Michèle Thomas literarisches Mobil-Home .

Rezension Michèle Thoma ist eine luxemburgische Autorin mit Migrationshintergrund und lebt in Wien. In beiden Büchern präsentiert sie sich als ausdauernde Kurzstreckenläuferin.
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Günther Eich soll einmal gesagt haben, dass er selbst nur ein literarischer Kurzstreckenläufer sei. Dabei ist die so genannte literarische Kurzstrecke, ähnlich wie im Sport, eine Königsdisziplin; vor allem Miniaturformen wie Gedichte, Kurzgeschichten, Essay und pointierte Feuilletonbeiträge zeigen die wahre literarische Könnerschaft. Die luxemburgische Autorin Michèle Thoma hat diese Herausforderung unbeeindruckt angenommen. Sie erarbeitete sich die Kurzstrecke durch ihre pointierten Alltagsgeschichten, die ohne Weiteres als literarische Miniaturen gekennzeichnet werden können. Ihre beiden letzten Bände „Mobile Home“ und „Wie ich die georgische Mafia suchte und Charlie Chaplin, Buddha und Bambi fand“ geben nicht nur einen Einblick in die literarische Welt der Michèle Thoma, sondern zeigen auch, was es bedeutet zwischen mehreren Heimaten hin,- und hergerissen zu sein.

Mobil home

Der im Jahre 2003 im luxemburgischen Ultimondo-Verlag erschienene Band “Mobile Home“ erfüllt die Kriterien des literarischen Dreisprungs: Gedichte, Theater, Feuilleton. Bereits in der gesammelten Lyrik zeigt sich Thomas Vorliebe für das Spiel mit den Worten, den Wortwitz und den Kalauer. Ein Gedicht mit dem Titel „Käferstündchen“ lässt unweigerlich an ein Schäferstündchen denken. Das titelgebende Dramolino „Mobile Home“ beschreibt die Familie Bürger in der Betonsiedlung Megahausen In ihrem täglichen Kampf ums Überleben des Stück fiel in der Plastikmoderne des 21. Jahrhunderts und zeigt eine Familie die in Zeiten der totalen Käuflichkeit ihr Fell im wahrsten Sinne des Wortes zu Markte tragen. Bedroht durch Räumung, Arbeitslosigkeit und allgemeine Verwahrlosung versucht Familie Bürger ihr Auskommen zu finden. Der dritte Teil des Bandes wird von bereits publizierten Feuilletons bestritten. Die meisten dieser Arbeiten sind politischer Natur. Ein stellvertretendes Thema: Thoma übt heftige Kritik am Afghanistan-Einsatz. Selbst ihre Alltagsminiaturen können durchaus politisch werden. Ein Text, der sich um den explodierenden Frühling dreht, bekommt durch die Titelgebung eine klare Botschaft und Richtung. Allerdings nur wenn man/frau weiß, auf welches Zitat „Wollt ihr den totalen Frühling?“ rekurriert. Überhaupt scheint das Verarbeiten von Zitaten und Anspielungen („der Tod und die Mädchen“) eine Spezialität der Autorin zu sein. In „Mobil Home“gibt die Autorin eine Charakterisierung der handelnden Personen. Ihre Beschreibung des ältesten Sohnes der Familie Bürger könnte auch eine Art Leitmotiv für die Spracharbeit von Thoma sein. „In plakativer Sprache, durchsetzt von Politik-und Medienfloskeln, schlagzeitet der älteste Sohn vor sich hin.“ Michèle Thoma geht noch einen Schritt weiter. Sie schlagzeitet nicht nur vor sich hin, sondern bricht durch ihr Zitatenspiel mit eingefahrenen Sprachstrukturen und bürstet die deutsche Sprache gehörig gegen den Strich. Und verzichtet auch nicht auf den einen oder anderen Luxemburgismus respektive Austriazimus. Oder anders formuliert: Ganz im Sinne von Marcel Duchamp arbeitet sie mit sprachlichen ready-mades und objets trouvés, die sie leicht verfremdet.

