Paul Cobley
05.03.2016 | 06:00 9

Die Semiotik-Epoche

Umberto Eco Zu niemandem scheint wirklich durchgedrungen zu sein, was sein wirkliches Anliegen war: Ein Weltwissen aufzubauen und die Kulturen des Wissens und Denkens zu erhalten

Inmitten der Trauer nach dem Tod von Umberto Eco ist es etwas ernüchternd, zu sehen, wie viele Nachrufverfasser sich nicht im Klaren darüber sind, was er tatsächlich getan hat. Sicherlich ist Umberto Eco als bedeutender Romanschriftsteller bekannt, auch wenn seine späteren Romane nie den Erfolg seines Erstlingswerkes “Der Name der Rose” erreichen konnten. Er wurde auch als Philosoph, Historiker und als einer der letzten öffentlichen Intellektuellen gefeiert. Dennoch scheint es seine Rolle als Professor für Semiotik zu sein, mit der die Boulevardpresse die meisten Schwierigkeiten hat.

Das Problem ist, dass viele schlicht nicht wissen, was Semiotik überhaupt ist. Der Nachruf der New York Times bezeichnet es als “obskures Feld”. The Scotsman verweist auf “die esoterische Theorie der Semiotik”, während The Washington Post von Semiotik als einer Art “Studium der Zeichen, Symbole und der versteckten Botschaften” spricht. Bringt man dies mit der Berichterstattung über Ecos Spezialisierung auf die Geschichte des Mittelalters zusammen, könnte man den Eindruck gewinnen, man hätte es mit einer Figur aus einem Roman von Dan Brown zu tun.

The Guardian macht es nicht sehr viel besser: eher geringschätzig wird hier behauptet, dass Semiotik “ein abstruser Zweig der Literaturtheorie” ist, genau derselbe Satz, der auch im Nachruf des Telegraph verwendet wird. Der Independent macht es ein wenig besser, indem hier Semiotik als “das Studium der Zeichen und Bedeutung in der Kommunikation”bezeichnet wurden. Die BBC erwähnt die Semiotik nicht einmal, die Gründe hierfür liegen im Dunklen, und verweist nur darauf, dass Eco emeritierter Professor an der Universität von Bologna war.

Erbsen essen

Vielleicht mögen einige von ihnen nicht wissen was Semiotik ist, aber sind schnell dabei, sie zu verurteilen. The Telegraph ist voraussehbar rasch dabei, Eco mit Verachtung darüber zu überschütten, da dieser eine einflussreiche Stimme links der Mitte darstellte. Weiterhin verweisen sie auf Semiotik als “welthistorische Bedeutung der Belanglosigkeit” und betiteln Eco als “eine Art auch Portmanteau-Intellektuellen, der seine Ansichten über alles mitteilt: darüber, wie man am Besten Erbsen mit einer Plastikgabel isst bis hin zu den sich verändernden Schönheitsidealen.”

Doch ohne der Belanglosigkeit welthistorischen Bedeutung zuschreiben zu wollen, war die Semiotik dennoch konsequent dafür verantwortlich, den Weg anzuzeigen, wie subjektive Werturteile kultureller Artefakte zerstören würden – einschließlich derer, mit denen man geboren und aufgewachsen ist, die man selbst erarbeitet oder zu denen man eine große Schubkraft nachsagt. Bei Semiotik handelt es sich um, wie Eco es formuliert hatte, das Verstehen von Zeichensystemen.

Einer der Schlüsselbegriffe der Semiotik, der gleichzeitig von Roland Barthes und Juri Lotmanin den frühen 1960er Jahren geprägt wurde, ist “der Text”. Eher als “Arbeit”, die auf ein höheres Ziel eines schriftstellerischen Genies hinweist, verweist “der Text” auf eine Struktur von Bausteinen, gestaltet durch den gewohnten Gebrauch von Zeichen, um ein bestimmtes Publikum zu erreichen. Jede Ansammlung von Zeichen stellt einen Text dar. Das Konzept war der Vorreiter für den Abbau der imaginären Trennlinie zwischen der so genannten “Hoch-” und der Popkultur.

