Planet auf Tauchgang

Klimawandel Kann die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad begrenzt werden? Ein Gutachten sagt: Die Chancen schwinden rapide
Planet auf Tauchgang
Die Eisbären hat keiner gefragt, welches Risiko sie eingehen wollen - "Unbearable" von Jens Galschiot

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Zwei Grad, 1,5 Grad: Auf den ersten Blick geht es um Temperaturen. Während die 195 UNO-Staaten 2010 auf der Klimakonferenz in Mexiko das sogenannte Zwei-Grad-Ziel beschlossen hatten, wurde 2015 im Pariser Klimaabkommen festgehalten, dass der Temperaturanstieg deutlich tiefer gehalten werden soll. In Artikel 2 steht nun, es sollten „Anstrengungen unternommen werden, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen“. Aber ist das überhaupt noch möglich? Um das herauszufinden, haben die Klimadiplomaten 2015 beim Weltklimarat IPCC einen Report unter der Abkürzung SR1.5 in Auftrag gegeben – den „Special Report on 1.5 Degrees“. Nach zweijähriger Arbeit ist er jetzt fertig, die Zusammenfassung wird in dieser Woche in Südkorea unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Regierungsvertretern abgestimmt. Das Ergebnis, die sogenannte „Summary for Policymakers“, soll am kommenden Montag vorgestellt werden.

Die Zweifel am Zwei-Grad-Ziel bestanden unter Klimaforschern nicht erst seit 2015. „Wir verstehen das Klimasystem keineswegs bis in jede Einzelheit, es verbleiben Unsicherheiten, zum Beispiel bei den Rückkopplungen in der Vegetation“, erklärte Andreas Fischlin, Professor für Systemökologie an der ETH Zürich und zuletzt Vizepräsident des Weltklimarates IPCC. „Um sicherzugehen, sollte der Temperaturanstieg möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden.“ Denn dann – so die Wissenschaft – blieben schwere Verwerfungen im weltweiten Wettersystem und seine Folgen aus: Flut-Tote, Dürren, untergegangene Inseln, Hunger- und Klimaflüchtlinge, Krieg um Wasserressourcen und sichere Siedlungsplätze.

Das liegt an sogenannten Kippelementen, an physisch-biologischen Systemen, deren Instabilität den Klimawandel automatisch weiter anheizt. Die Wissenschaft hat 16 solcher Kippelemente definiert, darunter die Permafrostböden: Ein Viertel des Bodens der Nordhalbkugel ist dauergefroren – insgesamt 23 Millionen Quadratkilometer. In der vereisten Erde Sibiriens, Nordkanadas und Alaskas sind bis zu 1.500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff eingesperrt, doppelt so viel wie bereits heute in der Atmosphäre. Es handelt sich um abgestorbene Pflanzenreste, die beim Auftauen durch Bakterien zersetzt und in die Treibhausgase CO2 oder Methan umgewandelt werden und die Erde weiter anheizen – ohne dass der Mensch etwas dagegen tun könnte.

Nach Datenlage des britischen Wetterdienstes Met Office hat die Menschheit die Globaltemperatur bereits um 1,1 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit aufgeheizt. Weil die Erderwärmung an den Polen deutlich schneller als beispielsweise am Äquator verläuft, beginnt der Boden dort bereits zu tauen. Die Dauerfrost-Regionen sind in Sibirien und Nordamerika schon jetzt um bis zu 100 Kilometer zurückgegangen. „Einmal in Gang gesetzt, lässt sich der schnelle Auftauprozess nicht mehr aufhalten“, warnt Guido Grosse, Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Ein zwei Grad wärmeres Weltklima wird den Frostschutz dieser Substanzen zerstören und die Atmosphäre um mindestens weitere zwei Grad anheizen.

Weitere Kippelemente sind Eisschilde, die schmelzen, Wettersysteme, die instabil werden, Treibhausgase, die heute noch in der Natur gespeichert sind. Deshalb geht es bei den Temperaturschwellen 1,5 oder zwei Grad eigentlich um Risiko. Denn die Wissenschaft ist sich nur zu 66 Prozent sicher, dass ein um zwei Grad erhitztes Klima vom Menschen gerade noch beherrschbar bleibt. Deshalb haben vor allem die ärmsten und verwundbarsten Länder 2015 auf der Klimakonferenz COP 21 in Paris Druck gemacht. Der im Paris-Abkommen beschlossene Kompromiss lautet nun, der globale Temperaturanstieg solle „deutlich unter 2° C gegenüber dem vorindustriellen Niveau“ gehalten werden.

