Lokal ins World Wide Web

Change Immer mehr Menschen in Afrika sind online. Doch Server und Onlineservices liefern oft andere Kontinente. Das stört die Entwicklung, doch es gäbe Lösungen
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Werbung für einen Internet Provider in Kinshasa. Viele Anbieter von Online-Diensten kommen nicht aus Afrika
Foto: FEDERICO SCOPPA/AFP/Getty Images

Afrika geht rasant online. Das Internet verbreitet sich auf dem Kontinent schneller als in irgendeiner anderen Region der Welt und bietet Millionen von Menschen Zugang zu besserer Kommunikation, Information und Geschäftsgelegenheiten. Obwohl nur etwa 20 Prozent aller Menschen in Afrika Zugang zum Internet haben (im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt von 40 Prozent), ist diese Anzahl von weniger als 5 Prozent vor zehn Jahren angestiegen.

Was aber noch fehlt, ist eine bedeutsame Anzahl an Onlineservices, die vor Ort erstellt und gehostet wurden und sich auch in einheimischem Besitz befinden. So gibt es beispielsweise pro Million Einwohnern in Afrika nur 12 sichere Webserver, im Vergleich zu 1171 in Nordamerika. Statt einheimische Anbieter zu nutzen bevorzugen viele Länder populäre Marken, welche in anderen Teilen der Welt beheimatet sind, wie etwa Google und Facebook. Dieser Mangel an einheimischer afrikanischer Online-Präsenz setzt den Kontinent einem ernsten Nachteil aus, indem den Menschen nicht zugestanden wird, das volle Potenzial des Internets auszuschöpfen. Die schwierige Frage lautet, was man dagegen tun kann.

Man könnte argumentieren, dass Afrikas Verlangen nach internationalen Onlinemarken eine gute Sache sei, zeigt er doch, wie das Internet aufstrebende Regionen nahtlos an den globalen Markt anschließt. Aber es gibt einen Preis dafür. Entwicklungsländer mit hochentwickeltem Wettbewerb zu überfluten, birgt das Risiko, dass die Entwicklung neuer, einheimischer Alternativen unterdrückt wird – ein Problem, das Ökonomen und Politikern seit hunderten von Jahren Kopfzerbrechen bereitet.

Wie kann etwa ein einheimischer Online-Service, der noch in den Kinderschuhen steckt, gegen einen Konzern wie Google bestehen? Es ist möglich, dass dieses Hindernis die wirtschaftlichen Gewinne der Länder Afrikas beschränkt und sie daran hindert, das Web weiter zu bereichern und von wenigen großen Playern weg zu verändern.

Bei meiner eigenen, kürzlich erfolgten Analyse habe ich herausgefunden, dass die Probleme Afrikas mit dem Internet nicht nur mit der Erschaffung und der Eigentümerschaft von Webseiten zu tun haben. Sogar Angebote, die vor Ort designt werden (wie etwa neue Webseiten) werden oft von außerhalb des Kontinents, etwa von den USA oder Europa aus, gehostet und betrieben. Der Hauptgrund hierfür liegt im günstigeren und verlässlicheren Hostingservice, der im Ausland angeboten wird. Ein neuer Bericht der Internet Society zeigt, dass ruandische Inhaltsanbieter im Jahr 111 US-Dollar sparen können, indem sie ihre Inhalte im Ausland hosten.

Langsamer und teurer

Aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Für die Webseiten mag es billiger sein, aber es ist wesentlich teurer für die örtlichen Dienstleister (Internet Service Provider, also die Unternehmen, die die Nutzer mit dem Internet verbinden), welche die Daten von überall auf der Welt abrufen müssen. Beim Beispiel von Ruanda müssten die örtlichen Dienstanbieter, die den Inhalt für Internetnutzer verfügbar machen, 13.500 US-Dollar mehr zahlen als wenn sie sich mit Servern in Afrika verbinden würden, was die Kosten für alle in die Höhe treibt.