Denjenigen, die ein ureigenes Interesse an der Hochkultur hatten, tut die Aufhebung der großen Kluft immer noch weh. The Telegraph verspottet Ecos Romane als zu schwierig, während sie die “Infektion” beklagen, die aus seiner Demokratisierung des Prozesses der Interpretation resultiert. Es ist die klassische, spießige Forderung, dass Kultur nur für die Elite reserviert sein dürfe. Zusätzlich darf es keine zu hohe Anstrengung erfordern, die Kultur zu genießen. Als Alternative zu solch einem Spießbürgertum und angesichts der abgeschlossenen kulturellen Trennung scheint die Mittelklasse die Popkultur zu besiedeln, beispielweise in der post-Hornby Romanze mit Fußball oder die Allgegenwärtigkeit Coldplays auf den iPhones der BBC-Führungskräfte.

Was ist Semiotik?

Aber um noch einmal auf das Zeichensystem zurückzukommen: hier repräsentiert die Semiotik nicht einfach nur eine Mission, kulturelle Hierarchien abzuschaffen. Es hat weitaus wichtigere Aufgaben. Deshalb ist es auch so schwer, Semiotik näher zu bestimmen und zusammen zu fassen. Nun also, um es endgütlig deutlich zu machen: was genau ist Semiotik?

Unter anderem ist es “die Theorie der Semiose (die Wirkung von Zeichen)”. Aber in der vergangenen Zeit hat es sich in die Studie der “objektiven Welt” entwickelt, die sich aus allen Arten ihrer eigenen Symbole konstruiert. Dies umfasst die Bedeutung aller Lebewesen.

Eco verfolgte die Definition der Semiotik unter der Bezugnahme auf die Einordnung der Semiotikbücher, die in einer Buchhandlung in Harvard aufgereiht waren. Zuerst gehörten sie zur Linguistik, dann zu den Kulturwissenschaften, von 1999 an, als er bei der Internationalen Gesellschaft für Semiotik in Dresden eine Rede hielt, wurden die Bücher unter dem Stichwort der Kognitionswissenschaft abgelegt – und er sorgte sich, dass sie beim nächsten Mal vielleicht unter “Neues Zeitalter” eingeordnet sein könnten.

Während diese Sorge nur im Rahmen einiger unglücklicher Nachrufverfasser relevant sein könnte, gab es eine größere Sorge, die Eco in seinen letzten Jahren noch mehr beschäftigte. Die Sorge, welche in seinem Brief an meinen Enkel zum Ausdruck gebracht wurde, war, dass die Menschen ihre Erinnerungsfähigkeit verlieren. Die Verfügbarkeit des Internets könnte zur Folge haben, dass die Menschen aufhören, sich mit Memotechniken zu beschäftigen, um ihr Wissen und ihre Erinnerungen in ihren Köpfen zu speichern. So ermahnt er seinen Enkel, zu versuchen, sich an Fußballmannschaften aus verschiedenen Epochen zu erinnern, an die Besatzung der La Hispaniola, als sie auf der Suche nach der Schatzinsel war, an die Namen der Diener der drei Musketiere und d’Artagnan, daran, wer die Hethiter und die Kamisarden waren, an die Namen der drei Schiffe von Columbus, an den Zeitpunkt, an dem die Dinosaurier ausstarben, ob es ein Steuerrad auf der Arche Noah gab, und so weiter.

