Grenzwertiger Aufwand

Bio-Sprit Der eigentliche Skandal um das Agrar-Benzin E10: Die Politik hat sich wieder einmal geweigert, Politik zu machen. Weniger klimaschädlich wird Autofahren so nicht

Wer nicht klotzt, verliert. Das ist der Autoindustrie hoch­bewusst, deshalb hat sie die Werbemittel 2010 hochgefahren. 2,03 Milliarden Euro flossen allein in Deutschland in Anzeigen und Spots für neue Modelle. Insofern ist der Werbe-Aufwand für die neue Benzin-Sorte E10 sehr aufschlussreich: null. Weder die Autowirtschaft noch die Mineralöl­indus­trie waren bislang interessiert am Sprit vom Acker. Die einen halten Klimaschutz für eine lästige Spinnerei, die anderen wollen für den Verlust von eigenen Marktanteilen nicht auch noch Werbemillionen ausgeben. Schließlich war es die Politik, die beschlossen hat, dass die Mineralölkonzerne künftig weniger fossile Treibstoffe verkaufen dürfen.

Ein bisschen Desinformation hier, ein bisschen Halbwahrheit da, gepaart mit der Lobbyarbeit vom ADAC – und schon floppt die Markteinführung des Agro-Sprits E10: Seht her, die Verbraucher wollen das Produkt nicht. Dann könnt ihr uns doch unmöglich zwingen!

Das ist der eigentliche Skandal um das „Bio-Benzin“ E10: Die Politik hat sich wieder einmal geweigert, Politik zu machen. Per Selbstverpflichtung hat die schwarz-gelbe Bundesregierung es Automobilwirtschaft und Mineralölindustrie überlassen, wie sie die politische Vorgabe „mehr Klimaschutz im Verkehrssektor“ umsetzen. Und erneut hat die Wirtschaft den Beweis angetreten: Der Markt wird es eben nicht richten. Denn der Markt fragt nicht, was richtig und für das Gemeinwohl hilfreich ist. Der Markt macht, was den meisten Profit einbringt.

Auf ihrem Benzin-Gipfel hat die Bundesregierung nun versucht, das Heft des Handelns wieder zu erlangen. Ob ihr das gelungen ist, wird erst der zukünftige E10-Absatz zeigen. Doch dürften Auto- und Mineralölindustrie sehr bald er­kennen, dass auch sie ein Interesse am Agro-Benzin haben müssen. Denn die Alternative ist laut EU-Vorgabe eine Begrenzung des CO2-Ausstoßes auf anderen Wegen, sprich etwa durch kleinere Autos. Als die EU seinerzeit einen Grenzwert von 120 Gramm Kohlendioxid je Auto-Kilometer festschreiben wollte, bremste die damalige große Koalition in Berlin und bestand auf 130 Gramm plus Agro-Benzin. Würde sich die Mineralölwirtschaft mit ihrem E10-Boykott durchsetzen, käme die Grenzwertdebatte schnell wieder auf die Agenda.

Ohnehin kann ein bisschen nachwachsendes Benzin nur der Anfang der Klimaschutz-Bemühungen im Verkehrssektor sein. Laut Bundesumweltamt wird ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern auf den deutschen Autobahnen neun Prozent der Kohlendioxid-Emis­sionen sparen helfen. Spanien hat in dieser Woche vorgemacht, was auf die deutschen Autofahrer demnächst zukommt: Seit Montag sind auf den Autobahnen dort nicht mehr 120 Stundenkilometer, sondern nur noch 110 erlaubt. Prognostiziertes Einsparvolumen: 29 Millionen Barrel Öl pro Jahr oder 12,5 Millionen Tonnen CO2.

Insofern haben Autowirtschaft und Mineralölindustrie mit ihrem E10-­Boykott das Augenmerk dankenswerter­weise auf den Kern des Problems gelenkt: Während weltweit die Zahl der Hungernden erstmals wieder die Milliarden-Grenze überschritten hat, rast der deutsche Bleifuß künftig vermutlich mit E10 im Tank durchs Land. Es stimmt: Das neue Benzin vom Acker ist deutlich klimafreundlicher als der fossile Stoff aus dem Meeresgrund. Klima- oder gar zukunftsfreundlich wird der deutsche way of drive aber dadurch nicht.

Nick Reimer ist Chefredakteur von klimaretter.info

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden