Scheitern ist fraktale Ideologie (1/3)

Fjodor M. Dostojewski Wie ich meine 1. literarische Liebe ein wenig aus den Augen verlor und wiederfand. Ein Plädoyer für mehr Dostojewskisatorik!
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Ich kann mich nicht an viele Momente erinnern, in denen ich meiner Zeit voraus war, und gerade weil es so wenige sind, wahrscheinlich an alle. Dostojewski war so ein Fall. Ich las ihn mit 14. Aus Zufall. Und leider nicht, weil mir meine Eltern es nahegelegt hatten. Mein Vater ging tagsüber arbeiten und baute abends am Haus, war also praktisch nie da, meine Mutter führte das Leben einer depressive housewife und las jeden Donnerstag „Tina“, und dass keiner meiner Lehrer jemals eine entsprechende Empfehlung an mich gerichtet hätte - j’accuse, insbesondere Herrn B., der seiner Auffassung nach „Deutsch“ unterrichtete und daher nur deutsche Literatur. Ausländische Literatur sei der Erforschung der deutschen Seele nicht dienlich, dozierte er drahtig (und eigentlich ja 40 Jahre zu spät); könne man mal lesen, aber bitte nicht zu oft. Oder wie es Bodo von Loßberg im Nachwort zu den Brüdern Karamasow schreibt: „Dostojewski und seine Welt sollen und dürfen für uns Deutsche nur ein Durchgang und ein Übergang sein, ein Übergang in jene lichtenden Gegenden…“, und so weiter und so Goethe war gut, Mann der konnte reimen.

Das Buch, das ich mir in die Hand hatte drücken lassen, hieß „Der Idiot“. Es ging über 800 Seiten, und die las ich praktisch in einem durch. 800 Seiten, das war natürlich ein ganz schönes Brett, wie man so sagt, aber in dem Punkt halte ich es mit dem ruhmreichen RR: wenn es gut ist, kann es gar nicht lang genug sein, wenn es mir nicht gefällt, hör ich eh vorher auf. Weil es mir gefiel, war es nicht lang genug, und es musste weitergehen. Ich fand heraus, dass es 5 große, späte Werke gab, und also musste als nächstes „Schuld und Sühne“ her. Ich fragte meinen Vater, der mich im Zuge des Hausbaus immer wieder mal in Baumärkte schickte, um Schrauben und anderes Kleinzeug zu holen, scheinheilig, ob er etwas brauche, er bejahte, gab mir 10 Mark für ich weiß nicht mehr was, und ich machte mich ans Zweckentfremden. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lesen wir: Schuld und Sühne, das war aber mal genau der passende Titel für mein Vergehen, sowie für die Kasteiungsform, die mir in etwa vorschwebte; irgendwie ältlich, mehr metaphysisch vernebelnd als hinternversohlen-real. So gesehen gut, dass der Trend zur „flurbereinigten“ Dostojewski-Übersetzung in meiner Kindheit noch nicht so ausgeprägt war; dass sein Universum noch von „Mütterchens“ und „Täubchens“ bevölkert wurde, und vor allem eben: dass ich nicht „Verbrechen und Strafe“ gelesen hatte. Letztere bekam ich natürlich trotzdem, ich hatte Geld veruntreut, klar, ich musste also zwei Tage lang im Zimmer bleiben, wo ich - Strafen ist eine hohe Kunst, die nicht jeder beherrscht; face it, Vater - „Schuld und Sühne“ las und mir ein paar hausarrestwerte Szenarien zur Beschaffung von „Die Brüder Karamasow“ ausdachte.

Nur bedingt frühreif war, dass ich ihn nicht wegen der schweren, philosophischen Themen mochte (die waren aber vielleicht auch sehr 19. Jahrhundert; dass es Leute gab, die so verzweifelt und nervenbündelig um ihren Glauben ringen, konnte ich mir in meiner protestantisch anmoderierten Kindheit einfach nicht vorstellen). Den Vorwegerfinder der Psychoanalyse hatte ich auch nicht auf dem Radar, wenngleich sich gegen Adornos Einwand, das Lob der Psychologie bei Dostojewski sei verfehlt und von Freud längst eingeholt, gut einwenden lässt, dass er, da er sozusagen nach Bedarf psychologierte (um der psychologischen action willen) gewisse Fehler des großen Psychoanalytikers nicht machte und vor allem seine Starrheiten, sein eher mechanisches Denkmodell unterlief. Indem er sein Personal nie zu Ende erklärte, sondern sich lieber selbst therapieren und vor allem endlos befaseln und ihr Leid klagen ließ, war er vielleicht sogar mehr Lacan als Freud, und so gesehen eher übersprungsvorgreifend als überholt: „Unruhe ist da, wo es hapert“, und da es bei seinen Protagonisten quasi unentwegt und an allem hapert, servierte er uns Unruhe vom Allerinfinitesten.

