Die Mär von d. Mär der sozialen Gerechtigkeit

soziale Gerechtigkeit Martin Schulz hat eine Wahlvision. Semantische No-go-Area oder fruchtbarer Frame für die überfällige Sozialdemokratisierung der SPD?
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Mit der sozialen Gerechtigkeit ist es wie mit der „Freiheit“, mit der es so ist wie mit der „Demokratie“. Allesamt Begriffe, die sich vor lauter Wohlgefallen, das sie auslösen, in Wohlgefallen auflösen.

Dazu eine Live-Schalte zum Thomas-Dehler-Haus: „Sozial gerecht ist, was Arbeitsplätze schafft. Was nicht ausschließt, dass die, die diese Arbeitsplätze zusammenkürzen oder outsourcen helfen, ebenfalls an der Etablierung von sozialer Gerechtigkeit arbeiten, da sie unrentabel gewordene Mitarbeiter frei stellen, damit die sich in ihrer temporären Freigestelltheit für zukunftsträchtigere Branchen qualifizieren und also wieder rentabel werden können. Die Härte von heute ist die Inklusion von morgen und die ist die Lebensleistungsanerkennung von übermorgen. Deswegen ist der Mindestlohn sozial ungerecht, weil er falsche Anreize setzt, wie den, sich weiteren Qualifizierungen zu verweigern.“ Und jetzt noch was Verheucheltes über den Mittelstand, und dann müssen wir uns an dieser Stelle leider ausblenden und festhalten: Es gibt keine Seite, keine politische Richtung, die „soziale Gerechtigkeit“ nicht für sich vereinnahmt (auf „ihrer Agenda hat“) und dabei keine Verdrehung scheut.

Also adieu, du schöne Redewendung, du bist zu nichts mehr zu gebrauchen, weil zu gebraucht?

Nicht für die Schule lehrten die Neuen Frankfurter, sondern fürs Leben

Zu den unangenehmen Erfahrungen der Linken gehört ja, dass viele linke Kulturtechniken im Laufe der Zeit „die Seiten gewechselt haben“ – und entweder ganz nach rechts oder wenigstens zur Konservative gewechselt sind. Zielführendes Beispiel für diesen Text: Dummdeutsch. Diese Titanic-Rubrik, aus der später sogar zwei Bücher entstanden, hatte sich dem Kampf gegen „dumme“ und vor allem „verschleiernde“ Wörter und dem allseits grassierenden Floskelismus verschrieben.

Ich muss hier ein kurzes Geständnis ablegen: ich habe, Dummheit des Spätgeboren vielleicht, die NFS vielleicht immer ein wenig zu wörtlich genommen, das heißt, die Neue Frankfurter Schule tatsächlich und erstaunlich unironisch als eine Art – eigenwilligen - Nachfolger der (alten) Frankfurter Schule gewertet, dabei war sie wohl schon in den 70ern nicht eindeutig links, da nicht nur der Hohlsprech von Werbung und Wirtschaft, sondern gerade auch Begriffe der linken „Psychoszene“ angegangen und humorig filetiert wurden: Betroffenheit, Selbstverwirklichung, Feeling (und zwar lange, bevor Andreas Möller „vom Feeling her ein gutes Gefühl“ hatte) - und lustiger war es allemal, sich über die Joan-Baezisierung der „Traurig bin ich sowieso“-Singsanglinken zu mokieren (womit sogar tatsächlich an Adorno angeknüpft wurde). Die Qualität des Witzes war wichtiger als die moralische Anbindung. Nicht, dass ich das nun, weil man im Nachhinein ja immer sieht, was angerichtet wurde, anders einschätze – die Evolution, luhmannisch betrachtet, funktioniert nun mal nach dem Staubsauger-Prinzip: rein kommt, was rein passt, und was nicht passt, wird passend gemacht; was das System angreift, macht das System stark … Soll in diesem Zusammenhang heißen: Nur weil links entstandene Kulturtechniken nach rechts gewandert sind, bedeutet das nicht, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Etablierung bereits bewusst am „Rübermachen“ gearbeitet hätten und also ab ovo gut identifizierbarer Teil eines allgemeinen Veruntreuungszusammenhangs gewesen wären. Im Gegenteil, die Erzeugnisse der NFS waren erfolgreich, weil sie gut waren. Und dass mit dem Erfolg, mit der Allgemeinwerdung, die Subversivität schwindet, ist unvermeidbar. Von „subversiv“ zu „konservativ“ braucht es (fast) nur einen Präfixwechsel. Oder anders gesagt: der Feind liest immer mit. Das verwirrende Erlebnis, das Diederich Diederichsen angesichts von Rostock-Lichtenhagen 1992 hatte, als die vom Wir-sind-das-Volk-Volk bestaunten Ausschreitungen mit just der Musik unterlegt waren, die ihm selbst Garant für linke Pop-Visionen gewesen waren, müsste mal in eine Art Zwillings-Theorie gebracht werden, die die vergleichbaren Vorher-nachher-Verstörungen für das Thema „Linkssatire“ fruchtbar macht.

