Eine superbe Hyperbel

Jan Böhmermann Wie dem ewigen Hase-und-Igel-Spiel zwischen pseudo-eskapistischer Systemness und Schnippchen-Schlä/agern entkommen? – Indem man aus Shit einen Hit macht: Rainer Wendt
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Eine superbe Hyperbel
Mit "Rainer Wendt" ist Jan Böhmermann musikalisch aufs ganze gegangen und unterscheidet sich damit vom manchmal etwas langweiligen Krittelhumor
Foto: Sean Gallup/AFP/Getty Images

Fahr ab, Rainer:

Als Stefan Raab zum gefühlten 87. Mal den Dadaismus erfand, und als Guildo uns alle lieb hatte, was sogar die Erfindung des ironischen Essens (von Nussecken) nach sich zog, da gelang es mir, meinen Würgereflex folgendermaßen ins Schriftdeutsch zu übersetzen: Die Deutschen mal wieder! Jetzt haben sie auch noch den Humor entdeckt. Denn mir schwante: Schlimmer als das Klischee vom „humorlosen Deutschen“ ist der humorbehaftete autochtone Mitmensch, der, um weiter im Klischee zu wühlen, mit deutscher Gründlichkeit die Witzigkeit für sich entdeckt – und für den Rest der Menschheit mit besten Genesungswünschen gleich mal mit. Nun, ich griff zu kurz, auch wenn sich mit diesem schmalen Parameter nicht nur viele Spielarten des seriellen (eben gründlich durchdeklinierenden, Fun-Fun-Freitag-füllenden, wer weiß längst arithmetisierten; jedenfalls durch Überraschungsarmut bestechenden) Humors erklären ließen, sondern auch die Ironiewelle, die durchs Land schwappte: quietschfidele Dancefloordamen, die mit lustiger Miene waagerechte Striche vor die Stirn fingerflimmerten und sich seit dem Ententanz nicht mehr so über ihren Doppelsinnigkeitssinn gefreut hatten: Stefan Raab und Guildo Horn, die Standartabweichungsirren, hatten mal wieder zugeschlagen und den ESC aufgemischt.

Allerdings ist es mit dem Alleinstellungsmerkmal „deutsche Gründlichkeit“ in Zeiten der Globalwerdung von Effizienz und Optimierung etwas schwierig geworden, wenigstens für diesen Kollateralnutzen kann man dem Neoliberalismus ja mal dankbar sein. Vermutlich war einfach nur wieder mal mein anti-nationaler Reflex mit mir durchgegangen – eine typisch deutsche Angewohnheit indes ja.

Musik und Humor

Also lass ich das mit der Deutschness jetzt mal und komme auf mich. Das Nichtbegreifen von Musikhumor hat bei mir seit Kindertagen Tradition. Meine Klavierlehrerin erzählte mir die seitdem öfter gehörte Geschichte, wonach Joseph Haydn seine 94. Symphonie durch den Einbau eines Paukenschlags aufgepeppt habe, um sein gerne mal wegnickendes Publikum aufzuwecken. Ob es dann nicht besser gewesen wäre, statt seiner Kinderliedsymphonien einfach mal was Interessanteres zu komponieren, fragte ich gegen; zur Strafe gab‘s Taktell. In den Folgejahren wurde es nicht besser: alle Jahre wieder, von J. v. d. Lippe bis „Die Doofen“, mit Gitarre bewaffnete Spaßvögel, die den Morgen begrüßen, oder stinken, weil sie miefen, ich begreif’s nicht. Diese meine synästhetische Impotenz ist umso bedauerlicher, als ich mit beiden Komponenten – Musik und Humor – für sich genommen gut auszukommen glaube. Aber, etwas andere Baustelle, warum muss das Publikum bei musikalischen Einlagen in einer Harald-Schmidt-Show mitklatschen, als wäre es bei Carmen Nebel?

Jan Böhmermann: „Rainer Wendt“

Und jetzt klatsche ich selbst. Nicht mit, immerhin, aber Beifall. Nur warum? Erster Verdacht: Übererfüllung. Da wurde nicht nur nach allen Regeln der Kunst(vermeidung) ein schmissiges Liedchen zusammengequastelt, das man nicht wieder los wird, sondern zugleich durch gutgetimte Sabotageelemente und gezielten Toomuchismus schöpferisch zerstört (Schumpeter). Aber stimmt das auch?

Auf den 1. Hör handelt es sich ein banales Ohrwürmchen, das eher einem Guido Cantz angestanden hätte. Und weil Schlager-Pop ja das Genre des 1. Hörs sui generis ist, könnte die Analyse hier enden. Dass sich Schlager-Pop musikalisch im Rahmen seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ bewegt, oder sich, musiktheoretisch beschrieben, im streng diatonischen Korsett am wohlsten fühlt und seine Mitstampfkraft da am unverkrampftesten entfaltet, wo sich die Tonartenwechsel zwischen Tonika und den Dominanten erschöpfen, ist klar. Dass die Melodie dabei über einen verminderten Akkord eine Oktave hochstapft, um sich von dort aus besonders schmissig auf den Grundton runterfallen zu lassen, weil „cadere“ eben „fallen“ heißt und diese Form der tonalen Rückführung darum Kadenz - geschenkt.

