Abschied vom Wald

Klimawandel Deutschland droht das dritte Dürrejahr in Folge – mit dramatischen Auswirkungen für die Natur
Abschied vom Wald
Links: Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich, Thüringen. Zuletzt war unser Autor im Oktober 2019 hier. Rechts: das vegetative Gegenteil davon in Brandenburg

Foto: Imago Images/photothek, Paul Langrock/laif (r.)

Manfred Großmann stapft den Burgberg hinauf, eine der höchsten Erhebungen des Nationalparks Hainich im Nordwesten Thüringens. Es geht vorbei an Strauchwerk, an Jungbäumen und an bis zu 30 Meter hohen Stämmen, Großmann trägt schwere Wanderschuhe und ein Holzfällerhemd. Plötzlich bleibt der drahtige Endfünfziger stehen und zeigt auf dunkelrote Stellen eines Buchenstamms. Sie sehen aus wie Wunden, aus denen Blut fließt. „Der Buchenschleimfluss“, sagt Manfred Großmann und streicht dem Stamm fast liebevoll über die Rinde: „Keine Chance mehr, dieser Baum wird sterben.“

Der Buchenschleimfluss ist eine Baumkrankheit, die durch anomale Witterung entsteht. Zuerst bilden sich feuchte Flecken auf der Rinde, der darunterliegende Bast färbt sich rötlich. Dann tritt Schleim voller Bakterien und parasitischer Pilze aus, der die Buche zerstört. „Kommendes Jahr wird dieser Baum nicht mehr austreiben“, sagt Großmann und untersucht die Bäume zum Abhang hin. Der Landschaftsschützer kann es nicht fassen, auch hier sind die Buchen vom Schleimfluss befallen, nur ein paar Eichen und Elsbeeren stehen gesund mit dichtem Kronendach. „Als ich letztes Jahr hier war, waren alle Bäume noch gesund“.

Der Hainich ist ein knapp 500 Meter hohes Pultschollen-Gebirge, jahrzehntelang waren weite Teile militärisches Sperrgebiet, schon die Wehrmacht nutzte die Buchenhaine in den 1930er Jahren für Manöver. Wo geschossen wird, ist drumherum nicht viel los im Wald, weshalb sich große Teile in den vergangenen 80 Jahren ungestört entwickeln konnten. Heute gibt es im Hainich den größten zusammenhängenden Buchenwald Deutschlands. und Manfred Großmann ist der Leiter des Nationalparks. Mittlerweile wurde der Buchenbestand sogar zum UNESCO-Weltnatur-Erbe erklärt.

Im August 2018, also nach dem ersten Extremsommer, hatte Großmann noch erklärt, sein naturnaher Buchenwald käme mit dem Hitzestress viel besser zurecht, als Nadelschläge mit Fichten oder Kiefern. Damals machten Bilder toter Baumgerippe Schlagzeilen; Wälder, die dem Borkenkäfern und der Trockenheit zum Opfer gefallen waren. Waldumbau galt als Rezept gegen den Klimawandel, die Buche als Baum der Zukunft. Heute sagt Manfred Großmann: „Ich muss gestehen: Ich habe mich geirrt!“

Karger April

In Leipzig, am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, betreut Andreas Marx den Dürre-Monitor. Im April 2020 zeigte dieser tiefrote Flächen auf der Deutschlandkarte, die höchste von fünf Trockenstufen. „Eine außergewöhnliche Dürre“, sagt Marx, „in einer Bodentiefe bis zu 1,80 Metern ist dort praktisch kein Wasser mehr vorhanden.“ Fast ganz Sachsen ist betroffen, der Süden Brandenburgs, die Altmark, Niederbayern von Passau bis nach Ingolstadt, die Schwäbische Alb, das Weserbergland, die Ostseeküste rund um Usedom. „In einigen Gebieten Deutschlands fehlen noch mehrere Hundert Liter Regen auf den Quadratmeter, um aus der Krisensituation wieder herauszukommen“, sagt Marx.

Willkommen im Klimawandel: Früher galt der April als „launischer“ Monat, mit Regen und Sonne, Schauern, viel Wind und schnellem Wetterwechsel. Im April 2020 sorgte ein lang anhaltendes Hochdruckgebiet für Sommerwetter mitten im Frühling. Eine alte Bauernregel besagt: „Im April Regen, des Bauern Segen“, denn die Saat braucht Feuchtigkeit, um aufzugehen. In diesem April gab es vielerorts aber kaum Niederschlag. Erinnerungen an 2018 und 2019 werden wach, auch damals leitete ein trockener Frühling den Dürresommer ein.