Das Problem endet aber nicht an dieser Stelle. Die Notwendigkeit, sich mit Webseiten zu verbinden, die im Ausland gehostet sind, führt auch zu langsameren Download-Geschwindigkeiten. Das kann todlangweilig und frustrierend für die Nutzer sein, was sie davon abhält, Seiten mit schlechter Leistung aufzurufen.

Andererseits zeigt das Beispiel von China, dass es nicht so sein muss. Die strenge Zensurpolitik des Landes beschränkt die Einfuhr ausländischer Webseiten. Das hat der Entstehung von alternativen Seiten geführt, welche vor Ort erstellt und gehostet werden. Im Gegenzug hat dies dem Land dabei geholfen, eine schnell wachsende Internettechnikindustrie zu entwickeln, mit Branchenriesen wie der Suchmaschine Baidu, dem Online-Shop Taobao und der Videoseite Youku, welche nicht nur ein gewaltiges Innovationspotenzial bergen, sondern auch entsprechende wirtschaftliche Vorteile.

Vom moralischen Standpunkt her ist es schwierig, eine solche Zensur für Afrika zu rechtfertigen. Menschen den Zugriff auf Videos bei YouTube oder den globalen Einfluss von Facebook zu verweigern scheint fundamental falsch zu sein. Es würde zudem die Idee des Netzneutralität untergraben – die Vorgabe, dass Internetanbieter den Zugriff auf alle Inhalte des Internets gleichermaßen bieten sollen – was viele als Kernprinzip des Internets ansehen.

Und während viele Länder im Lauf der Geschichte Schutzpolitik betrieben haben, um ihre so genannten jungen Wirtschaftszweige zu schützen, ist das Internet eine andere Sache. Seine globale Natur und die Art, wie es andere Wirtschaftszweige unterstützen kann, führen dazu, dass die Beschränkung ausländischer Webseiten, und sei es nur für wenige Jahre, zu viele negative Folgen haben kann. Man stelle sich nur einen Onlinehandel vor, der plötzlich den Zugriff auf Ebay verliert.

Positive Lösungen

Statt ausländische Webseiten zu sperren, sollten wir nach positiveren Lösungen suchen. Eine angemessene Regulierung, Investitionen in die Infrastruktur und vor allem in die Ausbildung sind der Schlüssel, um einheimische Innovationen zu fördern. Ein guter Ausgangspunkt wäre, Ausschau nach jenen Angeboten zu halten, die unbedingt einen lokalen Bezug brauchen. Viele Bedürfnisse der afrikanischen Nutzer spiegeln jene der anderen Nutzer weltweit. Daher ist es schwierig, ein einzigartiges Verkaufsargument festzulegen, das sich im Wettbewerb gegen die großen internationalen Konzerne durchsetzt. Mit lokalem Bezug vorzugehen und sich auf die Arten von Angeboten zu konzentrieren, die noch nicht von der globalen Elite abgedeckt werden, wäre eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen.

Glücklicherweise kommen immer mehr Beispiele auf, wie etwa Ushahidi, welches entwickelt wurde, um Berichte von Gewalt in Kenia nach den Wahlen 2008 aufzuzeichnen. Angebote in anderen aufstrebenden Wirtschaften können ebenfalls Pate stehen, wie etwa der indische Buchungsservice für Rikschas Autowale. Diese wunderbaren Beispiele zeigen Innovation in bester Form: die Lösung für echte Probleme vor der Haustür zu finden. Und vielleicht wird sich aus dem einheimischen Start-Up der nächste globale Tech-Gigant entwickeln. Indem man die einheimischen Kompetenzen und Kapazitäten ausbaut, wird der Grundstein für die Zukunft gelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir eine afrikanische Webseite zwischen den Lesezeichen von Internetnutzern auf der ganzen Welt sehen werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei netzpiloten.de bzw. auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

Gareth Tyson arbeitet als Dozent der Computerwissenschaften an der Queen Mary- Universität in London. Seine Forschungen konzentrieren sich auf intelligent und adaptiv verbundene Systeme

13:36 03.08.2016
Geschrieben von

Gareth Tyson | Netzpiloten

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