Andrew White
09.02.2016 | 06:00 4

Für die digitale Wirtschaft

Grundeinkommen Ein großer Seufzer geht durch die Postmoderne: Wir sind technisch so weit gekommen doch lassen unser Leben noch von Maschinen diktieren. Das muss doch besser gehen!

In einer Zeit der globalen, wirtschaftlichen Unsicherheit hat ein einfühlsamer Kommentator herausgestellt, welche grundlegende Gefahr die Technologie für unsere Arbeitswelt bedeutet:

“Wir wurden mit einer Krankheit angesteckt, von der einige Leser noch nicht einmal den Namen kennen dürften, aber von der sie in den nächsten Jahren noch so einiges hören werden – nämlich der der technologischen Arbeitslosigkeit. Das bedeutet, die Arbeitslosigkeit aufgrund unserer Entdeckung, Arbeit in einem schnelleren Tempo einsparen zu können, als wir neue Möglichkeiten der Arbeit finden können.”

Diese Worte von John Maynard Keynes aus dem Jahr 1930 erinnern uns daran, dass die gegenwärtige Angst davor, dass Roboter unsere Arbeit übernehmen können, nicht so weit entfernt ist von den Ängsten der vorherigen Generationen.

 

Und tatsächlich, je mehr diese Ängste regelmäßig recycelt, aber auch immer wieder abgemildert werden, desto weniger stark erscheinen sie denen, die sich schon ausführlich mit dem langatmigen Erzählbogen der Menschheitsgeschichte befasst haben. Nichtsdestotrotz war dies eines der Hauptthemen, das von der Weltspitze in Davos diskutiert wurde.

Das exponentielle Anwachsen der digitalen Technologie seit den 1990er Jahren hat uns die “vierte industrielle  Revolution” beschert. Die Entwicklungen haben einen Punkt erreicht, an dem hochqualifizierte Jobs ebenso wenig davon verschont bleiben, durch Automatisierungsprozessen ausgetauscht zu werden, wie die Jobs derer, die nicht so ein hohes Maß an Bildung oder Ausbildung benötigen. Martin Ford, ein Unternehmer aus dem Silicon Valley,  erläutert dies anschaulich an dem Gegensatz zwischen einem Radiologen, dessen Schwachstelle das Automatisieren von Prozessen ist und einer Haushälterin, deren Entscheidungsprozesse weniger einfach nachgestellt werden können.

Dies ist verbunden mit der Befürchtung, dass dieser neue Wirtschafts-Typus nicht genug Ausgleichspositionen für die Jobs anbietet, die sich durch Automatisierung auflösen. Um zu illustrieren, wie die innovativsten, digitalen Unternehmen großen Wohlstand auf dem Rücken der vergleichsweise wenigen, aber dafür hart arbeitenden Menschen erzeugen, wird untersucht, wie der Marktwert von Google von 377 Milliarden US-Dollar von weltweit nur 53.600 Mitarbeitern getragen wird. Dann wird der Marktwert von General Motors untersucht, der mit rund 60 Milliarden US-Dollar bei 216.000 Angestellten liegt.

Dieses Auseinanderklaffen wäre in einer Wirtschaftsform bedeutungslos, in der das Geschäft eines jeden Unternehmens komplett eigenständig wäre. Nun sind die Tätigkeiten dieser technologischen Giganten allerdings in andere Geschäftssphären vorgedrungen, zum Beispiel in dem Fall, in dem die selbstfahrenden Autos von Google das Unternehmen zu einem direkten Konkurrenten von General Motors machen.

Martin Wolf, der Chefredakteur des Wirtschaftsteils der Financial Times, argumentiert damit, dass diese tektonischen Verschiebungen einen neuen Raum öffnen, der uns zum Überdenken unserer Standpunkte zu Arbeit und Freizeit anregt. Anstatt sich darüber zu beschweren, was die Automatisierung uns entzieht, sollten wir sie dazu nutzen, uns mehr Möglichkeiten in Freizeit und der Bildung zu schaffen. Und sollten wir uns nicht endlich von der dauernden Angst lösen, unsere Familien in dieser instabilen Umgebung nicht mehr unterstützen zu können?

Eine uralte Idee

Ein offensichtlicher Weg dorthin ist der des Grundeinkommens – Wohlstand umverteilen und allen Bürgern ein planes, auflagenfreies Einkommen zu geben. Diese Idee ist verankert in Jahrzehnte alten Vorstellungen und Experimente. Der demokratische Kandidat der US-Wahl von 1972, George McGovern, schlug zum Beispiel ein “Demogrant” von 1000 US-Dollar jährlich für jeden Amerikaner vor. 

