Stadt meiner (Alp)träume

Eine Replik Am 7. Juni publizierte die Beilage "wohlfühlen" den Artikel "Stadt meiner Träume" von Silvia Meixner. Das darin präsentierte Wienbild bedarf einiger Korrekturen
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Beilagen von großen Tageszeitungen können durchaus etwas Kurzweiliges haben. In der Beilage der "Süddeutschen Zeitung" vom 7. Juni 2012, die auf den wunderbaren Namen „wohl fühlen“ getauft wurde, befanden sich zwei Artikel, die meine Aufmerksamkeit erhaschten. Der erste Artikel drehte sich um Talente und Begabungen, der zweite um meine Lebensmittelpunktstadt Wien. Sie fragen sich nun warum gerade nur zwei Artikel, dann ist die Antwort relativ einfach. Die Beilage „wohlfühlen“ zielt auf ein Wellness-Publikum ab, eine Zielgruppe, der ich sicherlich, wenn überhaupt, nur sporadisch angehöre. Der Artikel über Wien trägt den wunderbaren Titel „Stadt meiner Träume“. Auch wenn Sigmund Freud ausnahmsweise nicht genannt wurde, ist dieser Titel natürlich eine Anspielung auf den Erfinder der Psychoanalyse. Nein, im Jahr 2012 geht es nicht – ausnahmsweise – um den Mann mit dem weißen Bart aus der Berggasse, nein, ein anderer Schwerenöter steht im Zentrum des künstlerischen, historischen und touristischen Interesses. Kein anderer als Gustav Klimt ist der Regent des Jahres 2012. So verwundert es nicht, dass der Artikel vom berühmtesten Gemälde Klimts „der Kuss“ und dessen Aufbewahrungsstätte im Belvedere gerahmt wird. Natürlich darf ein Zitat von Alma Mahler-Werfel nicht fehlen. Klimt wird als Lebemann bezeichnet und Alma Mahler-Werkel als „selbst kein Kind von Traurigkeit“. Die Autorin des Artikels, Silvia Meixner, beweist Kennerinnenschaft. Und ich möchte das Name-Dropping von großen Namen der ersten Republik weiter führen. Ob Frau Meixner weiß, dass Alma Mahler-Werfel (geborene Alma Schindler) auch als „eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake“ (Zitat: Marietta Torberg) bezeichnet wurde? Auch Gina Kaus – seit ihrem Exil in den USA erfolgreiche Drehbuchautorin und Übersetzerin – bezeichnete Alma als den schlechtesten Menschen den sie kenne. Über Klimt ließe sich sicher auch noch das eine oder andere Bonmot verlieren. Apropos Worte verlieren: Meine Diktiersoftware spielte mir einen schönen Streich und machte aus Alma Mahler-Werfel eine Alma Mahler-Wertvoll. Ein Wortspiel, das sich durchaus gut hören lässt.

Tatsache ist, dass Klimt-Liebhaber*innen im Jahr 2012 voll auf ihre Kosten kommen. Die anderen von Frau Meixner empfohlenen Hotspots kulinarischer Natur bedürfen der Erläuterung. Ob man die echte Wiener Gesellschaft tatsächlich im „Schwarzen Kameel“ trifft, sei dahingestellt. Ebenso wie das "Meinl am Graben" handelt es sich um eine Lokalität, die nichts für den normalen Geldbeutel ist. Und im "Meinl am Graben" kann man/frau auch durchaus wohl speisen. Der „Supermarkt“ respektive das Feinkostgeschäft wird nur von Touristinnen und Touristen in Ermangelung von nahe liegenden Alternativen frequentiert. Das Meinl ist natürlich auch ein Restaurant, das durchaus von den B,- und C-Promis der Stadt und den Anrainerinnen frequentiert wird. Überhöhte Preise und ein vorbildliches Service dürfen als weitere Kennzeichen des Hauses gesehen werden. Man/frau merkt, dass die Autorin kaum über den ersten Bezirk hinaus gegangen ist. Auch die "Meierei" im Stadtpark ist alles andere als eine Verweilstätte für die niedrigen Geldbeutel. Das war einmal, als die Meierei eine seltsame Mischung aus Ausflugslokal, Clubbing-Kultstätte und einfachem Kaffeehaus war. Heute handelt es sich um einen Gourmettempel, wo man/frau gerne unter sich weilt. Das Hilton und das Stundenhotel „Goldene Spinne“ (das weniger spektakulär ist) liegen in Wurfweite.

Nicht fehlen in einer derartigen Aufzählung darf natürlich das bereits zu Tode zitierte "Café Central", ein Kaffeehaus, das nur so tut als sei es ein Kaffeehaus. Vor allem der Hinweis, dass das Central „Schon zu Klimts Zeiten Treffpunkt der Bohème war.“ zeugt mehr vom Wunsch als von der Wirklichkeit. Historisch verbürgte Tatsache ist, dass das „Central“ ein Literaten-Café war. Ebenso wie das Griensteidl. Die Betonung liegt auf „war“. Denn die Wiener Bohème – sollte es heute noch so etwas geben – meidet eher die Cafés, die in Artikeln wie jenen von Frau Meixner angepriesen werden. Ähnliches gilt ja auch für die „Deux Magots“ in Paris oder das "Chelsea Hotel" in New York. Die Erwähnung des „Hotel Orient“ als einem der schönsten Stundenhotels der Welt ist ebenso wenig überraschend. (deshalb konnte ich nicht umher, weiter oben die „Goldene Spinne“ zu erwähnen.) Nicht zuletzt finden die geneigten Leser*innen eine Werbe-Einschaltung für die „Fête Impériale“. Diese unverblümte Werbung in Form eines redaktionellen Beitrags muss geradezu als eine „Frechheit“, gewertet werden. Die Organisatorin des Balls ist nicht nur Chefin der spanischen Hofreitschule, sondern auch Direktorin der Hotel-Sacher-Gruppe. Dass zum Schluss Maria Theresia und nicht Kaiserin Elisabeth erwähnt wird, kann als geradezu progressiv angesehen werden. Normalerweise kommen derartige Wiendarstellungen ja nicht ohne die Erwähnung der berühmt-berüchtigten Kaiserin aus.

Das Wien, das Frau Meixner dem Leser*innen der Süddeutschen Zeitung präsentiert, hat nur wenig mit dem alltäglichen Wien zu tun. Es handelt sich tatsächlich um einen Traum, einen Traum der von der Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt und den gut situierten Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Freiluftmuseums, das vom Ring umgeben wird, gelebt wird. Für viele andere Wienerinnen und Wiener ist der Eintritt in diese Traumstadt fast schon mit Tagträumereien oder einem Koma verbunden.

11:18 06.07.2012
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Geschrieben von

Neil Y. Tresher

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