Abraham Martinez Gonzalez
10.11.2016 | 15:33 9

Mein Smartphone und Ich

Ersatz Was digitale Trennungsangst in der postmodernen Welt bedeutet

Mein Smartphone und Ich

Nicht ohne mein Handy

Foto: HOANG DINH NAM/AFP/Getty Images

Kennen Sie das? Sie lassen ihr Handy aus Versehen zu Hause und bald fühlt es sich so an, als wäre ein Teil von Ihnen ebenfalls zu Hause geblieben. Die Nerven sind angespannt, Kurzatmigkeit setzt ein – kurz gefasst: Panik. Das Ausmaß dieser spezifischen Reaktion auf ein vergessenes Gerät kommt auf das Individuum an, aber hierbei handelt es sich schlussendlich um Trennungsangst: man ist von etwas entfernt, was einem wirklich wichtig ist.

In der heutigen, von Technologie getriebenen Realität erleben wir dieses neue Symptom immer mehr – ich nenne es „Abkopplungsangst“. Das klingt vielleicht banal, aber das Phänomen ist real genug, dass es studiert wurde.

Das Gabinete de Comunicación Estratégica in Mexiko bestätigte in einer Studie von 2016, dass 25 Prozent der Bevölkerung traurig oder ängstlich wurde, wenn sie kein „Gefällt Mir“ auf Facebook bekamen oder wenn die Internetverbindung nicht mehr funktionierte.

In den USA haben psychologische Studien über die Beziehung zwischen Internetverbundenheit und Ängstlichkeitgezeigt, dass noch andere Symptome dazu kommen können, so wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen und überstrapazierte Sehkraft.

Lehrer erleben das die ganze Zeit. Erst vor Kurzem rief am Instituto Michoacano de Ciencias de la Educación, der pädagogischen Hochschule und meinem Arbeitsplatz, ein Schüler laut: „Sche**e! Sche**e!“ und hat nicht nur seine Mitschüler mit seinem Ausruf verwundert. „Ich habe etwas vergessen. Mein…“, sagte er, als er durch seinen Rucksack wühlte, Bücher, Papiere und schlussendlich alles ausleerte. Ohne Erfolg: das Smartphone war nicht da. Ich konnte die Angst in seinem Gesicht sehen. Er sah aus, als ob er einen Teil von sich selbst verloren hätte.

Ich tweete, also bin ich

Warum kommt es zu dieser Angst? Hängt es wirklich mit dem vergessenen Objekt zusammen? Eine postmoderne Studie sagt etwas anderes. Hier eine kurze Auffrischung zur Postmoderne als ein Konzept. Nach dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard ist es so, dass die postmoderne Welt als ein modernes Leben, das vom Verlust der ‚großen Referenzen‘ gekennzeichnet ist, angesehen wird: Mythos, Religion und Philosophie. Dies repräsentiert eine leere Erfahrung, die wir mit Konsum füllen wollen.

Dabei passiert die Abkopplung, denn das Kaufen befriedigt uns nicht. Allerdings ist die Abkopplung schon längst geschehen: wir werden so geboren, verloren in der virtuellen Realität, die unser Leben darstellt. Oder so ähnlich zumindest fühlen sich die Menschen, auch Kinder eingenommen, die nun wegen ihrer digitalen Verbundenheit weniger sozial agieren.

Für den Postmodernisten ist deshalb das Vergessen des Handys nicht die Abkopplung von der digitalen Welt an sich, weil dies niemals die Leere gefüllt hat, die durch das Verlieren der Referenzen entstanden ist. Es ist eher so, dass das Subjekt nun der Realität gegenüber ungeschützt ist, in der es sich mit anderen konfrontieren muss. Ohne einen Bildschirm, hinter dem ich mich verstecken kann, muss ich mich nun mit anderen konfrontieren, von Angesicht zu Angesicht – mit notwendigen Unterhaltungen, Diskussionen, manchmal sogar Streit.

Freunde hinzufügen und löschen

Der polnische Soziologe Zygmun Bauman sagte: „Soziale Netzwerke erschaffen einen Ersatz… man kann Freunde hinzufügen oder löschen, die Leute kontrollieren, mit denen man agiert.“ Das ist korrekt – denn wie soll man jemandem im echten Leben löschen? Wie kann man diese blockieren oder entfreunden?

