Alfred Schnittke zum 82. (1/7)

Musik Ein kontrolliert offensives Plädoyer für Qualitätsmusik, Vordiskursivität, sowie für soziale und kommunikative Fermaten.
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Am 24.11.2016 wäre Alfred Garrijewitsch Schnittke 82 geworden und anders als am 24.11.2015, wo er 81 geworden wäre und ich aber nicht zu Potte gekommen bin, möchte ich diesmal, so rechtzeitig wie möglich und vor allem natürlich so emphatisch wie nötig: dem – um gleich mal gehörig in Vorleistung zu treten – größten Komponisten des ausgehenden 20. Jahrhunderts gratulieren.

Und bevor ich jetzt noch ausplaudere, dass ich sogar schon zum 80. – runderen – Geburtstag publizistisch auf der Matte stehen wollte: Flucht nach vorne. Denn es ist in der Tat ein Kreuz mit dem Jubiläumsjournalismus. Das gilt gar nicht mal in besonderem Maße für das ins Auge gefasste Themengebiet. Der sich mit Distinktionsverschiebungen, Totalverweigerungen und Totalverweigerungsinszenierungen aller Art u.a. beschäftigende Popjournalismus hat vermutlich mehr leidvolle Erfahrungen mit den gelassen-nachträglichen, um Flockigkeit zudem oft überbemühten Vereinnahmungsartikeln. Keiner, der aufbrach, um genau diesen Spätwürdigungen (bzw. natürlich den entsprechenden zeitgleichen Zumutungen) zu entgehen, der nicht letztlich als irgendwie skurriler Beitrag heim ins Feuilletonreich geholt worden wäre. Jörg Fauser etwa dürfte in Anbetracht der jährlich ihm angetragenen Geburtstagswünsche mit ihren je entschieden Falsch- vom Richtiglob unterscheidenden Lamenti; angesichts der Wettstreite, wer denn nun der Lobhudeler mit der größten Gosse-credibility und Sich-besoffen-im-Straßengraben-wiederfind-Dichte sei, die Lust angekommen sein, im Grab zu rotieren, nicht zuletzt, damit keine Hand frei ist, um das Formular zum posthumen FDP-Mitgliedschaftsantrag entgegen nehmen zu können, das ihm Ulf Poschardt unausgesetzt zustecken möchte.

Wohltuend könnte da durchaus das Vakuum einer vollends diskurs- und anbindungslos gewordenen Qualitätsmusikkritik sein. Auch wenn andererseits der (eben darum oft) ungebrochen dauererhobene Ton dieser Kritik; der stets etwas sehr nach Salzburger Festspielen und Veronika-Ferres-sitzt-in-der-ersten-Reihe-und-schneidet-Schauspielgesichter tönende Erhabenheitssound nach einer Versehrtheit klingt, wie sie nur noch in Paralleluniversen zu haben ist. Kein Zufall daher auch, dass es hier immer noch einen Kritiker-Papst gibt: Joachim Kaiser, der noch, wie es sich gehört, vor einer prallen Bücherwand sitzend, Talent von Genie unterscheidet und die Beziehung des letzteren zum Wahnsinn untersucht. In eine Art Leichenstarre-Semantik, die der Außenstehende dann schnell für angemessen hält, was der mehr oder weniger Innenstehende etwas schuldbewusst irgendwie auch tut, er kennt es halt kaum anders. Außerdem muss er anerkennen, dass konkrete, detailfreudig sich am Material orientierende Erkenntnisse auf diese Art durchaus noch zu haben sind; dass hinter der mit viel „hinreißend“ und „fabelhaft“ garnierten Genießensperformance auch genau gehört wird.

Paralleluniversen haben also auch was für sich. Deshalb ist meine Unternehmung, auch wenn sie nicht explizit auf Versöhnung oder Konsens ausgerichtet ist, eine grundsätzlich ambivalente Angelegenheit, die gerade ihr Gelingen vermeiden sollte. Eine Art David Garrettirisierung der Kritik wird ausdrücklich nicht angestrebt. Das gelehrte Herumalbern eines Ulrich Holbein dagegen wäre statthaft - wird aber von diesem bereits geleistet (und sei hiermit auch allerwärmstens empfohlen).

Offen soll er sein, der folgende Versuch, gerade auch den längst nicht mehr in Wiesengrund und Boden verdammten kulturindustriellen Erzeugnissen gegenüber, dabei allerdings elfenbeinturmbewusst und ohne leichtfertiges Bordercrossen – nun, das muss ja scheitern.

The unreal world of Schnittke

Hier nun also, pünktlich zum wenigstens 82., ein Abriss über den angedachten, siebenteiligen Schnittke-Lobhudel-Exzess. „Fest und locker“, um es mit dem Wort Schnittkes zu sagen, mit dem er sein Werk in einen Anton-von-Webern-Zusammenhang zu bringen versucht, was hier, deutlich tiefer gehängt, meinen soll: Im Vorsatz des Zuendebringens fest, in Anbetracht der zu erwartenden Störungen und Verzögerungen locker. Wenn halt gerade Zeit ist. Ansonsten: Das nächste Jubiläum kommt bestimmt.

Abschweifungen sind übrigens nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Eine siebenteilige Reihe über Alfred Schnittke ist, bei aller (noch zu entfachenden) Liebe, doch etwas viel; ein Grundsätzlichwerden (was macht die Kunst?) dagegen entschieden geboten: Kann Kunst doch mehr, als dem (sowieso) Geneigten ein paar schöne Stunden zu verpassen? Sollte sie sich, nach der totalen „Außenaufladung“ durch Adorno und der vielleicht etwas zu zwangläufigen Bedeutungs-Entladung danach, um einen neuen Status bemühen?

