Der Unlöwe von Münster

Jubiläum Hans Blumenberg zum 100. Geburtstag
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Als der dreizehnjährige Hans Blumenberg, Schüler des Lübecker Elite-Gymnasiums Katharineum, am 28. Oktober 1933 in Begleitung seines Vaters erstmals Münster besuchte, und zwar anläßlich der Bischofsweihe Clemens August Graf von Galens, konnte er nicht wissen, daß auch er einst in der Stadt des Westfälischen Friedens eine löwenhafte Existenz führen würde. Während von Galen den Beinamen »Löwe von Münster« insbesondere aufgrund dreier Predigten erhielt, in denen er vehement und mutig Kritik an der menschenverachtenden Nazi-Ideologie, der Rassenlehre und Euthanasie, übte, lag das Großkatzenartige Blumenbergs weniger in der Wildheit oder Gefährlichkeit, die den König der Tiere auszeichnet, als vielmehr in der souveränen Ruhe, mit der der in seine Höhle zurückgezogene Denkarbeiter nachts auf Geistesbeutezug ging: »Wer besser denkt«, so Blumenberg in einer Vignette über Löwen, »fängt mehr.«

Einfangen und gefangennehmen konnte der 1970 an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berufene Besserdenker Zuhörer aus allen Schichten und Disziplinen in seinen schon damals legendären Vorlesungen im Schloß. Seine Waffen und Fallen: stupende Gelehrsamkeit, weitreichende und tiefgehende Themen sowie sein Humor: »Philosophie lernt man dadurch«, erklärte Blumenberg seinem Auditorium, »daß man zusieht, wie es gemacht wird. Das ist in vielen anderen Fächern ganz genauso. Deshalb sind Seminare für die Philosophie so sehr und besonders ungeeignet, weil sie Versammlungen von Leuten sind, die gemeinsam nicht wissen, wie es gemacht wird.« In Blumenbergs Vorlesungen ging es um Anthropologie, Metaphorologie und Mythologie, um Lebenszeit und Weltzeit, um Realität und Realismus, um Heidegger, Freud und Schopenhauer. So sehr Blumenberg die breite Aufmerksamkeit im Hörsaal S 8 genoß, so gerne und schnell verschwand er wieder in sein Refugium in Altenberge – ähnlich der asketischen Rückzüge des Kirchenlehrers und Löwenfreundes Hieronymus in die Wüste –, um mit Hilfe seiner Zettelkästen Bücher wie Die Genesis der kopernikanischen Welt (1975), Arbeit am Mythos (1979) oder Matthäuspassion (1988) wie mit Prankenhieben in Suhrkamps Verlagsprogramme zu schlagen.

Dieser Bärenhunger auf Geschriebenes, diese immense schriftstellerische Produktivität – auch gut ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod erscheinen regelmäßig Texte aus dem umfangreichen Marbacher Nachlaß – läßt sich dadurch erklären, daß der im Nazi-Jargon als »Halbjude« titulierte Priesteramtskandidat das Theologiestudium in Paderborn und St. Georgen bei Frankfurt am Main 1941 abbrechen mußte und erst Jahre später in Hamburg mit den Fächern Philosophie, Germanistik sowie Altphilologie weiterstudieren konnte. Es galt also, mit höchster Disziplin Zeit aufzuholen, doch die traumatische Unzeit konnte Blumenberg weder vergessen noch hinter sich lassen: »Meine ›Dämonen‹ hatten schwarze Uniformen an und waren gar keine«, heißt es in seinem letzten Brief an Uwe Wolff vom 26. Februar 1996.

