Neues aus Billerbü

Maxim Biller Nachtrag zum Nachschlag: Wie Maxim Biller der gegenwärtigen Schriftstellergeneration vorschreibt, worüber sie schreiben soll und wie ihre Strangeness zu sein hat.
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23 Jahre ist es nun her, dass Botho Strauß die Dialektik für over erklärte. Zur etwa gleichen Zeit wurde die Paradoxie zur Orthodoxie unserer Zeit ausgerufen. Hat nichts miteinander zu tun? Mag sein. Die einen sagen so, die anderen erkennen einen Trend. Den zu einer „effizienteren Widerspruchsverwaltung“. Zu einer Art Turbodialektik. Die einen reflexhaft bei jedem Gedanken sein Gegenstück gleich mitbedenken lässt; die Anderssein unverzögert als moderne Form des Konformismus und Exzentrik ohne größeren Selbsterläuterungsaufwand als zeitgemäßen Modus der Anpassung auffasst. Und nicht zuletzt (sondern vielmehr: sofort) wird Ausgeflipptheit automatisch mit Fiesta-Fahren assoziiert, weil die betreffende Werbung es einem ins brain gestormt hat.

Entstanden ist demnach eine Art Ad-hoc-Antinomismus, der seinen finalen Drift (und seine Hassliebe?) zum Oxymoron, dem Schwarzschimmel unter den Paradoxien, nicht verleugnen kann. Das Oxymoron ist gewissermaßen der Lionel Messi unter den Paradoxien, Bierdeckeldialektik. Was eine schöne Rücküberleitung zum prekären Beruf des Schriftstellers ermöglicht, der seine Steuererklärung bestimmt auf einen solchen bekäme (auch wenn der unprekäre Botho Strauß hier ein schlechtes Beispiel ist; sein gut performtes Retraite in der Uckermark mutet ja eher dichterfürstlich an).

Besonders paradoxieerprobt ist seit jeher die Literaturkritik, die es sich stets schuldig war, nicht einfach „gut“ oder „schlecht“ zu finden (auch nicht zu befinden), sondern es müssen gute Schriftsteller schon In-die-Suppe-Spucker sein, Unruhestifter, Anecker, Unbelehrbare, Verstörer und Levitenleser. Mag sein, dass sich das Feuilleton zeitweise wie von selbst geschrieben hat und deshalb von Zeit zu Zeit sprachaufrüsten musste; und „metaphysische Brandbeschleuniger“ einzufordern bzw. zu finden genötigt war. Der auf Paul-Breitner-Niveau heruntergeseichte „Querdenker“ dagegen wurde irgendwann vom Dichterolymp in die Niederungen des Rasenballsports verwiesen.


Und damit zu Maxim Billers Schelte über den Zweitling von Sasa Stanisic, der nämlich (und siehe da, mit Botho Strauß rücküberleiten geht ja doch:) in der Uckermark angesiedelt ist. Und zur Frage: Haben Migrationsliteraten nichts, womit sie elaborierter fremdeln könnten als mit einem Landstrich, für den dereinst einmal das schöne Wort „Gegend“ erfunden wurde?

22 Jahre ist es nun her, dass Maxim Biller rundumschlug und der seinerzeitigen Gegenwartsliteratur ein mieses Zeugnis ausstellte, bei welcher Gelegenheit er, unter Vermeidung der gängigen Paradoxie-Klischees, gleichwohl von einem Wort nicht lassen wollte: „Ruhestörer“. Die fehlten ihm.

Die deutsche Literatur erschien ihm blass und kraftlos. Lektorenonanismus, vom Feuilleton bejubelt und vom Leser gemieden. Das Leben der meisten Schriftsteller sei nicht mehr von existentiellen Nöten geprägt. Entsprechend blutleer seien die darum belanglosen Erzeugnisse. „Schlappschwanzliteratur“ sei das, konstatierte Biller und war mutig genug, bei der Veranstaltung, die vielen das Mekka der Saftlosigkeit war, als Juror anzutreten und sich bei der Gelegenheit von Angela Praesent Nebensatzrüffel wie „etwas, das vielleicht auch Maxim Biller versteht“ einzuhandeln – was für Nachgeborene sehr schön in dem Büchlein „Klagenfurter Texte“ aus dem Jahr 1993 nachzulesen ist. Das WortPreiserwartungsprosa“ erlebte seine Geburt; und von „Germanisten, die aus Scheiße Gold machen“ war die provokant-freche Rede. Gemeint war Prosa, die auf ihre Deutung zwingend angelegt, ja geradezu auf sie zugeschrieben zu sein scheint. Je unverständlicher, desto Bachmannpreis. Geschichten, die sich von selbst verstehen (oder lediglich mit selbst erlebtem Leben in Beziehung gebracht werden müssen) und nicht der Erklärung eines Fachmanns bedürfen, bleiben ungekrönt. (Und wenn Thomas Kapielski sich schon permanent selbst erläutert und bewertet das Jurorenjurieren dadurch überflüssig macht, dann kann er sich ja auch selbst einen Preis geben – was er auf seine Art irgendwie auch getan hat. Herzlichen Glückwunsch nachträglich!)