Eben das kann man nicht. Und genau deshalb bevorzugen immer mehr Leute das soziale Netzwerk und das Leben, das diese ermöglichen. Und wenn es keinen virtuellen Kontakt oder eine Verbindung gibt, dann ist die normale psychologische Reaktion darauf, eine Angst zu fühlen – nicht wegen der Entfernung zur virtuellen Welt, aber weil wir aufhören, Subjekte unserer eigenen Realität zu sein, wenn wir davon getrennt sind. In diesem Moment müssen wir uns mit der eigentlichen Realität auseinandersetzen.

Aber selbst wenn wir in unseren digitalen und sozialen Netzwerken sind, wissen wir anhand von Fragebögen von psychoanalytischen Patienten, dass es unsere Welt drastisch einschränken kann, wenn wir uns zu sehr auf technologische Beziehungen verlassen. Alleinsein wird zu Einsamkeit, Verbundenheit mit dem Netz wird zum Mechanismus: das verlassene Subjekt kann sogar einen Zustand annehmen, der das Risiko des Selbstmords erhöht.

Selbst wenn wir den Reichtum der außergewöhnlichen digitalen Verbundenheit genießen, geschieht dies nur zum Preis schlechterer sozialer Verbindungen.

Basierend auf der psychoanalytischen Literatur und der philosophischen Wahrheit wissen wir nun, dass die Angst vor der Abkopplung nicht entsteht, weil man sich von der Menschheit getrennt fühlt. Nein, die Angst kommt aus der entgegengesetzten Richtung: indem man zu nah an der Menschheit ist, zu nah an anderen.

Digitaler Narziss

Wenn das Subjekt abgekoppelt ist, hat es keine andere Wahl, als sich mit seinem Ehepartner, den Kindern, dem Vater, oder wem auch immer zu beschäftigen. Es ist schwierig, jemanden zu konfrontieren, einen Dialog herzustellen, Vereinbarungen zu treffen und sich harmonisch zu verhalten.

Es haben viele Studien gezeigt, dass man einen Konflikt auf Facebook anders schlichtet als im realen Leben. Die Angst, die man erfährt, wenn einem auffällt, dass man sein Handy zuhause vergessen hat – was bedeutet sie also? Es geht nicht um das Objekt an sich, sondern um das, was es repräsentiert: eine soziale Funktion, die man nun im echten Leben ausführen muss!

Nun gibt es keinen Bildschirm mehr, in den man sich vertiefen kann wie Narziss, der in seinem eigenen Bild versunken war. Nein, das smartphonelose Subjekt muss sich beschäftigen, umstellen auf ein vis-a-vis mit jemand anderem – einem echten, lebenden, atmenden Menschen, der träumt, versteht und eventuell etwas plant. Jemand, den man nicht einfach löschen kann und den man sich nicht einmal aussuchen kann. Und genau das kann beängstigend sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf netzpiloten.de

Abraham Martinez Gonzalez ist Psychoanalytiker und Professor am Institut für Erziehungswissenschaften an der psychologischen Fakultät der Universität Michoacano de San Nicolas de Hidalgo. Er ist außerdem ein aktives Mitglied der Analytical Area in Mexiko (EAM)

Kommentare (9)

pleifel 18.11.2016 | 12:01

"Kennen Sie das? Sie lassen ihr Handy aus Versehen zu Hause und bald fühlt es sich so an, als wäre ein Teil von Ihnen ebenfalls zu Hause geblieben."

Nein, kenne ich nicht!

"Selbst wenn wir den Reichtum der außergewöhnlichen digitalen Verbundenheit genießen, geschieht dies nur zum Preis schlechterer sozialer Verbindungen."

Reichtum? Vorgebliche virtuelle FreundeInnen, die nie real von Angesicht zu Angesicht gesehen wurden? Hier liegt eine Begriffsverwirrung vor, die leichtfertig von den Marketingabteilungen der Konzerne übernommen wurde.

Übrigens zeigte sich die unterschiedliche Disposition der Menschen schon lange vor dem Smartphone, also denjenigen, die mit sich selbst "auskommen" können und keine Ängste gegenüber anderen pflegen und genau das Gegenteil sind von: "Und genau das kann beängstigend sein."

