Finale Verfehlungen

Nicht-Treffen Die Chronologie der Endpunkte und die Chronologie der Verfehlungen: Goethe, Winckelmann, Byron.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Symmetrie ist eines der Verfahren zur Herstellung von ›Bedeutsamkeit‹ als einer der Entwindungen aus dem Sinnlosen, dem ›Form‹ als schlüssiges Schema von Ent­sprechungen und Rückführungen entgegenzustellen das Mittel ist.1

Henning Ritter regt in seinen Notizheften eine »Chronologie der Endpunkte« an. Er schreibt: »Eine Geschichte des zum letzten Malwäre vielleicht reicher als die des zum ersten Mal – vor allem aber wäre sie melancholischer, in ihren Feststellungen sicherer und endgültiger.«2 Daß etwas zum letzten Mal passieren wird, kann nur retrospektiv festgemacht werden; das Finale liegt immer in der Vergangenheit, es ist das Es-war-einmal der letzten Fakten. Ähnlich spannend, melancholisch und sicher würde sich eine Chronologie der Verfehlungen gestalten, die wesentlich final und unwesentlich anekdotisch daherkäme als schicksalhaftes Spiel zwischen An- und Abwesenheiten, Vor- und Verstellungen, Merkwürdigem und Vergessenem. Hans Blumenberg hat hierfür in seiner 1987 publizierten Textsammlung Die Sorge geht über den Fluß den subtilen Grundstein gelegt. Im folgenden soll anhand zweier Nicht-Treffen aus Goethes Biographie exemplarisch die Chronologie der Verfehlungen mit derjenigen der Endpunkte zusammengeführt werden.

Für den jungen Goethe gab es nur drei wahre Lehrer: Christoph Martin Wieland, William Shakespeare und Adam Friedrich Oeser.3 Hinter Letzterem und diesen an Relevanz für Goethes Denken überflügelnden stand Johann Joachim Winckelmann. Doch im Gegensatz zu Oeser, dessen Schüler Goethe rund vier Jahre lang gewesen war und mit dessen Familie er freundschaftlich verbunden blieb, trafen sich Goethe und Winckelmann nie. Im Juni 1768 – Goethe war noch nicht 19 Jahre alt – fiel Winckelmann, die »Hauptzielscheibe von Lessings Kritik im Laokoon«4, in Triest einem Raubmord zum Opfer. Rüdiger Safranski schreibt: »[…] der junge Goethe bedauerte es, daß er nach Lessing […] nun auch diesen anderen Geistesheroen versäumte.«5 Safranski summiert hier zwei unterschiedliche Arten des Nicht-Treffens unter ein und demselben Begriff des Versäumnisses. Das Deutsche Wörterbuch definiert versäumen unter anderem als »durch verspäten verlieren« und etwas allgemeiner, fast schwammig als »um etwas kommen«6. Vielleicht wäre im letzten, im Winckelmann-Fall, besser von ›Verfehlung‹ die Rede – »das erstrebte nicht erreichen«7 ; beim ersten, dem Lessing-Fall, trifft wohl das ›Ausweichen‹ den Nagel auf den Kopf.

Goethe und der über zwanzig Jahre ältere Lessing sind sich nie begegnet; nicht ein einzi­ger Brief ist zwischen ihnen gewechselt worden. Nur einen Wimpernschlag vor der Winckel­mann-Verfehlung war Goethe an selber Stelle dem aufklärerischen Dramatiker aus Kamenz ausge­wichen. Die Gründe dafür waren in Goethe selbst zu finden – und nicht etwa im brutalen Verhal­ten eines Francesco Arcangeli. Safranski erklärt dieses Sich-Fernhalten, dieses Ausweichen Goe­thes mit dem Respekt, den der junge Student gegenüber dem berühmten Dichter empfunden ha­ben mag, und der Schüchternheit, die dessen Aura evozierte: »Noch ist er [Goethe] eingeschüch­tert von den großen Männern der Literatur, die in Leipzig den Ton angeben. Dem bedeutendsten, Lessing, wagt er gar nicht unter die Augen zu treten. Eine Gelegenheit hatte sich geboten, als Les­sing aus Anlaß der Aufführung der ›Minna von Barnhelm‹ zu Besuch in Leipzig weilte.«8 Einige Monate später wurde Johann Joachim Winckelmann in Leipzig erwartet. Doch man wartete ver­gebens. Goethe blieb bis zuletzt ein Bewunderer Winckelmanns, während er Lessings Theorien äußerst kritisch gegenüberstand.

