Sie sagten schon Corona voraus

Risiko Ein Institut in Bonn skizziert, wie sich die Klimakatastrophe zuspitzen könnte
Sie sagten schon Corona voraus

Grafik: der Freitag, Quelle: Confronting Carbon Inequality, Oxfam Media Briefing, 21. September 2020

Hier werkeln Spezialisten am Krisenfall: In einem Flachbau, tief im Bonner Westen, ist das „Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“, kurz BBK, zu finden. Fast 300 Leute arbeiten hier. Im vierten Stock befindet sich das „Gemeinsame Lagezentrum von Bund und Ländern“: Auf großen Bildschirmen an der Wand sind Deutschlandkarten zu sehen, derzeit zeigen sie „0 Unwetter“. Wird es notwendig, können von hier aus Hilfseinsätze koordiniert werden, etwa wenn örtliche Einsatzkräfte der Lage nicht Herr werden.

Schlagartig bekannt wurde das BBK nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie. 2012 hatte Deutschlands oberste Katastrophenbehörde in einer Risikoanalyse durchgespielt, was auf die Bundesrepublik zukommen würde, wenn in Asien ein hypothetisches neues Virus namens Modi-Sars ausbricht und dann auf das Land zurollt: stark ansteigende Fallzahlen, Hamsterkäufe, ein Gesundheitswesen an der Belastungsgrenze, Lockdown. „Es läuft so, wie es in unseren Worst-Case-Szenarien angelegt war“, urteilte Christoph Unger, damals noch Präsident des BBK, Ende März.

Die Experten hatten der Regierung 2012 auch Vorkehrungen empfohlen, beispielsweise einen Vorrat an Masken anzulegen. Aber das Amt kann niemanden zwingen, seinen Empfehlungen Folge zu leisten, weshalb Masken und Schutzkittel für Ärzte 2020 bald Mangelware waren. Erst Importe aus dem Ausland beendeten im Mai die Misere. Obwohl die „Risikoanalyse Pandemie“ bekannt war, erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): „Im Nachhinein ist man schlauer.“

Insofern scheint es sinnvoll, sich einige weitere Risikoeinschätzungen des Bundesamtes anzusehen: für Extremwetterszenarien beispielsweise. 2018 untersuchte das BBK, welche Folgen eine schwere Dürre in Deutschland hätte. In der Einleitung heißt es: „Obgleich das hier untersuchte Szenario einen theoretischen und abstrahierten Ereignisverlauf beschreibt, haben die Erfahrungen des Jahres 2018 deutlich gemacht, wie relevant eine Analyse eines solchen Szenarios auch für Deutschland geworden ist.“ Der Klimawandel werde Dürre zu einer „häufiger vorkommenden Herausforderung für Deutschland“ machen.

In ihrem Szenario gehen die Katastrophenexperten davon aus, dass die Dürre sechs Jahre andauert. Grundlage ist die extremste Trockenheit in Deutschland, für die Beobachtungsdaten vorliegen: die Dürre zwischen den Jahren 1971 bis 1976. Auf diese Daten wurde ein „Klimaaufschlag“ eingerechnet: ein Grad mehr Temperatur und 25 Prozent weniger Regen.

Dürre oder Stromausfall

Was wären die Folgen? Erst einmal Probleme bei der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser, besonders dort, wo die Lage bereits heute angespannt ist. Das Gesundheitssystem stünde vor großen Herausforderungen, die Risikoanalyse prognostiziert bis zu 10.000 Hitzetote. Im sechsten Jahr der Dürre würde die Stromversorgung wackeln, weil viele thermische Kraftwerke ihre Leistung drosseln müssten, während die Stromnachfrage steigt: Klimaanlagen verbrauchen mehr Strom, den Kraftwerken geht aber das Kühlwasser aus. Benzin würde regional knapp, weil fast die Hälfte aller Treibstoffe per Schiff angeliefert wird, die Schifffahrt wegen der geringen Pegelstände aber stockt. Mehr Waldbrände und mehr Pleiten in der Landwirtschaft. Auch die Industrie wäre betroffen, denn sie verbraucht ein Sechstel des Wassers in Deutschland – das stünde jetzt nicht mehr zur Verfügung.

Drei Jahre nach der Erstellung der „Risikoanalyse Dürre“ ging 2020 der dritte Dürresommer in Folge zu Ende. Im niedersächsischen Lauenau musste die Feuerwehr die Einwohner mit Wasser versorgen, in Ostsachsen vermeldeten 47 kleinere Orte Trinkwasserprobleme. Flüsse wie die Schwarze Elster trockneten 2020 aus, die Innerstetalsperre im Harz ist nur zu 33 Prozent gefüllt. Nicht nur Wälder leiden großflächig, auch Stadtbäume; in Berlin fehlen zum Normalsoll 40 große Wassereimer auf jedem Quadratmeter.

