Schnelle Willensbildung

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Facebook, Twitter, das Internet machen eine schnelle Verbindung unter den Usern möglich. Sie sind Wissen vermittelnd (Wikipedia), sie decken Skandale auf, die früher im Schatten geblieben wären und richten einen grellen Spot auf die Akteure. Sie tragen zur schnellen Meinungsbildung bei und aktivieren innerhalb weniger Stunden Sympathisanten und Gegner. Tragen sie auch zur Qualität von politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen bei? In den letzten Jahren konnte man die boomende Umfrageindustrie beobachten. Produkte, Menschen, soziale Veränderungen, über dies und das wurde der Bürger befragt. Während früher in größeren Abständen die politische Befindlichkeit eruiert wurde, geschieht dies jetzt wöchentlich und auch täglich. Gerade die Politik hat sich in zunehmendem Maße nicht mehr an der Sache orientiert. Man hat den Eindruck, dass das Schielen auf die Umfragen das Handeln bestimmt. Sie macht heute den fatalen Eindruck, dass sie von Umfragen und Beliebtheitslisten getrieben ist. Facebook, Twitter u.a. haben eine andere Qualität als die Umfragen, die wir bisher kannten. Sie sind mehr von Sympathie und von Antipathie gesteuert. Allein die Zahl der Freunde sagt nichts aus über die Qualität der Beziehungen. Nun wird aber argumentiert die schiere Menge werde eine statistisch gesicherte Kraft erhalten. Das ist falsch. Um eine statistisch relevante Größe zu erhalten, ist die Methodenfrage vorher zu klären. Und doch wird aus der Form der schnellen und lauten Meinungsäußerung ein Sog entstehen der mehr und mehr politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse beeinflusst. Die einen werden sich über die basisdemokratischen Elemente, die im Netz befeuert werden, freuen. Andere befürchten, dass sachgerechte und abgewogene Entscheidungen gerade in der Politik durch das Starren auf Beliebtheitswerte nur noch schwer möglich sind. Die Quantität geht vor die Qualität. Eine an kurzfristigen Höhepunkten orientierte Gesellschaft wird ihre Nachhaltigkeit verlieren. Wohin die kurzfristige auf das Quartal starrende Gewinnoptimierung bei Unternehmen geführt hat, haben wir in den letzten Jahren schmerzlich erfahren müssen. Die Nachhaltigkeit einer Entwicklung ist auf der Strecke geblieben. Ich rede nicht gegen die neuen Möglichkeiten der Meinungs- und Willensbildung, sicher nicht. Die Vorteile und Nachteile einer schnellen Meinungs- und Willensbildung sind abzuwägen und auch zu nutzen. Zuneigung, Liebe und Zorn lassen sich rasend schnell organisieren. Wenn es nur hie da geschieht, dann genießt es noch Aufmerksamkeitswert. Wenn es alle mahen wird es eher beliebig. Am Ende sollte allerdings stehen, dass man seine eigene Unabhängigkeit stärkt. Hannah Arendt sagt: "Ein jeder kann das "Spiel", den Lauf der Welt, durch sein Erscheinen in jedem Moment wenden." Früher gings langsamer, heute schneller.

14:52 03.03.2011
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Geschrieben von

niclas quinten

Schreiben, schreiben und nochmals schreiben. Völlig egal, ob es veröffentlicht wird oder irgendeiner es liest. Status: Schreiber und Leser
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