Einfach grün fliegen?

FairFuel In Deutschland wird jetzt klimafreundliches Kerosin entwickelt. Doch selbst die Hersteller raten zum Flugverzicht
Einfach grün fliegen?
Für die Verschwörer: Die Kondensstreifen werden wahrscheinlich auch mit grünem Kerosin entstehen, sie bestehen nämlich aus Wasserdampf

Foto: Shotshop/IMAGO

Im Emsland wird jetzt Flugbenzin produziert, das klimafreundlich sein soll: „FairFuel“ heißt das Projekt, bei dem Wasser per Elektrolyse in Sauerstoff und Wasserstoff getrennt wird. Der energieintensive Prozess wird mit Ökostrom betrieben, anschließend wird der Wasserstoff mit Kohlendioxid über Zwischenschritte zu synthetischem Kraftstoff. Eine Raffinerie nördlich von Hamburg macht daraus dann Kerosin der Marke „Jet A1“.

Gebaut wurde die Anlage nicht etwa von einer Fluggesellschaft oder einem Energiekonzern. Bauherrin ist die Klimaschutzorganisation Atmosfair, eine gemeinnützige Gesellschaft, die bisher einen Treibhausgas-Rechner für Flugreisen und Kompensationsprojekte für die Klimaschulden durchs Fliegen anbietet. „Wir zeigen mit der Anlage in Werlte, dass klimaneutrales Kerosin machbar ist“, sagt Geschäftsführer Dietrich Brockhagen. Den Regelbetrieb plant Atmosfair für das erste Quartal 2022. Zwar ist die klimafreundliche Antriebsvariante doppelt so teuer wie normales Kerosin. Die Lufthansa kauft es dennoch: „Mit dem nachhaltigen Kerosin ‚made in Germany‘ bieten wir unseren Kunden ein innovatives Angebot für klimaschonendes Fliegen“, erklärt Christina Foerster, Mitglied des Konzernvorstands Deutsche Lufthansa.

Rettet neue Technologie also unseren Lebenskomfort? Die Deutschen sind Reiseweltmeister, laut Tourismusindex verlebten wir im Vor-Corona-Jahr 2019 sagenhafte 1,7 Milliarden private Reisetage. „Wir haben überhaupt nicht so viel erneuerbare Energie, dass wir Fliegen auf diesem Weg klimaneutral machen können“, urteilt Andreas Knie, Mobilitätsforscher und Professor für Soziologie an der TU Berlin. Denn grüner Strom soll uns ja nicht nur fliegen lassen, sondern: Er soll heizen (Wärmepumpe), Stahl herstellen („grüner Wasserstoff“), die Industrie umbauen (Chemiebranche, Maschinenbau). Laut Knie haben wir aber erst 50 Prozent Ökostrom in den Netzen, nicht einmal für den Stromsektor reicht es.

Tatsächlich lahmt der Ausbau besonders der Windkraft in den vergangenen Jahren erheblich – vor allen in den Bundesländern, die von der Union regiert werden. In Bayern wurden 2020 beispielsweise ganze acht neue Windräder errichtet, im Saarland sieben, in Sachsen waren es drei. In Brandenburg gingen dagegen 70 neue Windenergieanlagen ans Netz. Trotzdem macht der Windradbauer Vestas zum Jahresende sein Werk in der Lausitz dicht. Gerade hier, wo neue grüne Jobs den Strukturwandel ankurbeln sollen, verlieren 460 Mitarbeiter in der Rotorblatt-Produktion ihre Arbeit.

Aber könnte die grüne Technologie unsere Mobilität nicht aufrechterhalten, wenn genug Ökostrom vorhanden wäre? „Man kann die 48 Millionen Autos, die es in Deutschland gibt, nicht einfach elektrifizieren“, sagt Mobilitätsforscher Knie, zumindest nicht in jener Zeit, die für den Pfad der Klimaneutralität notwendig wäre. 20 Prozent der Emissionen in Deutschland stammen aus der Mobilität, nur Industrie und Energiewirtschaft sind für mehr verantwortlich. Allerdings gingen dort die Emissionen seit 1990 sehr stark zurück, anders als im Verkehrssektor, wo sie gestiegen sind.

Tatsächlich sei ein E-Auto, über seinen Lebenszyklus hinweg bilanziert, wesentlich klimafreundlicher als ein Verbrenner, sagt Knie, aber: „Mit Technik allein werden wir das Klimaproblem im Verkehr nicht lösen.“ Carsharing, mehr Rad- und Fußverkehr in den Innenstädten, mehr öffentlicher Nahverkehr – notwendig sei eine andere Mobilität. Andreas Knie: „Dazu gehört auch ein Verzicht.“ Etwa: auf die nächste Flugreise.

Das sieht Atmosfair genauso. Zwar kommt beim Verbrennen des „FairFuel“-Kerosins nur so viel Kohlendioxid aus dem Triebwerk, wie der Atmosphäre bei seiner Herstellung zuvor entzogen wurde. „Allerdings erzeugt auch E-Kerosin noch eine Reihe von anderen Klimaeffekten, ähnlich wie fossiles Kerosin“, erklärt Dietrich Brockhagen. Dazu gehöre vor allem die Bildung von Kondensstreifen und Ozon in großen Flughöhen, die das Klima sogar doppelt so stark erwärmen wie das reine CO2 des Kerosins. Deshalb empfiehlt selbst der Hersteller des „FairFuel“: „Weniger fliegen ist besser für das Klima.“

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06:00 20.10.2021
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