Gegen eine vorgreifidentische psychoanalytische Ausleuchtung seiner Figuren spricht m.E. auch, dass Allwissenheit ihm eher lästig war und dass er den Stil des Auf-Vermutungen-angewiesen-Seins sowie, dadurch mitermöglicht, die Kunst der Geschwätzigkeit bei weitem bevorzugte. Weswegen er gerne einen marginal mitspielenden, aber eben nicht gänzlich „handlungsentlasteten“ Ich-Erzähler in seine Romane einschleust. Zumeist verschüchterte, gern unglücklich verliebte Randsteher, keine souveränen Checker. Und weil sie zu sehr mit sich selbst und ihren eigenen Verhinderungen und Hemmungen beschäftigt sind, sind sie – fast müsste man das ja als modern bezeichnen – entsprechend unzuverlässig. Spekulationen und Gerüchte sind ihnen „notgedrungen“ hauptsächlicher Wissensquell. Zum Glück, denn es ist gerade dieses „ungeschickte“, hochverschwafelte, zu keinem Potte kommende – mit Eckhard Henscheid auch als „planvoll planlos“ zu bezeichnende - Erzählen, dass neben den Skandalschilderungen so, ich lasse mich kurz gehen: fetzt. In „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner“ stolpert der Erzähler buchstäblich in die Haupthandlung und steht sich damit praktisch für alles Weitere selbst vor der Linse, da die Dinge, die er beobachtet, auch Reflex auf diesen seinen Einstand und den ungünstigen ersten Eindruck sein könnten, den er damit hervorgerufen hat. Dass die Figuren, auf deren Mitteilungen und Nachreichungen er somit angewiesen ist, ihrerseits unglaubwürdig und mit ihren eigenen kleinen Lügen und Intrigen beschäftigt sind, macht es dem Leser manchmal schwer, genau zu entknäueln, welche Hysterie nun eigentlich welche nach sich zieht und ob auch wirklich jeder Ohnmachtsanfall plausibel motiviert ist oder reine Riechsalzverschwendung, aber dem einmal eingegroovten Leser ist das eigentlich egal.

Dostojewski, der Eventmanager

Der Schlusspunkt meiner fressattackenhaften Turboeinverleibung seines Spätwerks: „Die Dämonen“. Beim „Jüngling“ strich ich dann die Segel. Irgendwann muss man halt auch wieder mal realleben, auch wenn mir dieses nach den saftigen, eklatvollen, hochturbulenten Szenen, denen ich beigewohnt hatte, noch fader vorkam als vermutlich sowieso schon. Ich erkrankte an unheilbarer Russophilie und begann mit 16 russisch zu lernen. (3 Oberstufenjahre lang freiwillig, das entspricht 9 Jahren unfreiwillig, dachte ich in typischer Westzonen-Arroganz und irrte. Das am Rande.)

Dem Leserausch folgte der Kater. Also known as Alltag. Schule, Tina lesende Mutter. Wegen der Rezepte (Rezepte sind ja für Tina-lesende Mütter das, was das Hinterland für Mallorca-Urlauber ist: Frauen, die sich für den Playboy wegen der Ästhetik ausziehen.)

Schon nach kurzer Zeit zermatsche die Erinnerung etwas, ich hatte mir die Bücher vielleicht doch zu überhastet eingeworfen. Gerade nach längeren Büchern, die einen im Zweifelfall ja auch über eine längere Zeit begleiten, sollte man das Gelesene irgendwie ausschwingen lassen; sie durch eine Art nachgestellte Lesekarenz ehren, oder so.

Wer hatte noch mal gleich den alten Karamasow umgebracht? So schnell werden Hauptsachen zu Nebensachen, wenn es vor allem die Nebenkriegsschauplätze sind, die für die Begeisterung sorgen. Wichtiger ist eben doch, wie dieser, vor seinem Ableben, besoffen im Kloster randalierte: Dazu Nathalie Sarraute: „So wie die Nadel eines Galvanometers durch ihren Ausschlag die unbedeutendste Stromveränderung anzeigt, verzeichnen diese bizarren Verrenkungen, diese wirren Stränge und Grimassen äußerst genau, schonungslos und ohne Ziererei jene feinen, kaum wahrnehmbaren und widerspruchsvollen Regungen eines schwachen Zitterns, eines kam hörbaren schüchternen Anrufs, eines scheuen Zurückweichens - Bewegungen leichter, gleitender Schatten, deren unauflösliches Spiel das unsichtbare Raster aller menschlichen Beziehungen, ja, die Substanz unseres Lebens bildet.“ Ja. Der Strukturalismus tötet, was er liebt, aber davon abgesehen: so ist es. Neben den alten Krakeelern und Schaumschlägern auch gerne genommen: Dominante, keifende und schimpfende Frauen in den post-besten Jahren (bevorzugt Generalswitwen), die alles durchschauen, aber immer zur falschen Zeit und am falschen Ort, dazu in der falschen, da rabiaten Tonlage, und deshalb immer: furorverlängernd. Im Prinzip das Gegenstück seiner verschüchterten, ebenfalls verhinderungsverhinderten Ich-Erzähler. Klugheit, darauf kann man sich bei Dostojewski verlassen, dient nicht der Beendigung der Konflikte, Konsens ist unerwünscht, sondern das Prinzip ist vielmehr: Übermaß statt Habermas. Kein Durchschauen, das geeignet wäre, das Getöse aufzuhalten, jeder Eingriffsversuch verschlimmert nur. Die Autopoiese des Wahnsinns nährt sich, einmal entfesselt, aus sich selbst und vor allem aber aus schlichtweg allem - wie gegensteuernd es auch gemeint sein mag. Auch deshalb gleichen viele seiner endlosen Eklat-Kaskaden einem, wie Walter Benjamin es nennt, Kratereinsturz.

