Ein Leben im Off

Straßenkinder 9000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind obdachlos. Ihre Geschichten erzählen vom Wunsch nach Freiheit und der Einsamkeit auf der Straße

Yve*, 21

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Ich habe inzwischen eine Wohnung, aber ich komme immer noch hierher. Ich kann gerade nicht so gut alleine sein und hier denke ich nicht so viel nach. Aber ich fühle mich hier trotzdem oft allein. Ich habe schon seit Jahren ziemlich starke Depressionen. Eigentlich sollte ich auch nichts trinken, weil ich Medikamente nehme, aber ich halte mich nicht daran. Neulich hatte ich einen totalen Filmriss. Seit sich mein Freund vor ein paar Wochen von mir getrennt hat, geht es mir richtig schlecht. Ich fühl' mich, als hätte der mein Leben mitgenommen.

Meine psychischen Probleme sind hier am Alex nichts Besonderes, vielen geht es ähnlich. Aber man spricht nicht so darüber. Es gibt eine gewisse Oberflächlichkeit und der Ton ist ziemlich rau. Jeder ist so für sich, es haben eben alle viel durchgemacht. Richtige Freunde, so dass man in allen Lebenslagen zusammen hält, habe ich hier nicht. Früher, in Königs-Wusterhausen, als ich noch bei meiner Pflegefamilie war, war das anders.

Ich bin in Heidelberg geboren und bei meiner Mutter in Berlin aufgewachsen. Mit acht kam ich zu einer Pflegefamilie nach Königs-Wusterhausen. Da hatte ich es eigentlich gut. Ich durfte reiten, habe Judo und Ballett gemacht. Meine Pflegemutter hat mich zu Friedensdemos mitgenommen und wir haben tolle Urlaubstouren gemacht – ich habe schon so viele Länder gesehen!

Ich mochte meine Pflegeeltern, aber es war eben nicht meine Familie und eigentlich wollte ich immer nur zu meiner Mutter zurück. Sie hat auch immer gesagt, dass sie mich zu sich holt. Erst viel später habe ich gemerkt, dass sie nichts dafür getan hat - gar nichts! Das hätte ich eigentlich schon damals merken können, aber ich wollte es einfach nicht glauben.

Als ich 15 war, bin ich nach einem Streit mit meinen Pflegeeltern zu meiner Mutter gegangen und habe darauf bestanden, dort zu bleiben. Ich habe so sehr gehofft, dass dann alles gut wird. Aber nichts war gut. Ich habe mich überhaupt nicht mit ihrem Freund verstanden und mich immer wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt. Nach einem halben Jahr bin ich gegangen. Dass meine Mutter es zulässt, dass eher ich gehe, als ihr Freund, das hat mir ziemlich wehgetan.

Ich habe dann erstmal hier und da gewohnt, bei Freunden und Bekannten und zwischendurch habe ich draußen geschlafen, vor allem im Park. Ich bin auch nicht mehr regelmäßig in die Schule gegangen. Wenn ich darüber nachdenke, ist es total niederschmetternd: Ich habe gerade mal den Hauptschulabschluss, wäre ich damals in meiner Pflegefamilie geblieben, hätte ich jetzt wahrscheinlich Abitur und würde studieren. Stattdessen bin ich hier. Ich habe nach noch zwei Mal versucht, Abendschule zu machen, aber nie länger als drei Wochen durchgehalten.

Zur Zeit bekomme ich Hartz IV und wenn es gar nicht reicht, schnorre ich. Da ich es nicht so oft mache, ist es komisch für mich. Aber nach ein paar Schluck' Alkohol geht das auch.

Mit meiner Pflegemutter habe ich inzwischen wieder regelmäßig Kontakt, das mussten wir uns allerdings hart erkämpfen. Jetzt kümmert sie sich sehr um mich. Ich glaube, wenn sie nicht für mich da gewesen wäre, wäre ich jetzt nicht mehr hier. Der Kontakt zu meinem Pflegevater ist immer noch wackelig, nach all den Jahren. Mit meiner richtigen Mutter hab ich auch Kontakt, aber sehr wenig. Sie redet immer so viel von sich.

Im Moment ist mir alles so ziemlich egal, aber mein Verstand sagt mir, dass es irgendwann alles besser wird und ich es noch mal hinkriege. Ich würde gerne eine Familie gründen, später mal. Jetzt will ich mich gerade auf gar niemanden mehr einlassen, ist mir alles zu schmerzhaft. Was ich mir wünschen würde? Für einen Moment mal wieder lachen können, so richtig von ganzem Herzen, nicht nur so oberflächlich.

*Name geändert

Schnulla, 19

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Wenn ich die Wahl hätte, ich würde auf jeden Fall zurück nach Hause gehen. Aber ich habe nicht die Wahl.

Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Karlsruhe, alles sehr klein und sehr konservativ. Mein Vater ist schon vor meiner Geburt abgehauen, ich bin die meiste Zeit im Heim und bei Pflegeeltern aufgewachsen. Dann war ich wieder bei meiner Mutter.

Als ich 17 war, habe ich ihr gesagt, dass ich schwul bin. Sie sagte, ich sei der Abschaum der Familie und ich solle bitte gehen. Vier Tage hat sie mir Zeit gegeben. Ich habe es erstmal gar nicht ernst genommen und den Tag ganz normal weitergelebt. Aber sie ist dabei geblieben. Okay, dachte ich, bevor es noch mehr Stress gibt. Ich bin erstmal gegangen und habe ihr geschrieben, aber als Antwort kam eine Nachricht von meinem Stiefvater: Er hat mir gedroht, ich solle bloß meine Mutter in Ruhe lassen. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Wenn ich sie anrufe, legt sie auf.

Ich war erst in Karlsruhe, dann in Mainz, in München und irgendwann in Hamburg. Geschlafen habe ich überall, mal hier mal dort. In Hamburg habe ich den schlimmsten Abschnitt meines Lebens durchgemacht. Ich bin anschaffen gegangen. Nach ungefähr fünf Monaten wurde mir klar, so geht’s nicht weiter. Ich habe meine Sachen gepackt und bin wieder abgehauen.

