Stephen Cushion
16.03.2016 | 11:37 10

Die Trumpifizierung der US-Medien

Populismus Gibt es in den USA auch Nachrichtenthemen aus der Politik, die nicht von Trump und seiner Person dominiert werden?

Die Trumpifizierung der US-Medien

Literally größenwahnsinnig: Donald Trump

Bild: RHONA WISE/AFP/Getty Images

Außerhalb der USA wird die Aussicht, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden könnte, typischerweise mit eine Mischung aus Belustigung und Beunruhigung aufgenommen. Wie kann letzten Endes ein Milliardär und Reality-TV-Star der mächtigste Mann der Welt werden? Vor allem bei Vorschlägen wie dem Bau einer riesigen Mauer, um mexikanische Immigranten daran zu hindern, in die USA zu kommen oder allen Muslimen zu verbieten das Land zu betreten?

Aber in den vergangene zwei Wochen, als ich als Gastgelehrter an der Universität von Texas in Austin arbeitete, hatte ich viel zu viel Zeit damit vergeudet, die Fernsehberichterstattung über die Wahlkampagne zu verfolgen. Sobald man den Fernseher einschaltete, war es schwierig, Trump zu vermeiden oder persönlich von ihm zu hören. Andere Kandidaten tun ihre Meinung über Trump kund oder es werden Politikthemen angesprochen, die durch den Spiegel von Trumps Politik betrachtet werden. In der Tat gibt es neben der Wahlberichterstattung – mit Trump als Hauptfigur – beim Umschalten zwischen den Nachrichtensendern nur wenig Angebot.

Es stimmt, wir sind im Dickicht der ersten Wahlperiode, wo das Hauptaugenmerk auf einer Berichterstattung liegt, die einem Pferderennen gleicht und genau das wohl einfach erwartet wird. Aber meine eindrücklichen Beobachtungen von Trumps Dominanz gelten für weit länger als zwei Wochen.

Wie The Economist berichtet, hat Trump zwischen Anfang 2015 und dem 26. Februar 2016 mehr als 400 Minuten Sendezeit in den Abendnachrichten von ABC, NBC und CBS erhalten, im Vergleich zu weniger als 100 Minuten für seine beiden republikanischen Hauptkontrahenten Ted Cruz und Marco Rubio. Über Hillary Clinton und Bernie Sanderszusammen wurde weniger als halb so viel Berichterstattung geführt wie Trump.

Da Trump der klare Spitzenreiter im republikanischen Rennen ist, so sei es nur richtig – so mögen manche Journalisten argumentieren – dass er die Berichterstattung dominiert und die Richtung vorgibt. Aber es sind wohl die verlässlichen Nachrichtenwerte, die bei der Planung der Wahlkampagnenagenda die Trumpifizierung der Wahlberichterstattung bestimmten.

Außer Kontrolle

Im Gegensatz dazu müssen Fernsehsender in Großbritannien strenge Vorgaben für Unparteilichkeit bei der politischen Berichterstattung befolgen. Wenn auch oftmals falsch interpretiert, hat dies nicht zur Folge, dass die Hauptparteien und –kandidaten eine gleiche Sendezeit erhalten. Auf Grund der strengen unparteilichen Richtlinien des Journalismus. Aber wenigstens fördert es eine höhere redaktionelle Sensibilität bei der Ausübung von journalistischen Urteilen, bezüglich der Erreichung von einem “Gleichgewicht” und der Bewahrung von öffentlichem Vertrauen in die Unparteilichkeit von Fernsehsendern.

Da US-Fernsehsender keinen solchen regulatorischen Verpflichtungen genügen müssen, können kommerzielle Nachrichtenwerte jedes Gebot der Unparteilichkeit beim Berichten über Spitzenkandidaten und Parteien ersetzen (oder übertrump(f)en!). Dies verzerrt die Berichterstattung zugunsten von Politikern, die die Kunst beherrschen, die Frank Essner als “Selbstmediatisierung” bezeichnet: die Fähigkeit die Medienrichtung vorzugeben, indem sie die Nachrichtenwerte von Mainstream-Journalisten beeinflussen.

Dies ist wohl Trumps erfolgreichste Kampagnenstrategie. Von provokanten Reden in Wahlkampfveranstaltungen bis hin zu billigen persönlichen Angriffen auf seine Gegner in TV-Debatten: die Trumpifizierung der Politik passt perfekt zu den kommerziellen Zielen der US-Fernsehsender. Bei der jüngsten TV-Debatte der republikanischen Spitzenkandidaten auf Fox News schalteten 17 Mio. Zuschauer ein – die höchste Zuschauerquote, die für eine der Spitzendebatten erzielt wurde. Aber anstatt die politischen Positionen der übrigen vier Kandidaten zu untersuchen, gingen die meisten Fragen an Trump oder betrafen seine Person.

