Warum es nicht okay war

Flucht Die Kanzlerin trifft auf ein offenherziges Mädchen. Und tut, was sie immer tut. Sie versteckt sich hinter Allgemeinplätzen.
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Angela Merkel hat einen Verhandlungsmarathon mit Griechenland hinter sich, als sie vor dem 14jährigen Mädchen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager steht. Für die PR-Aktion „Gut leben in Deutschland“ wagt Merkel den Schritt ins Neuland. Sie soll sich mit jungen Menschen über das Thema Integration u. a. austauschen.

Der Moderator ruft Reem auf, die ihre Chance nutzt, um der Kanzlerin ihre Situation zu schildern. Aber zuerst heißt sie die Kanzlerin „herzlich willkommen“. Sie selbst habe sich schnell integrieren können. „Ich mag es hier“, sagt sie. „Aber mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass es nicht allen Schülern so gut geht.“ Viele werden nicht akzeptiert. Dieses Gefühl möchte sie nicht erleben. Weiter erklärt sie: „Ich bin ja jetzt hier, lebe zwar. Aber ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht.“

Reem taktiert nicht, die Spieltheorie kennt sie nicht. Sie ist aufrichtig und nennt die Dinge beim Namen – sorglos ist sie deswegen nicht. Reem hat viel zu verlieren. Schutz und Sicherheit für ihre Familie und sich.

Die spontane Reaktion der Kanzlerin: "Mmmhhh". "Klar". "Verständlich". Aber Reem müsse bedenken, dass es weitaus bedürftigere Menschen als palästinensische Flüchtlinge aus dem Libanon gebe. Dort herrsche schließlich kein Bürgerkrieg. Und Deutschland könne nicht die Tausenden und Abertausenden aus Afrika und von überallher aufnehmen. „Das können wir nicht schaffen.“ Außerdem müssten auch wieder welche zurückkehren.

Wenige Tage zuvor hat die Kanzlerin schon einmal den politischen Verhandlungstisch verlassen, um einen Abstecher ins Neuland zu machen. Ihr Gesprächspartner: Der Youtuber LeFloid. Die Themen: u. a. TTIP und die Öffnung der Ehe. Die Kanzlerin sei gegen die Senkung deutscher Standards und gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben. LeFloids Antwort: "Sehr cool". "Absolut". "Ja. Da sind wir uns tatsächlich sehr einig."

Selbst Reem nickt der Kanzlerin zu. Was bleibt ihr auch anderes übrig. Dass Deutschland und seine Bürger nicht die Last der ganzen Welt tragen können, das versteht auch ein kleines Mädchen.

Nur darum geht es nicht. Aber das ist Merkel egal. Sie haut allen, überall, jederzeit ihre Allgemeinplätze um die Ohren. Damit kennt sie sich aus. Das ist kein Neuland für sie. Zurück bleibt eine Dunstwolke aus Worthülsen, die ihre undemokratische und diskriminierende Politik verhüllt.

TTIP ist in weiten Strecken mit demokratischen Standards nicht vereinbar. Die Verweigerung rechtlicher Gleichstellung von homosexuellen Paaren ist diskriminierend. Und den Anschein zu erwecken, dass die halbe Menschheit, freilich ohne Not, Heimat, Familie und Freunde verlässt, um in Rostock, Dresden oder Worms zu leben, ist einer Kanzlerin unwürdig. Auch wenn die Kanzlerin später über ihr Verhalten sagen wird: "Ich glaube, dass das so okay war."

Jedenfalls gelingt einem mutigen Mädchen das, was nur wenigen gestandenen Journalisten gelingt. Reem lichtet den Nebel. Dahinter erscheint eine Kanzlerin, die nicht aus der Rolle ihres Amtes treten kann. Weil darüber hinaus nichts ist. Nur Borniertheit und Misstrauen.

Alternative Ideen und Hoffnungen fremder Menschen erstickt sie im Keim. Was ziemlich doof ist, weil wir sie wie die Luft zum Atmen brauchen. Heribert Prantl schreibt in der Süddeutschen Zeitung: "Viele (...) träumen von der Festung Europa, ohne daran zu denken, dass eine Festung ohne Zugbrücken verfällt und verrottet." Deswegen muss es eine Alternative zu Merkels Ausgrenzungspolitik geben.

Für Deutschland. Für Europa: Lasst uns einander wieder mehr zutrauen und vertrauen! Die Kritik von Andersdenkenden ist nicht immer irre. Schwule und Lesben sind nicht weniger wert als Heterosexuelle. Menschen in Not beuten uns nicht aus.

Mit einem Wort: Der Mensch ist nicht immer dem Menschen ein Wolf. Immerzu vom Schlechtesten auszugehen, ist nicht okay. Es ist pervers.

10:30 25.07.2015
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