Das war letztes Jahr im Juni, da bin ich hier am Alex gelandet. Im Oktober hat sich mein Ex-Freund umgebracht. Ich bin wieder abgehauen, diesmal nach Köln. Jetzt bin ich seit ein paar Tagen wieder zurück in Berlin. Wegen meines Exfreunds geht es mir immer noch sehr schlecht. Aber ich habe jetzt einen neuen Freund, wir haben uns im Internet kennengelernt.

Er ist älter als ich, 33 und wir sind erst seit einer Nacht zusammen. Ich glaube, er hat Angst, enttäuscht zu werden, er hatte schon mal einen Freund von der Straße, der hat ihn nur belogen und um 800 Euro erleichtert und sitzt jetzt im Knast. Aber ich meine es ernst. Meinetwegen könnte er pleite sein, es wäre mir egal. Ich bin nicht auf sein Geld aus.

Ich lebe vom Schnorren. Aber es ist schwer damit durchzukommen. Du stehst drei Stunden am Alex und kriegst vielleicht vier oder fünf Euro zusammen, Berlin ist überschnorrt. Ich spreche generell nur Frauen an, bei Männern habe ich Angst vor den Reaktionen. Ich sehe eben anders aus als andere und bin auch anders, ein bisschen verrückt, ein Paradiesvogel. Das sieht man ja auch an meinem Style.

Ich würde gerne abends ausgehen, in der Schwulenszene feiern, aber ich habe immer Angst, dass mich jemand sieht und erkennt, der mich auch schon auf der Straße beim Schnorren gesehen hat. Das würde sofort durch die ganze Szene gehen und das will ich auf keinen Fall. Ich habe mir vorgenommen, wenn ich eine Wohnung habe, dann färbe ich mir die Haare schwarz. Wenn mich dann einer doch erkennt, kann ich sagen, das war mein Doppelgänger.

Zurzeit schlafe ich manchmal in einer Notschlafstelle am Bahnhof Zoo. Das ist aber auf sechs Nächte im Monat begrenzt und wenn es voll wird, muss man seinen Platz für Minderjährige frei machen. Den Rest der Nächte verbringe ich in der Ringbahn, versuche bis Betriebsschluss zu schlafen. Dann warte ich zwei Stunden auf dem Bahnsteig oder laufe draußen herum und wenn die Bahn wieder fährt, versuche ich weiterzuschlafen.

Das Schwierigste an diesem Leben ist die Ungewissheit, wie es weitergeht. Nicht zu wissen, ob ich mit 60 immer noch auf der Straße sein werde. Mein größter Wunsch ist im Moment, dass es mit meinem neuen Freund hält. Dass wir irgendwann zusammen ziehen und ich mein eigenes Geld verdiene. Ich würde gerne eine Ausbildung zum Friseur machen. Und irgendwann, wenn ich mein Leben in geregelten Bahnen habe, würde ich gerne ein Kind adoptieren.

Ich weiß genau, dass meine Mutter in zwei, drei Jahren wieder ankommen wird. Meine Schwester ist auch abgehauen, sie ist auch homosexuell und ist einfach über Nacht zu ihrer Freundin nach Frankreich abgehauen. Ich denke, das war ein ziemlicher Schock für meine Mutter. Aber in meinen Augen haben wir Kinder nichts falsch gemacht, wir haben was dazu gewonnen, weil wir dazu stehen, wie wir sind. Meine Mutter hat vieles falsch gemacht und sie gibt uns die Schuld. Dadurch hat sie beide Kinder verloren. Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich gar nicht, ob ich eigentlich noch Kontakt zu ihr will.

Aber ich wäre so froh, von der Straße weg zu sein. Manchmal will ich einfach nur nach Hause. Aber dann weiß ich gar nicht: Welches zu Hause?

Micki, 14

./resolveuid/29715d9bd024df650592617ee83a8cd2/image_previewIch bin aus Berlin. Momentan wohne ich bei meinen Eltern, aber ich will wieder weg. Wohin? Ich habe jede Menge Kontakte, ich habe ein halbes Jahr auf der Straße durchgehalten, bis mich die Polizei aufgegriffen hat. Die, die mich kennen, wissen, wozu ich in der Lage bin.

Es fing alles ziemlich früh an mit den Problemen. In der Grundschule wurde ich schon Punk genannt und oft verprügelt, weil ich eine andere Meinung hatte als die anderen. Meine Eltern haben mir nie so richtig geglaubt, es war alles eine schwierige Zeit, auch zu Hause.

Mit 12 war ich das erste Mal beim Kindernotdienst und dann in verschiedenen Heimen und Krisen-WGs. Ich bin immer wieder rausgeflogen, ich war ziemlich krass drauf, habe mich nicht an die Regeln gehalten, war jede Nacht bekifft oder bin ausgerastet und habe Türen eingetreten und mit der Faust Scheiben durchgeschlagen. Mehrmals hat mich die Polizei mitgenommen. Beim letzten Mal kam ich wieder zu meinen Eltern. Ich sollte eine Therapie machen, aber die habe ich am dritten Tag abgebrochen.

An dem Tag bin ich irgendwie auf den Alex gelangt, das war letztes Jahr Anfang Sommer. Ich habe dort die Punks angesprochen und mich zu ihnen gesellt. Die ganze Zeit hatte ich schon das Gefühl, dass ich abhauen will und in dem Moment war es dann plötzlich endgültig.

Der Alex ist kein guter Ort, das könnt ihr so in die Zeitung schreiben. Man merkt es erst nicht so, aber man stürzt hier ziemlich ab. Und wenn's nur Alkohol ist. Ich war ein halbes Jahr hier, da war ich 13, die Jüngste auf dem Alex.