Aber nicht nur die Nebenhandlungen wurden mir zur Hauptsache, auch die Nebenfiguren: Lebedjew, der hochintrigante Virtuose der sog. „Selbsterniedrigung“, einer schwer dostojewskisatorischen Gefühlsspezialität, die ich auch nicht begreife; sollte ich mal wieder auf dem Start-up-Trip sein, eröffne ich vielleicht mal eine „Schule der Selbsterniedrigung“. General Iwolgin, der jeden, der ihm über den Weg läuft, schon als Kind gekannt und in den Armen gehalten haben will und dessen schwer gerührte „Erinnerungen“ desto fake-newsiger werden, je länger man ihn gewähren und an seinem eigenen Geschwätz sich selbst betören lässt (was aus Gehässigkeit durchaus geschieht; die jeweils folgenden, bösartig vorgetragenen Entlarvungen sorgen dann ihrerseits wieder für viel Drive). Nicht zu vergessen Ferdytschenko, bei dessen Soirees die „tumultartigen Szenen“ quasi eingebaut sind. Drei meiner Lieblingskrachmacher in einem einzigen Buch. So gesehen sind 800 Seiten wirklich nicht viel.

Und immer sind es die sog. „neuen Ideen“, an denen seine hysterischen Protagonisten sich hochziehen und im Vergleich zu denen sie sich an ihrer eigen Mickerigkeit, nun, man müsste sagen: delektieren; an denen sie ihre Selbsterniedrigung zelebrieren. An denen sie – ebenso vage wie tragisch – scheitern. Übrigens werden diese neuen Ideen, die Dostojewski wie einen running gag übers Gesamtwerk verhängt, auch vom Autor selbst sehr vage gehalten. Nicht zuletzt deshalb steht er ja im Verdacht, die „Wahnfugskomik“ seiner Szenen (schon wieder Eckard Henscheid) greife gelegentlich auch auf den Autor über und lasse diesen die Übersicht verlieren. Ich vermute eher, dass in Wahrheit ein sehr konzises Arbeiten mit der Vagheit am Werk ist, das ihm dabei hilft, die überbordenden, hochexplosiven Gefühlsgemische wohlbedacht aufeinander einkrachen zu lassen. Da es ihm auch nicht wirklich, in einem theoretischen Sinne, um diese Ideen geht (irgendwas, so darf man vermuten, haben sie zu tun mit Demokratie, Brüderlichkeit, dem Bermudadreieck der Aufklärung, und dem sich in Stellung bringenden Sozialismus), sondern darum, wie die sich mit ihnen in eins setzen wollenden Protagonisten zappeligstmöglich Kohärenz in ihr von „Erniedrigung und Beleidigung“ geprägtes Leben bringen. Bzw. dabei eben lauthals scheitern. Um dann natürlich nicht minder lauthals über ihr Scheitern zu schwadronieren.

Und jetzt?

Eine Liebeserklärung wie diese sieht vor, mit der Aktualität des Oeuvres zu schließen. Das ist nicht leicht (bei dieser einwilligen, nie klug gewordenen; nie aus dem Schatten der (vielleicht zu frühen?) Lektüre herausgetretenen Rezeption zumal). Aber eben auch: Die Zeiten sind alles andere als „dostojewskisatorisch“.

Es muss also weiter ausgeholt werden und angedacht sind dafür zwei weitere Teile: Teil II soll sich mit Eckhard Henscheid, dem „deutschen Dostojewski“ befassen. Dem was? Zugegeben, klingt sehr nach „Verdi ist der Wagner Mozarts“ und also so, als hätte sich EH schon mal sicherheitshalber vorab belustigt über den wenn auch wohlmeinenden Rezensenten.

Teil III soll der Frage nachgehen, wie ein „Dostojewski des 21. Jahrhunderts“ beschaffen sein könnte, da die „neuen Ideen“ unserer Zeit nicht dazu angetan sind, die zu ihnen aufzappelnden Menschen zu entzünden. Die wesentliche Idee unter den „neuen Ideen“, mit denen unsereins so bestraft ist, ist ja die, dass es mit den Ideen nun mal gut ist, und dass man : gelassen und unaufgeregt, weil stets komplexitätsbewusst, und eben vor allem: ideenlos zu sein habe (anderenfalls: Arzt). Dass Ideologielosigkeit die neue Ideologie sei, ist wohl wahr, aber Literatur braucht natürlich mehr als nichts als die Wahrheit. Nur was?

14:31 26.03.2017
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Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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