Zum Zustand der Deutschen Sprache

Mythos Sprachverfall Immer wieder gibt es Stimmen, die sagen, man müsse das Deutsche schützen. Warum das ist Unsinn ist und wie es zu uns zu einem gefährlichen wir-die-Denken führt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Alle paar Monate häufen sich die Aufschreie, dass die Deutsche Sprache dem Ende entgegen steuere. Schon Bastian Sick beschrie den Tod des Genitivs, nun tun das mittlerweile auch linguistisch gebildetere Personen. Und weil dank Klimawandel und Spätkapitalismus die Zeichen überall schon 5 vor 12 lauten, klinken sich die Sprachkonservativen in diese Untergangsstimmung ein. Eine Gegendarstellung.

Worum es eigentlich geht

Was die Deutschen mit ihrem Deutsch haben, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man mal für eine längere Zeit im Ausland lebt. Dort trifft man nämlich zuerst einmal auf viele unterschiedliche andere Muttersprachler*innen. Und auf viele andere Deutsche, überall. Das folgende Schauspiel von Deutsche-die-auf-Nicht-Deutsche-im-Ausland-treffen ist auf eine gruselige Art und Weise bezaubernd. Und läuft immer gleich ab.

Person A und Person B stellen sich vor, man erfragt den gegenseitigen Hintergrund beider Gesprächsteilnehmer. Person A (nicht-deutsch) sagt etwas Positives über Deutschland. Person B lobt freundlich zurück und erzählt vom letzten Urlaub im Heimatland von Person A - wenn nicht selbst da gewesen, tun es auch die Geschichten von Freunden und Familie. Person A lacht verlegen. Unangenehmes Schweigen. Person B lenkt das Gespräch auf die A's Landessprache und a) findet sie schön (wenn Sprache romanisch oder nordisch); b) findet sie »interessant und bestimmt sehr schwer« (wenn slawisch, arabisch oder asiatisch) oder c) hat noch nie von ihr gehört.

Person A sagt dann meistens schnell noch einen Satz zur Deutschen Sprache und hofft, dass das Gespräch damit endlich zu interessanten Inhalten gelangen kann. Aber da hat sie die Rechnung ohne Person B gemacht. Diese zieht die Angel mit dem tief im Hals von Person A steckenden Sprachköder ganz langsam und genüsslich ein und erklärt in aller Breite, wie kompliziert das Deutsche ist. So schwierig, schwieriger als alle anderen Sprachen (immer diese narzisstische Vergleichskultur), impossible to learn, jaja! An dieser Stelle wird dann auch gern mal Mark Twain zitiert, der sich (als Lerner) über die Unmöglichkeit der komplexen Strukturen des Deutschen in einem kompletten Aufsatz beschwert hat. Lesenswert, sehr humorvoll.

Die zweite sehr frequente Beobachtung, die man im gebildeten Mittelschicht-Ausland machen kann, fasste meine niederländische Freundin in ihrer Reihe der Vorurteile über Deutsche treffend zusammen: »And why do you always talk about the World War? It's over. And nobody is going to blame you for.« Dass wir eben eine große Aufklärungskultur pflegen, Schuldgefühle immer noch eine Rolle spielen und ja, doch einige Menschen anscheinend noch nicht ganz begriffen oder schon wieder vergessen haben, wer Hitler war, leuchtete ihr ein. Doch der Hinweis ist richtig.

Was haben wir denn sonst?

Dass der Großteil der (gebildeten, sich für den Klimawandel interessierenden) Deutschen aufgrund von World-War-Vergangenheit und Erinnerungskultur mehr Schwierigkeiten hat, sich mit seinem Land zu identifizieren, als ungefähr alle anderen Bürger der Welt ist Konsens. Allerdings funktioniert eine Gesellschaft nur mit einem gemeinsamen Nenner. Es braucht das Verbindende, das Schwester- oder Brüderliche. Ja, es braucht einen Nationalstolz. Kommen Sie schon drauf?

Die Muttersprache ist eine ebenso wenig verdiente Sache wie die Staatsbürgerschaft. Ich kann nichts für die vier Fälle der Grammatik. In 99% der Zeit weiß ich nicht einmal, welchen ich gerade anwende. Im verbleibenden 1% verbessere ich eine Lernerin. Ich kann ebenso wenig etwas für die manchmal komplexe Pluralbildung, für die nicht einheitlichen Komposita, für die Klammerstruktur der Deutschen Syntax mit ihren 300.000 Ausnahmen, das »ß« habe ich nicht erfunden, ebenso wenig die Umlaute. Und dass ich all das anwenden kann, sagt rein gar nichts über meinen IQ aus. Kühe haben auch sieben Mägen und sind trotzdem nicht die besseren Gastroenterologen.