Ich kenne viele Leute hier… aber Freundschaften sind das nicht. Ich hatte einen richtig guten Kumpel, einen Freund, bei dem habe ich in der Zeit auch meistens geschlafen. Als ich ihn kennenlernte, war er total gegen Drogen und Alkohol. Dann hat sich sein Vater umgebracht und seine Mutter hat angefangen, Drogen zu nehmen. Irgendwann hat er selbst auch angefangen, erst weichere Sachen, dann Heroin. Er ist immer mehr abgestürzt. Ich wurde irgendwann wieder von der Polizei aufgeschnappt und zum Jugendschutzdienst gebracht. Am nächsten Tag habe ich erfahren, dass mein Freund gestorben ist, Überdosis. Er war damals 18.

Ich war völlig fertig. Ich hatte einfach noch nie so jemanden kennengelernt wie ihn. Sie haben mich wieder in eine Krisen-WG verfrachtet. Die ersten Tage dort habe ich mich richtig mies angestellt, ich konnte einfach nicht mehr, mir war alles egal. Ich bin rausgeflogen und war wieder auf der Straße. Aber nach einer Woche dachte ich, das geht so nicht weiter, sonst ende ich noch genau wie er. Ich bin zurück und habe mich entschuldigt. Die haben mich dort total aufgefangen. Nach drei Monaten in der WG kam ich wieder zu meinen Eltern.

Mit meinen Eltern ist es schwierig. Ich kann nicht gut mit ihnen und irgendwie auch nicht ohne sie. Jetzt versuche ich mich erstmal zusammenzureißen, ich will ihnen das jetzt nicht schon wieder antun. Aber lange werde ich es nicht aushalten.

Ich gehe wieder zur Schule, meistens jedenfalls, in die achte Klasse auf einer Gesamtschule. Mein Traum ist, Medizin zu studieren und Pathologin zu werden. Warum auch nicht - ich kann Blut sehen und ich kann Tote sehen. Und meine Lehrer sagen, dass es mit dem Abi klappen könnte.

Eigentlich ging gerade alles vorwärts, seit meinem 14. Geburtstag habe ich nicht mehr gekifft. Bloß, vor ein paar Wochen hatte ich wieder so einen kurzen Moment, wo es mir richtig schlecht ging. Deshalb habe ich auch die Narben am Arm, da habe ich den Namen dieses Freundes eingeritzt, der jetzt tot ist. Die anderen Narben hier, das war, als meine Cousine gestorben ist, Anfang letzten Jahres, auch an Drogen. Die war immer mein Vorbild gewesen.

Keine Ahnung, das Leben geht weiter. Nur muss ich oft an alles zurückdenken was passiert ist und dann geht's mir nicht besonders. Ich rede eigentlich nicht viel darüber. Ich wünsche es echt keinem, dass er auf der Straße landet und all das durchmachen muss. Ein Kumpel von mir wollte vor kurzem von zu Hause abhauen. Ich habe ihm gesagt, er soll es sich gut überlegen.

Meph, 24

./resolveuid/54579d7e5d21855fcf157c67d3a1d4b1/image_previewIch komme aus Ludwigsfelde in Brandenburg. Seit meiner frühen Kindheit hatte ich psychische Probleme, zum größten Teil hausgemacht, würde ich heute sagen. Mein Vater ist Polizist, leider aber im Beruf sehr viel freundlicher als zu Hause. Meine jüngere Schwester wollte immer die heile Familie aufrechterhalten, aber die gab es bei uns nicht. Ich bin in der Familie das schwarze Schaf.

Ich habe mit elf angefangen, Drogen zu nehmen und dann alles Mögliche konsumiert. Ich habe Crystal und so genommen und damit meine Eltern es nicht merken, musste ich irgendwie von den aufputschenden Drogen wieder runterkommen. Kiffen hat irgendwann nicht mehr gereicht, da habe ich mir Morphium oder Valium besorgt, auf dem Schwarzmarkt kriegt man alles. Irgendwann war ich von Schmerz- und Beruhigungsmitteln abhängig. Meine Familie weiß bis heute wenig davon.

Ich bin mehrmals von zu Hause abgehauen, als es Streit mit meinen Eltern gab. Das waren eher kürzere Phasen auf der Straße. Aber dann hat mich mein Vater mit einem Kerl im Bett erwischt und hat mich 'rausgeschmissen. Meine Mutter war zu der Zeit im Krankenhaus und auf Kur. Es war Winter und es war verdammt hart. Einen Schlafsack konnte ich immerhin noch mitnehmen. Ich habe mich nachts in Parkhäusern an die Lüftungsanlage gelegt, dort wo die warme Luft rauskommt. Oder in die Sparkasse.

Ich habe auch richtig auf Platte geschlafen, also direkt auf der Straße. Ganz klassisch auf der Parkbank – meistens allerdings eher drunter. Den Tipp hat mir einer von der Straße gegeben: Man wird nicht so leicht beklaut oder verprügelt. Einmal hatte ich einen neuen Schlafsack, den habe ich nur ein einziges Mal aus den Augen gelassen, weg war er.

Zu meinen Drogenzeiten bin ich mit dem Geld vom Schnorren nicht ausgekommen, damals habe ich teilweise auch gedealt und andere kriminelle Sachen gemacht. Das muss ich leider zugeben. Mit 18 habe ich dann eine Zeitlang als Escort gearbeitet. Was ich da verdient habe! Hätte ich nur ein Viertel davon angelegt, dann hätte ich heute ein schönes Polster. Aber alles verpulvert.

Mit 16 habe ich einen kalten Entzug gemacht, mein damaliger Wrestling-Trainer, der auch Sanitäter war, hat mich unterstützt. Als ich einmal einen ganz schlimmen Turn hatte, hat er mich beinahe krankenhausreif geschlagen, um mich davon abzuhalten, zum Dealer zu gehen. Damals habe ich ihn beschimpft. Heute bin ich ihm sehr dankbar. Es gibt ein paar Dinge, die mir sehr geholfen haben: einige Freunde, einige Sozialarbeiter und der Sport. Ich habe immer Sport gemacht, Jugendballett, Schwimmen, Judo, Wrestling… sogar noch, als ich auf der Straße gelebt habe und auf Drogen war.