Viele republikanische Wähler scheinen einen Geschäftsmann, anstatt eines Washington Insiders, als bevorzugten Kandidaten auszuwählen. Hier liegt eine wirklich große Geschichte: der demokratische Rebell Bernie Sanders verlässt sich auf die Spenden von Privatleuten, statt auf die Gelder von großen Firmen. Trumps Fähigkeit hingegen, sich selbst zu finanzieren und so dem Parteien-Establishment die Stirn zu bieten, ist eine wesentliche Anfechtung dessen, wie sich Kampagnen typischerweise finanzieren und wie sie geführt werden. Aber während dies eine erfrischende Veränderung im Vergleich zu früheren Wahlzyklen darstellen könnte, geht die Medienaufmerksamkeit auf Kosten einer Diskussion dessen, was wirklich auf dem Spiel steht.

Post-Wahrheit

Natürlich ist das Spektakel von Kandidaten, die Politikthemen ausweichen oder Wähler täuschen, nichts Neues in der modernen Politik. Der US-Wahlkampf von 2012 zeichnete sich als Vorbote einer Ära von Post-Wahrheit-Politik aus. Aber wenn ein Kandidat wie Trump aufsteigt, verwandelt sich diese sogenannte Ära der Post-Wahrheit-Politik in einen alles in allem gefährlicheren Vorschlag als das, was wir in den letzten Jahren gesehen haben.

Offensichtlich ist Trumps wütende Rhetorik mit der Angst vieler Leute vor Immigration und nationaler Sicherheit verbunden. Aber die impraktikablen Lösungen, die er vorschlägt, müssen von Journalisten gründlicher hinterfragt, geprüft und öffentlich angezweifelt werden, anstatt implizit akzeptiert und legitimiert zu werden.

Die Politik der reaktionären populistischen Angst ist kaum einzigartig für die USA. Viele europäische Demokratien sind im Zuge der sich verschärfenden Flüchtlingskrise drastisch nach rechts gerückt – zuletzt die Slowakei, wo eine offen neonazistische Partei in das Parlament eingezogen ist.

Aber worin sich die USA von den meisten anderen fortschrittlichen westlichen Demokratien unterscheidet, sind die formalen Regeln, die die Fernsehberichterstattung kontrollieren, die für viele amerikanische Wähler die Hauptinformationsquelle über die Wahl ist. Der amerikanische Ansatz der Wahlberichterstattung ist fast ausschließlich durch Verfolgung von kommerziellen Nachrichtenwerten geprägt, anstatt durch einen journalistischen Versuch, die Blickwinkel der Parteien und die Ansichten der konkurrierenden Kandidaten auszubalancieren.

Das heißt nicht, dass die Medien ganz alleine für das Phänomen Trump verantwortlich sind, das in einer angespannten Zeit und in einer stets komplizierten politischen Kultur aufgetaucht ist. Jedoch hatte das vorherrschende US-Mediensystem auch nur wenig Einfluss auf die Verringerung der Möglichkeiten, die einem Politiker wie Trump geboten werden. Wenig Einfluss darauf, dass ein Politiker mit einer solchen Missachtung für Politik die Chance hat, sich als glaubhafter Präsidentschaftskandidat zu etablieren.

Sich allein auf Nachrichtenwerte zu verlassen, scheint eine vernünftige und professionelle Strategie zu sein, um Wahlberichte in einer Branche mit starker Konkurrenz auszuwählen, aber sie ist alles andere als politisch neutral. Redaktionelle Prioritäten können die Gestaltung der Wahlkampfagenda direkt beeinflussen und die Auswahl an Themen, die diskutiert und erörtert werden, einschränken. Niemand möchte überregulierte oder unterdrückte Rundfunkmedien, aber unabhängig von der politischen Gesinnung, kann die Ausübung eines gewissen Grades an Gleichgewicht in der Wahlberichterstattung sicherlich nur gut für die Bewahrung eines demokratischen Diskurses sein – ob in den USA oder andernorts.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Netzpiloten.de bzw. auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

Stephen Cushion ist Dozent und Direktor von politischer Kommunikation an der Universität Cardiff School für Journalismus, Medien- und Kulturwissenschaften

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 16.03.2016 | 20:19

Kommt mir irgendwie aus Deutschland bekannt vor. "Vom Ami haben wir's gelernt, vom Ami haben wir's gelernt, vom A-ham-mi ..." (etwas vorgetragen gesungen, mit thüringischem Akzent und mühsam unterdrückten Lispeln)

Bei der hiesigen medialen Merkel-Koprologie zählt doch auch nur die Auflage/Quote – Hauptsache Merkel, die grooooße Merkel, die määächtige Merkel, die über alles beliiiiiiiebte Merkel, dann glotzen sie schon alle hin. Na und?

Hauptsache "Merkel-Content", drüben isses halt derzeit die Trumpifizierung.