Und doch ist die Sprache das fehlende Element der Deutschen Kultur, auf das sich stillschweigend als Kulturgut geeinigt wurde. Einfach mal stolz sein, ohne Scham und ohne schlechtes Gewissen. Das ist nicht nur normal, sondern meiner Meinung auch legitim, ja fast gesund. Ob in Italien das Essen, in Spanien die Tänze, in Neuseeland die Natur. In jedem Land sind die Leute stolz auf etwas, das nichts mit Ihnen zu tun hat. Und haben somit immer etwas wie eine Stolz-Basis, die bei mangelhaftem Selbstwertgefühl einfach und schnell angezapft werden kann.

Die Tatsächlisierung des Deutschen

Kritisch wird es immer erst dann, wenn sich damit über Andere erhoben wird. Und wenn sich eine muttersprachlich deutsche Person anmaßt, diese Sprache als Eigentum zu reklamieren. Wo es sich in den einschlägigen Schichten, die das hier gerade lesen, sonst nicht mehr gehört: im linguistischen »rein wissenschaftlichen« Kontext kann man es ja noch herauslassen. Die Ausländer.

Diese »beschleunigen« den Sprachwandel? Oder sind gar der »Motor« des Sprachwandels. Uwe Hinrichs tut noch so, als ob er sich die Frage »Sprachwandel oder Sprachverfall?« tatsächlich stellt, um dann nur für »Sprachverfall« zu argumentieren. Arbeitsplätze: ist ok, nicht arbeitende Ausländer sind auch doof. Sozialversicherung: sollen sie haben. Wirtschaftsflüchtlinge: dass sich niemand aus Spaß auf eine lebensgefährliche Flucht begibt scheint mittlerweile durchgesickert. Aber unsere schöne Sprache: die sollen sie nicht verändern.

Dabei sind die von Hinrichs angeführten Beispiele (»wir fahren im Urlaub«; »sie spielten mit ein niedlichen Eisbär«; »von viele interessierten Jugendliche«) wohl eher Beispiele von Heike Wieses erforschtem Dialekt »Kiezdeutsch«. Und das ist eben ein Dialekt. Und nicht die Hochsprache.

Ich spreche auch nicht von Sprachverfall und der Tatsächlisierung des Deutschen, wenn in meiner Blase niemand mehr spricht, ohne in jeden Satz mindestens zwei Mal das sinnlos intelligente Wort »tatsächlich« einzubauen.

Doch was noch? Dass Tagesschau-Sprecher*innen bereits durchgängig Dinge wie »die politische Lage in Westen« oder »in ZDF« benützten, ist schlichtweg erfunden. Und dass »Verwickelte Kategorien wie der echte Konjunktiv (er äße) oder das Futur II« nur so wenig gebraucht werden, liegt eben eher daran, dass wir über das, was sie beschreiben, einfach wenig reden. Und war auch schon immer so. Die Bezeichnung »echter Konjunktiv« für die offiziell als Konjunktiv II beschriebene Form ist, wie vieles in dem Artikel, ziemlich intentioniert. Aber das überlasse ich lieber der aktuell einzig sinnvollen Kolumne über die Deutsche Sprache: Kiyaks Deutschstunde.

Worst-Case-Szenario

»Und selbst wenn« frage ich mich dann. Was passiert denn, wenn die Deutsche Syntax endlich beschreibbar würde? Alle Sprachforscher*innen würden sich freuen. Wenn Muttersprachler*innen anderer Sprachen schneller und besser Deutsch lernen könnten? Läge das nicht sogar im Interesse von Konservativen? Können wir uns dann nicht alle wieder gemeinschaftlich mit dem Klimawandel beschäftigen, den wirklichen Herausforderungen unserer Gesellschaft? Wie nichtig ist dagegen, wie wir sprechen?

»Sprache ist im Wandel. Wenn sie das nicht wäre, würden wir noch Althochdeutsch sprechen. Oder Indogermanisch.« Das ist eines der ersten Dogmen, die man im Linguistikstudium lernt. Deswegen ist Bastian Sick zum Beispiel auch nicht mehr als eine Person, die die arrogante Neigung von Menschen clever vermarktet hat: sich mit Wissen zu brüsten, für das man nichts kann. Wenig sympathisch, wenig reflektiert, wenig belegt und einfach nicht glaubhaft.

Ich bin dafür, wir setzen die Debatte hier auf Reset und schauen uns alle zusammen nochmal um, was denn vielleicht eher geklärt werden sollte, als dass sich die Deutsche Sprache jetzt vielleicht ein bisschen schneller verändert als normalerweise. Und gehen dann für die Klimaziele zusammen auf die Straße. Oder auf den Straße. Oder auf den Strase. Hauptsache wir gehen da hin. Und dann kümmern wir uns um Linguistik.

13:09 11.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ninell Oldenburg

Bücher lesen, Texte schreiben. Computerlinguistik & Theater.
Ninell Oldenburg

Kommentare 2