Eisbären in Berlin

Urteil Seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wollen alle Parteien nur noch Klimaschützer sein. Dabei sind sie schuld daran, dass es zu wenig voranging
Eisbären in Berlin
Auf den Kämpfen und Erfolgen der Grünen wollen sich nun auch andere bundesdeutsche Parteien ausruhen dürfen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Zum Beispiel der Eispanzer auf Grönland: Er ist bis zu 3.300 Meter dick. Wie überall in den Bergen ist es oben kühler als unten, weshalb Bergsteiger immer eine dicke Jacke einpacken. Fatal wäre, würde der Eispanzer zu tauen beginnen: Er schmilzt von oben nach unten in immer wärmere Gefilde, und das beschleunigt das Tauen immer weiter. Einmal angefangen, kann das Abtauen nie mehr aufgehalten werden. Allein in diesem Eispanzer ist so viel Wasser gespeichert, dass der Meeresspiegel weltweit um sieben Meter ansteigt, würde er verschwinden. Emden liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel. Der Mensch löst gerade Veränderungen aus, die von nachfolgenden Generationen jahrhundertelang ausgebadet werden müssen.

Das haben nun auch die Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe in den Blick genommen: Sie entschieden, dass das Klimagesetz der Bundesregierung die Freiheitsrechte kommender Generationen beschneidet. Anders ausgedrückt: Unser schönes Leben heute sorgt dafür, dass es übermorgen unschön wird.

Seit der Entscheidung der Bundesverfassungsrichter gibt es keine Parteien mehr, plötzlich sind alle nur noch Klimaschützer. Als sei das beanstandete Klimagesetz vom Himmel gefallen, wetteifert Bundesminister Peter Altmaier (Ressort Wirtschaft, CDU) mit Svenja Schulze (Umwelt, SPD) um die besten Vorschläge, versuchen sich Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) und Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) zu übertönen. Wie verlogen das ist, demonstriert mal wieder Markus Söder (CSU): Er will ein „klimaneutrales Bayern“ bis 2040 – hält aber an den Abstandsregeln für Windräder fest. Kein anderes Flächen-Bundesland hängt beim Ausbau der Windenergie so hinterher, 2020 wurden im Freistaat gerade mal acht neue Windräder aufgestellt, 2019 waren es sogar nur fünf. Im deutlich ärmeren Brandenburg gingen in derselben Zeit 140 Windräder ans Netz.

Natürlich darf der Kohleausstieg in Deutschland nicht erst 2038 kommen – das war allen klar, als Union und SPD dies vor zehn Monaten beschlossen. Warum schließlich sollte China aus der Kohle aussteigen, wenn Deutschland derart bummelt? Warum sollte Chile kein neues Kohlekraftwerk bauen, wenn in Deutschland in Datteln gerade ein neues ans Netz gegangen ist? Wir sind historisch schuld am Klimaproblem, weil wir als Industrienation schon seit zwei Jahrhunderten CO2 emittieren – nicht die Chilenen oder die Chinesen. Wir Deutschen erzeugen mit neun Tonnen pro Kopf durchschnittlich immer noch mehr als ein Chinese (knapp acht Tonnen) oder ein Chilene (fünf Tonnen).

Ein Kohleausstieg 2030 ist machbar, wie alle seriösen Studien zeigen. Allerdings wäre dafür dringend der Ausbau der Erneuerbaren nötig. Weil aber die aktuellen Steuerungsinstrumente nichts taugen, stagniert dieser Ausbau. Union und FDP hatten 2012 das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit der Axt kleingehauen, und der SPD war das Thema nie wichtig genug, um die Fehler in der Großen Koalition zu korrigieren. Fast drei Viertel aller Arbeitsplätze in der Solarwirtschaft sind seitdem verloren gegangen, und jetzt erwischt es die Windkraft: 2018, 2019, 2020 wurden hierzulande so wenige Windräder neu installiert wie nie zuvor seit dem Jahr 2000.

Und jetzt schwadronieren Union und SPD vom Klimaschutz? Für die Rettung des Klimas wäre es besser, wenn diese abgehalfterte Regierung das Klimagesetz nicht mehr anpassen würde. Denn es ist unwahrscheinlich, dass dabei etwas Brauchbares herauskommt. Kleine Korrekturen helfen nicht weiter, wir brauchen einen neuen Ansatz: Klimaschutz als Primat der Politik.

Zurück zum Grönlandeis: Es schmilzt bereits. 2019 gingen rund 600 Kubikkilometer verloren. Um sich ein Bild zu machen: Wer von Berlin nach München fährt – Luftlinie rund 600 Kilometer –, kann sich einen Eisblock vorstellen, der auf dieser Strecke 100 Meter breit ist – dieser Block wäre dann zehn Kilometer hoch. Solch ein Eisblock geht derzeit jedes Jahr in Wasser auf. Es schmilzt schon jetzt immer schneller: 2014 waren es lediglich 200 Kubikkilometer Grönlandeis, die verloren gingen. Grönland ist kein Einzelfall. Die Gletscher in den Bergen, in Alaska oder Nordrussland, der

Eispanzer in der Antarktis: Das gefrorene Wasser auf der Welt hat das Potenzial, den Meeresspiegel um mehr als 50 Meter anzuheben. Das wird Jahrhunderte dauern, das Schmelzen ist ein träger Prozess. Aber einmal ausgelöst, kann er nicht wieder angehalten werden – es sei denn, eine neue Eiszeit bräche über die Erde herein.

Wir haben also drei Möglichkeiten: Entweder wir entscheiden uns dafür, Meppen, Magdeburg, Duisburg, Düsseldorf, Berlin und Eisenhüttenstadt unter Wasser zu setzen. Oder wir hoffen darauf, dass diese Städte unter einem Eispanzer begraben werden und dem Meer wieder Wasser entzogen wird. Oder wir schalten endlich die Kohlekraftwerke ab, beschließen ein Tempolimit, verbieten Inlandsflüge, geben Fleisch den Preis, den es verdient, erhöhen den Preis für Kohlendioxid und investieren endlich kräftig in erneuerbare Energien.

Nick Reimer und Toralf Staud veröffentlichen dieser Tage das Buch Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird – ein Gespräch mit den beiden finden Sie unter freitag.de/literaturpodcasts

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06:00 06.05.2021
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Ausgabe 24/2021

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