Die vorläufigen Arbeitsanweisungen der vorläufig 7 Teile lauten dabei wie folgt:

  1. Who the fuck ist … Nein, jetzt biedern Sie sich mal nicht so an! Trotzdem die Frage: Wieso ausgerechnet Schnittke? Wie konnte das passieren? Erzählen Sie, ruhig ein wenig blumig und indem Sie die Reize der unfassbar bereisenswerten (und, wie Sie aus eigener Erfahrung wissen: bewohnenswerten) Schwarzmeerperle nicht unerwähnt lassen, wie Sie, in einem Konzertsaal in Odessa sitzend, Ihre erste Begegnung hatten. Überschriften Sie diesen Bericht ruhig mit „Mein erstes Mal“, wenn Sie meinen, etwas humorige Permissivität könne Ihrem Anliegen irgendwie dienlich sein, aber machen Sie das dann bitte nicht mehr so oft.
  2. Starten Sie einen Einordnungsversuch von dem, was Sie unter „klassischer Musik“ verstehen (nur unter Bauchschmerzen, selbstverständlich; seien Sie sich das von mir aus schuldig). Und zwar jenseits von Kleinstadt-Multifunktionshallen-Aufführungsroutine und jenseits von Kleinstadt-Multifunktionshallen-Aufführungsroutine-Bashing. Verspüren Sie ruhig einen gepflegten Kotzreiz gegenüber A. Rieu, aber lassen Sie sich nicht ablenken. Schießen Sie gegen Abonnemententum nur wenn unbedingt nötig, und vermeiden Sie aber wie gesagt Wörter wie „hinreißend“, „fabelhaft“ oder „vorzüglich“. Und lassen Sie „Genie“ und andere Hilfskonstruktionswörter im 19. Jahrhundert, wo sie dringender gebraucht werden.
  3. Fügen Sie den 17 Punkten des Internetmanifests den lang ersehnten Punkt 18 zu: Legen Sie dar, wie Youtube nicht nur eine Vielfalt von Aufführungen ins „Wohnzimmer“ bringt, sondern auch eine neue Sehen-ohne-dabei-gesehen-zu-werden-Kultur auf den Weg bringt, die bei der Gelegenheit auch die Wertlegung aufs Gesehenwerden erfreulich minimiert. Ärgern Sie sich, dass der Besuch in einem Konzertsaal in Omsk, zu dem Sie eigentlich hinlinken wollten, nicht mehr aufzufinden ist. Bauen Sie, wenn Ihnen danach ist, eine im Kishon-Stil gehaltene Satire über das GEMA-bedingte Hase-und-Igel-Spiel mit den Uploads und deren Entfernung ein, aber seien Sie nicht traurig, wenn Sie dann doch keine Lust dazu haben. Wertschätzen Sie auf jeden Fall die beiläufige, sozusagen statusneutrale Möglichkeit, sich per Netz mit etwas Qualitätsmusik zu versorgen.
  4. Grenzen Sie sich, auch um einen präziseren Zugriff auf Ihr Thema zu bekommen (die vielen oben angeordneten Vermeidungsdirektiven könnten dazu führen, dass Sie dann gar nicht mehr wissen, was Sie eigentlich noch sagen dürfen), von den deutlich vitaleren Popmusik-Diskursen ab. Beziehen Sie sich dabei vor allem auf 1) Thomas Meinecke („Es gibt keine Vordiskursivität“) und 2) Diedrich Diederichsen („Man verstehe Popmusik nämlich vor allem als einen Umgang mit Musik, der sich weniger um die immanente Organisation von Klängen und Tönen kümmert, sondern auf fertige, in sich geschlossene Klangobjekte rekurriert, die unabhängig … ist von ihrer musikalischen Logik … und sich ausschließlich auf ihren (öffentlichen) Gebrauch kapriziert“).
  5. Sie haben es tatsächlich bis Punkt 5 geschafft. Dafür Chapeau! Aber noch immer kein Adorno? Ändern Sie das. Und spekulieren Sie! Hätte er ihn auch so gemocht? Oder sähe er bei Schnittke die Fortsetzung des von Strawinsky und Hindemith eingeschlagenen Irrwegs, wo in längst zerbrochenen musikalischen Organisationsformen sich fehlberauscht wird? Gewissermaßen „auferstanden aus Ruinen“? Prüfen Sie, ob zur Charakterisierung speziell der Musik Hindemiths der Import von Baudrillards Begriff „Kadavermobilität“ Sinn macht.
  6. Stellen Sie sicher, dass Sie das möglicherweise im Sinkflug begriffene Interesse durch einen Knaller-Satz wieder hochschießen lassen. Am besten durch eine möglichste bizarre Theorie (mit entsprechend hohem Erläuterungsbedarf). Verbindlicher Vorschlag: Alfred Schnittke ist der Quentin Tarantino der modernen Musik.
  7. Ziehen Sie ein Fazit, und lassen Sie sich zu der These hinreißen, dass „Qualitätsmusik“ (ein Begriff, zu dem Sie sich in der Zwischenzeit bitte hingearbeitet haben werden) in Zeiten von Popsozialisation und deren „feindlicher Übernahme“ durch die Konservative ein unverhofft um die Ecke kommender Gewinn ist. Setzen Sie mit Ihrer Analyse dort an, wo der (im Übrigen rechtzeitig gratulierende) Guardian-Artikel aufhört, arbeiten Sie sich an ihm ab und erläutern Sie, warum er, mit Verlaub, „produktiv irrt“. Und irren Sie aber vor allem selbst, denn Sie wissen ja, Kritisieren ist das eine, selber scheitern das andere...
14:48 24.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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