Energieexperte Volker Quaschning: „Wir bräuchten Wärmepumpen, aber subventionieren Gas“

Interview Sechs Millionen Wärmepumpen will Robert Habeck bis 2030 in Deutschland installieren. Wie realistisch ist dieses Ziel? Der Energieexperte Volker Quaschning erklärt im Interview, welche Hürden dafür noch aus dem Weg geräumt werden müssen
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 29/2022
Volker Quaschning: „Mit Terminals für Flüssiggas schlittern wir in die nächste Krise“
Volker Quaschning: „Mit Terminals für Flüssiggas schlittern wir in die nächste Krise“

Foto: Hannes Wiedemann für der Freitag

Im Winter könnte es kalt werden in deutschen Wohnzimmern, weil russisches Erdgas fehlt. Eine Alternative dazu sind Wärmepumpen, die einen Großteil der Energie zum Heizen aus der Luft oder dem Grundwasser nehmen. Wirtschaftsminister Robert Habeck will, dass bis 2030 sechs Millionen davon installiert werden. Ist das ein realistisches Ziel? Der Energieexperte Volker Quaschning erklärt, welche Hürden noch aus dem Weg geräumt werden müssen.

der Freitag: Herr Quaschning, was ist eigentlich eine Wärmepumpe?

Volker Quaschning: Eine Wärmepumpe ist eine elektrische Heizung. Anders als ein gewöhnlicher Heizlüfter nutzt die Wärmepumpe neben elektrischer Energie auch Umgebungswärme von der Außenluft, der Erdwärme oder dem Grundwasser und kann somit deutlich effizienter Wärme erzeugen. Aus einer Kilowattstunde an elektrischer Energie werden durch die Wärmepumpe drei bis vier Kilowattstunden an Wärme. Für unsere Klimaziele ist sie ideal: Wer Strom aus Sonnen- oder Windkraft nutzt, heizt mit ihr effizient und emissionsfrei. Die Wärmepumpe ist sogar die effektivste Heiztechnologie. Deshalb fordern wir seit Jahren, statt Gasheizungen diese Technik einzubauen.

Wo kann eine Wärmepumpe eingesetzt werden?

Fast überall! Eine Regel: Je niedriger die Temperatur ist, die eine Heizung braucht, desto effizienter arbeitet die Wärmepumpe. Deshalb sind vor allem Fußbodenheizungen besonders gut geeignet, weil sie schon ab etwa 30 Grad Vorlauftemperatur funktionieren. Moderne Wärmepumpen können aber auch 50 oder 60 Grad erreichen und so auch klassische Heizungen ersetzen. Allerdings brauchen sie in diesem Fall etwas mehr Strom – und sind deshalb ein bisschen weniger effizient.

Für den Einsatz einer Wärmepumpe muss ein Haus gut gedämmt sein. Altbauten, also sehr viel Bausubstanz in Deutschland, sind das aber nicht. Und jetzt?

Das hat ein interessantes Forschungsprojekt vom Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme untersucht. Ergebnis: In den meisten Gebäuden lassen sich Wärmepumpen relativ problemlos einsetzen, wenn man einige Anpassungen vornimmt. Manchmal waren die Heizkörper zu klein, manchmal musste ein besser gedämmtes Fenster eingebaut werden. Aber wenn solche Probleme vom Planer erkannt und vom Handwerker gelöst werden, dann funktioniert es.

Warum hat sich die Wärmepumpe noch nicht durchgesetzt?

Weil wir die ganze Zeit auf abartig billiges Erdgas gesetzt haben! In der Investition ist die Wärmepumpe teurer als die fossile Erdgastechnik – und alle haben darauf gewettet, dass Erdgas immer billig bleibt.

Nun plant die Bundesregierung, ab dem 1. Januar 2024 den Bau neuer Gasheizungen zu verbieten. Und Wirtschaftsminister Habeck will, dass bis 2030 sechs Millionen Wärmepumpen in Deutschland eingebaut werden. Ist das möglich?