Wissenschaftler machen den „Jetstream“ für solche Wetteranomalien verantwortlich: Der „Strahlstrom“ ist ein Höhenwind auf der Nordhalbkugel, der in zwölf Kilometer Höhe wellenförmig mit bis zu 540 Kilometern pro Stunde ostwärts über unsere Köpfe hinwegpfeift. Zum Vergleich: Hurrikan „Patricia“ brachte es 2015 in erdnahen Schichten „nur“ auf 345 km/h, die bis dato stärkste je gemessene Windgeschwindigkeit über dem Atlantik. Entscheidend für unser Wetter sind die Wellen des Jetstreams, er sorgt für die Abwechslung: Auf ein Tiefdruckgebiet folgt ein Hochdruckgebiet, folgt ein Tiefdruckgebiet und so weiter, je nachdem, wie schnell die Wellen mäandern. Wie jeder Wind wird der Jetstream durch Temperaturunterschiede angetrieben. Am Äquator fällt die Sonne fast senkrecht auf die Erde, deshalb erwärmt sie mit all ihrer Energie die Luft dort sehr stark. An den Polen fällt das Licht dagegen im schrägsten aller denkbaren Winkel ein, die Sonnenenergie wird über eine viel größere Fläche verteilt. Daher ist es hier sehr viel kälter. Der Jetstream ist der Druckausgleich zwischen subtropischen Warmluft- und polaren Kaltluftmassen.

Allerdings wird es am Nordpol immer wärmer, Grönland erlebte im vergangenen Jahr lang anhaltendes Hochdruckwetter mit ungewöhnlich hohen Temperaturen. Sinkt die Temperaturdifferenz zum Äquator, wird auch die Kraft gestutzt, die den Jetstream antreibt. Statt gleichmäßig zu mäandern, also regelmäßige Wetterwechsel herbeizuführen, sorgt der Jetstream immer häufiger für lang anhaltende Wetterlagen, mal mit extrem heißen Temperaturen wie in den Sommern 2018 und 2019, mal mit extremer Kälte wie 2018, als Nordamerika bis hinunter nach Miami wochenlang mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt kämpfte.

Zwei, drei Regenfronten wie am ersten Maiwochenende schaffen längst noch keine Entlastung. „Ausgedörrte Böden sind in der Regel selbst nach einem starken Regenguss staubtrocken“, sagt Dürreexperte Marx. Zwar sehe die Oberschicht danach oft nass aus und sie fühle sich manchmal auch so an. Doch an den tieferen Schichten, „dem Gedächtnis des Bodens“, perlt der Regen einfach ab. Marx vergleicht das mit dem Kuchenbacken: „Schüttet man Milch auf trockenes Mehl, vermengt sich beides kaum. Ein feuchter Teig dagegen nimmt Flüssigkeit sehr leicht auf.“

Der Deutsche Wetterdienst registrierte zwischen April und Oktober 2018 in Deutschland 40 Prozent weniger Regen als im langjährigen statistischen Mittel. Davon hat sich Deutschland auch zwei Jahre später noch nicht erholt. Und es wird ja nicht besser: Dieser April war nach Erhebung des Deutschen Wetterdienstes der dritttrockenste seit Aufzeichnungsbeginn. „Wenn weniger Wasser im Boden ist, dann steht auch weniger Wasser zur Grundwasserneubildung bereit“, erklärt Andreas Marx. Diese Grundwasserneubildung betrifft uns persönlich: 70 Prozent des Trinkwassers werden in Deutschland aus Grundwasser gewonnen, in einigen Gegenden wurde es 2019 erstmals knapp. Bewohner der Kleinstadt Lohne im Oldenburger Land saßen im Sommer auf dem Trockenen, aus dem Wasserhahn kam vor allem abends kein Trinkwasser mehr. In ostwestfälischen Städten wie Bad Oeynhausen oder Löhne wurde das Rasensprengen verboten, und das Autowaschen. Im Emsland, in Osnabrück und Ostfriesland riefen Wasserwerke die Kunden zur Sparsamkeit auf. Der Wasserverband Garbsen-Neustadt in Niedersachsen untersagte das Befüllen privater Swimmingpools.

In einer Risikoanalyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe heißt es, „lange Dürreperioden (insbesondere verbunden mit Hitzewellen) können zu Problemen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser führen“. Es ist dasselbe Bundesamt, das einst vor einer Pandemie à la Corona warnte: Deutschland sei schlecht vorbereitet. Auch die Talsperren sind längst noch nicht gefüllt. Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Bündnisgrüne) sagte Ende 2019: „Bleibt es weiterhin so trocken, haben wir spätestens im Frühsommer eine Niedrigwassersituation, die noch kritischer als 2018 oder 2019 ausfallen kann.“ In Berlin hat die Senatsverwaltung die Einwohner jetzt dazu aufgerufen, Straßenbäume zu gießen. In weiten Teilen Sachsen-Anhalts galt Mitte April bereits die höchste Waldbrandgefahrenstufe. Mitte April sind im Landkreis Main-Spessart und im Fichtelgebirge wegen der Trockenheit die ersten Waldbrände 2020 ausgebrochen.