Ob Altersarmut, Verkehrspolitik, Umweltpolitik, Bürgerrechte — egal, auf die innerdeutschen politischen Riesen-Katastrophen der 10 Jahre Regierungsdiktatur dieser "ehrenwerten" Dame schaut halt keiner, weil es nicht aufregend und – mittlerweile, so kann man ja schon sagen – nicht "merkelkonform" ist.

Es gehört sich ja mittlerweile, NICHT mehr darüber zu berichten. Das ist dann "Merkelisierung".

Ein erschreckender Anteil insbesondere der selbsternannten "Qualitäts"-Medien" (mit Wasser, Anabolika und Antibiotika vollgepumptes Turbo-Fleisch ist ja auch "Qualitätsfleisch": Tatsachen verschweigen, es brauch nur schön in Szene gesetzt werden – und schon verkauft es sich an jeden Idioten) hat ja nicht mehr den Mumm oder ist schlichtweg zu erbärmlich abhängig, um unbequeme Wahrheiten zu schreiben.

Ganz aktuelle Thematik: Wo blieben denn die Warnrufe der "Qualitäts"-Medien vor mindestens anderthalb Jahren, damals, angesichts der fast zwei Millionen Flüchtlinge in der Türkei, als schon glasklar war, dass eine Flüchtlingskatastrophe entstehen würde?

Hat irgendwer dieser widerlichen Oberheuchlerin "Mutti" Merkel mal eine Landkarte in die Hand gedrückt um zu erklären was passieren wird? Und dann reicht es hierzulande, dass dieser schäbige de Maiziere sich hinstellt und LÜGT, dass sich die Balken biegen: Die Flüchtlinge hat NIEMAND, NIEMAND kommen sehen!? Wie bitte, Mr. Überall-Schnüffel-Minister? Was haben sie da gesagt? Hat irgendwer von Euch in den Medien darüber gelesen/gesehen/gehört, was es mit dieser Jahrzent-Lüge auf sich hat? Sicherlich NICHT.

Dazu kurz gefragt: Warum kriegt Merkel eigentlich nicht ein einziges mal ihr Maul auf wenn es um die Ächtung von Krieg geht?

Übrigens, die gute Nachricht:
Trump KANN ggf. im Amt gar nicht so schlimm werden, wie es jetzt überall Glauben gemacht wird.

Die schlechte Nachricht:
Merkel ist noch viel schlimmer geworden, als irgendwer sich hätte vorstellen können.

Was ich damit sagen will:

Macht Euch doch frei von dieser erbärmlichen Niedertracht. Dieser ganze Mist, nehmt Trump, nehmt Berlusconi, nehmt Merkel, es ist alles Ablenkungs-Show, und es ist die pure Verlogenheit, die Verlogenheit bis ins Mark. Vergesst diese "Volks"-vertreter.

Pfeift auf den oberflächlichen DU-sollst-SO-denken-Mist, mit dem Euch diese Themen- und Herrschafts-Aufzwänger, diese "Alternativlos"-Prediger, und deren Sender, in denen die bezahlten Wiederkäuer sitzen, vollk*tzen.

Heute noch heißt es in Bezug auf die Rundfunkgebühr, deren Befürworter insistierten, sie sei ein Garant für unabhängigen Journalismus ("rofl") ... Ich sag' nur Staatsfernsehen, oder Kai Gniffke ... das reicht eigentlich immer öfter für eine Schadensersatz- oder Schmerzensgeldklage nach Lektüre der tagesschau.de.

Die Medien geben ihnen die Macht, und wir geben den Medien die Macht.

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Ehemaliger Nutzer 16.03.2016 | 23:45

zu Trump fällt mir nur eines ein:

sollte es der GOP nicht gelingen, ihren ursprünglich nur als Warm-Upper für die eigentlichen Bewerber gedachten Trump auf reguläre Weise los zu werden, er also statt des gestern ebenfalls gescheiterten Rubio der Kandidat der Reps werden sollte, dann steht die erste Präsidentin der USA bereits fest.

Nur gegen einen jungen smarten Bewerber wie Rubio hätte Clinton vielleicht verlieren können, mit Trump ist es ein Spaziergang.

Ratatörskr 18.03.2016 | 16:57

Rundum Zustimmung!

Heute ist der 18.o3.2016, 2. Tag des Gipfels der Einfaltslosen. Sie haben bis jetzt keinen einzigen neuen Denkansatz zur Problemlösung zu bieten. Es geht wieder um einen Deal, über die Menschen hinweg!

Ich entlehne mir Sloterdijks Sprachakrobatik und schreibe von der Merkeltizität, mit der unsere Leitmedien so umgehen wie die amerikanischen, ich denke, Lobby-Medien, mit ihrem Trump. Denkende Journalisten verfügen doch eigentlich auch über die Neugier, der Hefe des Wissens.