»Besonders prekär«, schreibt Siegfried Unseld, »sind die Besuche von Schriftstellern bei Goethe, aber dies gilt nicht nur für ihn. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie kompliziert solche Begegnungen sind. An Hermann Hesses Garteneingang befand sich ein Schild: ›Kein Besuche, bitte‹, und an der Eingangstür wurde mit den Worten des chinesischen Philosophen Meng Hsiä für den alternden Dichter Verschonung vor Besuchern gefordert; hier stand einmal: ›Leider! Tho­mas Mann.‹ Hesse hatte den großen Wunsch, Max Frisch möge ihn besuchen. Als aber ein solcher Besuch für Frisch möglich wurde, war Hesse gestorben. Samuel Beckett empfing auf meinen Wunsch in kurzen Abständen Edward Bond und Peter Handke; beide redegewandten Schriftstel­ler versanken aus Respekt vor der poetischen Autorität und unter dem Eindruck von Becketts Er­scheinung in Schweigen, und so entstanden sehr einseitige Unterhaltungen, nach denen Beckett wünschte, keine Schriftsteller mehr treffen zu müssen. Es ist nur zu verständlich, daß Goethe Be­gegnungen mit Schriftstellern seiner Zeit auswich. Lord Byron aber […] hätte er wohl gern gese­hen […].«9

Es gab drei Schriftsteller, die beim alten Goethe hoch im Kurs standen, wenn nicht gar im höchsten: Alessandro Manzoni, Walter Scott und Lord Byron.10 Letzterer verkörperte für Goethe »das größte Talent des Jahrhunderts«11; er fühlte sich ihm verwandt.12 Goethe übersetzte Passagen aus dessen Manfred und Don Juan ins Deutsche und setzte Byron mit der Figur des Euphorion im Faust II ein Denkmal. Byron selbst widmete seinen Werner und schließlich auch seinen Sardana­palus Goethe, »the first of existing writers«13, nachdem ihm der Historiker George Bancroft in der Villa Dupuy mitgeteilt hatte, wie sehr Goethe und die Deutschen den Don Juan bewunderten.14 Goethe richtete daraufhin, im Juni 1823, seinen ersten und einzigen Brief direkt an den Lord.15

Doch Goethe suchte über den brieflichen auch den persönlichen Kontakt und lud Byron nach Weimar ein. Byron schrieb Goethe am 24. Juli 1823, er wolle ihn nach seinem Griechenland-Aufenthalt besuchen, »to offer the sincere homage to one of the many millions of your admirers.«16 Am 4. Dezember 1823 notierte Eckermann: »Dann ward über die Nibelungen viel gesprochen, dann über Lord Byron und seinen zu hoffenden Besuch in Weimar, woran Frau v. Goethe besonders teilnahm.«17 Mit »Frau v. Goethe« ist Goethes Schwiegertochter Ottilie gemeint; Goethes Ehefrau Christiane war zu diesem Zeitpunkt schon über sieben Jahre tot. Ottilie hatte einige englische Freunde und Liebhaber18, darunter auch den Sohn des britischen Konsuls in Genua, Charles Sterling, der Goethe Byrons besagtes Antwort- und Absichtsschreiben, in welchem der Geheime Rat als »the undisputed sovereign of the European literature«19 apostrophiert wird, nach Weimar überbrachte.