Eine zweite Technik, die Michèle Thoma einsetzt, ist die freie Assoziation. Diese kann durchaus klanglicher Natur sein. Der Mormone reimt eben sehr schön auf Hormone. Auch inhaltlich zeigt sie ein Faible für Assoziationen, die natürlich den Leser*innen nicht immer bekannt sein müssen. Von ihrem Publikum verlangt die Autorin ein hohes Maß an Allgemeinbildung, ansonsten bleiben etliche Kalauer und Wortwitze im Verborgenen. Aber auch das Rätselraten um die genaue Bedeutung eines Rosenstiel-Kleeschens (=Kaufhaus-Nikolo frei übersetzt) oder von Care-Paketen (=Hilfs,- und Lebensmittelpakete) bringt einen Mehrwert. So lassen sich die Texte von Michèle Thoma auf verschiedenen Ebenen lesen und nutzen.

Wie ich die georgische Mafia suchte und Charlie Chaplin, Buddha und Bambi fand

„Wie ich georgischer Mafia suchte...“ besteht hingegen ausschließlich aus Kurzprosa. 47 Geschichten aus Europa, die meistens in Wien spielen ergeben eine wahre Schnitzeljagd. Thoma gelingt es, die Gattungen Reportage, Tagebuch und Kurzgeschichte zu vereinen – und setzt weiter auf die bereits beschriebenen stilistischen Mittel. Etliche Texte sind wie kleine Wochenendtripps oder Stippvisiten in den Alltag der Autorin. Die zweite große Rolle nimmt die Stadt Wien ein. Thoma präsentiert keinen literarischen Touristikführer à la „Gebrauchsanweisung für Wien“; nein sie lässt die Leserinnen und Leser teilhaben an ihrem Wiener Alltag, der jenseits von Schönbrunn und Stephansdom, jenseits von Lippizanerlieblichkeit und Sissisternchen existiert. Die Geschichten, die thematisch gegliedert eine Art Kalendarium darstellen, hinterfragen gekonnt aktuelle Klischees und Absurditäten, die sich im Leben der Stadt auftun. Kulinarisches, sinnlich Erlebbares ist dabei ebenso wichtig, wie Politisches. In ihrer Art erinnert sie ein wenig an die Kurztexte von großen Chronisten der Stadt wie etwa Max Winter und Jura Soyfer. Obwohl die Minireportagen und tagebuchartigen Texte zumeist in Wien respektive im so genannten Osten spielen sind die Bezüge zum Herkunftsland der Autorin überdeutlich. Sie erscheinen in „Wie ich die georgische Mafia suchte...“ hin und wieder sogar etwas bemüht und auf das Zielpublikum des Verlags abgestimmt. Für luxemburgische Leserinnen und Leser wird es jedoch eine wahre Herausforderung, die versteckten Bezüge, spezifischen Topoi und bewusst-unbewusst eingestreuten Austriazismen zu entschlüsseln. Die Texte können jedoch ein Spiegel des eigenen Alltags sein und der implizite Auftrag die Insel der Seligen zu entdecken und vor allem über den eigenen Tellerrand zu blicken. Für ein österreichisches Publikum hingegen sind die Streifzüge von Michèle Thoma ein wahres Vergnügen in die alltäglichen Absurditäten des ehemaligen Zentropas.

Michèle Thoma:
Wie ich die georgische Mafia suchte und Charlie Chaplin, Buddha und Bambi fand
ultimo mondo 2009
ISBN 978-2-919933-57-0

Michèle Thoma:
Mobil Home
ultimo mondo 2010
ISBN 2-919933-15-1

14:07 21.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Neil Y. Tresher

Alle Angaben zu meiner Person sind Hörensagen mit Gewehr - äähm ohne Gewähr.
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