Ich glaube, ohne die Beratungsstellen für Obdachlose hier in Berlin hätte ich es nicht geschafft. Durch die Treberhilfe bin ich an eine Wohnung gekommen und ich habe eine Ausbildung als Sozialpflegeassistent gemacht. Im Moment bekomme ich Hartz IV, aber ich komme inzwischen ganz gut klar. Ich schnorre auch fast nicht mehr, nur wenn es gerade mal ganz knapp wird. Ist eben eine alte Gewohnheit… manche Sachen wird man nicht mehr los. Zum Beispiel an Telefonzellen oder bei den Schließfächern am Bahnhof nach Wechselgeld gucken, das kann ich mir nicht abgewöhnen. Aber ich lebe jetzt in einer Wohnung und außer dass ich noch keinen Job habe, bin ich, glaube ich, auf einem guten Weg.

Der Alex hat sich sehr verändert. Es sind weniger Leute hier, wahrscheinlich wegen der Polizei. Früher war die Weltzeituhr der zentrale Treffpunkt für Leute von der Straße. Dann kamen die Emos auf den Alex und mit ihnen irgendwelche Kids, die dachten, sie müssten sich hier betrinken oder sich vor versammelter Mannschaft mit Glasscherben ritzen. Ich weiß, wie es ist, einen echten Drang zu verspüren, sich selbst zu verletzen. Wenn das jemand macht, weil es Mode ist, finde ich es völlig daneben.

Manche von den Jüngeren meinen, auf der Strasse zu sein sei cool. Aber sie schlafen dann in Notunterkünften oder bei Freunden und wenn sie mal eine Nacht draußen verbringen, dann bei richtig tollem Wetter, in warmen Sommernächten. Wenn ich jemanden höre, der so was behauptet, denke ich mir, dann hast du das hier noch nicht richtig miterlebt.

Wenige Tage nach dem Interview wurde Mephs Wohnung zwangsgeräumt, seitdem ist er wieder obdachlos.

Jule, 17

./resolveuid/c71c0b49268e5434129bcc394f0b86f6/image_previewHier am Alex heiße ich Jule. Meinen richtigen Namen kennen hier nur die wenigsten, die, denen ich wirklich vertraue.

Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, aber meine Eltern leben seit sieben Jahren auf Mallorca, weil mein Vater hier keine Arbeit mehr gefunden hat. Bis letzten August war ich auch dort. Ich habe mich gar nicht so schlecht mit meiner Familie verstanden, aber die ewigen Geldprobleme zu Hause haben mich genervt und in der Schule wurde ich total gemobbt. Irgendwann wollte ich einfach weg, neue Leute kennenlernen und zu meinem Freund nach Berlin, ich wollte nicht auf dieser Insel versauern. Meine Mutter war einverstanden, wenn ich hier die Schule nachhole.

Meinen Eltern habe ich erzählt, dass ich bei meinem Freund wohnen kann. Das war eine Notlüge, damit sie mich nach Berlin lassen. Er schlief damals bei einem Kumpel, aber da konnten wir nicht bleiben – und kurz darauf kam er in den Knast. Eine Zeitlang habe ich mit anderen zusammen unter der Spreebrücke geschlafen, es war ziemlich hart. Ich kannte ja kaum jemanden in Berlin.

Manchmal war ich auch im Sleep-In, in der Notunterkunft am Zoo, und zwischendurch bei verschiedenen Kumpels. Aber da sind ein paar blöde Sachen passiert. Der eine hat sich nicht daran gehalten, dass ich ihm klar gesagt hatte, ich will nichts mit ihm. Ein anderer hat ziemlich viele Drogen konsumiert. Seit kurzem habe ich einen neuen Freund, den ich hier am Alex kennengelernt habe und die letzten Wochen war ich vor allem bei ihm. Aber ich muss aufpassen, dass es ihm nicht zu viel wird mit mir.

Ich bin ein komplizierter Mensch, ich habe ziemlich viele Probleme mit mir selbst. Als ich elf war, wurde bei mir eine Borderline-Störung diagnostiziert. Meine Mutter tut bis heute so, als wäre nie was gewesen, meine Eltern sind gute Verdränger. Ich versuche immer wieder mit dem Selbstverletzen und den Essstörungen aufzuhören, aber es ist schwer. Ein halbes Jahr lang habe ich mich nur von Süßstofftabletten ernährt. Jetzt fängt es gerade wieder an, dass ich fast nur Bonbons und so was esse. Aber mein Freund hat gesagt, wenn das mit dem Ritzen noch mal passiert, sind wir geschiedene Leute. Ich habe jetzt angefangen, meine Ohrlöcher zu dehnen. Das tut auch weh, aber es sieht hinterher schick aus und mir kann niemand was nachsagen. Bei der Beratungsstelle hole ich mir Desinfektionsmittel für die Narben.

Die meiste Zeit lebe ich vom Schnorren und wenn ich bei anderen übernachte, frage ich, ob ich vielleicht was vom Essen abkriegen darf. Für mich gibt es klare Unterschiede zwischen Betteln und Schnorren. Betteln ist einfach herumsitzen, zum Beispiel vor der Sparkasse. Schnorren ist aktiv rumlaufen, Leute ansprechen und über seine Situation informieren. Man wird allerdings nicht immer gut behandelt. Neulich, als ich beim Schnorren einen fragte, „Habt ihr was für uns übrig?“, sagte der: „Nix als Hass und Abscheu“. Da dachte ich kurz: Autsch!