Doch bevor ich das vielleicht mal in Angriff nehme, zurück zum Dummdeutsch, wo im Ansatz bereits mehr auf persönliche Zurechnung, auf individuelle Dummheit abgezielt wurde. Wobei man als Von-Links-Goutierer immer auch das jeweilige „Bildungsdesaster“ mitgelesen haben mag, denn die Vorführung einer rein IQ-bedingten „Törichtness“ wäre eben gerade nicht links, und führt, hier leider nur abschweifungshalber, zu einem an sich gravierenderen Thema: dass sich nämlich, nach dem viel besprochenen Buch von Didier Eribon zumal, die linksliberale Elite nicht nur vom klassischen Arbeiter abgewendet hat, sondern auch mehr mit der eigenen Überhebung beschäftigt war als damit, dass es konkrete Armut, einen konkreten Verlust von Würde gibt - man könnte auch sagen: ein Bedürfnis nach, ja, sozialer Gerechtigkeit, d.h. einem links-solidarisch-einenden Kampf dafür, der gerade nicht vorm Gatter der Sprach-Ästhetik Halt macht. Eine weitergehende Kappung mit der noch irgendwie linken Anbindung von Sprachkritik entstand, als 1991 damit begonnen wurde, Unwörter des Jahres zu wählen. Zwar wurden auch hier noch Sprachverstöße als Humanismusverstöße geahndet, und vielleicht fiele es einem wiederum leichter, über derartige Veranstaltungen gleich das Titanic-Original zu kritisieren, allerdings spricht dagegen m.E., dass die Zeiten noch rauer – und eben nicht nur sprachrauer geworden waren (was sich, hübsches Detail, auch am zwischenzeitlich entsorgten End-h von „rau(h)“ zeigt; ich mochte es), sodass linkskritische Einordversuche deutlich aufwendiger herzustellen waren und sich die Juroren noch stärker darauf verlassen mussten, dass die jeweils gewählten Unwörter in ihrer Schrecklichkeit unmittelbar einleuchteten. Endgültig um No-go-Sprache und nix sonst geht es dann bei Benjamin von Stuckrad-Barre, dessen zweifelsohne nett zu lesenden und lachenmachenden, einem stilistisch irgendwie NFS-Nachfolge-haft vorkommenden Essays sich schließlich komplett auf die Worthülsenhölle kaprizieren. Allerdings sind die Hölle bei ihm immer die Anderen.

Und genau hier liegt der Unterschied: der zwischen sinnvollen individuellen Sprach- und Sprechskrupeln – und einer wehrhaften, mitreißend sein müssenden : Politiksprache.

Wenn also gelästert wird, dem ollen Schulz falle auch nichts Sozialdemokratischeres ein als die totgelutschte Kamelle von der sozialen Gerechtigkeit aufs Tableau zu spucken; wenn Alexander Grau über das „goldene Kalb des Wohlfahrtstaates“ sinniert und sich über die Vagheit von „soziale Gerechtigkeit“ mokiert; wenn wieder das Gedicht von der „Gerechtigkeitslyrik“ rezitiert wird; wenn die Konservative einfordert, sich aufgedunsene Begriffe und Redewendungen doch bitte in Gänze zu verkneifen, dann ist dies, bei aller wie gesagt auch linken Vorarbeit, die diese Wortaufschwemmung ja mitbegünstigt hat, mit Vorsicht zu genießen. Denn übers Wortverbot ist man schnell beim Denkverbot. Und genau da sollte die Linke ausscheren und sich ein Gespür dafür bewahren, dass unter No-go-Wörtern nicht nur die Sprachnot eines Wortungewandten steckt, sondern dass die wahren Probleme erst jenseits dessen beginnen, was sich sagen (oder verbieten) lässt. Und diese Probleme müssen dann eben umso dringender zur Sprache gebracht werden.

Wenn alle Begriffe durch „heterogene“ und z.T. gegensätzliche Inanspruchnahme aus dem Leim gehen, verklumpen und im Prinzip unbrauchbar werden, dann kann es sich linke Politik nicht leisten, dies einfach nur zu bedauern und einen ewigen semantischen Ramadan zu begehen, sondern sie muss die in Ungnade gefallenen Wörter profilieren, „neu justieren“, wiederentdecken; mit ureigenem Sinn anfüllen.

Ob Martin Schulz dafür der richtige Mann ist, bleibt mal dahingestellt, aber dass das Bedürfnis für eine „SPD’ig profilierte“ Definition da ist, scheint mir unbestreitbar.

PS.

Aber was wäre nun eine soziale Gerechtigkeit à la SPD? Dass mir dazu nichts einfällt, muss nicht nur kein Nachteil sein; „einer für alle“ ist sowieso kein gutes Visionfindungsprinzip für eine Partei. Und deshalb wäre vielleicht eine Mitgliederbefragung eine Idee; eine basisdemokratische Agenda 2017, bei der jeder seine zwei wichtigsten Kernpunkte notiert. Ich bin kein SPD-Mitglied und äußere mich insofern ungefragt: Aber eine Überdenkung von mindestens mal Hartz I-III wäre ja mal kein schlechter Anfang.

10:27 08.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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