Der Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig zeigt im September 2020 auf der Deutschlandkarte vielerorts tiefrote Flächen, die höchste von fünf Trockenstufen. „Eine außergewöhnliche Dürre“, sagt Andreas Marx, der für die Karte zuständig ist: „In einer Bodentiefe bis zu 1,80 Metern ist dort praktisch kein Wasser mehr vorhanden“. Fast ganz Sachsen ist betroffen, weite Teile Brandenburgs und Sachsen-Anhalts, die Hälfte Nordrhein-Westfalens, die Schwäbische Alb, die Lüneburger Heide, Vorpommern und Nordhessen. Der Deutsche Wetterdienst bilanzierte, dass 2020 in einigen Regionen weniger als die Hälfte der dort typischen Sommerniederschläge gemessen wurden.

Zum Glück gibt es aus Zeiten des Kalten Krieges noch 5.200 Brunnen für die Notversorgung mit Trinkwasser. Ursprünglich für den Zivilschutz im Verteidigungsfall angelegt, könnte das BBK diese Brunnen reaktivieren, wenn es infolge einer Dürre zu Engpässen kommt. Allerdings hat dieser Rettungsanker gleich zwei Haken: Erstens könnten selbst die 5.200 Trinkwassernotbrunnen nur etwa 25 Prozent der Bevölkerung versorgen. Zweitens brauchen die allermeisten Förderpumpen Strom. Der aber wird nach der Risikoanalyse mancherorts fehlen.

Jörg Rechenberg vom Umweltbundesamt in Dessau glaubt, dass sich durch den Klimawandel die Konflikte um Wasser auch in Deutschland verschärfen werden. Neu sei, dass nun auch die Landwirte mit am Tisch säßen. Bisher habe die sogenannte Bewässerungslandwirtschaft in Deutschland erst einen Anteil von 2,7 Prozent, sagt Rechenberg. In Zukunft werde die Beregnungsbedürftigkeit deutschlandweit tendenziell wohl zunehmen, wenn auch regional sehr unterschiedlich.

So weit zum Szenario „Zu wenig Wasser“. Die Katastrophenschützer vom BBK haben aber auch das gegenläufige Szenario durchgespielt: 2014 untersuchte das Bundesamt, welche Folgen es hätte, wenn eine besonders schwere Sturmflut zusammen mit einem Orkan in der Deutschen Bucht tobt. Grundannahme ist, dass die Wasserstände an der Küste nicht höher als die Deiche sind, aber Wellenscheitelwerte auftreten, die bisher beobachtete Hochwasserstände um etwa zwei Meter übertreffen. Die Folge wären Deichbrüche und Überflutungen. 1.350 Quadratkilometer stünden in Norddeutschland unter Wasser.

Die Folgen für ganz Deutschland wären frappierend: Weil Leitungstrassen, Umspannwerke oder Transformatoren zerstört würden, käme es bundesweit zu Stromausfällen. Die Kraftwerke an der Küste, vor allem die vielen Windkraftwerke, könnten ihren Strom nicht mehr ins Netz einspeisen. Die Folge wären „bundesweite Einschränkungen in der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung“, denn nirgendwo sonst ist die Fleischproduktion in Deutschland stärker konzentriert als in den jetzt überschwemmten Gebieten Niedersachsens. Engpässe in der Treibstoffversorgung würden folgen, denn viele Raffinerien für Benzin oder Diesel befinden sich in Küstennähe und wären jetzt überschwemmt.

Besonders in den Stromausfallgebieten seien „massive Einschränkungen bis hin zu Totalausfall der Telekommunikations- und Informationsinfrastruktur“ zu befürchten. Das Gesundheitssystem und die Rettungskräfte kämen an ihre Grenzen. Die Folge: bis zu 10.000 Tote, mehr als 10.000 Verletzte, mindestens eine Million Deutsche, die wenigstens eine Woche lang auf Hilfe angewiesen sind. Dazu Firmeninsolvenzen, Arbeitslosigkeit und schwere politische Verwerfungen.

Sieben solcher Risikoanalysen hat das BBK bislang erarbeitet – vier davon zu Wetterereignissen wie „Extremes Schmelzhochwasser“ oder „Wintersturm“. Auf den Seiten des Amtes heißt es: „Höhere Durchschnittstemperaturen werden für mehr und intensivere Wetterextreme sorgen. Dabei wird die Anzahl der besonders extremen und gefährlichen Wetterextreme besonders zunehmen.“

Jede dieser Risikoanalysen wurde in den Bundestag eingebracht. Bis zur Covid-19-Pandemie interessierten sich die deutschen Volksvertreter dafür aber nicht sonderlich. Das hat sich seitdem geändert.

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06:00 29.09.2020
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Ausgabe 43/2020

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