eine gelbe Tonne zu machen. Der Dieselskandal ist in Amerika aufgeflogen, nicht in Deutschland.

Die Absicht einen Gewinn zu erzielen

Ist nicht erkennbar. Wer 300 Millionen Euro als Spielgeld investiert um kostenlos oder später für 5 Cent pro Nase/Km Leute zu kutschieren, hat entweder einen an der Marmel oder einen fiesen Plan.

Wer für umme liefert, verdient - nichts. Wer unter den Betriebskosten arbeitet, macht minus - oder? Im Steuerrecht nennt man sowas „Liebhaberei“. Versuch mal jemand seinem Finanzamt zu erklären, man betreibe einen Versandhandel von Holz-Schnitz-Arbeiten aus dem Harz nur aus Liebhaberei und nicht um damit Geld zu verdienen. Das wird nicht leicht.

Car2Go und DriveNow fusionieren gerade, weil sich ihr „innovatives Mobilitätskonzept“ immer noch nicht rechnet. Zu hohe Investitionen, Wartungskosten, zu niedrige Preise. Mytaxi macht vermutlich auch immer noch Verluste. Und Uber auch (3 Mrd Dollar Verlust in 2016).

Bei VWs „innovativem Mobilitätskonzept“ sieht es noch viel krasser aus, aber offenbar gehört auch ein innovatives Einnahmekonzept dazu. Über Bildschirme im Auto soll Werbung eingespielt werden und "Im VW-Testbetrieb gehörte sogar Supermarktwerbung dazu: Wer bereit war, bei der nächsten Edeka-Filiale anzuhalten, erhielt die Fahrt umsonst", berichtet der Spiegel.

Der Plan

Im Ernst, das ist der Plan? 300 Mio. für Werbung in den Kopfstützen? Die Frage "Wer soll das bezahlen" haben Google, Facebook und Twitter für sich zwar erfolgreich mit "Jemand anders" beantwortet, aber zahlosen gescheiterten Start-ups gelang das nicht.

Die Kreativität der BWLer von VW muss also einiges leisten, wenn es darum geht, jemanden zu finden, der anstelle der Kunden den Fahrpreis bezahlt und ich bin sicher, sie haben schon jede Menge tolle Ideen. Das mit der Edeka-Filiale gibt einen interessanten Hinweis, den man nur weiterdenken muss. Möglich wäre aber natürlich auch der Staat. Müsste man zwar geschickt einfädeln, aber es gibt bereits eine Vereinbarung zwischen der Hansestadt Hamburg und dem VW-Konzern über eine Zusammenarbeit im Mobilitätsbereich. Das ist vielleicht nur ein Anfang, aber wer weiß, vielleicht der Anfang einer wunderbaren Freundschaft... ?

Ich persönlich glaube ja, wer sich so einen Plan ausdenkt ist entweder verzweifelt oder das Opfer von Trendforschern und iPhoneabhängigen Jubel-Journalisten, die nicht wissen was ein Dateisystem ist. Vielleicht, wenn die Star Trek-Welt aus der Phantasie der Nerds Wirklichkeit geworden ist, wenn analoge Menschen ausgestorben sind und perfekte Humanoide in Strumpfhosen und Overalls mit schrägem Reißverschluss sich per Gedankenübertragung ein Auto vor die Tür beamen, um gemeinsam zur Kuppel des Lebens zu fahren, dann kann das funktionieren. Aber auch nur, wenn die Herstellung von Batterien dann keine Umweltsauerei mehr ist und der Strom für Elektroautos nicht aus ukrainischen Kernkraftwerken kommt, wenn die Energie für Mobilität und Bitcoins also aus Liebe gesponnen wird. Und ich gelte als Träumer.

Die Preise

Erst für umsonst, dann für 5 Cent pro Nase/ Km will VW seine Mobilitätslösung anbieten, aber später sollen die Preise dafür dynamisch werden. Abhängig von Angebot und Nachfrage, Uhrzeit, Wetter und Mondphase. Man nennt das Surge-Pricing und kennt es von Tankstellen, Auktionen und Basaren. Und wenn am Ende der 4 Jahre dauernden "Testphase" das "Arschloch namens Taxi" erstmal ausgerottet ist, dann gibts kein Halten mehr. Na, fällt der Groschen?

