Annika Kremer
06.05.2016 | 14:12 3

Studie beweist Selbstzensur durch Überwachung

Chilling Effects Eine neue Studie beweist, was Datenschützer und Bürgerrechts-Aktivisten schon wussten: Massive Überwachung sorgt für Angst, Selbstzensur und konformistisches Verhalten

Eine neue Studie des Wissenschaftlers Jon Penney von der Universität von Oxford beweist, was Datenschützer und Bürgerrechts-Aktivisten schon lange betonen: massive Überwachung sorgt für Angst, Selbstzensur und konformistisches Verhalten. Sie schädigt die Meinungsfreiheit und den offenen, demokratischen Austausch von Wissen und Ideen. Nachdem es für dieses Phänomen nun derart aufwändig erhobene Beweise gibt, wird es Zeit, dass es endlich ernst genommen und vor allem entsprechend gehandelt wird. Überwachung muss eingeschränkt werden, um die Demokratie zu schützen.

Neue Studie: Wikipedia-Nutzer haben Angst vor Überwachung

Kürzlich wurde eine Studie des Forschers Jon Penney von der Universität Oxford veröffentlicht, die sich mit den Auswirkungen von Internet-Überwachung auf das Verhalten von Nutzern des Online-Lexikons beschäftigt.

In der Studie konnten Penney und sein Team beweisen, dass Überwachung tatsächlich massive Auswirkungen darauf hat, wie sich die Wikipedia-Nutzer verhalten. Nach dem bekannt werden der massiven NSA-Überwachung großer Teile des Internet (unter anderem durch das PRISM-Programm, das zu den ersten Snowden-Enthüllungen gehörte), wurden kontroverse Artikel weitaus seltener abgerufen.

Laut Studie war nach den ersten Snowden-Leaks im Jahr 2013 – über die 87 % der US-Bürger informiert waren – „ein 20-prozentiger Rückgang der Seitenzugriffe bei Wikipedia-Artikeln, die mit Terrorismus zu tun haben, darunter jenen, in denen ‚al Qaida‘, ‚Autobombe‘ oder ‚Taliban‘ erwähnt wurden“, zu beobachten. Für das Lesen solcher Artikel gibt es natürlich eine Vielzahl vollkommen legitimer Gründe – von reiner Neugier über die Recherche für einen Roman bis hin zum Versuch, Strategien zur Terrorismus-Bekämpfung zu entwickeln – aber viele Nutzer fürchteten offenbar trotzdem, dass das Lesen dieser Artikel sie bereits verdächtig machen könnte (eine Befürchtung, die angesichts einiger der Terror-Panik der letzten 15 Jahre geschuldeter Hexenjagden keineswegs ganz von der Hand zu weisen ist).

Penney drückte sich in seiner Zusammenfassung der Studie so aus: „Wenn Menschen davon abgeschreckt werden, etwas über wichtige politische Fragen wie Terrorismus und nationale Sicherheit zu lernen, ist das eine reale Bedrohung für eine echte demokratische Diskussion.

Ein wichtiges Argument für Überwachungs-Gegner

Penneys Erkenntnisse sind nicht neu oder überraschend, sondern wurden bereits von anderen Studien – beispielsweise der 2015 veröffentlichten Studie eines Teams von MIT-Forschern, die sich mit den Veränderungen von Google-Suchanfragen durch die Snowden-Enthüllungen befasste – in ähnlicher Form belegt.

Dennoch ist Penneys Studie in ihrem Umfang und ihrer Aussagekraft ein wichtiges Argument für diejenigen, die der ständig zunehmenden Überwachung unserer Telekommunikation mit Besorgnis und Ablehnung gegenüber stehen. Penney beweist, was diese Mahner schon seit Jahren betonen: Überwachung ist Gift für die Demokratie, eine schleichende Gefahr für eine offene Gesellschaft, ein Feind freien Wissens.

Chilling Effects: Eine Bedrohung für die Demokratie

Es wird Zeit, dass gerade diese Problematik endlich ernst genommen wird. Nicht nur, weil Menschen einen privaten Rückzugsraum für das Wohlbefinden und die geistige Gesundheit brauchen, ist Privatsphäre ein Menschenrecht. Auch nicht allein das Risiko eines Missbrauchs erhobener Daten macht Überwachung so brandgefährlich. Die vielleicht größte Gefahr ist die Angst, die durch die Überwachung in unsere Gesellschaft Einzug hält, die Furcht vor offener Meinungsäußerung oder dem neugierigen Suchen nach Informationen und Wissen. Diese Angst hält uns zurück, sie macht unsere Gesellschaft unfreier und weniger zukunftsfähig.

Die von Penney dokumentierten Chilling Effects sind eine ernst zu nehmende Bedrohung und könnten auf lange Sicht weitaus mehr Schaden anrichten, als der Terrorismus selbst. Es gilt, eine Überwachungs-bedingte Eiszeit, ein Zeitalter der Angst und Ignoranz, abzuwenden. Das Streben nach Wissen ist wichtig, nicht verdächtig, und kontroverse Diskussionen sind ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Sie müssen bewahrt werden – und das geht nur durch eine Eindämmung von Überwachung und ständiger Kontrolle.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf netzpiloten.de

Annika Kremer schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

Kommentare (3)

Moorleiche 06.05.2016 | 14:23

Danke.

"Die von Penney dokumentierten Chilling Effects sind eine ernst zu nehmende Bedrohung und könnten auf lange Sicht weitaus mehr Schaden anrichten, als der Terrorismus selbst."

Meine einzige Kritik an dem Artikel ist, dass ich beides nicht gegeneinader ausspielen würde. Man muss den Terror nicht mögen, um gegen Überwachung zu sein und umgekehrt.