Ich war seit eineinhalb Jahren nicht mehr in der Schule. Inzwischen kotzt mich das selbst an, ich würde ja gerne lernen! Früher kam es sogar vor, dass ich mich im Unterricht gelangweilt habe, weil ich den Stoff so leicht fand. Jetzt will ich auf jeden Fall den Hauptschulabschluss nachholen und dann Realschulabschluss machen und eine Ausbildung. Als Koch arbeiten wäre toll, oder irgendwas mit Tieren…

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, so mit Pferdehof gegenüber und Wald direkt nebenan. Das war wirklich schön, ich möchte es nicht missen, da groß geworden zu sein. Aber Berlin hat mich immer fasziniert. Ich bin gerne zwischen vielen Menschen und falle nicht so gerne auf. Diese Klamotten trage ich auch nicht, um aufzufallen, ich habe im Moment einfach keine anderen.

Ich gehe regelmäßig zur Beratungsstelle am Zoo. Mein Plan ist jetzt: ins betreute Wohnen kommen, wieder zur Schule gehen, nicht mehr so oft auf dem Alex sein, nicht mehr schnorren gehen müssen. Obwohl ich das wahrscheinlich trotzdem weiterhin tun werde - irgendwie tu' ich es gern und gleichzeitig hasse ich es.
Mein allergrößter Traum wäre, ein Baby zu haben und mit meiner Familie nach Norwegen auszuwandern. Ich war noch nie dort, aber irgendwie zieht mich die Landschaft dort an.

Zurzeit habe ich wieder öfter das Bedürfnis, abzuhauen, weg von allem und ganz alleine sein. Bloß komme ich ganz alleine auch nicht mit mir klar. Ich bin froh, die Leute hier am Alex zu haben, aber so richtig offen kann ich hier keinem sagen, wie es mir geht. Ich vermisse meine Eltern wahnsinnig, vor allem meine Mutter. So oft es geht, telefoniere ich mit ihr über die Beratungsstelle. Aber meine Eltern wissen bis heute nicht, wie ich lebe, dass ich schnorre und dass ich auf der Straße geschlafen habe. Und ich bin auch froh, dass sie es nicht wissen.

Felix, 17

./resolveuid/40b7632972554be9973bcf4ca1385b42/image_previewIch war eine Zeit lang auf der Straße, aber nicht hier in Berlin. Mit 15 bin ich zu Hause abgehauen, erst nach Schweden zu Freunden, dann nach Finnland und von dort mit der Fähre nach Sankt Petersburg. Ich wollte eigentlich in die Ost-Ukraine. Ein Kumpel von mir hat dort Familie und ich dachte, da könnte ich vielleicht hin. Insgesamt war ich ein paar Monate unterwegs, mal hier mal da.

Aber dann hat mich die Polizei gefunden. Meine Eltern hatten eine Vermisstenanzeige aufgegeben und ich wurde europaweit gesucht. Ich bin in Sankt Petersburg ins Hafenbecken gefallen, weil ich ziemlich betrunken war. Sie haben mich aus dem Wasser gezogen und zurückgeschickt.

Dann war ich kurze Zeit wieder bei meinen Eltern hier in Berlin. Ich war nicht froh, zurück zu Hause zu sein. Zu viele schlimme Erinnerungen. Ich habe mich früher schon ziemlich viel mit meinem Dad geprügelt. Er hat getrunken, ich habe getrunken, er wurde aggressiv, ich habe mich gewehrt…das hat sich so hochgeschaukelt. Inzwischen habe ich mehrere Anzeigen wegen Körperverletzung gegen meinen Dad.

Ich habe auch einen Suizidversuch hinter mir – das war alles, bevor ich abgehauen bin. Meine Eltern haben damals die Polizei gerufen und die haben mein Zimmer aufgebrochen, mit so einer Art Rammbock. Das Jugendamt war auch da... es war 'ne Scheißzeit. Irgendwann hatte ich einfach genug und bin weg.

Jetzt, seit ich wieder zurück in Berlin bin, bin ich kaum mehr zu Hause gewesen. Ich schlafe bei Freunden und in letzter Zeit bei meiner Freundin. Ich habe noch zwei kleine Brüder, wenn meine Eltern nicht zu Hause sind, gehe ich manchmal hin, um sie zu sehen. Hin und wieder treffe ich mich mit meiner Mum, mit ihr komme ich besser klar, als mit meinem Dad. Aber ich glaube, er hat inzwischen auch ein paar Dinge akzeptiert und trinkt nicht mehr so viel.

Meine Mutter gibt mir meistens etwas Geld mit, meine Eltern kriegen ja Kindergeld, weil ich bei ihnen gemeldet bin. Wenn ich zusätzlich etwas brauche, für Zigaretten oder so, schnorre ich. Aber ich brauche nicht viel Geld, ich esse sowieso nicht viel.

Ich versuche auch, weniger zu trinken. Vor allem wegen meiner Freundin, die möchte das nicht und im Großen und Ganzen halte ich mich daran. Ab und zu mal 'nen Joint…und naja, Alkohol ist eben lecker. Aber wenn ich nicht mehr so oft zum Alex komme, dann trinke ich auch nicht mehr so viel.

Ich gehe jetzt wieder regelmäßig in die Schule. Bevor ich abgehauen bin, hätte ich eine Klasse überspringen können. Aber dann bin ich ja weg. Jetzt habe ich noch zwei Jahre bis zum Abi. Mir fällt die Schule eigentlich leicht, vor allem Mathe – das finde ich alles total einfach! Ich würde später gerne Mathe studieren, am liebsten in Stockholm. Auf jeden Fall weit weg von hier.

Mücke, 18

./resolveuid/232362d62f0705e98942e9c11c24d0f0/image_previewIch war zwei Jahre lang immer wieder auf der Straße. Seit letztem Jahr habe ich eine Wohnung über einen sozialen Träger, aber ich komme trotzdem immer noch zum Alex. Ich fühle mich hier einfach wohl. Hier kommt jeder hin, der nirgendwo anders hin passt und man wird trotz seiner Macken akzeptiert. Ich weiß genau, an welche Leute ich mich halten kann, wenn alle Stricke reißen.