Sein Rat deutet die interdisziplinäre Breite an Weitblick an, die die Semiotik einfordert. Es bietet auch einen ausgeprägten Sinn für die zeitgenössische Bedeutung der Semiotik – nicht nur als ein Dorn im Auge der Elite, sondern als Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Kultur und Kognition.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Netzpiloten.de bzw. auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

Paul Cobley ist seit 2013 Professor im Bereich Linguistik und Media an der Universität Middlesex. Seine Forschungsschwerpunkte setzt er auf Semiotik, die Arbeiten von Thomas A. Sebeok und Kommunikationstheorie

Kommentare (9)

Moorleiche 05.03.2016 | 12:12

Guter und wichtiger Beitrag.

So weit ich weiß, war es auch Eco, der die Übertreibungen der Postmoderne beendete, jedenfalls war er daran beteiltigt.

Es ist noch immer schwer die Mitte zu treffen und nicht der drögen Version von Fakten hier und Zeichen als Mittel der Beschreibung von Fakten dort zu verfallen und sich auf der anderen Seite nicht in postmodernen Exzessen zu verlieren, die sagen wollen, dass alles nur Text sei.

Ein schönes Buch in dem Zusammenhang ist "Zeichen über Zeichen" eine kleine Textsammlung zur Semiotik, als Taschenbuch, von Dieter Mersch als Herausgeber, von Frege über Cassirer, Heidegger, de Saussure, Freud, Eco, Derrida usw.

Tobias L. 05.03.2016 | 12:42

Ich kann mich meinen Vorkommentator nicht anschließen. Der Beitrag mag wichtig sein, gut mag ich ihn nennen.

Ich denke nicht, dass jemand der die Semiotik nicht kennt, es nach diesem Text weiß. Der Text gibt kein nachvollziehbares Beispiel für die Anwendung und Bedeutung der Semiotik. Wie soll der nicht initiierte Leser (oder die kritisierten Journalisten) nun also die historische Bedeutung Ecos erfassen.

Nicht dass es ein einfaches Unternehmen wäre, Komplexes zugänglich zu machen. Aber der Text hat auch die demokratisierende Wirkung der Semiotik angesprochen. Wie soll diese Wirkung entfaltet werden, wenn diese Wissenschaft sich nicht jenen öffnet, denen sie nicht sowieso schon zugänglich ist? Schreckt dieser Text nicht eher ab?

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Ehemaliger Nutzer 05.03.2016 | 13:41

"So weit ich weiß, war es auch Eco, der die Übertreibungen der Postmoderne beendete, jedenfalls war er daran beteiltigt."

Das ist aber schön: wo doch die "Postmoderne" sich daran anschickt unübersehbar business as usual zu implementieren.

Nochmal William James lesen?

Warum denn?

But: das Verblödungswerk works as implemented.

Und Eco hatte schon damals nicht begriffen was da losgegangen war: außer einem Klosterkrimi hatte er da wenig mehr zu kommentieren verstanden.

Bis er sich dann vollkommen verstolpert hatte.

"Wenn es dem Esel zu wohl ist geht er aufs Eis tanzen": und alle sagen: lets dance...

Moorleiche 05.03.2016 | 16:58

Teil II

Hallo Tobias L.

Ich denke nicht, dass jemand der die Semiotik nicht kennt, es nach diesem Text weiß. Der Text gibt kein nachvollziehbares Beispiel für die Anwendung und Bedeutung der Semiotik.“

Stimmt.

Die Lücke sollte geschlossen werden. Was macht die Semiotik für Dich wichtig?

Die für mich bedeutendste Anfangs-Erkenntnis war, dass Begriffe keine Zettel sind, die man an Dinge klebt, um ihnen einen Namen zu geben. Sondern Begriffe, Sprache oder Texte sind eine eigene Welt, die keine Teilmenge der sichtbaren oder messbaren Welt ist, sondern umgekehrt, ist die Rede über die sicht- und messbare Welt ein Teil der Rede über die alles, was der Fall ist (und manchmal auch über das, was nicht der Fall ist).

Das sonderbare Eigenleben der Begriffe finde ich hoch spannend, dass sich ihre Bedeutung nicht immer an die zugewiesene Funktion hält.

