Die wachsende Macht des Trichter-Filters

Facebook Soziale Plattformen haben Herausgebern neue Möglichkeiten geboten, ihre Inhalte zu verbreiten. Doch die Entscheidung, welche Nachrichten angezeigt werden, fällen andere
Die wachsende Macht des Trichter-Filters

Foto: JOE KLAMAR/AFP/Getty Images

Vergessen wir den Nebenschauplatz der höhnischen Empörung der Republikaner darüber, dass Facebook die Wahrheit verdreht und uns eine liberale Agenda eines unachtsamen Amerikas aufzwingt. Die echte Sensation, die die Gizmodo-Enthüllungen aufs Korn genommen haben, besteht daraus, wie einige wenige Leute darüber entscheiden, was eine größere Anzahl von Menschen ständig als „Nachrichten“ zu sehen bekommen.

Es war das Jahr der Plattformen, in dem drei der größten, marktbestimmenden Unternehmen unserer Zeit – Facebook, Google, und Apple – darum gekämpft haben, eine maximale Zeitspanne für ihre Produkte zu erlangen (der Konkurrent Amazon spielt ein ähnliches, aber doch anders geartetes Spiel).

Jeder Internetriese möchte mehr Nutzerzeit für sich haben – und das Spiel hat neueren Herausgebern seit Mitte 2015 das Fürchten gelehrt. Alle großen digitalen Machthaber, von der New York Times über den Dow Jones bis hin zu Atlantic Media und der BBC testen behutsam, wie viele Volltext-Artikel (und neuerdings auch Videos) die Plattformen vertragen können. Einzig und allein die Washington Post hält sich alleinig an Facebooks Instant Articles, und das bezieht sich auf Amazons eigensinnige strategische Spielweise.

Während dieses neue Möchtegern-Plattform-Zeitalter bisher nur unklare Ergebnisse geliefert hat, sehen wir das größere Problem, welches es unbeabsichtigt verstärkt. Da Plattformen zunehmend an Bedeutung in unserem Leben gewinnen, gibt es weniger Gatekeeper für die digitalen Nachrichten, die die Leser erhalten.

Ironischerweise sind wir aufgrund der Ausweitung der vom Internet hervorgebrachten Auswahl der (nationalen) Nachrichten von immer weniger Nachrichtenkanälen abhängig. Es ist eine Eingrenzung des Trichter-Filters und stellt eine weitere unbeabsichtigte Konsequenz der digitalen Umformung unserer Leben dar. Es ist genauso beunruhigend wie die Filter-Blasen, die uns Sorgen bereitet haben, aber diesmal wahrscheinlich nur noch stärker.

Während diese Kanäle sich verengen, werden die Entscheidungen darüber, was als Nachricht und berichtenswert innerhalb der Nachrichten angesehen wird, zwangsläufig von weniger Leuten und ihren “Buddy Bots“ entschieden.

Daher sind die paar liberale Kuratoren bei Facebook, die weniger starke Prioritäten bei „konservativen“ Sichtweisen setzen, kaum überraschend. Irgendjemand muss entscheiden, was die wichtigsten und unbedeutendsten Nachrichten sind — und was man wo zeigt. Herausgeber von Nachrichtendiensten, Zeitungen sowie Fernseh- und Radiostationen haben das lange Zeit übernommen. Leser haben sich lange Zeit über die Tendenz von diesem und jenem beschwert, und Politiker sind seit jeher gegen die Medien und ihre Neigung angerannt, obwohl das Tempo in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen hat.

Der Unterschied heutzutage liegt darin, woher Nachrichtenleser ihre Nachrichten beziehen. Pew fand in einer Studie aus dem vergangenen Jahr heraus, dass 63 Prozent der jeweiligen Nutzer die entsprechenden Plattformen von Facebook und Twitter als Nachrichtenquelle nutzten. Dieser Prozentsatz wir nur noch größer werden, weil Herausgeber zunehmend in unterschiedlichster Weise mit den Plattformen agieren.

Sicherlich haben diese Art von Plattform-Kriegen Herausgebern einige neue Möglichkeiten geboten – und es hat ihnen das Gefühl von mehr Kontrolle darüber gegeben, was sie auf Plattformen, wie es beispielsweise bei den Facebook Instant Articles dr Fall ist, jetzt präsentieren können.

Dennoch haben die Herausgeber nun gelernt, dass nichts so veränderlich ist wie die Entscheidungen, Strategien und Algorithmen der Plattformen. Selbst wenn sie den Herausgebern etwas mehr Kontrolle in einigen ihrer neuen Programme anbieten, sind es Facebook und Apple, die entscheiden, was viele ihrer neuen Konsumenten lesen und nicht lesen werden. Dies kommt daher, weil sie die Platzierung der Nachrichtenbeiträge in ihren „Trending Topics“ (hierhe rührt der momentane Wirbel um Reince Priebus und Mark Zuckerberg) oder in den Newsfeeds kontrollieren – und von diesen beziehen noch immer die meisten Nutzer ihre Nachrichten.