Ich bin bei meiner Mutter in Berlin aufgewachsen, aber meine Familie kommt aus einem kleinen Dorf in Polen. Mein Vater hat nicht bei uns gelebt. Ich bin von zu Hause abgehauen, weil ich den Streit nicht mehr ausgehalten habe. Meine Mutter ist ziemlich cholerisch und entweder hat es ihr nicht gepasst, was ich gemacht habe oder sie hat sich kein Stück dafür interessiert. Wir haben uns oft geschlagen, sie hat zugehauen und ich habe zurückgeschlagen.

Mit 14 bin ich das erste Mal weg, nach Warschau. Ich konnte kaum Polnisch, aber ich habe mich dort zu Hause gefühlt. Nach zwei Monaten waren die Bekannten, bei denen ich gewohnt habe, plötzlich weg. Ich hatte dort niemanden mehr, da bin ich zurück und nochmal zu meiner Mutter.

Erstmal war es friedlicher, wir haben es wirklich versucht. Aber irgendwann ein paar Monate später haben wir uns fast krankenhausreif geschlagen. Da bin ich endgültig gegangen. Zuerst habe ich bei verschiedenen Freundinnen übernachtet und dann eine ganze Weile auf der Straße.

Am Anfang hatte ich Angst, draußen zu schlafen. Aber das geht mit der Zeit vorbei. Man sucht sich einen Ort, wo möglichst wenige vorbeikommen und es einigermaßen sicher ist. Irgendeinen Keller gibt es immer. Einmal musste ich im Winter alleine draußen schlafen, im Park, das war wirklich heftig, sowas muss man nicht unbedingt erlebt haben. Aber was einen nicht umbringt, härtet einen ab.

Meine Mutter hat damals mit aller Gewalt versucht, mich zurückzukriegen. Sie ist immer wieder zum Alex gekommen und wollte mich teilweise in ihr Auto prügeln, sie hat mir mit der Polizei gedroht und eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Mit allen Mitteln hat sie es probiert, auch auf die liebe Tour und sich als besorgte Mutter aufgespielt. Aber ich konnte ihr nicht mehr vertrauen. Ich wollte auf keinen Fall zurück und auch nicht ins Heim, da hätte ich mich total eingesperrt gefühlt. Erst als ihr das Jugendamt mit dem Entzug des Sorgerechts drohte, hat sie eingewilligt, dass ich ins betreute Einzelwohnen darf.

Das war letztes Jahr. Endlich konnte ich ein neues Leben beginnen, endlich hatte ich einen eigenen Ort, von dem aus ich meine Schule machen kann, ohne dass ich mich ständig prügeln muss, wenn ich keine guten Noten nach Hause bringe. Da war auf einmal der ganze Druck weg und seitdem ist alles viel leichter. Meine Noten sind auch viel besser geworden.

Ich hole jetzt meinen Hauptschulabschluss nach. Erstmal hatte ich total Panik davor, ich war ja, seit ich 14 war, nicht mehr richtig in der Schule gewesen. Aber die Leute von der Jugendhilfe haben mich unterstützt und ich habe mir gesagt, ich muss es probieren, sonst werde ich nie wissen, ob es geht. Irgendwie ging´s dann doch. Jetzt ziehe ich es durch, ich habe sogar einen Platz auf einer weiterführenden Schule gekriegt, um meinen Realschulabschluss nachzumachen.

Ich habe in den letzten Jahren auch zwischendurch immer mal gearbeitet, Zeitungen ausgetragen, für alte Leute eingekauft, Piercings gemacht. Im Moment kriege ich über die Jugendhilfe monatlich Geld, zum Essen bleiben 50 Euro pro Woche. Ist nicht so viel, aber man lernt, damit hinzukommen, und sonst gehe ich schnorren.

Als ich das erste Mal geschnorrt habe, war es mir total peinlich. Aber ich habe mir gesagt, wenn du das Geld brauchst, dann musst du es eben machen. Manchmal gucken die Leute blöd, aber man gewöhnt sich dran. Du musst am richtigen Ort sein, die richtigen Sprüche draufhaben und gewisse Regeln beachten, dann funktioniert es, also zum Beispiel: höflich sein und keine Familien mit Kindern ansprechen.

Wir werden hier am Alex ständig von einem Ort zum anderen vertrieben und können uns nirgends mehr aufhalten. Wir passen eben nicht ins Stadtbild. Aber wir sind keine Menschen, die sich einfach nur sinnlos besaufen, das sind auch Vorurteile. Natürlich gibt's auch mal Schlägereien zwischen den Leuten. Aber das kommt in den besten Familien vor.

Ich habe jetzt einen Anti-Agressionstrainer, weil ich eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen habe. Es war so, dass ein Typ meinen Kumpel zusammengeschlagen hat und ich stand daneben und hatte eine Flasche in der Hand. Und plötzlich hieß es, ich hätte dem die Flasche über den Kopf gezogen. Das ganze Verfahren war ein Witz.

Manchmal vermisse ich dieses Freisein von der Straße damals. Tun und lassen können, was man will, niemanden fragen, sein Leben nicht planen, außer, sich was zum schlafen zu organisieren. Nie wissen, was kommt…das war irgendwie auch spannend. Ich will nicht so ein Leben, wo immer schon alles geplant ist.

Irgendwann hätte ich auch gerne Kinder und Familie. Vielleicht auch mal arbeiten gehen, ich finde Arbeit schon wichtig. Ist ein bisschen klischeehaft, was? Naja, ich lasse es auf mich zukommen. Ich glaube schon, dass alles irgendwie gut enden wird.

Bevor ich hier zum Alex gekommen bin, war ich ein ganz anderer Charakter. Ich war schüchtern und habe mir nichts zugetraut. Aber hier findet jeder irgendwie Anschluss. Für mich ist der Alex immer noch mein zu Hause. Das wird sich auch nie ändern.