Robert Reich, der Arbeitsminister in Bill Clintons erster Amtsperiode, befürwortete ebenfalls eine Kombination aus minimalem Einkommen, einer Ertragsausfallversicherung und einemfinanziellen Polster von 60.000 US-Dollar für jeden Bürger, um sich gegen die Unbeständigkeiten der modernen, global verknüpften Wirtschaft zu schützen. Genau wie Wolf es befürwortet, haben Schweizer Aktivisten, die sich ebenfalls für ein Grundeinkommeneinsetzen, ihre Argumente daraufhin aufgebaut, die Balance von Arbeit und Leben eines jeden zu verbessern.

Es mag den Leser überraschen, dass die Ideen des Grundeinkommens auch von Vertretern des rechten Flügels, unter anderem vom liberalistischen Volkswirt Friedrich Hayek, kommen. Sie manifestierten sich in Vorschlägen für eine Art negative Einkommenssteuer, die zum ersten Mal von Milton Friedman 1962 befürwortet wurde und die beinahe während der Präsidentschaft von Richard Nixon in Form des Plans zur Unterstützung von Familienausgeführt worden wäre.

Das Scheitern des Plans wurde begleitet von einigen Pilotprojekten zur negativen Einkommenssteuer in einigen amerikanischen Städten, allerdings  mit weniger erfreulichen Ergebnissen. Trotz dieses Misserfolgs argumentieren konservative Denker wie David Frum, dass die Einführung eines Grundeinkommens die Bürokratie vermindern würde, da der Umfang der derzeitigen Programme zur Armutsbekämpfung ausgedünnt werden würde. Eine Vielzahl der neuen Projekte – das aktuellste findet gerade in Utrecht statt – könnten uns besser als ihre Vorgänger aus den 70er Jahren zeigen, wie diese Experimente in hochautomatisierten Wirtschaftssystemen funktionieren.

Etwas, das Klaus Schwab, der Leiter des Weltwirtschaftsforums, immer stark betont, ist die ansteigende Tendenz, dass sich die Vorteile der digitalen Revolution für viele und nicht nur für wenige ergeben: “Wo Automatisierungsprozesse Arbeitskräfte in der ganzen Wirtschaft ersetzen, verschlimmert die Nettodistanz zwischen Arbeitern und Maschinen die Lücke zwischen den Kapitalerträgen und den Arbeitserträgen”, sagte er.

Keynes’ Vorhersage aus dem Jahr 1930, dass in 100 Jahren Menschen in den reichsten Nationen nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten würden, hat sich also nicht erfüllt. Nehme man sich jedoch die potentielle Automatisierung der Arbeit als Beispiel, um die Arbeitsplatzprognosen der Wirtschaftswissenschaftler durcheinander zu bringen, dürften die Teilnehmer der Davos-Konferenz das Grundeinkommen nicht so rasch zur Seite wischen, da dies eine glaubwürdige Antwort auf die gegenwärtigen Ängste über unsere Rolle in der modernen Arbeitswelt darstellen kann.

Andrew White ist Professor für Kreativwirtschaft & Digitale Medien an der School of International Communications der chinesischen Außenstelle der Universität Nottingham. Er leitet zudem stellvertretend das AHRC Centre for Digital Copyright and IP Research in Ningbo, China. Er forscht im Bereich der Sozialen Medien und deren Einfluss auf die chinesische Gesellschaft.

 

Kommentare (4)

Moorleiche 09.02.2016 | 11:56

Also, für eine Spezies, der notorisch ihre Überflüssigkeit attestiert wird, halten wir uns verdammt gut. Auch gegen Roboter, auch in der Arbeit. Exponentielles Bevölkerungswachstum, wer kriegt das schon hin, außer den Nutztieren, die von uns gehegt und gefoltert werden? Wir werden uns möglicherweise zu Tode siegen, aber noch ist der Tag in weiter Ferne in der Roboter sich selbst programmieren, verbessern und reparieren.

Das Grundeinkommen nehme ich mit und bin gerade dabei mich schleichend vom Skeptiker (nicht zu finanzieren) zum Befürworter zu wandeln. Erstens, gehöre ich zu denen, die dann wirklich weniger – nein, eigentlich anders, gezielter, meinen Neigungen folgend – arbeiten würden und zweitens, wird mir das Ausmaß dessen immer bewusster in dem wir heute für Schwachsinn Geld verbrennen. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln und verwalte meinen Anteil lieber selbst.