Kleiner Tipp: Hotelpreise zur Feriensaison, Uber bei Katastrophen, Schlüsselnotdienst, wenn man sich ausgesperrt hat.

Frau Duck

Ok, da ist also Oma Duck mit ihrem Rollator. Frau Duck muss zur Fußpflege, sie zückt also ihr iPhone X und bestellt per VW-App… nee, oder? Oma Duck braucht ein Taxi! Da kann sie den Kutscher anmotzen, der sie für 7,20 € zur Behandlung fährt und ihr dafür auch gleich noch beim Rollator und den Aldi-Tüten behilflich ist. Dauere es solange es eben dauert.

So etwas ist keine lukrative Tour, genau genommen ist es ein Minusgeschäft und Taxis können die Oma nur deshalb zum Onkel Doktor fahren, weil es eben auch lukrative Touren gibt, z.B. Leistungsträger für `nen 30ger zum Flieger, Bildungsbürger zur Elphi, Eppendorfer zur Elbe. Mischkalkulation nennt man das.

Alle wollen den lukrativen Teil

Uber, Car2Go, DriveNow, MyTaxi und VW jetzt auch. Den Teil des Geschäfts, der schnell und einfach zu bewältigen ist. Am besten automatisiert, ohne schwierige Kundenkontakte und wenn dann gegen Aufpreis. Knallhart kalkuliert. Nix da Mischdingsbums, nix da Oma Duck.

Sie wollen den lukrativen Teil, aber nicht um sofort damit Geld zu verdienen. Sie wollen ihn, um einen Markt zu erobern, der jetzt noch Zukunftsmusik ist, der aber der Expertise der Auguren zufolge seit Jahren Morgen schon Wirklichkeit ist.

Brainstorming

In der IHK Hamburg fand kürzlich ein Workshop statt, in dessen Verlauf ein Brainstorming zur Zukunft des Taxigewerbes stattfand. Die Phantasie des VW/ Moia-Mannes war es, dass die Taxifahrer ihr Geschäft an VW abtreten und sich irgendwo anders eine Nische suchen. Stichwort: Rollator. Oder Getränke in die Wohnung schleppen oder Fernseher, Kram vom Flohmarkt oder irgendwas, ist doch egal. Eben alles, was Longtail ist. Einfach das, was nicht angeboten wird, weil man davon nicht leben kann.

Die Politik

Aber es gibt ja noch die Politik, die Regierung. Sie muss die wirtschaftlichen Interessen ausgleichen. Sie muss gute Begründungen liefern. Theoretisch. In der Praxis liefert sie Ausreden und macht Klientelpolitik. Sie bestimmt selbst, wofür sie sich zuständig fühlt und begreift sich als Lifestyleanbieter für meinungsprägende Milieus.

In Hamburg regiert die SPD, die als Partei der Kleinen Leute zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Unser geliebter Bürgermeister ist Olaf Scholz, einer von Schröders letzten Schurken, der wg. seines Managements des G20-Gipfels eine gute Presse für dufte Innovationen so gut gebrauchen kann, wie ich eine Altersvorsorge. Für ihn sieht die Sache so aus:

  • Alternatives Mobilitätskonzept: Check!
  • Elektro-Mobilität: Check!
  • Entlastung des hamburger Verkehrs: Check!
  • Entlastung der Umwelt: Check!
  • Zukunftstechnologie: Check!
  • Entlastung des überforderten HVV: Check!
  • Heiße Scheiße des Jahrtausends: Check!

Wäre es vorstellbar, dass ein Mann wie Olaf Scholz - Mr. Busbeschleunigungsspur, Mr. G20-ist-wie-Hafengeburtstag, Mr. Bundeskanzler in Spe - dass so ein Mann nicht zugreift, wenn der VW-Konzern ihm ein Angebot macht, dass er nicht ablehnen kann?

Nein. Olaf Scholz wird alles dafür tun, dass die Sache läuft.

Und gute SPD-Politik wäre es Taxifahrer rechtzeitig vom Hartz IV-Bezug auszuschließen, denn die werden es brauchen. VW und SPD - nicht das erste Mal eine fatale Mischung.

18:33 29.01.2018
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