Nils, 14

./resolveuid/bd76a6ad0ca1250bfe4cc22a54c26720/image_previewIch will weg von zu Hause, aber nicht nur wegen zu Hause, sondern auch wegen der Schule, zuviel Stress mit den anderen dort. Heute wurde ich schon wieder verprügelt. Auf jeden Fall weg von Berlin. Ich fühle mich als Punk und hier in Berlin gibt es einfach zu viele Nazis. Erstmal will ich nach Neubrandenburg zu Freunden, die ich aus dem Internet kenne.

Ich wohne bei meiner Mutter. Meinen Vater sehe ich eigentlich nicht mehr, er lebt nicht bei uns. Ist besser, dass ich ihn nicht mehr sehe, ich weiß nicht, wie ich reagieren würde…
Als ich sechs war, habe ich ihn kennengelernt. Erstmal war das cool, er hat mir jede Menge Sachen gekauft. Aber es hat nicht lange angehalten, ich glaube, er wollte bloß meiner Mutter vormachen, dass er mich gern hat. Wenn ich ihn mit meiner Mutter besucht habe, saß er nur vor dem PC und hat uns nicht mal richtig begrüßt.

Ich weiß noch, als ich sieben war, wollte mein Vater mal mit mir schwimmen gehen. Ich wollte an dem Tag aber zu einem Freund. Da hat mein Vater gleich wieder den Kontakt abgebrochen. Dann hat er mir zu Weihnachten ein riesiges Playmobil-Wikingerschiff geschenkt, ich war damals total Playmobil-besessen. Aber anstatt es mir selbst vorbeizubringen, hat er seinen Kumpel geschickt. Und zu den Geburtstagen danach habe ich nicht mal mehr eine Geburtstagskarte von ihm bekommen. Ich würde mir wünschen, dass er mir zeigt, dass er mich liebt. Stattdessen benutzt er mich nur als Objekt, um an meine Mutter ranzukommen. Sie hat den Kontakt zu ihm inzwischen auch abgebrochen.

Ich habe noch eine Schwester, die ist erst fünf, aber sie kann ganz schön stressen. Mit meiner Mutter verstehe ich mich, naja, so mittelgut. Sie ist erst 33, aber sehr streng. Sie geht zum Beispiel in meinen Jappy-Account und guckt, mit wem ich mir schreibe. Und wenn ich Alkohol trinke, rastet sie aus, selbst wenn ich nur ein Bier getrunken habe. Weil ich erst 14 bin. Ich feier' eben gerne mit meinen Freunden!

Das Schlimmste war, als ich vor kurzem besoffen nach Hause kam. Da hat mir meine Mutter eine gescheuert. Ich dachte, jetzt haue ich sofort ab, habe meine Sachen gepackt und bin zur Tür. Aber dann habe ich gemerkt, dass sie abgeschlossen hatte. Wenn ich einen Schlüssel gehabt hätte, ich wäre auf der Stelle weg gewesen, zu irgendwelchen Freunden. Oder eben auf die Straße.

Mir haben schon mehrere Leute übers Internet angeboten, bei ihnen zu wohnen. Ich habe irgendwann mal bei Jappy geschrieben, mir reicht's, ich ziehe ab Montag aus. Von drei Leuten kam sofort eine Mail, dass ich zu ihnen kann.

Ich glaube, wenn man Kontakte hat und Leute die einem ein bisschen Geld geben, dann ist es leicht, auf der Straße zu überleben. Ein Kumpel von mir kriegt 33 Euro Taschengeld und er hat angeboten, mir 10 Euro abzugeben, wenn ich auf der Straße bin. Ich könnte mir auch einen Kinderjob suchen, Zeitungen austragen oder so. Pro Woche gibt's dafür 20 Euro.

Oder ich schnorre eben, dabei kommt auch was zusammen. Man muss nur an die richtigen Plätze gehen und die richtigen Leute fragen. Am Alex kriegt man nicht viel zusammen, Warschauer Straße, Potsdamer Platz oder Brandenburger Tor sind besser. In Neubrandenburg, wo ich hin will, kenne ich auch schon einen guten Ort zum Schnorren, auf dem großen Marktplatz. Ich war noch nicht dort, aber das weiß ich aus dem Internet.

Jens Dani*, 25

Dani: Wir sind aus Thüringen, aber seit fast neun Jahren in Berlin. Bei uns im Elternhaus hat es nicht so hingehauen, mit unserem Stiefvater...

Jens: Wir sind früher jedes Jahr auf eine Jugendfreizeit der Kirchengemeinde gefahren. Jedes Mal kamen wir mit einem Iro nach Hause und jedes Mal gab's 'ne Schelle von unserem Stiefvater. Das war immer das Gleiche: Schelle, Schermaschine, Glatze. Beim vierten Mal - ich weiß noch genau, da kamen wir aus Tschechien - bin ich hoch in die Stube und habe die Kapuze auf dem Kopf gelassen. Unser Stiefvater saß wie immer vor dem Fernseher, hat Fußball geguckt und Bier getrunken und unsere Mutter herumkommandiert. Er hat gesagt, setz' mal die Kapuze ab. Wir hatten uns zwei Wochen nicht gesehen, ich komme rein und wollte nur Hallo sagen und er - anstatt zu sagen: Schön, dass du da bist - sagt als erstes: Setz' mal die Kapuze ab. Ich habe mich geweigert. Da kam er auf mich zu und hat mich gepackt und dann kam das Ritual wie immer: Wohnstube, Flur, Badezimmer, Schermaschine. Aber diesmal hat er gesagt: Ich weiß genau, dass Dein Bruder unten steht, ich will euch nie wieder sehen. Da waren wir 13.

Dani: Wir sind damals erstmal in die Nachbarstadt. Dort haben wir ein paar Punks kennengelernt und bei denen haben wir uns total wohl gefühlt. Es gab da so ein Wir-Gefühl.

Jens: Und es war plötzlich so ein Gefühl von Freiheit...