Es ist notwendig! Um das Klimaziel der Bundesregierung, also Klimaneutralität bis 2045, zu schaffen, dürfen keine Öl- und Gasheizungen mehr eingebaut werden. Trotzdem legen sich die Deutschen auch in diesem Jahr vermutlich wieder mehr Gasheizungen zu als Wärmepumpen. Ein Problem ist, dass viele Handwerker ausschließlich Gasheizung „können“. Die müssen jetzt im Expresstempo auf Wärmepumpen umgeschult werden.

Vergangenes Jahr wurden in Deutschland 150.000 Wärmepumpen eingebaut. Um das Ziel sechs Millionen bis 2030 zu erreichen, sollen es im Jahr 2024 mindestens 500.000 sein. Was brauchen wir für diesen Schub?

Na, zunächst den Abschied von der Gastherme! Das Absurde ist: Derzeit werden Gasheizungen noch staatlich gefördert. Dänemark hat 2013 schon ein Einbauverbot für neue Gasheizungen beschlossen. So was brauchen wir in Deutschland auch. Aber natürlich brauchen wir auch einen Markt, der die Anforderungen erfüllen kann. Mit den derzeitig gestörten Lieferketten stehen gar nicht genügend Geräte zur Verfügung. Und wir brauchen genügend Handwerker, die Wärmepumpen „verstehen“ und installieren können. Deshalb bin ich überzeugt, dass es an der einen oder anderen Stelle auch staatliche Unterstützung geben muss.

Für den Klimaschutz bringen Wärmepumpen aber nur etwas, wenn sie mit grünem Strom betrieben werden. Nach 25 Jahren Energiewende haben wir aktuell 49 Prozent davon im Netz. Beschlusslage der Regierung ist, dies in den nächsten acht Jahren auf 80 Prozent zu steigern. Ein Plus von 31 Prozent in nur acht Jahren. Wie kann das gelingen?

Mit dem aktuellen Ausbautempo gar nicht. In diesem, im letzten und im vorletzten Jahr wurden so wenige Windräder neu ans Netz genommen wie nie zuvor in der jüngeren deutschen Geschichte. Jetzt kommen aber Elektromobilität, grüner Wasserstoff und die Wärmepumpen dazu – der Strombedarf wird also rasant steigen.

Die Regierung hat gerade neue Gesetze zur Beschleunigung des Windradausbaus beschlossen ...

Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Ich bin aber sicher, dass die Regierung in den nächsten Jahren nachsteuern muss. Erstens werden die neuen Gesetze jenes Ausbautempo, das wir brauchen, vermutlich noch nicht erzeugen. Wir brauchen beispielsweise eine Verfünffachung bei der Windkraft. Zweitens bauen wir ja eine komplett neue Stromversorgung auf – von den derzeitigen zentralen Großkraftwerken zu einem dezentralen System. Dafür brauchen wir Speicher, die auf die natürlichen Schwankungen bei Sonne und Wind reagieren können.

Was gibt es denn für Speicher?

Der Bereich ist relativ groß: Aktuell sind die Pumpspeicher am verbreitetsten: Gibt es viel Strom im Netz, pumpt man Wasser den Berg hoch in ein Speicherbecken, das bei Strombedarf wieder abgelassen und über eine Turbine in Strom zurückverwandelt wird. Wegen der dafür notwendigen Geografie sind die Ausbaumöglichkeiten allerdings begrenzt. Ein großer Bereich sind Batterien, übrigens auch Batterien von Elektroautos: Die Batterie eines handelsüblichen E-Autos ist so groß, dass man ein Einfamilienhaus mehrere Tage mit Strom versorgen kann. Für längere Zeiträume werden wir die Power-to-Gas-Technologie nutzen: Strom wird in Wasserstoff umgewandelt und ins Erdgasnetz eingespeist und dort gespeichert. Bläst mal kein Wind und die Sonne scheint nicht, wird dieser Wasserstoff über eine Turbine wieder in Strom zurückgewandelt.

Wann ist mit dem Durchbruch der Speichertechnologien zu rechnen?

