Symbolischer Wildwuchs

VOR DEM HAACKE-EINFÜLLTERMIN AM REICHSTAG Wenn Abgeordnete säckeweise Erde in die Hauptstadt karren, kommen sie auf ganz eigenwillige Sinnstiftungen

Einen Bagger? »Ich bitte Sie«, sagt Christine Ostrowski, »doch nicht für einen Zentner«. Außerdem, wenn schon Aktion, dann richtig - »mit eigenem Schweiß«. Also greift die Bundestagsabgeordnete der PDS zur Schaufel, kratzt Erde der Synagogenbaustelle in ihrem Heimatort Dresden zusammen. Immerhin lässt sie sich von Heinz-Joachim Aris, dem Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde zu Dresden, den Jutesack aufhalten. Der ist mit dem Schriftzug »Der Bevölkerung« bedruckt; kleiner steht da: »Erde aus dem Wahlkreis von«. Dahinter wird Christine Ostrowski unterschreiben.

Am 13. September ist Einfülltermin für das Projekt des in New York lebenden Künstlers Hans Haacke, das im nördlichen Lichthof des Berliner Reichstages installiert wird. Jeder der 669 Bundestagsabgeordneten soll aus seinem Heimatwahlkreis einen Zentner Erde nach Berlin bringen, wo der Mutterboden zur Füllung eines 21 Meter langen und sieben Meter breiten Holztrogs bestimmt ist. Erde ist lebendig, so Haackes Kalkül - aus den auf diese Weise eingeschleppten Samen und Wurzeln soll im deutschen Parlament der Wildwuchs aufgehen - ein demokratisches Biotop sozusagen. Gekrönt werden wird die Saat durch eine Leuchtschrift: »Der Bevölkerung«.

Genau darüber erhitzten sich im Frühjahr die Gemüter der Parlamentarier. Haacke versteht seinen Slogan als »Korrektur der nationalistischen exklusiven Parole auf der Fassade des Reichstagsgebäudes«, wo es »Dem deutschen Volke« heißt. »Wir lassen uns nicht für Agitprop vereinnahmen«, erklärte damals etwa Peter Ramsauer, der parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe. Und die Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer (Bündnisgrüne) sah sich an die »Boden-Ideologie« erinnert, sie meierte Haackes Idee als »Biokitsch« ab. Trotzdem, im Sommer hat so mancher Abgeordnete entdeckt, wie sich mit Haake Termine voll prächtiger Symbolik machen ließen, denen manchmal auch die Geschmacklosigkeiten nicht fehlten. Hertha Däubler-Gmelin etwa buddelte ihren Sack am Grab von Carlo Schmid zusammen. Alles unter den freundlichen Augen der Lokalpresse, auch in Sachsen.

»Die PDS hat damals geschlossen für das Projekt gestimmt«, sagt Ostrowski ziemlich stolz, nachdem das zweite Jute-Säckchen mit der Synagogenerde verstaut ist. Deutschland bestehe schließlich nicht nur aus dem deutschen Volke, sondern auch aus den vielen fremden Nationen, die den Alltag in Deutschland bereichern. Aber eigentlich meint Ostrowski: Erst die PDS hat Haackes Arbeit möglich gemacht - nur zwei Stimmen Mehrheit hatte das Projekt bei der Abstimmung im Bundestag bekommen.

Dass sie die Erde der Dresdner Synagogenbaustelle mit nach Berlin nimmt, hält Christine Ostrowski »für das Logischste der Welt«. Man müsse seine Stimme erheben gegen den braunen Mob, der immer weiter hervorquillt, man müsse Zeichen setzen. »Es gibt für das Haacke-Projekt in meinem Dresdner Wahlkreis nichts Symbolträchtigeres«.

Überhaupt wird der Holztrog vor Sinnstiftung nur so überquellen, wenn ihn Bundestagspäsident Wolfgang Thierse dem Wildwuchs übergibt. Und dabei kann jeder Abgeordnete seine eigene Symbolik pflegen: Die Sächsin Antje Hermenau von den Bündnisgrünen beispielsweise hat ihre Säcke in Dresden-Gittersee gefüllt. Dort kämpften einst Bürgerinitiativen gegen den Bau eines Reinst-Silizium-Werkes - damals, als ihre Mitglieder noch eingesperrt oder in die Bundesrepublik ausgewiesen wurden. Die SPD-Abgeordnete Renate Jäger aus Dresden pflegt Aushub und Einsackung dafür als Privatissimum. Und der CDU-Abgeordnete Arnold Vaatz kommt ganz ohne Erde aus. Im Juni hatten er und seine Dresdner CDU-Kollegin Christa Reinhard beschlossen, ihre Säcke ungefüllt zurückzugeben; und zwar mit den Worten: »Macht euern Dreg alleene«. Diese Worte hatte einst der letzte sächsische König gebraucht, bevor er zum Teufel gejagt wurde.

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