Darin liegt die Eingrenzung des Filter-Trichters. Wenn mehr und mehr Nachrichtenleser von den Beurteilungen der Plattformen abhängig sind, was in den Nachrichten erscheint, wird sich die Vielfältigkeit der Beurteilungen auch verschmälern. Ja, wir können uns alle an einzelne Quellen wenden und die Unterschiede auskosten, beispielsweise die Gegenüberstellung dessen, wie die New York Times und das Wall Street Journal Top-Nachrichten berücksichtigen, aber immer weniger von uns tun das auch. Wir verlassen uns stattdessen darauf, was die Plattformen behaupten.

Diese Entscheidungen werden aus einer Kombination aus Mensch und Algorithmus getroffen. Und wer programmiert diese Algorithmen? Menschen. Menschliche Fehlbarkeit – und eingebaute Voreinstellungen – sind unvermeidlich. Die Neigung ist nicht nur liberal oder konservativ. Das System läuft Gefahr, noch tückischer zu werden, da das Gruppendenken das Risiko eingeht, ein unsichtbarer Allgemeinplatz zu werden.

Einige, einschließlich der Plattformen, werden sagen, dass dies absolut kein Problem darstellt. Konsumenten können direkt auf die ursprünglichen Quellen zugreifen. Natürlich können sie das, aber einige werden auf diese Option verzichten, weil Nachrichtenagenturen alles auslagern, was ausgelagert werden kann. Also wieso nicht einfach den Inhalt produzieren und Facebook die Verbreitung machen lassen? Dieser Tag wird früher oder später kommen.

Auf jeden Fall sind wir Gewohnheitstiere. Die Plattformen haben die Lesegewohnheiten der Nachrichten verändert. Facebook verzeichnet allein 167 Millionen amerikanische Nutzer mit jeweils 20 Minuten täglicher Nutzungsdauer – der erfolgreichste Nachrichtenriese erreicht diese Zahl nicht mal in einem durchschnittlichen Monat. Die Rechnung, die ebenso von der Industrie herangezogen wird, lautet, dass wir die Plattformen nutzen müssen, um das Publikum zu erreichen, besonders die aufstrebenden Jüngeren, und die potenzielle lebensgefährliche Bedrohung vernünftig managen müssen.

Plattformen wollen die letzte Auslieferungsstelle werden, damit sie die Gafferei bestmöglich zu Geld machen können. Wenn sie hintanstehen, werden die wahren Entscheidungen darüber, was Nachrichten sind, in unsichtbare Hände und Maschinen übergeben, von denen uns Technikversierte sagen, dass sie neutral sind oder über den Dingen stehen.

Unsinn. Die Maschinen werden uns – zumindest fürs Erste – das geben, was die menschlichen Lehrer ihnen angewiesen haben, dass sie uns geben sollen. Wenn Leser Nachrichten von Apple erhalten, kaufen sie die Nachrichten-Beurteilungen von Apple.

Dies ist allerdings nicht nur ein digitales Problem. Da Gannett und Tribune sich gegenseitig feindlich beäugen, basiert die Begründung für Gannetts Angebot in Premiumgröße auf „Effizienzgewinnen“. Dazu gehört vor allem das Ersetzen der Beurteilungsfähigkeit vieler Redaktionsmitarbeiten (und vermutlich ebenfalls jene der L.A. Times und der Chicago Tribune) mit einer Gruppe junger Redakteure bei Gannett HQ im vorörtlich-spießigen Virginia. Dies verengt ebenfalls den Filter-Trichter.

Diese Gannett-Herausgeber wollen in der Tat identifizierbarer sein als die großen gesichtslosen Facebooks, die entscheiden, was Facebook-Leser zu sehen bekommen, aber der Effekt ist derselbe: Gannett unterstützt ebenfalls seine eigene Plattform.

Macht, um es einmal frei nach Mao zu sagen, kommt aus dem Lauf eines Trichters. In dieser Angelegenheit sollten wir dem Getue der Politiker weniger Aufmerksamkeit schenken und mehr der Kraft der Plattformen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf netzpiloten.de

Ken Doctor ist Analyst der Nachrichtenindustrie und Autor des Buches Newsonomics: Twelve New Trends That Will Shape the News You Get (St. Martin’s Press)

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06:00 01.06.2016
Geschrieben von

Ken Doctor | Netzpiloten

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