Aktuell sind die Erdgas- und Kohlepreise derartig hoch, dass Batteriespeicher schon wirtschaftlich arbeiten. Aber wir wollen natürlich langfristig wieder runter mit den Kosten für Strom. Der Durchbruch wird gelingen, wenn ein Massenmarkt entsteht. Das hat man auch bei der Photovoltaik gesehen: je größer die hergestellte Stückzahl, desto geringer die Kosten. Das Problem ist: Investoren brauchen eine langfristige Sicherheit! Aktuell rechnen sich Speicher, aber dadurch ist eine Investition ja noch nicht langfristig abgesichert. Deshalb brauchen wir jetzt staatliche Rahmenbedingungen, die diese Sicherheit gewährleisten.

Eine Strategie, gegen die aktuelle Knappheit von Energieträgern anzukämpfen, nennt sich LNG – das ist Flüssiggas, welches per Schiff nach Deutschland kommt. Dafür soll jetzt eine neue Infrastruktur geschaffen werden. Ist das vernünftig?

Absolut nicht! Natürlich brauchen wir kurzfristige Alternativen zum russischen Pipelinegas. Wir müssen aber aufpassen, dass die neue Infrastruktur nicht wieder über 20 Jahre Fakten schafft. Flüssiggas-Terminals dürfen sich nicht über 20 Jahre lang abschreiben lassen, denn für unsere Klimaziele müssen wir spätestens in zehn Jahren komplett raus aus dem Erdgas. Die EU hat Erdgas gerade als „nachhaltig“ klassifiziert. So werden die Altlasten von morgen geschaffen!

Wenn man sich die Politik des Wirtschaftsministers Robert Habeck anguckt, hat man das Gefühl, sein oberstes Ziel ist, dass unser Leben ohne Abstriche weitergeht. Sind wir nicht an einem Punkt, wo es heißen müsste: Wir verzichten komplett auf fossile Energie – also auch auf Erdgas?

Das ist ein bisschen das Dilemma der Grünen: Um eine Verkehrswende in Gang zu setzen, haben sie in den 90er Jahren mal gefordert, Benzin fünf D-Mark teuer zu machen. Damals sind sie aus dem Bundestag rausgeflogen; seitdem meiden sie Verzichtsdebatten. Die Wahrheit ist aber: Der Lebensstil, den wir in Deutschland pflegen, ist für den Planeten nicht durchzuhalten. Eigentlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, das zu debattieren: Wenn wir jetzt mit dauerhaften Flüssiggas-Terminals weitermachen, dann schlittern wir in die nächste Krise – in die Klimakrise. Die wird um ein Vielfaches schlimmer als das, was wir derzeit sehen. Aber statt darüber den Disput zu suchen, verläuft die rote Linie in Deutschland derzeit bei 20 Grad Raumtemperatur.

Ist das nicht zynisch? Wenige Hundert Kilometer im Osten von uns sterben jeden Tag Menschen, und wir debattieren über Raumtemperaturen …

Ja, das ist zynisch, aber nicht neu. Der Krieg in Syrien war von der Dimension nicht weniger schrecklich, aber weiter weg. Wir haben einen Lebensstil deutlich oberhalb des weltweiten Durchschnitts, ergo müssen wir etwas von diesem Lebensstil abgeben. Aber das scheint nicht mehrheitsfähig zu sein: Ein Öl- und Gasembargo würde den Kriegstreiber Russland wirklich in die Bredouille bringen, aber dazu sind wir nicht bereit! Solch ein Embargo würde auch alle Schlupflöcher beim Zahlungssystem SWIFT schließen, was Russland vom Welthandel ausschließt. Aber wir haben diese Schlupflöcher geschaffen, um Russland weiter für sein Gas bezahlen zu können. Weil uns unser komfortables Leben wichtiger war als der Krieg in der Ukraine.

Volker Quaschning, 53, ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin. Davor war er Projektleiter in Spanien für die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er gründete mit Kolleg*innen „Scientists for Future“ – eine Partnerorganisation von „Fridays for Future“. Sein neuestes Buch Energierevolution JETZT! landete auf der Spiegel-Bestsellerliste. Mit seinem Youtube-Kanal erreicht er über eine Million Menschen pro Jahr. Zudem gib er dasisteinegutefrage.de, einen Podcast, heraus.

Das Gespräch führte Nick Reimer

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