Wer hörte was – und wo?

Klanglandschaften Wie antike Kulturen eine neue Dimension bekommen
Wer hörte was – und wo?
Wie das wohl alles klang?
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Stellen wir uns eine archäologische Grabstätte vor – was geht uns durch den Kopf? Sandsteinwände in der Wüstenhitze? Stonehenge in einem grasbedeckten Feld? Wenn wir an archäologische Stätten denken, neigen wir dazu, sie uns in völliger Stille vorzustellen – leere Ruinen, verlassen von vergangenen Kulturen. Aber so haben sie die Leute, die an diesen Plätzen gelebt und sie genutzt haben, nicht erlebt. Die Bewohner hören, wie geredet und gelacht wird, Babys weinen, Menschen arbeiten, Hunde bellen und die unterschiedlichste Musik ist zu hören. Diese Klänge kommen aus der Nähe oder aus weiterer Entfernung.

Geräusche in Klanglandschaften einzuordnen, ist ein wichtiger Schritt, um zu verstehen, wie die Menschen gelebt haben, was sie schätzten, wie sie ihre Identitäten formten und wie sie die Welt und ihren Platz in ihr erlebt haben. Dieser wachsende Fachbereich heißt Akustische Archäologie oder Archäoakustik. Wenn wir den Geräuschen, die die umherstreifenden Menschen hörten, etwas Aufmerksamkeit schenken, sind wir besser in der Lage, ihre Kultur zu verstehen und uns mit ihnen als Menschen verbunden fühlen.

Kürzlich haben wir zum ersten Mal eine altertümliche Klanglandschaft erstellt. Was können uns unsere Ohren darüber sagen, wie die Anasazi, die Pueblo-Vorfahren, in New Mexicos Chaco Canyon vor mehr als tausend Jahren gelebt haben?

Altertümliche Geräusche modellieren

Der Chaco Canyon war das Zentrum der Pueblo-Vorfahren. Er ist bekannt für seine großartigen Häuser – groß, mehrstöckig, manche in der Größe eines Fußballfeldes – gebaut und bewohnt etwa von 850 bis 1150 nach Christus. Archäologen haben untersucht, wie die Pueblo-Vorfahren diese Strukturen des Chaco Canyons erbaut und in Verbindung zueinander und zur astronomischen Ausrichtung gesetzt haben.

Um unserem Verständnis dieser Zeit und dieser Plätze eine neue Dimension hinzuzufügen, haben wir untersucht, wie Geräusche an diesen Orten wahrgenommen wurden. Wir wollten wissen, wie ein Zuhörer die Klänge von einer bestimmten Entfernung – von wo auch immer sie herkamen – wahrnahm.

Um die Physik der Klänge und ihre Anwendung in der Archäologie zu erforschen, haben wir zuerst einmal eine Excel-Tabelle erstellt. Unsere Berechnungen beschrieben lineare Geräuschprofile, ähnlich einer Sichtlinienanalyse – diese berücksichtigte einen geraden Weg zwischen der Person oder des Instruments, das das Geräusch machte und der Person, die es hörte. Jedoch war diese Annäherung stark begrenzt, da die Ergebnisse nur auf einen einzigen Zuhörer an einem ganz bestimmten Ort angewendet werden konnten.

Unsere Forschung entsponn sich erst so richtig, als wir uns gefragt haben, ob wir dieselben klangphysikalischen Berechnungen an einer ganzen Landschaft gleichzeitig anwenden könnten. Wir verwenden ein Computerprogramm namens „Geographic Information System“ (GIS), das es uns ermöglichte, die Welt in drei Dimension darzustellen.

Das Software-Paket ArcGIS von ESRI, das wir verwendet haben, bietet jedem die Möglichkeit, mit Werkzeugen wie dem Soundshed Analyse-Werkzeug zu arbeiten, das wir kreiert haben, um Berechnungen anzustellen oder geographische Daten und Bilder zu erstellen. Das Soundshed Analyse-Werkzeug wurde abgeleitet von dem früheren Modellierungsskript „SpreAD-GIS“, das von der Umweltwissenschaftlerin Sarah Reed entwickelt wurde, um den Einfluss von Geräuschen auf die Umwelt, wie beispielsweise Nationalpark, zu messen. Dieses Werkzeug selbst wurde von SPreAD (System for the Prediction of Acoustic Detectability) adaptiert, einer Methode, die der U.S. Forest Service um 1980 entwickelt hat, um den Einfluss von Geräuschen auf die Erholung im Freien vorherzusagen.

Das Soundshed Analyse-Werkzeug benötigt sieben Eingangsvariablen, einen Forschungsort und Höhendaten. Die Variablen beinhalten die Höhe und Frequenz der Geräuschquelle, den Schalldruck, die gemessene Distanz von der Quelle, Lufttemperaturen, die relative Feuchtigkeit und den Umgebungsschalldruck. Wir trugen diese Informationen aus einer Auswahl an Quellen zusammen: öffentliche Höhendaten, archäologische Forschungen, paläoklimatologischen Forschungen und historischen Klimadaten. Aus einschlägiger Literatur erfassten wir außerdem die Tonhöhe von ganzen Menschenmengen, Einzelpersonen und einer speziellen Art von Trompeten, die die Pueblo-Vorfahren verwendeten.