Eine Karte an Martin Meyer in Zürich signierte der Altenberger Denkhöhlenbewohner um den 4. Juli 1985 mit »Ihr Unlöwe Hans Blumenberg«. Ist die Negation des Löwen als dessen Abschaffung zu verstehen? Ist ein Unlöwe ähnlich gestrickt, wie es Unwetter, Unmengen oder Unmenschen sind, ist er also die Mutation des Normalen ins Katastrophische, Überbordende oder Bestialische? Oder gilt hier vielmehr das Gegenteil, nämlich daß der ohnehin schon gefährliche und wilde Löwe als Unlöwe ein Spezies-Downgrade erfährt, indem er domestiziert, exhibiert, humanisiert wird? Was auch immer man sich unter einem Unlöwen vorzustellen hat, darüber kann man wunderbar und in ausschweifender Manier nachdenken, denn: »Nur wenn wir Umwege einschlagen«, so Blumenberg, »können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen.«

Am heutigen 13. Juli wäre Hans Joseph Konrad Blumenberg einhundert Jahre alt geworden. Als Philosoph der Distanz und der Nachdenklichkeit, der Umwege und des Zögerns ist er der Mann der Stunde: social distancing, Selbstisolation, Quarantäne betrieb er aus freien Stücken lange vor den Abstandsregeln im Umgang mit SARS-CoV-2, einem Virus, das die COVID-19-Pandemie auslöste, die Blumenbergs grundlegenden Gegensatz von Bedrohung des Menschen durch das Absolute auf der einen Seite und menschlicher Selbstbehauptung auf der anderen in tragischer und schmerzvoller Art verdeutlicht.

Nachdem der Philosoph Ende März 1996 gestorben war, wurde seine Asche in der Kieler Bucht bei Laboe – was im westslawischen Polabisch »Schwan« bedeutet – der See übergeben. Der Unlöwe Blumenberg kehrte so als Unseelöwe sowohl in seine schleswig-holsteinische Heimat als auch an den Ursprung allen Lebens zurück. Den Seelöwen attestierte er einst, sie hätten »es leichter als ihr ihnen unverwandter Namensvetter vom Lande, sich der Sichtbarkeit zu entziehen.« Als Staubpartikel im Meer erreichte Hans Blumenberg die ultimative Unsichtbarkeit. Als Autor taucht er indes immer häufiger aus letheischen Unterströmungen auf und schwimmt auf einer immer größer werdenden Welle des Erfolgs.

Verwendete Literatur

Hans Blumenberg. Löwen. Mit einem Nachwort von Martin Meyer. Suhrkamp, 2010.

Hans Blumenberg. Die Sorge geht über den Fluß. Suhrkamp, 1987.

Hans Blumenberg und Uwe Wolff. »›Und das ist mir von der Liebe zur Kirche geblieben.‹ Hans Blumenbergs letzter Brief. Mit einem Nachwort von Uwe Wolff.« Internationale katholische Zeitschrift »Communio«, 43. Jahrgang, Heft 3, 2014, pp. 173-81.

Christoph Rüter, Buch und Regie. Hans Blumenberg. Der unsichtbare Philosoph. TAG/TRAUM und Kinescope, 2018.

Nico Schulte-Ebbert. »Erinnerungsarbeit am Mythos.« Rezension zu Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg, von Uwe Wolff. denkkerker, 29. Februar 2020, https://denkkerker.com/2020/02/29/erinnerungsarbeit-am-mythos/.

Nico Schulte-Ebbert. »Lebenszeit und Kinozeit oder: Zeitgewinn für Zeitvertreib.« denkkerker, 25. November 2018, https://denkkerker.com/2018/11/25/lebenszeit-und-kinozeit-oder-zeitgewinn-fur-zeitvertreib/.

Uwe Wolff. »Hans Blumenberg: Letzte Worte.« Logbuch XI, Lepanto Verlag. Katholischer Verlag für Theologie und Philosophie, 25. Juni 2020, https://lepanto-verlag.de/hans-blumenberg-letzte-worte/.

06:30 13.07.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nico Schulte-Ebbert

{πάθει μάθος.} Voyaging through strange seas of Thought, alone. (op. cit.)
Schreiber 0 Leser 1
Nico Schulte-Ebbert

Kommentare