Oder mit anderen Worten: (Massen-)Phänomen, dem zu widersetzen schon immer etwas schwieriger war. Und um gleich klarzustellen, es gibt eine sinnvolle Verwendung der Smarties, aber eine, die souverän die Technik nutzt, mehr aber auch nicht!

Ursus 18.11.2016 | 12:30

.....es gibt eine sinnvolle Verwendung der Smarties, aber eine, die souverän die Technik nutzt, mehr aber auch nicht!

Das scheint leichter gesagt als getan: mit einer zunehmend perfektionierten eierlegenden Wollmilchsau souverän unzugehen überfordert offensichtlich deren Nutzer mit jeder hinzu kommenden App ein Stück mehr.

Da dies ein schleichender Prozess war und weiterhin ist, fehlt den inzwischen Abhängigen jede kritische Distanz und jede Bereitschaft zu einer zweckreduzierten Verwendung.

Ein Hilfsmittel ist zum lebensbestimmenden Selbstzweck geworden, da wirft kein Apfel dem Android das Fenster ein.

pleifel 18.11.2016 | 13:34

Süchte sind ja nichts Unbekanntes. Insoweit reiht sich das Smartphone da ein, bedarf also ebenfalls den kritischen Blick und nicht den der Verharmlosung.

Zurzeit (es wurde ja vom Freitag selbst "hofiert") läuft eine begleitende Agenda der schulischen IT-Aufbereitung, angetrieben von der Bertelsmann-Stiftung und einigen Konzernen. Da wird jedenfalls verstärkt, was bereits mit dem Smartie unwiderruflichen Einzug bei den Jugendlichen (und auch Erwachsenen) gehalten hat und das Medium zum Inhalt gemacht hat.

Natürlich wird das bestritten und nun sollen Milliarden dafür zur Verfügung gestellt werden, anstatt zuerst einmal die jetzigen Defizite zu beheben und daran anschließend mit den Kindern so ab 12/13 Jahren kritisch die Informationsflut anzugehen, wo vor allem die Fähigkeit der Selektion, die Unterscheidung von Qualität und Quantität benötigt wird, kurz sich ein jugendliches Bewusstsein entwickelt haben sollte, das bereits vor der virtuellen Welt entsteht.

Das mag naiv klingen und ist es auch insoweit, da wohl wenig politisch (ökonomisches) Interesse daran besteht, Kindern und Jugendlichen diese Fähigkeiten zuzugestehen, da das zum Bürger führen würde, der eben nicht mehr den manipulativen Einflüssen erlegen wäre (jedenfalls nicht in dem Ausmaß).

Generell gilt: Widerstand (oder abweichendes Verhalten) ist nie ohne Auswirkungen, selbst wenn der unmittelbare persönliche Nutzen nicht direkt erkennbar ist und auch manchmal Nachteile entstehen können. Und bei genauerem Hinsehen fällt beim Smartie schnell auf, dass Zeitverschwendung eine neue Größe erreicht hat.

pleifel 18.11.2016 | 14:27

"da machste nix."
Kann schon ein wenig frustrieren, wenn man sieht, wie sich menschliches Verhalten (Alltagsleben) dadurch verändert. Und dann kann man sich in den schönsten Gegenden aufhalten, wo sich Träumen lässt, wo Wärme , Farben, Gerüche, Bilder usw. jegliche virtuelle Welt in den Schatten stellt und doch sieht man selbst miteinander verbundene Menschen an Tischen sitzen (oder auch in der Natur) und halten sich diese Teile vor die Augen und Schweigen nebeneinander (vorbei).

Aber es besteht vielleicht doch noch Hoffnung, wenn man die Haltung der Jugendlichen zum eigenen Auto betrachtet. Da sind viele weiter, als manche aus unserer Generation.

Ursus 18.11.2016 | 16:11

Ich verstehe genau was Sie meinen: das Schöne dieser Welt wird ja leider noch "digitalisiert" um es als elektronische Information zu "liken" statt es selbst zu genießen und zu verinnerlichen.

Es scheint wichtiger, bei Anderen irgendeinen Eindruck zu hinterlassen, als selbst zu leben und das eigene Bewusstsein zu bereichern.

Zu hoffen, dass sich das ähnlich wie bei den Auto-Narren "auswächst", ist allein schon wegen der ungleich höheren und generationen+geschlechterübergreifenden Verbreitung eher naiv.

Traurig, aber wahr.