Sobald die Eingangsvariablen eingegeben wurden, braucht das Soundshed Analyse-Werkzeug weniger als 10 Minuten, um durch diese komplexen Berechnungen zu jedem Punkt der Landschaft innerhalb von zwei Meilen von dem Ausgangsort zu gelangen. Unser Modell konstruiert dann Bilder, die zeigen, wo und wie sich der Klang in der Landschaft ausbreitet. Das ermöglicht uns, die Geräusche, die die Menschen beim Durchstreifen dieser Landschaften erlebt haben könnten, zu visualisieren.

Wer hörte was – und wo?

Wir haben uns bisher auf kulturell relevante Geräusche konzentriert und versucht, herauszufinden, wie sich diesen über die Landschaft ausgebreitet haben könnten. Diese sind zum Beispiel die Stimmen von Menschen, die Geräusche von Haustieren wie Hunden und Truthähnen, die Erstellung von Steinwerkzeugen oder der Klang von Musikinstrumenten. Im amerikanischen Südwesten gehörten zu diesen Instrumenten Flöten aus Knochen, Pfeifen, Fußtrommeln, Kupferglocken und Trompeten.

Soundshed zeigte, dass zwei Menschen, die vor zwei Nachbarhäusern wie Pueblo Alto und New Alto etwa 400 Meter voneinander entfernt standen, den anderen hören konnten, während er etwas rief oder zu einer Gruppe sprach. Das Modell unterschied sich geographisch, denn das Gelände zwischen zwei Orten unterschied sich enorm voneinander und die Gebäude blockten selbst auch Geräusche ab.

Eine dritte Karte stellt nach, dass jemand bei Sonnenuntergang bei der Sommersonnenwende nördlich von Casa Rinconada, einem großen Zeremoniegebäude, in eine Trompete bläst.

Der Klang verbreitet sich über den Canyon, wandert zu Schreinen, die heilige Stätten markierten und die oft in der Landschaft hoch oben angesiedelt waren. Vielleicht beeinflusste die Hörbarkeit die Auswahl der Position der Schreine, sodass die rituellen Ereignisse im Casa Rinconada hörbar gemacht werden konnten?

Die Erforschung der Interaktion von Klängen mit der von Menschenhand geschaffenen Umgebung verdeutlicht Details über die Wichtigkeit der Rituale. Es zeigt uns, dass Klänge von den Pueblo-Vorfahren geschätzt wurden, und besonders, dass die Schreine immer an Orten gefunden wurden, wo die Leute die Rituale, die weit entfernt durchgeführt wurden, noch hören konnten.

Die Zukunft der Archäoakustik

Unsere Forschung ist ein erster Schritt in die archäoakustischen Studien der Landschaften. Jetzt hoffen wir, dass wir unsere Forschungen ausbauen können, indem wir den Chaco Canyon besuchen, um Klangstudien durchzuführen und Messungen vorzunehmen. Wir können außerdem unser Modell auf andere Kulturen, geographische Gegenden und Zeitperioden anwenden.

Akustische Studien mit archäologischen Forschungen zu verbinden, trägt zu einem ganzheitlichen Verständnis der vergangenen Kulturen bei. Das Feld ist gewachsen, weil immer mehr Forscher ihr multidisziplinäres Streben, kombiniert mit anderen Fachbereichen, ausweiten wollen. Zum Beispiel machten der geographische, der physikalische, der psychologische und der technische Fortschritt so wie andere Fachbereiche unsere Akustikstudien erst möglich. Davor waren archäoakustische Forschungen aufgrund technischer Einschränkungen und den fehlenden Werkzeugen nicht möglich. Erst jetzt hat die Computerverarbeitungsleistung unsere Träume eingeholt.

Werkzeuge wie diese zu entwickeln, bietet außerdem den Vorteil, an jedem Ort zu jeder Zeit herauszufinden, was Menschen in einer Gegend hörten, ohne an diese Orte reisen zu müssen. Stattdessen können Forscher bereits existierende Daten, die sie durch literarische Recherchen gefunden haben, anwenden oder die Lautstärke von Geräuschen oder Musikinstrumenten messen und als beispielhafte Inputs verwenden. Das eröffnet neue Bereiche, die erkundigt und erforscht werden können.
Klangmodellierung kann Forschern dabei helfen, Fragen zu stellen, und hilft jedem dabei, zu verstehen und nachzuvollziehen, was andere Menschen in ihrer Welt erlebt haben. Ein Klangmodel öffnet eine neue Tür für unser Verständnis der Vergangenheit.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf netzpiloten.de bzw. aufThe Conversationunter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

Kristy Primeau ist eingetragene Archäologin und Doktorandin an der Albany Universität der staatlichen Universität von New York. Seit zwölf Jahren beschäftigt sie sich u.a. mit dem geographischen Informationssystem und der akustischen Archäologie

David Witt ist eingetragener Archäologe und Doktor an der der staatlichen Universität von New York in Buffalo in der anthropologischen Abteilung. Zusätzlich ist er Träger zweier Masterabschlüsse in den Bereichen Anthropologie und Geographie

06:00 19.08.2017
Geschrieben von

Kristy Primeau, David Witt | Netzpiloten

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