Leonid Kovar 10.02.2016 | 01:20

Die Technologie hat zwar großes Potential, aber es ist zu früh um so optimistisch zu sein. Es kommt immer darauf an wem dieses Potential zu welchem Zweck zur verfügung steht. Besonders im Bereich der "neuen" digitalen Wirtschaft sind große Konzerne schon seit langem dabei sich das "Privateigentum an Produktionsmitteln" nachträglich und ohne technische Notwendikeit, ja sogar mit einem technischen Mehraufwand, zu sichern. So z.B. die künstliche "Verbindung" von Hardware-, Software- und Dienstleistungen in Form geshlossener, nicht-standardkompatibler Komplettpakete: Marktbeherrschung durch Kundenbindung, Sicherung von Patenten und Durchsetzung eigener (verschlossener) Standards.
Das sind aber alles noch "Luxusprobleme", wenn man bedenkt, dass immer noch gut 2/3 der Menschheit ein Hundeleben führen muss um das restliche Drittel mit Bodenschätzen, landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Fabrikarbeit zu versorgen. Dieses restliche Drittel hat selbst eine Gesellschaft des nach oben buckelns und nach unten tretens verinnerlicht und ist offenbar nicht in der geistigen Verfassung sich den wachsenden Verteilungsproblemen zu stellen - Verteilungsprobleme für deren verschlimmerung nach wie vor die vorherrschenden Eigentumsverhältnise ursächlich sind. Die öden Verweise auf das wirtschaftliche und/oder menschenrechtliche Scheitern von Staaten, deren Politik vorgeblich dieses Problem lösen wollten, verblassen Angesichts der Realität - in der das Problem weiterhin wächst und gedeiht.

Dokeve 14.02.2016 | 19:31

Nach Paul Samuelson ist es Aufgabe jeder Wirtschaftsordnung festzulegen, was wann und in welchen Mengen für wen produziert wird. Unterstellt wird dabei, dass jeder Konsument etwa in dem gleichen Umfang konsumieren kann, wie er andererseits der Ökonomie an Wertschöpfungsleistung zur Verfügung gestellt hat (oder zur Verfügung stellen wird - dieses Zutrauen oder Vertrauen ist die gewöhnliche Voraussetzung für die Gewährung von Kredit). Wenn jemand mehr konsumiert oder mehr Werte kassiert, als er hergestellt oder "geschöpft" hat, ist entweder etwas faul, oder er konsumiert oder kassiert auf Kosten anderer. Dies ist etwa im Falle eines Grosskapitalisten, der eine marktbeherrschende Stellung erpresserisch ausnutzt genau so wie im Falle eines Empfängers von Transferleistungen. Transferleistungen sind bisher immer als solidarische Nothilfen für den Fall von Bedürftigkeit verstanden worden, der die Ausnahme und nicht die Regel sein soll. In der Regel soll eine Wirtschaftsordnung jedem Menschen die Möglichkeit bieten, sich aus eigener Kraft zu ernähren und seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Dann ist ein menschenwürdiges Leben möglich. Die von Keynes schon so früh vorausgesehen technische Arbeitslosigkeit macht dies nun immer schwerer lösbar, weil die Arbeit knapp wird, und das nachgefragte Arbeitsvolumen schrumpft. Aber Keynes hat als Antwort nicht etwa ein "Grundeinkommen" vorgeschlagen, sondern Arbeitszeitverkürzungen, um das Arbeitsangebot gleichmässiger zu beschäftigen. Auch sonst hat kein Ökonom diese Idee jemals als Antwort auf den - progressiven - Prozess der technologischen Arbeitslosigkeit verstanden. Typischerweise wurde diese Idee zuerst von radikalliberalen Theoretikern wie Hayek vertreten, die damit aber nur eine "Vereinfachung" des Sozialstaats bzw. die Abkehr vom Solidargedanken an sich im Sinn hatten. Ein Empfänger eines "Grundeinkommens" bleibt bzw. bliebe jedenfalls unter allen erdenklichen Yumständen ein Empfänger einer Sozialleistung, also von Leistungen, die andere erwirtschaftet haben. Im bisherigen Sprachgebrauch wird der Begriff "Einkommen" verwendet für für einen Geldbetrag, den jemand aus eigenem Vermögen und Leisten und rechtmässig erwirtschaftet hat. Es wäre nun unpassend und ökonomietheoretisch auch unredlich, diesen Begriff nun für eine Transferleistung zu verwenden, nur um den Anschein zu erwecken, als sei diese Zahlung von der gleichen Dignität und Normalität wie eben ein Einkommen. Es ist nicht so. Die tragfähigen und nachhaltig praktikablen Antworten auf dieses Wachstum der technologischen Potenziale zur Substitution von Arbeit verlangen offenbar anspruchsvollere Antworten als die der "klugen" (oder weniger klugen) Hausfrau, die denkt, man muss doch nur ein wenig tiefer un das volle Portemonnai greifen. Wer auf "Grundeinkommen" setzt, hofft dass die Wirtschaft brummt und immer genügend Fleissige da sind, die das Portemonnai füllen, während sie gleichzeitig die Idee eines Lebens ohne materielle Zwänge und Begrenzungen verwirklichen wollen. Das wird sich über kurz oder lang kaum machen lassen. Es ist komplizierter, wie bereits ausgeführt. Erstaunlich, dass ein Professor für Kreativwirtschaft so eigentlich simple Zusammenhänge nicht zu erfassen scheint.