Was ich ebenfalls spannend finde, ist die Frage, ob es einen Unterschied zwischen Zeichen und Symbol gibt. Der könnte darin liegen, dass ein Zeichen etwas Vereinbartes ist, das Symbol hingegen etwas, was „aus sich heraus“ wirkt.

Ferner, die Frage, ob eine Geste, z.B. ein Zeigen auf etwas, aus sich selbst heraus verstanden wird oder ob diese Gesten voraussetzen, dass man Sprachspiele beherrscht – oder ob das von Fall zu Fall unterschiedlich beantwortet werden muss.

Oder die Rolle von Metaphern oder Analogien. Warum werden die Dinger überhaupt verstanden?

schna´sel 05.03.2016 | 18:13

"Als Alternative zu solch einem Spießbürgertum und angesichts der abgeschlossenen kulturellen Trennung scheint die Mittelklasse die Popkultur zu besiedeln, beispielweise in der post-Hornby Romanze mit Fußball oder die Allgegenwärtigkeit Coldplays auf den iPhones der BBC-Führungskräfte"

"post-Hornby Romanze" trifft es wirklich gut. Allerdings scheint die Mittelkasse, speziell die schreibende Zunft noch Meilen davon entfernt zu sein, sehen zu können, dass diese Romanze sie genau in die Spießigkeit befördet hat, von der sich deren Vertreter als kundige Könige, die allerdings keine "Kulturkunden" akzeptieren mögen ostentativ abgrenzen müssen.

"Unter anderem ist es “die Theorie der Semiose (die Wirkung von Zeichen)”. Aber in der vergangenen Zeit hat es sich in die Studie der “objektiven Welt” entwickelt, die sich aus allen Arten ihrer eigenen Symbole konstruiert. Dies umfasst die Bedeutung aller Lebewesen."

Die Studie der objektiven Welt, auch in Anführungszeichen, und die Theorie der Semiose sollten nicht mit der Entstehung von Symbolen, die keine Konstruktion sein kann, mit der Bedeutung, die diese haben und ihrer Anwendung in eins gesetzt oder gar versechselt werden.

Symbol und Zeichen

"Dazu schrieb Jung «Der Begriff des Symbols ist in meiner Auffassung streng unterschieden von dem Begriff eines bloßen Zeichens.» «Das Symbol [...] setzt immer voraus, daß der gewählte Ausdruck die bestmögliche Bezeichnung oder Formel für einen relativ unbekannten, jedoch als vorhanden erkannten oder geforderten Tatbestand sei.» Er versteht Symbol als «Ausdruck einer sonstwie nicht besser zu kennzeichnenden Sache», damit weist es über sich selbst hinaus. Und: «Das Symbol ist nur lebendig, solange es bedeutungsschwanger ist». Hingegen: «ein Ausdruck, der für eine bekannte Sache gesetzt wird, bleibt immer ein bloßes Zeichen und ist niemals Symbol». Ein Zeichen ist «semiotisch» und verweist auf einen klar abgegrenzten Sachverhalt.[194] Aus Jungs Sicht sind z.B. ein Verkehrszeichen oder eine männliche oder weibliche Gestalt auf Toilettentüren semiotisch, d. h. Zeichen – ein Kreuz beispielsweise (wenn es nicht eine Kreuzung bezeichnet) oder ein Dreieck mit einem Auge darin sind hingegen in der Regel Symbole.

Zur Entstehung eines Symbols braucht es das Unbewusste und das Bewusstsein. Somit verknüpfen sich in Symbolen beide miteinander. «Symbole bringen Getrenntes zusammen, worauf auch der griechische Wortstamm ‹symballein›, das heißt ‹zusammenwerfen› verweist. Lebendige Symbole sind also Kontakt- und Übergangsbereiche, Brücken zwischen Bewusstsein und Unbewusstem.»"