Die Klagenfurtveranstaltung war in jenen Zeiten sicherlich noch weit davon entfernt, von „ihrem Humordefizit“ (Klaus Nüchtern) erlöst zu sein; die Streits, die gerade auch zwischen den Juroren gefochten wurden (was oft genug zur Vernebensächlichung der Lesenden führte), waren grundsätzlicher; das Klima durchaus aufmischenswert.

Immerhin war das, was damals noch einigermaßen unwidersprochen als „Avantgarde“ praesentiert wurde, noch nicht das, was Biller nun, 25 Jahre später, nicht ohne Gefühl fürs temps perdu, als „Retro-Avantgarde“ bezeichnet, deren „Sprachexperimente das Feuilleton verstopfen“.

Für Biller gab es seinen konkreten Mangelgrund: „Die Abwesenheit der jüdischen Ruhestörer“. Sie tue „unserer Literatur nicht gut“. Es fehle die „sehr jüdische Art, scharf zu denken“. Entstanden sei eine Literatur der „Nazienkel“, denen es an einem kosmopolitischen Leben gebreche und an der Fähigkeit, „präzise zu fühlen“. (Präzises Fühlen?, muss ich dann doch mal dazwischenmurren; oder geht es nicht doch eher um die präzise sprachliche Erfassung von Gefühlen, die davon abgesehen so ungestüm und widersinnig; so unordentlich (Precht) und antikonzise sein dürfen, wie sie halt sind? - Egal. Mutig war es jedenfalls wie gesagt, seine Thesen zur Literaturerneuerung nicht nur in Tutzing unter mehr oder weniger Gleichgesinnten zu präsentieren, sondern die in Routineaufgeregtheiten erstarrte Ruhe in Klagenfurt zu stören.)

Kontinuität im Wandel

Eine Anknüpfung an 25 Jahre alte Statements stelle ich mir grundsätzlich schwierig vor. „Kontinuität im Wandel“, lautet hier zwar der oxymoreske Sprachregelungsvorschlag, aber was hilft das schon. Wie schafft man es, sich treu und zugleich gegenwartszugeneigt zu bleiben? Einerseits leicht: Den Nazienkeln folgten die Naziurenkel, und alles blieb laff. Und das, obwohl sich „die Welt so schnell wie nie zuvor“ änderte – und der Anteil der Migrationshintergründler an dem, was veröffentlicht wird, stetig stieg, was zunächst einmal ja zu Hoffnungen berechtigt. Doch genau hier setzt die umsichtig transponierte, den alten Befund auf zeitgenössischen Stand bringende Kritik ein: Statt dass sie ihre Entfremdung schildern (ihr Leben zwischen den Kulturen, den Anpassungs- sowie Selbstverleugnungsdruck) – entsteht nichts als brave (diesmal: Chamisso-) Preiserwartungsprosa. Stanisic, mit dem sein neuerlicher Rundumschlag anhebt, unterstellt er, er habe die Negativkritiken an seinem zweifellos im Wesentlichen freundlich besprochenen Erstling - er sei bei „aller Qualität zu verspielt und orientalisch“ – allzu sehr zu Herzen genommen und siedle daher seinen Zweitling vorsichtshalber in der Uckermark an.

Nun lässt sich diese Form der Kritik leicht mit dem Hinweis abschmettern, jeder dürfe gefälligst über das schreiben, was ihm wichtig sein und gerade in der Kultur solle erst recht gelten, was sonst nach Möglichkeit auch zu gelten habe: niemand dürfe auf seine Herkunft verpflichtet werden.

Und symptomatisch für Billers doch allzu sehr mit Routineparadoxien behaftete Thesen kann man dann die abermalige Verwendung des mittlerweile sehr abgenudelten Lobhudelklassikers „Ruhestörer“ finden.

Wörter erscheinen immer dann „abgegriffen“, wenn sie von vielen aufgegriffen wurden. Und dann bleibt manchmal nichts von der einstigen ehrwürdigen Stoßrichtung übrig – der Ford-Fiesta-Effekt. Und vor allem ändern sich die Dinge manchmal. Die papierne, leblose, in unendlicher Selbstbequasselung ihrer Unmöglichkeiten verhaftete und gefangene „Suhrkamp-Literatur“, wie sie zumindest als fruchtbares Feindbildklischee recht gute Dienste geleistet hat; die sog. Literatur-Literatur, ist, trotz gewisser Reminiszenzen, längst nicht mehr einzig-wahr. Deshalb musste ein neues Feindbild her – Angela Merkel bzw. der nach ihr benannte Merkelismus (Tutzing-anbindungshalber hier als „postnazische Harmoniesüchtigkeit“ bezeichnet). Nicht mehr die Erstürmung eines Elfenbeinturms wird also gefordert, der hat bereits offene Tür, sondern Ziel seiner Attacke ist die dahinschimmelnde deutsche Lethargie - irgendwo im Bermudadreieck von „Alternativlosigkeit“, Resignation und „uns geht’s ja noch gut“. Wer möchte da nicht stören? Allerdings hat der Schwenk von dem, was seinerzeit eine zumindest erfrischende und vielleicht notwendige Richtungsänderung im Literaturbetrieb war, zum politischen Klima seinen Preis.