Aufhalten lässt sich die Erwärmung am Nordpol vermutlich nicht mehr: Normalerweise ist der Arktische Ozean mit schwimmendem Eis bedeckt, und das funktioniert wie ein Spiegel, es reflektiert und schickt sehr viel Strahlungsenergie der Sonne in den Weltraum zurück. Die steigenden Temperaturen sorgen dafür, dass immer mehr davon wegschmilzt. Wasser aber hat eine dunklere Oberfläche und damit einen wesentlich geringeren Rückstrahleffekt. Ist das Eis verschwunden, dringt die Sonnenenergie direkt in den Ozean ein, was das Meerwasser weiter erwärmt. Dadurch schmilzt noch mehr Eis – ein Teufelskreis.

Zwar friert der Arktische Ozean im Winter wieder zu. Aber Jahr für Jahr ein bisschen weniger. Weshalb die eisfreien Flächen immer größer werden: Waren Mitte der 1990er am Ende des arktischen Sommers noch durchschnittlich sieben Millionen Quadratkilometer des Ozeans mit Meereis bedeckt, sank diese Fläche im September 2019 auf knapp die Hälfte; auf nur noch 3,9 Millionen Quadratkilometer. Spätestens Ende der 2030er Jahre könnte die Arktis im Sommer nahezu eisfrei sein – mit einschneidenden Veränderungen für die Temperaturdifferenz zum Äquator. Und damit auch für die Kraft, die den Jetstream antreibt. So betrifft die Eisschmelze am Nordpol uns ganz direkt.

Waldschützer Großmann stapft den Burgberg weiter nach oben, jetzt sehen auch Nichteingeweihte, wie krank der Wald hier ist: Die Kronen sind nicht mehr belaubt, viele Buchen umgestürzt, überall liegt morsches Holz. „Die Trockenheit hat das Feinwurzelwerk der Bäume geschädigt“, erklärt der Nationalpark-Chef, das führe zu einer verhängnisvollen Kettenreaktion: Je wärmer es wird, umso mehr Wasser verdunsten die Bäume; sie tun das auch als Selbstschutz: Wasserverdunsten bedeutet Kühlung und oberhalb von kritischen Temperaturen werden Blattinhaltsstoffe geschädigt. Finden die Wurzeln aber kein Wasser mehr, vertrocknen sie. Dann kann der Baum noch weniger Wasser aufnehmen, weshalb er schon im Sommer seine Blätter abwirft. „Ein letzter Überlebenskampf, der aber nichts mehr nützen wird“, sagt Großmann.

Weniger Niederschlag, höhere Temperaturen, mehr Verdunstung – die Wasserbilanz wird für die Bäume immer verheerender. „Und das sieht man hier: Am Burgberg werden in den nächsten Jahren wohl alle alten Buchen sterben!“ Großmann kann seinen Kummer kaum verbergen: „Wenn Bäume schreien könnten, wir hätten hier einen ohrenbetäubenden Lärm!“

Von der Öffentlichkeit fast unbeachtet erschien Ende April der Waldzustandsbericht 2019. Trockenheit, Hitze, Schädlinge, Stress – vier von fünf Bäumen zeigen Schäden. Hatte der Wald schon 2018 merklich gelitten, setzte sich dieser Trend 2019 in noch stärkerer Form fort, die Absterberaten sowohl der Nadel- als auch der Laubbäume sind so hoch wie seit gut 20 Jahren nicht mehr. Wie der Wald wohl in Deutschland aussehen wird, wenn jetzt schon wieder ein Trockenjahr folgt? „Jedenfalls wird Wald der Zukunft nicht mehr das wüchsige, produktive Biotop sein mit seinen 20, 30 Meter hohen Bäumen.“ Für Manfred Großmann ist klar, dass der Klimawandel unser Landschaftsbild massiv verändern wird: Er erwartet in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eher „schwachwüchsige Bestände, wie man sie aus dem Mittelmeerraum kennt“.

Nick Reimer ist Umweltjournalist und Buchautor. Sein letzter Rundgang im Hainich fand im Oktober 2019 statt

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06:00 14.05.2020
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Ausgabe 38/2020

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