Im Wald der Trauer

Im Gespräch Sind Glaube an technischen Fortschritt und Pflege mythischer Traditionen ein Widerspruch? Ein Gespräch mit Reinold Ophüls-Kashima über Ökologie und Popkultur in Japan

Der Freitag: Wie geht es Ihnen, Herr Kashima?

Reinold Ophüls-Kashima:

Uns persönlich geht es gut.

Wo in Japan wohnen Sie?

Im Westen von Tokio. In der Stadt Fuchū. Ich bin vorbereitet. Die Möglichkeit eines großen Erdbebens ist einfach präsent. Ich habe einen Notfallkoffer, wir haben Helme, ich habe meine Regal befestigt. Auf der Ebene guckt man, dass man möglichst das macht, was man machen kann.

Trägt zu diesem gefassten Umgang auch die Präsenz des Themas in der populäre Kultur bei?

Es gibt ja Szenarien in der Literatur, wo ganz Japan im Meer versinkt. Und von Politikern wird Japan gern als ein Schiff imaginiert, dass dann untergeht. Eine bekannte Figur ist der Wels; er ist das Symboltier für Erdbeben in der traditionellen populären Kultur. Natürlich ist das alles präsent, aber dann doch nicht so, dass man ständig dran denkt.

 

Und im Manga?

Ganz prominent im Manga

Wie ist es im Film?

Natürlich gibt es die Katastrophenfilme, denken Sie an Godzilla, in denen auch immer Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche eine große Rolle spielen. Wichtiger sind im Moment aber wohl die dokumentarischen Sendungen im Fernsehen und die persönlichen Erlebnisberichte, in denen das subjektive Leid der Betroffenen im Mittelpunkt stehen. Auch jetzt wird, wenn Zeit bleibt, über das Schicksal einzelner berichtet.

Nun droht ja auch noch eine nukleare Katastrophe. Nach dem Unglück von Tschernobyl gab es dezidiert davon inspirierte Prosa. Gab es nach der Katastrophe von Kobe 1995 Ähnliches? Wurden Bücher geschrieben oder Filme gedreht, Mangas entstanden? 

Weniger als man vielleicht denken könnte. Aber es müsste vor allen Dingen Augenzeugenberichte zu Kobe gegeben haben. Schon bei Hiroshima war es relativ wichtig, dass die Menschen von ihren Erfahrungen berichteten und das veröffentlicht, publiziert und durchaus gelesen wurde.

Gibt es da in der japanischen Kultur einen überraschenden starken Ich-Bezug?

Ja, ein wichtiger Zweig in der japanischen Literatur ist der so genannte Ich-Roman, wo der Anspruch an Wahrhaftigkeit zentral ist und nicht die Fiktion.


Einen Moment, meine Frau macht mich gerade auf ein Drama im staatlichen Fernsehen NHK aufmerksam, das die Katastrophe von Kobe behandelt.

Wie unterscheiden sich japanische TV-Dramen von deutschen Produktionen?

In japanischen Fernsehsoaps, Fernsehgeschichten und Fernsehfilmen ist es sehr wichtig, dass die Leute mitleiden können. Die Gefühlslage der handelnden Personen, der Schauspieler, wird sehr stark in den Mittelpunkt gerückt. Oft geschieht das durch eine Großaufnahme; das Gesicht wird über eine längere Zeit gezeigt, so dass man an der Mimik erkennen kann, was die Person empfindet, was sie erleidet. Es es ist vielleicht eine etwas stillere, aber sehr starke Emotionalität, die gerade nicht im Herausschreien von Gefühlen liegt.

Wie steht diese Emotionalität zur kühlen Rationalität, die man den Japanern unterstellt?

Weniger bei Katastrophenszenearien, als mehr in Umweltfragen herrscht zweifellos ein relativ großer Glauben an die technische Machbarkeit und an eine technische Lösung. Das sehe ich auch bei meinen Studenten, die an ökologischen Fragen interessiert sind, aber eigentlich nur in ihren technischen Aspekten. Das steht dann natürlich in Widerspruch zu den Ängsten, die sich in Filmen ausdrückt. Neben

Einerseits glauben die Leute also, dass die Natur mit Technik rigoros beherrscht werden kann und andererseits wird in Mangas und Animes genau dieses Verhalten getadelt. Wie gehen die Leute mit diesem Widerspruch um?

Sagen wir mal so: Ein Japaner würde keinen Widerspruch darin sehen, an Neujahr zum Shintō-Schrein zu gehen, um für Sicherheit vor Erdbeben zu beten und trotzdem lieber darauf zu vertrauen, dass die Erdbebenvorhersagen, die auf Grund von naturwissenschaftlich-geologischen Untersuchungen gemacht werden, mehr oder weniger richtig sind. Wenn es einen Unterschied zur deutschen Kultur gibt, dann liegt sie darin, dass Regeln an verschiedenen Orten nicht gleichermaßen gelten oder beziehungsweise an verschieden Orten verschiedene Regeln gelten und dass dies nicht als Widerspruch empfunden wird. In Japan gibt es keine Tradition, in der alles einem Prinzip untergeordnet wird. Sehr lange haben verschiedene religiöse Systeme neben­einander existiert, teils auch kooperativ. Und deswegen ist es eben für die Japaner nicht unbedingt ein Problem, dass man auf der einen Seite Leute wie Hayao Miyazaki hat, welche die Rache der Natur an den Verbrechen, die die Menschen begehen, in der populären Kultur durchaus thematisieren, andererseits aber, auf einer anderen Ebene, auf technische Lösungen setzt.

Es ist eher Ausdruck einer mannigfaltigen Kultur.

Ja, hinzu kommt, dass im Alltag ein starker Pragmatismus und damit verbunden eine Vorliebe für Regeln herrscht, die nicht als Einengung empfunden werden, sondern einem das Leben erleichtern und das Nachdenken ersparen sollen.

Man fragt sich ja schon, ob in Japan nach dieser schrecklichen Katastrophe ein Umdenken einsetzen wird. Gibt es ein ökologisches Bewusstsein? Gibt es in der Alltagskultur Beispiele für ein harmonisches Leben mit der Natur?

Das ist auf einer allgemeinen Ebene ein bisschen schwer zu beantworten. Nehmen Sie zum Beispiel die Teehäuser. Sie wurden sehr leicht und einfach gebaut, um möglichst nahe an der Natur zu sein, um eine möglichst große Anpassung an die Natur zu erbringen. Das ist ökologisch. Oder wenn ich mich so umschaue, würde ich sagen, sie mögen hier große Bäume nicht. Die könnten umfallen, da fallen immer die ganzen Blätter ab. Man stellt also lieber Topfblumen auf die Straße oder vor das Haus. Genauso wie man insgesamt ja lieber eine modellierte Natur hat; Gärten, die zwar mit der Natur harmonieren sollen, wie auch Bonsai, Ikebana und ähnliche Dinge, die aber natürlich auch modelliert werden.

Wo findet so ein ökologisches Bewusstsein medial seine Entsprechung? Kennen Sie Filme, die solche Probleme verhandeln?

Da muss ich überlegen. Was mir als erstes einfällt, ist Naomi Kawase, die in Cannes einen Erstlingspreis bekommen hat.

Reinold Ophüls-Kashima ist Japanologe und Professor am Department of German Studies der Sophia-Universität in Tokyo, mit einer Japanerin verheiratet. Das Gespräch wurde am Montag telefonisch geführt

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14:15 17.03.2011
Geschrieben von

Nico Schmidt

Freier Journalist
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