2040 könnte es zu spät sein

Im „Special Report on 1.5 Degrees“ sollte herausgefunden werden, ob ein 1,5-Grad-Ziel nicht längst Utopie ist. Mehr als 6.000 wissenschaftliche Arbeiten sichteten die 91 Leitautoren, es gab drei Evaluierungsrunden mit insgesamt 42.001 Kommentaren, die begutachtet werden mussten. Nach zweijähriger Arbeit ist der „Special Report“ jetzt fertig. Klar ist, dass er für Furore sorgen wird. Denn die Chancen, den Klimawandel doch noch in den Griff zu bekommen, schwinden rapide. Schon im Entwurf hieß es: „Beim derzeitigen Tempo der Erwärmung wird die globale Mitteltemperatur in den 2040er Jahren die 1,5-Grad-Schwelle erreichen.“ Geht es so weiter wie derzeit, wird in 21 Jahren der Punkt überschritten, an dem die Menschheit die Chance hatte, die Kippsysteme im weltweiten Wetterkomplex zu sichern.

Was uns zum Risiko zurückbringt. „Würde die Menschheit den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen, wäre wohl sichergestellt, dass diese Kippelemente beherrschbar bleiben“, urteilt Mojib Latif, Meteorologe und Vorstandsmitglied des Deutschen Klima-Konsortiums. Allerdings hat Latif wenig Hoffnung, denn dafür müsste die Menschheit ihre Treibhausfracht in den nächsten 20 Jahren jedes Jahr um etwa drei Prozent verringern. Statt zu sinken, steigen die Emissionen aber weiter. 2017 waren es 41 Milliarden Tonnen, ein Zuwachs von nochmals 1,4 Prozent gegenüber 2016. Latif: „Derzeit befindet sich die Welt eher auf einem Drei-bis-vier-Grad-Kurs.“

Die Politik hat also noch nicht einmal das Zwei-Grad-Ziel im Fokus. Trotzdem hält der Systemökologe Andreas Fischlin die 1,5-Grad-Schwelle für das anzustrebende Maximum, was er mit einem Vergleich des Risikos eines Bungeespringers illustriert: Würde der sich in die Tiefe stürzen, wenn die Gefahr, das Leben dabei zu verlieren, bei 33 Prozent läge? „Wer Tauchen geht oder wer raucht: Überall gibt es ein Risiko“, sagt Fischlin. Vermutlich habe der Betroffene das Risiko reichlich kalkuliert, bevor er es eingehe. „Das Problem beim Klimawandel ist aber, dass wir als Gesellschaft anderen aufzwingen, welche Risiken sie eingehen sollen.“ Bewohnern von untergehenden Inselstaaten beispielsweise, Menschen in den Anden oder in Nordafrika, die kein Trinkwasser mehr finden, asiatische Bauern, deren Böden durch den steigenden Meeresspiegel versalzen. „2017 gab es weltweit 30 Millionen Flüchtlinge“, erklärt Katja Frieler vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, an dem sie die Wirkungen der steigenden Globaltemperatur untersucht. „18 Millionen, also 60 Prozent, flohen nicht vor Kriegen oder Konflikten, sondern vor den Folgen des Klimawandels.“ Die Erderwärmung sei also längst real, das Ignorieren des Problems ein Versagen der politischen, aber auch der intellektuellen Elite.

Der Meteorologe Latif sagt, dass auch Deutschland Schuld trage, wenn das 1,5-Grad-Ziel gerissen werde: „Ziele brauchen Vorreiter, weshalb es immens wichtig ist, dass Deutschland sein 40-Prozent-Ziel doch noch erreicht“. Die Bundesregierung hatte 2008 beschlossen, die deutschen Treibhausgase bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu reduzieren. Geschafft sind aber erst 27 Prozent. Aber vielleicht wird der „Special Report“ jetzt ein Paukenschlag. Andreas Fischlin: „In einer Demokratie wäre es wichtig, einen Diskurs über das Risiko zu führen. Wir sollten jeden fragen, welches Risiko er oder sie eingehen will.“

06:00 07.10.2018
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