Dani: Wir sind erstmal dort geblieben und haben ein dreiviertel Jahr lang Platte gemacht. Irgendwann sind wir losgezogen, erst nach Österreich und dann nach Norden. Dortmund, Bielefeld… für Ossis sind wir ganz schön viel durch den Westen! In Berlin sind wir dann hängen geblieben.

Jens: Eine Zeitlang haben wir in dem Haus am Alex geschlafen, wo heute der C drin ist, das stand damals leer. „Asbesthausen“ haben wir es genannt, weil alles asbestverseucht war. Die obersten zwei Etagen lagen voller toter Tauben, in der ersten Etage haben wir gewohnt. Ich weiß noch, wie wir uns einen Weihnachtsbaum aus Alufolie zusammengezimmert haben. Damals habe ich Blech geraucht, ich war noch auf Heroin. Ich bin nicht stolz drauf.

Dani: Wir waren beide heroinabhängig. Mit den Drogen… das geht in Berlin ganz schnell. Ich war dann in einem Methadon-Programm, aber ich habe es vor allem durch meine Kumpels geschafft, vom Heroin wegzukommen. Du brauchst ständige Ablenkung. Selbst wenn man dem Schnaps verfällt, ist alles besser als Heroin. Ich bereue eigentlich nichts, außer die Jahre, als ich auf diesem Mist war. Trotzdem, ganz ehrlich, ich nehme auch ganz gerne Drogen. Nicht jeden chemischen Kram, aber wenn ich mal auf eine Pappe oder auf ein Näschen eingeladen werde, dann schon. Ganz ohne rosa Brille durch die Welt flitzen, das kann ich nicht mehr.

Jens: Man muss einfach manchmal die Umwelt ausblenden. Ich fahre hier zum Alex, lege meinen Schalter im Kopf von On auf Off und dann bin ich da. Einfach nur quatschen, nicht darüber nachdenken, was du für Probleme hast.

Dani: Das Schnorren hat früher um einiges besser geklappt, als wir noch ein bisschen kindlicher waren. Je kaputter du aussiehst, desto weniger kriegst du. Manchmal sagen die Leute direkt: Dir will ich nix geben. Aber damit komme ich besser klar, als mit dieser Ignoranz, wenn sie Dich nicht mal angucken. Und zum Schlafen... entweder Du hast irgendeinen Kumpel oder eine Freundin mit Wohnung und im Sommer schläfst Du ohnehin, wo Du grade bist. Zur Not habe ich meine zwei, drei Nummern, die ich anrufen kann.

Ich hatte sogar mal ein Zimmer, in einem besetzten Haus. Aber dort war ich die ganze Zeit allein. Und irgendwann kannst Du nicht mehr anders, die Gewohnheit ist einfach stärker: Ich habe dann lieber wieder mit meinem Hund im Park geschlafen, egal ob's geregnet hat. Mein Hund wurde vor kurzem überfahren, da ging es mir richtig scheiße. Ich hatte mit dem so vieles durch und er war immer für mich da. Ich würde Hunde immer über Menschen stellen - außer über meinen Bruder.

Jens: Wir haben unsere Mutter damals gefragt, warum sie zugelassen hat, dass der Stiefvateruns uns rauswirft. Sie sagte, er schafft eben die Kohle 'ran. Das ist eigentlich ziemlich traurig. Aber ich bin nicht böse auf sie. Wir telefonieren inzwischen alle zwei Wochen. Sie hilft uns auch und schickt mir Geld, wenn ich im Knast sitze. Anfang dieses Jahres war ich bei ihr in Thüringen, mit meiner Exfreundin und unserem Kind. Der Stiefvater spricht eigentlich seit Jahren nicht mehr mit mir. Aber als ich jetzt dort war, gab es so eine Situation… ich habe eine volle Windel zum Mülleimer gebracht und er sagte zu mir, bist Du immer noch nicht sauber? Da ging bei mir eine riesengroße Flamme im Herzen auf. Zwar war es nur eine Beleidigung, aber er hat endlich mal wieder mit mir geredet!

Dani: Ich war schon seit Jahren nicht mehr in unserer Heimatstadt. Die meisten hier sind nicht aus Berlin. Wer hierher kommt, geht entweder gleich wieder oder bleibt für immer. Zwei Exfreundinnen von mir sind schon tot. Eine wurde vergewaltigt, der anderen haben ein paar Typen Heroin und Ascorbinsäure in den Hals gespritzt. Daran ist sie gestorben. Wie ich mit all dem umgehe? Ich lenke mich ab und wahrscheinlich saufe ich auch deswegen so viel. Neulich habe ich mir vorgenommen, schnapsfrei zu machen. Einen Tag habe ich durchgehalten. Dann kam ein Kumpel mit Absinth und da konnte ich nicht anders. Ich werde wohl so weitermachen, bis ich das erste Kind kriege oder solange es mein Körper eben mitmacht. Aber in zehn Jahren möchte ich nicht mehr so leben wie jetzt, sondern auf einem Bauwagenplatz oder vielleicht sogar richtig in einer Wohnung.

Ausbildung und arbeiten - nach all den Jahren wäre es sicherlich verdammt schwierig, mich noch in so etwas einzufinden. Ein Traum von mir wäre, als Orgelbauer zu arbeiten und auf Montage zu gehen. Schon als kleiner Bengel hat es mich fasziniert, was aus so einer Orgel für tolle Töne rauskommen. Mit einem Kind oder für eine Frau, die es wert wäre, ein bisschen langsamer zu treten, könnte ich mir vorstellen, die Kurve zu kriegen. Ich müsste nur weiterhin genug Freiheit haben. Das werde ich wohl niemals ganz ablegen können.

*Namen geändert

Die Protokolle hat Nana Heidhues aufgezeichnet. Zusammen mit dem Fotografen Göran Gnaudschun hat sie die Straßenkinder über mehrere Wochen am Alexanderplatz besucht.

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12:50 05.08.2010
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Ausgabe 31/2020

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