Nieder mit dem Wachstum

Ökonomie Inzwischen übertreffen die globalen Produktions- und Verbrauchs-Niveaus die Biokapazität unseres Planeten um fast 60 Prozent. Wieso wir jetzt weniger Wirtschaft brauchen
Nieder mit dem Wachstum
Foto: George Frey/AFP/Getty Images

Was so erfrischend an den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN ist, ist die Tatsache, dass sie die dazugehörigen Spannungen zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Ökologie unseres Planeten berücksichtigen. So scheint es zumindest. Die Einleitung bestätigt es: „Die Erde und ihr Ökosystem sind unser zu Hause“ heisst es dort und unterstreicht die Notwendigkeit, dass man „Eins mit der Natur“ sein möchte. Sie verpflichten sich dazu, die globale Erderwärmung bei unter zwei Grad Celsius zu halten und fordert „nachhaltige Strukturen für die Produktion und den Verbrauch.“

Solch eine Ausdrucksweise signalisiert das Bewusstsein dafür, das etwas an unserem Wirtschaftssystem extrem schiefgegangen ist – dass wir unsere Erde nicht weiter zerfressen können, ohne unsere Sicherheit und unseren Wohlstand ernsthaft zu gefährden – in der Tat gefährden wir damit auch das zukünftige Überleben unserer Spezies.

Schautman jedoch genauer hin, erkennt man einen offenkundigen Widerspruch. Der Kern des nachhaltigen Entwicklungsziel-Programms beruht auf dem alten Modell des unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums, das unsere ökologische Krise zuerst hervorgerufen hat: stetig steigende Niveaus der Förderung, der Produktion und des Verbrauchs. Die nachhaltigen Entwicklungsziele fordern „ein um mindestens 7 Prozent gesteigertes Bruttoinlandsprodukt pro Jahr in den am wenigsten entwickelten Ländern“ und flächendeckend „höhere Niveaus der wirtschaftlichen Produktivität.“ In anderen Worten gibt es einen tiefen Widerspruch im Zentrum dieser vermeintlich nachhaltigen Ziele. Sie verlangen gleichzeitig mehr und weniger.

Diese Aufforderung nach einem vermehrten Wachstum kommt zu einem seltsamen Moment – während wir gerade lernen, dass dies physikalisch nicht möglich ist. Momentan übertreffen die globalen Produktions- und die globalen Verbrauchs-Niveaus die Biokapazität unseres Planeten um fast 60 Prozent. Um es anders auszudrücken: Wachstum ist keine Option mehr – wir sind bereits zu viel gewachsen. Wissenschaftler sagen, dass wir die Grenzen unseres Planeten in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit überschreiten und das größte Massenaussterben der Spezien in mehr als 66 Millionen Jahren erleben werden. Die unangenehme Wahrheit ist, dass unsere ökologische Überschreitung fast nur dem Überkonsum in den reichen Ländern geschuldet ist, vor allem derer im Westen.

Die nachhaltigen Entwicklungsziele fordern eine verbesserte „globale Ressourcen-Effizienz“ und eine „Abkopplung des wirtschaftlichen Wachstums von dem Zerfall der Umwelt“. Unglücklicherweise gibt es keine Anzeichen, dass dies auch nur annährend in der Geschwindigkeit möglich ist, die hierfür notwendig wäre.

Die weltweite materielle Förderung und der Verbrauch stieg zwischen 1980 und 2010 um 94 Prozent an und beschleunigte im letzten Jahrzehnt derart, dass ein derzeitiger Maximalwert von 70 Billionen Tonnen pro Jahr erreicht wurde. Und er steigt noch immer an: Hochrechnungen haben ergeben, dass im Jahr 2030 die Marke der 100 Billionen Tonnen gebrochen wird.

Aktuelle Berechnungen zeigen, dass wir im Jahr 2040 die Verschiffung und die Spedition von Gütern per Lastkraftwagen sowie per Flugzeug weltweit mehr als verdoppeln werden – ebeno wie die Waren selbst, die diese Fahrzeuge transportieren werden. Im Jahr 2100 werden wir drei Mal mehr Feststoffabfall produzieren, als es heute der Fall ist.

Eine Effektivitätssteigerung wird diesen Kreislauf nicht durchbrechen können, vielmehr könnte ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in vielen ärmeren Ländern noch notwendig sein – aber für die Welt als solche besteht die einzige Option in einer bewussten Wachstumsrücknahme und einem schnellen Wechsel zu dem, was der legendäre Ökonom Herman Daly als einen stabilen Staat, der ökonomische Aktivität in ökologischem Gleichgewicht hält, bezeichnet.