Die ohnehin triste, ja lieblose Ehe Ottilies mit August von Goethe wurde durch die Liaison mit Sterling nur weiter belastet; August verbot seiner Frau schließlich den Briefkontakt mit ihm, sein Vater war hingegen vom »geistreiche[n]« Engländer mehr als angetan.20 Am 13. März 1824, gut fünf Wochen vor Byrons Tod, schrieb Goethe in einem Brief an Sterling: »[…]; alsdann hätte ich den Dank wiederholt, zu dem ich Ihnen verpflichtet bin, daß Sie einem näheren Verhält­niß zu dem höchstgeschätzten Lord Byron den Weg gebahnt. Ich betrachte dieß als einen der schönsten Gewinne meines Lebens.«21

Marcel Duchamps Grabstein auf dem Cimetière Monumental de Rouen trägt das vom Künstler selbstverfaßte Epitaph: »D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent«, was mit den Worten zu übersetzen ist: »Im übrigen sind es immer die anderen, die sterben.« Im Mai 1824 erreichte Goethe die Nachricht vom Tod des griechischen Freiheitskämpfers Byron. Wieder war ein anderer gestorben, wieder war ein anderer vor Goethe gegangen, wieder wurde das Verhältnis zu einem anderen »durch ein grausames Geschick abgebrochen«22. Einem Treffen hatte sich der so bewunderte Freigeist durch seinen Tod im Land der Alten entzogen; die Verfehlung der beiden Dichtergenies war final.

1 Hans Blumenberg. »Gelübde auf dem Rückzug.« Goethe zum Beispiel. In Verbindung mit Manfred Sommer heraus­gegeben vom Hans Blumenberg-Archiv. Berlin: Suhrkamp, 2014. 153-9, hier: 154-5.

2 Henning Ritter. Notizhefte. 7. Aufl. Berlin: Berlin Verlag, 2011. 261.

3 Nicholas Boyle. Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Bd. 1. 1749-1790. Zweite, durchgesehene Aufl. München: Beck, 1999. 96.

4 Boyle 56.

5 Rüdiger Safranski. Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München: Hanser, 2013. 56.

6 DWB 25. 1044.

7 DWB 25. 323.

8 Safranski 43.

9 Siegfried Unseld. Goethe und seine Verleger. Frankfurt a. M./Leipzig: Insel, 1991. 489-90.

10 Sigrid Damm. Goethes letzte Reise. Frankfurt a. M./Leipzig: Insel, 2007. 36.

11 Johann Peter Eckermann. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hg. Heinz Schlaffer. München/Wien: Hanser, 1986. Genehmigte Taschenbuchausgabe. München: btb, 2006. 231. Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe 19. Hg. Karl Richter. In Zusammen­arbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller und Gerhard Sauder.

12 K. R. Eissler. Goethe. Eine psychoanalytische Studie 1775-1786. Bd. 2. Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld/Roter Stern, 1985. 1286.

13 The Works of Lord Byron. Poetry. Vol. V. Ed. Ernest Hartley Coleridge. New, revised and enlarged edition, with illu­strations. London/New York, 1924. [7.]

14 Benita Eisler. Byron. Der Held im Kostüm. München: Blessing, 1999. 729.

15 The Works of Lord Byron. Letters and Journals. Vol. V. Ed. Rowland E. Prothero. New, revised and enlarged edition with illustrations. London/New York, 1904. 518.

16 The Works of Lord Byron. Letters and Journals. Vol. VI. Ed. Rowland E. Prothero. New, revised and enlarged edition with illustrations. London/New York, 1904. 238.

17 Eckermann 73.

18 Eckermann 750 (Kommentar).

19 Byron, Works VI 237.

20 Damm 227-8.

21 Brief an Charles Sterling vom 13. März 1824; http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Brie­fe/1824.

22 Brief an Joseph Max vom 15. Dezember 1824; http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Brie­fe/1824.

10:52 12.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Nico Schulte-Ebbert

Im ständigen Kampf mit der Lesbarkeit der Welt
Nico Schulte-Ebbert

Kommentare 1