Seine erste, komplett literaturinterne Kritik zielte sicherlich auch auf ein Bordercrossing; die welthaltigere Literatur, die er einforderte, gab es bereits, sie scharrte an der Tür zum offiziellen Literaturbetrieb (zumindest hätte sie das nach der Ansicht ihrer Förderer tun sollen) und sein Ansinnen zielte auf Vereinigung und Inklusion und war als Aufhebung der Zweiklassenliteratur gedacht. Die „Suhrkampkultur“ war zu dieser Zeit noch klar Monopolist, der in der Goethestadt ansässige Verlag von Adorno und Walter Benjamin, bei dem Debatten nicht unter Paradigmenwechselniveau zu haben waren, waren das A und O einer in der Tat schlecht gelüfteten, Öffnung vertragen könnenden Kulturszenerie.

Das ist nicht mehr so. Der Suhrkampverlag ist einer von vielen, zudem plagen ihn ganz andere Formen von Ruhestörung. Die Grenzen zwischen bloßer Unterhaltungs- und Hochkultur sind zwar nicht verschwunden, aber die Kriterien dafür individueller; Auslegungssache geworden. Dem großen, gesamten Umsturzwollen fehlt es am literaturinnerbetrieblichen Feind.

Und somit auch an Positivkriterien für die Art von Bücher, die es leisten sollen, und es bleibt, anders als beim Frontalangriff von vor 22 Jahren, nur die magere Mahnung, dass sich Migranten ihrer eigenen Wurzeln (und daraus hervorgehend: ihrer übersiedlungsbedingten Entwurzelung) besinnen sollen. Und das daraus hervorgehende Entfremdungsempfinden soll sich dann bitte nach dem Herkunftsland-Aufenthaltsland-Schema abspielen (und zwar gefühlspräzise).

Dabei kann eine literarische Karriere auch darin bestehen, genau dies anfänglich zu tun – oder zu lassen; je nach dem, wonach einem ist – und dann zu anderen Themen überzugehen.

Als Beispiel zu nennen: Tereza Mora, die gewissermaßen in Biller-braver Verstörtheit zu Oeuvre-Beginn vom ungarischen Dorf erzählt: VomAufbruch, vom Abschied, der auch zugleich der Abschied aus der Welt der Kindheit ist, von den grünen Wiesen, der liebevoll-heimatlichen, zugleich kalten, harten Welt der Dorfmänner. –Bevor sie in „Der letzte Mann auf dem Kontinent“ in das Innenleben eines übrigens keineswegs unentfremdeten Herkunftsdeutschen eintaucht.

Rasende Veränderungen sind nämlich auch „uns“ Herkunftsdeutschen und Naziururenkeln nicht erspart geblieben. Das Leben „im eigenen Land“ ist „uns“ vielleicht genau so wenig vertraut wie einer Ungarin, die vom Kommunismus in den Spätkapitalismus rübergemacht hat. Ein in Herford geborener, heute 60jähriger erkennt vermutlich auch nicht das Leben wieder, auf das er sich 40 Jahre zuvor zu präparieren geglaubt hat. Eine generelle, gewissermaßen fremde Fremdheit, emotionale Enteignungen, das Gefühl einer universalen Überrumpelung, einer merkwürdigen Form von irgendwie schiefgelaufener Wunscherfüllung auch (das, was Jean Baudrillard in gewohnt prägnanter Schluderigkeit als „Hyerrealisierung“ bezeichnet hat), neue Überforderungen, aber auch neue Möglichkeiten; der ganze überbordende Klumpatsch also, mit dem sich der Mensch des 21. Jahrhunderts zu befassen hat, sind kein Privileg von Migranten mehr und die Anpassungsleistung nach der Umsiedelung von Jugoslawien oder Ungarn nach Deutschland ist vielleicht kaum größer als die, die ein Bewohner der „Bonner Republik“ zum globalen totum simul (schon wieder Strauß) zu leisten hat. Das, was man mit Francesco Masci auch „Assimilation der Gesellschaft an die absolute Kultur“ nennen könnte, betrifft „uns alle“. Entfremdung ist nicht mehr an Ortswechsel gebunden.

Und Literatur ist traditionell ein guter Ort für eine möglichst präzise Erfassung dieses in globalen und globalistischen Zeiten besonders unordentlichen und vielfältig gespeisten Gefühls.




12:28 01.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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