Eine Wachstumsrücknahme ist nicht gleichbedeutend mit Armut. Im Gegenteil ist die Wachstumsrücknahme perfekt kompatibel mit hohen Niveaus der menschlichen Entwicklung. Für uns ist es absolut möglich, unseren Verbrauch der Ressourcen zu verringern, während wir die Dinge vermehren, die wirklich von Bedeutung sind, wie zum Beispiel das Glück des Menschen, dessen Wohlbefinden, Bildung, Gesundheit und Lebensdauer – bedenkt man die Tatsache, dass Europa in vielerlei Hinsicht höhere Indikatoren der menschlichen Entwicklung als die USA besitzt, und das trotz des um 40 Prozent geringeren Bruttoinlandsprodukts und der um 60 Prozent geringeren Emissionen pro Kopf.

Das ist das Ende, auf das wir uns voll konzentrieren müssen. Tatsächlich besteht der sicherere Weg zur Armut darin, einfach so weiterzumachen, wie wir es derzeit tun. Wie der Top-Ökonom Joseph Stiglitz verdeutlichte, ein wachsendes Bruttoinlandprodukts in einer Welt mit ökologischer Überschöpfung den Lebensstandard mindert, statt diesen zu verbessern.

Wir müssen das Bruttoinlandsprodukt durch einen gesünderen Maßstab für die menschliche Entwicklung ersetzen, wie zum Beispiel durch den Indikator des wahren Fortschritts. Wir solten die Idee des exponentiellen wirtschaftlichen Wachstums ohne Ende vollständig abschaffen. Traurigerweise übergeben die nachhaltigen Entwicklungsziele diese wichtige Herausforderung an die nächste Generation – am Ende der Erklärung wird verkündet, dass „bis 2030 existierende Initiativen ausgebaut werden, um Maßnahmen des Fortschritts auf der Basis der nachhaltigen Entwicklung zu schaffen, die das Bruttoinlandprodukt komplementieren.“ In anderen Worten, sie vertagen das Problem auf das Jahr 2029.

Aber was ist mit den Arbeitsplätzen? Wann immer ich Vorträge über die Wachstumsrücknahme halte, ist das immer die erste Frage, die mir gestellt wird – und wir müssen sie ernst nehmen. Ja, die Wachstumsrücknahme wird die Eliminierung überflüssiger Produktionen und Arbeiten verlangen. Aber dies bietet uns eine schöne Gelegenheit, die Arbeitswoche zu verkürzen und mehr Gedanken an eine andere große Idee aufkommen lassen, die die Vorstellungen der Menschen in den letzten paar Jahren gefangengenommen hat: ein universelles Grundeinkommen. Wie soll dies finanziert werden? Es gibt viele Optionen, einschließlich progressiver Steuern auf kommerzielle Landnutzung, auf finanzielle Transaktionen, Transaktionen mit fremden Währungen sowie auf Kapitalgewinne.

Wir müssen der Tatsache ins Auge blicken: in einem Zeitalter der schnellen Automatisierung ist eine Vollbeschäftigung auf globaler Ebene sowieso ein Luftschloss. Es ist Zeit, dass wir in Ermangelung formeller Arbeitsplätze an Möglichkeiten denken, um zuverlässige Lebensgrundlagen zu ermöglichen. Dies wird uns nicht nur bei der notwendigen Wachstumsrücknahme helfen, sondern es wird den Menschen auch dabei helfen, ihren ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und slaventreiberähnlichen Arbeitgebern zu entkommen und die Arbeitsbedingungen verbessern – zwei Ziele, die die nachhaltigen Entwicklungsziele festgesetzt haben und erreichen möchten.

Außerdem wird es Menschen die Möglichkeit bieten, mehr Zeit und Mühe in die Dinge zu investieren, die wirklich von Bedeutung sind: sich um die Menschen zu kümmern, die einem lieb sind, das eigene Essen anzubauen, Gemeinden zu ernähren und heruntergekommene Gegenden wieder aufzubauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf netzpiloten.de

Jason Hickel ist Anthropologe an der London School of Economics and Political Science. Er ist spezialisiert auf Globalisierung und forscht in den Feldern Finanzen, Demokratie, Gewalt und Rituale. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Südafrika

16:02 24.10.2016
Geschrieben von

Jason Hickel | Netzpiloten

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