Das sind nun so Detailbeschreibungen, die im Schlagerpopbusiness schon deshalb nichts erbringen, weil sie sich auf 99% des Dargebotenen anwenden lassen. Daran ändern auch die konzise „danebenen“ Blechbläser (ca. 2:10) nichts. Denn seit Adornos Schelte für Prokofjews Substitutionsnoten weiß man, dass die das Gemeinte eben nicht aufheben, sondern in ihrer Danebenheit stramm aufs „Richtige“ verweisen. Im Prinzip also nur Code für die Noten sind, die sie „verfehlen“. Der Knappvorbei-Tritonus ist für den ungestörten Melodieverlauf das, was „gibt sich Mühe“ fürs Arbeitszeugnis ist: man weiß, was gemeint ist. Der Mensch, so lässt es sich mit dem Gestaltpsychologen David Katz erklären, ist ein Zurechthörer, was am „inneren Gestaltdruck“ liegt, der uns auch einen 89°-Winkel als rechten „sehen“ lässt.

Eine musikimmanente Analyse, wer hätte das gedacht, hilft also nicht weiter. Übererfüllung sowie gezielte Regelverstöße? – Fehlanzeige. Das Liedchen ist handwerklich genau und dabei durchaus „mit Liebe“ gemacht und lässt insofern allerdings auch den Dom in Kölle.

Ähnlich varianzbereichverharrend die unsauberen Reime: zwergenhaft/Polizeigewerkschaft, bei Plasberg/ja, da saß er, für Flüchtlinge keine Gnade/nun traf’s ihn selber, schade. Sicher, Polizeigewerkschaft lyrikabel zu machen, ist schon verdienstvoll. Ungewöhnlich auch, wie eine Fülle an Informationen einfach und wie überhastet runtergerasselt und ins melodische Raster gezwängt wird. Ein Sonderlob zudem für den Ins-Wort-fall-Einfall, mal kurz raus aus dem Lied auszusteigen und in Anbetracht des eingeblendeten Facebookprofils die Krise zu kriegen, bevor dann – nach einer angemessen professionellen Verzögerung - noch ein letztes Mal der Refrain angestimmt wird.

Liegt es vielleicht an der Optik? Das Video: Schneidig auf der Stelle marschierende Polizisten, it’s a man‘s world, natürlich. Mögen Frauen auch in die Männerdomäne Polizei eindringen, beim (Blech-)Blasen sind wir unter uns. Die Frauen sollten es verschmerzen, zumal sie entschädigt werden durch das, was sich zur Abrundung des Blick- und Assoziationsfeldes „Polizisten“ vorne abspielt: wo, deutlich hüpfiger, zwei wie frisch aus der Torte geschälte Jungs ihre muskulösen Verrenkungen performen. Allerdings - Polizeichorgeist plus Jungesellinnenabschied, das sprengt immer noch nicht den Rahmen.

Wo genau also liegt nun das Surplus, das Übererfüllende, das für mich normalerweise den Unterschied zur Satireroutine ausmacht? Daran, dass in allen kurz angerissenen Bereichen „ein Stückweit“ übers Ziel hinausgeschossen wurde, und man muss es dann bloß addieren? An Böhmermanns Fähigkeit, sich vom eigenen Stuss wegtragen zu lassen? Er wurde sogar als guter Sänger gehandelt. Ich fürchte allerdings, da ist die Tontreffsicherheit vor. Anders als ein gewisser Max Giesinger singt Jan Böhmermann wie jemand, der seine Sachen selbst schreibt (denn ein anderer würde dies für jemanden mit so einer Stimme wohl nicht tun), was dann vermutlich der Preis für unverlogene Authentizität ist. Aber als Performer, der seine Defizite kennt und zu zelebrieren weiß – 1 a. Das Lachenmüssen mittendrin inklusive.

Melodie für Millionen

Mein Verdacht: es liegt daran, dass zielbewusst auf Hit gespielt wurde. Daran, dass ein (keineswegs von Zoo-Affen dahingewürfelter, sondern gut ausgetüftelter) Ohrwurm produziert wurde. Das Übererfüllende besteht darin, dass nicht nur, schön versteckt kurz vor Mitternacht, ein Kleinkunstwerk zum kritischen Mitschunkeln serviert wird, sondern darin, dass Böhmermann hier musikalisch aufs Ganze geht: Ein Liedchen, das durch Deutschland klingt, weil jeder dieses Liedchen singt. Das unterscheidet „Rainer Wendt“ vom manchmal etwas langweiligen Krittelhumor à la Anstalt. Ja, sie nerven, die Moraleinforderer, die dann selber … und die davon öffentlich-rechtlich Genervten nerven halt leider auch. Stattdessen: Die niederträchtige Nichtigkeit hat einen Namen. Und der lautet „Rainer Wendt“ und ist sowas von mitsingbar.

Und nun muss ich wieder runterfahren: Ist diese Denunzierung eines Einzelverfehlers nicht doch etwas symbolpolitikhaft? Und wo bleibt der auf Eingängigkeit abzielende Smash-Hit zu Wolfgang Schäuble („die Griechen tut er knechten, doch den Spendenskandal will er nicht entflechten…“)?

Leider ist nicht ausgeschlossen, dass Böhmermann auf den Geschmack gekommen ist und uns tatsächlich der turnusmäßige Hit à la „Liebling des Monats“ ins Haus steht. Da käme dann allerdings die Systemrelevanzwerdung ins Gehege mit der „Freiheit des Humors“. Wenn jedes Vergehen im Takt musikalisch abgearbeitet werden muss, dann ist das erste Opfer solcher Serientaten das Überraschungsmoment. Daher: Rainer Wendt muss einzigartig bleiben (geht übrigens auch gut ohne Anführungszeichen). Wenn Blödelei zur Auftragskunst verkommt, wird’s schnell ermüdend.

12:12 06.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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